2008 ist Peter Heilker aus München ans Theater St.Gallen gekommen. Was seine «grösste Tat» hier war? «Die Etablierung der St.Galler Festspiele als Raritätenfestival», sagt Heilker. Das Publikum sei den künstlerisch eigenwilligen Weg auf dem Klosterplatz mitgegangen, was die Regiesprache ebenso wie die Stückauswahl betreffe. «95 Prozent Auslastung zum Beispiel bei einem Werk wie Puccinis Edgar: das spricht für sich.»
Von Anfeindungen zum Jubel
Das St.Galler Publikum sei anspruchsvoll und kritisch, es lasse sich dann begeistern, wenn die Qualität stimme – ob bei traditionelleren Inszenierungen oder bei Experimenten. Zwar: «Für zeitgenössische Werke und Ästhetiken ist das Klima, wie der Bayer sagen würde, am Anfang ganz schön zach gewesen»; über die Jahre habe sich das aber verändert, sagt Heilker. Den Wendepunkt brachte in seiner Wahrnehmung Ponchiellis Oper La Gioconda 2014 , eine Rarität, hart inszeniert – aber nach einer «angefeindeten Premiere» zum Publikumserfolg mutiert. 26 Schweizer Erstaufführungen und sechs Uraufführungen standen seit 2008 auf dem Programm.
Peter Heilker (Bild: vienna.at)
Grenzen der Auseinandersetzungsbereitschaft habe man schon auch gespürt. Als sein «Waterloo» nennt Heilker das Musical Avenue Q, 2011 in St.Gallen durchgefallen, weil das Thema hier offensichtlich nicht interessiert habe – «das falsche Stück am falschen Ort». Umgekehrt kamen kompromisslos zeitgenössische Stücke wie Alfons K. Zwickers Der Tod und das Mädchen, Annas Maske von David Philip Hefti oder Written on Skin von George Benjamin sehr gut an.
Das hiesige Publikum sei «sehr kommunikativ», sagt Heilker: Man bekomme sofort Resonanz, ob ein Stück gefällt oder nicht, und dies auch auf der Gasse – St.Gallen sei klein, man kenne sich, Theater und Publikum, das sei eine «long term relationship». Diese wird, was Heilker betrifft, noch zwei Spielzeiten weiterbestehen, zum Schluss dann als «mobile Saison» während der Theaterrenovation.
Unerfülltes? Eigentlich nicht, sagt Heilker. In der eben angekündigten Saison 2019/20 kommt eine weitere Oper des Briten Benjamin auf die Bühne, Lessons in Love and Violence. Und im Folgejahr werde er noch einmal «zwei grosse Wunschprojekte» realisieren können – «dank dem Provisorium».
«Die aufregendste Spielstätte»
Mit Heilker verliere St.Gallen «einen engagierten und profunden Kenner der Musiktheaterszene, der immer wieder Entdeckungen ermöglichte und namhafte Künstler an das Haus holte», schreibt das Theater und gratuliert zugleich zur «ehrenvollen Wahl nach Wien».
Am Theater an der Wien wird Heilker Programm- und Castingdirektor sowie Stellvertreter des designierten Intendanten Stefan Herheim. Das Theater, nominell «nur» die Nummer drei hinter der Staatsoper und der Volksoper, sei aktuell die aufregendste Spielstätte für Musiktheater der Stadt, sagt Heilker. Einerseits ein Haus voller Traditionen, 1801 gegründet und damit ein Jahr älter als das St.Galler Theater, war es Uraufführungsbühne zum Beispiel für den Fidelio, die Fledermaus oder den Bettelstudent. Später spezialisierte es sich auf die leichtere Muse, ab 2006 dann hat es sich auf ein Repertoire an den Rändern spezialisiert, auf Barockoper, Zeitgenössisches, Raritäten – als «Das andere Opernhaus», wie es sich seither auch offiziell bezeichnet.
Die Stelle, die ihn dort erwarte, sei eine, «die man gar nicht ablehnen kann», sagt Heilker; erst recht in Wien, der «Traumstadt für das Theater, wo die Kunst wie kaum irgendwo sonst noch im Alltag verankert ist».
Klöti hat den Findungs-Vorsitz
Für die Nachfolge bildet das Theater eine Findungskommission. Ihr Leiter wird Martin Klöti, Regierungsrat und Vizepräsident der Genossenschaft Konzert und Theater St.Gallen. Die weiteren Mitglieder seien noch nicht bestimmt, sagt Theaterdirektor Werner Signer auf Anfrage.
St.Gallen hält damit am Usus fest, das Findungspräsidium politisch zu besetzen. Andernorts vertraut man hingegen auf auswärtige Fachleute – so jüngst in Luzern, wo in der Findungskommission für die neue Theaterintendanz unter anderen die Intendanten der Hamburger Staatsoper, des Nationaltheaters Mannheim und des Schauspiels Frankfurt sassen, ergänzt um Vertreterinnen und Vertreter der Luzerner Kultur. (Gewählt wurde am Ende ein weiteres ursprüngliches Mitglied der Findungskommission, die Mainzer Chefdramaturgin Ina Karr). In beratender Funktion habe St.Gallen immer auch Experten hinzugezogen, sagt Signer.
Am Profil der Operndirektion in St.Gallen wird sich gemäss Signer grundsätzlich nichts ändern. Damit steht auch eine Verselbständigung der Tanzsparte nicht (mehr) zur Diskussion, wie sie der Vorvorgänger des jetzigen Tanzchefs, Marco Santi noch gefordert hatte. Der Tanz bleibt damit weiterhin der Operndirektion unterstellt.
Die Nachfolge von Tanzchef Marco Santi am Theater St.Gallen ist bereits geklärt: Die deutsche Tänzerin und Choreografin Beate Vollack übernimmt ab 2014. Stellen werden nicht abgebaut, aber der Stil dürfte sich ändern.
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