Die beiden Werke, Der unsterbliche Kaschtschei und Die Nachtigall, haben ein Märchen zur Grundlage. Märchen stellen bekanntlich weniger die Realität dar als das, was dahinter stecken soll, eine Möglichkeitsform, die gut verpackt Aufschluss über die Wirklichkeit vermittelt.
In der Post-Internet-Zeit wird das Virtuelle allerdings Tatsache, und der märchenhafte Fantasieraum ist besetzt durch allerlei Anschauung alltäglicher Dinge. So wird in den zwei Märchenopern eine gängige virtuelle Wirklichkeit Auslöser für etwas anderes. Was dieses andere sein soll, wird in der St. Galler Inszenierung allerdings nicht klar.
Im Zauberreich des Entertainments
Das russische Märchen vom Unsterblichen Kaschtschei strotzt vor Symbolik. In einem Niemandsland – hier dargestellt als Weltraum – hält der böse Zauberer Kaschtschei die unschuldige Prinzessin Tausendschön gefangen. Seine Macht ist in den Tränen der kaltherzigen Tochter versiegelt, die Iwan, den ersehnten Prinzen, töten soll. Dass dies nicht gelingt, da die böse Tochter plötzlich von Mitgefühl erfasst wird, wird schnell klar – eine Erzählung, die kaum eine Entwicklung der Charaktere kennt und mit den Stereotypien dem Wesen des Märchens entspricht, jedoch als Oper schwierig umzusetzen ist.
An die Stelle des fehlenden Momentums setzt Dirk Schmeding skurriles Entertainment und einen Turm von Anachronismen und Kalauern. So wird das Reich Kaschtscheis mit Science Fiction-artigen Bildern angereichert. Am anderen Ende der Galaxie wirkt eine entgegengesetzte, eher an Gothic Novel erinnernde Welt, eine erotisierte, von Max Ernst inspirierte Flora von Zauberpflanzen, die vielleicht die irdische Welt verkörpern soll.
Vielleicht hätte die Durchquerung der Galaxie das Potenzial für eine Entwicklung zur Innerlichkeit, Schmeding entscheidet sich aber für eine Wandlung per Knopfdruck und serviert – mundgerecht und wie als Versuchsanordnung des Phantasie-Overkills – allerlei Assoziationen an Film, Musical und Computerspiel.
Dass anstelle von Betroffenheit das Klischee resultiert, statt Rührung Rührseligkeit, bedient zwar das Bedürfnis nach Entertainment, lässt aber das Engagement des Prinzen (Shea Owen) etwas schäbig ausfallen. Der Sturmwind in Astronauten-Montur (Martin Summer) erledigt für ihn gleich beide Heldentaten, Prinzessinnenbefreiung und Tyrannentötung. So bleibt dem Publikum nichts anderes, als über das Ganze zu schmunzeln.
Schade, denn die Partitur Rimski-Korsakows, 1902 komponiert und jetzt erstmals in der Schweiz aufgeführt, ist wunderschön. Sie zeigt eine Tonsprache, die an Wagners Tristan erinnert, nur ist hier alles viel diskreter. Federleicht und lupenrein begleitet das Sinfonieorchester St. Gallen unter Modestas Pitrenas. Die Protagonisten singen hinreissend. Riccardo Botta agiert mit klebrigem Witz als zombiehafter Kaschtschei. Tatjana Schneider sprudelt als Prinzessin in luftiger Empfindsamkeit und wird schön kontrastiert von der erdigen Tiefe Ieva Prudnikovaites als Tochter. In sich stimmig wirken auch Bühnenbild (Martina Segna) und Kostüme (Frank Lichtenberg).
Klassenkampf mit Nachtigall
Der zweite Teil des Abends, Strawinskys 1914 uraufgeführte Nachtigall nach einem Märchen von Hans Christian Andersen, lässt den Geschmack des ersten Teils etwas vergessen. Obwohl Strawinsky, Schüler Rimski-Korsakows, an die russische Orchestertradition anknüpft, vermittelt seine Musik einen diametral entgegengesetzten Ausdruck.
Beide Opern an einem Abend zu spielen gerät aber trotz offensichtlicher Gemeinsamkeiten etwas verkrampft. Sie lassen sich musikalisch kaum verbinden, andererseits bieten sie wenig inhaltlichen Kontrast, sodass die Dramatisierung bei der Nachtigall etwas aufgesetzt wirkt. Im Kaschtschei prägte ein surreales Nowhere-Land die Szene, in der Nachtigall ist es ein hyperrealistisches Irgendwo, bei dem bereits zu Beginn das Auge auf den sozialen Diskurs gelenkt wird.
Elias Podolski, Nik Kevin Koch und der Chor in der Auftaktszenerie der «Nachtigall».
Die Geschichte des armen Fischers, dessen Nachtigall zu kaiserlichen Ehren gelangt und schliesslich zum natürlichen Ursprung findet, beginnt in der St. Galler Inszenierung im Müllhaufen der Vorstädte. Gekonnt werden gesellschaftliche Hierarchien hinterfragt, aber der Gesang der Nachtigall, im Märchen Symbol für die unfassbare Schönheit, wird ein bisschen zu platt klassenkämpferisch instrumentalisiert.
Weitere Vorstellungen 9., 15., 17. Februar, 6., 10., 15. März und 2. April
theatersg.ch
Bezwingend ist die Personifizierung der Nachtigall einerseits in der Figur des Kinds (wunderbar gespielt von Elias Podolski) und andererseits im Koloratursopran von Sheida Damghani, die von der Loge herab singt. Durch diese raffinierte Verdoppelung werden die vielen handlungsarmen Passagen dramaturgisch aufgeladen, und der Fokus wird auf den wunderschönen solistischen Gesang gelenkt. Damghanis Auftritt geht sehr ans Herz. Auch der Kaiser von China (David Maze) und die Köchin (Tatjana Schneider, wie aus dem Weltraum des Kaschtschei zurückgekehrt) überzeugen in ihrem Duktus und bilden sowohl den Kontrast zur Nachtigall, als auch eine Brücke zwischen Fischersfamilie und Kaiserpalast.
Diese Kontraste und Verbindungen werden vor allem im zweiten Akt von Chor und Orchester gut gestaltet. Der Opernchor agiert schnell und rhythmisch flexibel, das Sinfonieorechester erweist sich wiederum als Spitzenorchester. Die einleitenden wabernden Mixturen von Holz und Streichern sind schön balanciert, der klangliche Effekt mit den changierenden, mal fahlen, mal aufblitzenden Farben ist beeindruckend. Im zweiten Akt erlebt man das Orchester in einer Verve, die an Strawinskys Les Noces erinnert, im dritten Akt begeistern die Verbindungen von Klavier, Celesta, Chor und Orchester.
Shea Owens, Chor und Statisterie.
Auch in der Nachtigall wird das Thema Empathie und Verwandlung gut veranschaulicht, die Inszenierung hinterlässt jedoch wegen der etwas unverbindlichen ästhetischen Gemengelage gemischte Gefühle. Der Kaiserpalast ist der Hauptsitz einer hypermodernen Versicherungsanstalt, der Kaiser ihr CEO. Die Ressortchefs flitzen mit Virtual Reality-Brillen durch die Szene.
Auf der anderen Seite ist da die unschuldige Welt des armen Fischers, des Kinds und der Nachtigall. Die Rührung als Schlüssel der zwei Welten vorauszusetzen, wirkt, so umgesetzt, etwas betulich, oder ist ein frommer Wunsch.
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