Der Klassikbetrieb sei zum Ritual erstarrt und mit seinem Repertoire weitgehend im 19. Jahrhundert steckengeblieben. Ein Indiz dafür: In den Konzertsälen würden kaum zeitgenössische Werke aufgeführt. Das Abonnementspublikum habe «Angst vor Dissonanzen»: Das sind Kritikpunkte, wie sie Berthold Seliger in seinem jüngst erschienenen Buch Klassikkampf formuliert.
Bei der Buchvorstellung Mitte Oktober im St.Galler Palace wiederholte Seliger seine Forderung aus dem Buch, in den öffentlich subventionierten Konzertprogrammen müsste eine mindestens 25-Prozent-Quote für zeitgenössische Werke eingeführt werden. Statt dessen sei dort der immer gleiche «Expresszug von Beethoven bis Sibelius und zurück» unterwegs. «Die Konzertprogramme fahren zu 80 Prozent auf Autopilot», kritisiert Seliger.
Woher kommt die schwierige Position der aktuellen Klassik? Zu verkopft, zu schwierig, zu unbequem? Warum lässt sich das Publikum Kompositionen von heute am liebsten nur als Sandwich servieren: 10 Minuten Ligeti zwischen zwei romantischen Werken…?
«Das Gejammere ist unangebracht»
Zeitgenössische Klassik finde ihr Publikum durchaus – nämlich wenn sie emotional erfahrbar sei und sich nicht um ihre Zuhörer foutiere, sagte der St.Galler Konzertdirektor Florian Scheiber beim Podiumsgespräch vor Wochenfrist im Palace zur «Lage der Klassik in der Ostschweiz». Im Titelthema des Oktoberhefts von Saiten haben sich Ostschweizer Musiker ihrerseits zum Thema geäussert.
«Das Gejammere über den schwierigen Stand der klassischen Musik, oder noch zugespitzter der Neuen Musik, halte ich für unangebracht», schreibt der St.Galler Pianist und Kultbau-Betreiber Klaus-Georg Pohl. «Es gibt kein Recht auf Verstandenwerden. Kunstformen, deren Code komplexer ist – und das ist die Musik, die wir machen und zu Gehör bringen wollen –, bedürfen einer grösseren Anstrengung zu ihrer Entschlüsselung als der Mainstream. (…) Folglich ist Jammern über das Publikum unangebracht: Wer einen hohen Grad der Verschlüsselung wählt, wird natürlich seltener entschlüsselt.»
Bruno Karrer, selber Komponist, differenzierte seinerseits. Zum einen: «Noch nie hat es so viel bewundernswerte neu komponierte Musik, welche das aktuelle Leben in verschiedenster Weise abbildet, gegeben wie in den letzten Jahrzehnten. Sie ist verfügbar, liegt zum Pflücken bereit.» Zum andern sei ihre Position angesichts der Dominanz der Popmusik schwierig – was nicht reine Unterhaltungsmusik sei, sei «am Überwintern», aber: «Totgesagte leben länger.»
Und Barbara Camenzind, Präsidentin des auf zeitgenössische Klassik spezialisierten Konzertzyklus newart/contrapunkt, sagt: «Neue Musik braucht Zeit. Und ein offenes Ohr. Manchmal auch eine Handreiche und etwas Hörübung. Ich erlebe hin und wieder, dass Leute, die wenig mit Klassik zu tun haben, schneller einen Zugang zu den Neuen Tönen finden. Ansonsten müssen wir es aushalten, dass wir ein kleines, treues Publikum erreichen. Wenn wir uns thematisch vernetzen oder das klassische Konzert-Setting verlassen, ist es heutzutage einfacher.»
Camenzinds Forderung an die zeitgenössische Klassik, sie müsse «raus aus dem Elfenbeinturm, hin zu den Menschen», erfüllt sich zumindest im November gleich mehrfach in unserer Region. Letzten Freitag erlebte die Komposition unzeit gemäss von Urs C. Eigenmann ihre Uraufführung im St.Galler Pfalzkeller vor einem zahlreichen Publikum. Der stets für Überraschungen gute Konzertzyklus «klangreich» in der Alten Kirche Romanshorn kündigt am 12. November ein Konzert mit dem Titel «Quel monstre voy-je là?» an: Das auf Alte Musik spezialisierte Vokalensemble chant 1450 verbindet Musik der Reformation mit elektronischen Kompositionen des französischen Künstlers Sylvain Chauveau (Infos hier). Ebenfalls am Sonntag, 12. November (17 Uhr) erklingt in der ev. Kirche Heiligkreuz St.Gallen der Chorzyklus Das Licht der Lichter von Widmar Hader, in Anwesenheit des Komponisten. Eine Woche später, am 19. November sind im Zeughaus Teufen Kompositionen von Alfons Karl Zwicker zu hören, die sich an Bildern und Druckgrafiken des 2013 verstorbenen Künstlers Bruno Hufenus inspirieren, mehr dazu hier.
Uzor hören
Und diesen Dienstag, 7. November findet im Palace ein Porträtkonzert mit Werken von Charles Uzor statt, als dritter Teil der Klassik-Debatte des Palace im Rahmen der «Erfreulichen Universität».
Porträtkonzert Charles Uzor: Dienstag, 7. November, 20.15 Uhr
mit Jeannine Hirzel, Sopran, Ute Gareis, Klavier und Charles Uzor Palace St.Gallen
Zwei renommierte Musikerinnen, die Sopranistin Jeannine Hirzel und die St.Galler Pianistin Ute Gareis, stehen im Zentrum des Konzerts. Sie bringen zusammen mit Charles Uzor zwei seiner Werke zu Gehör: spleen/mimicri für Klavier und Tonband und Varek für Frauenstimme und Klavier. Beide Werke verdanken ihre Inspiration Ausstellungen im St.Galler Museum im Lagerhaus und erlebten dort ihre Uraufführung. Ausserdem spielt Ute Gareis die aufwühlende 6. Klaviersonate von Galina Ustwolskaja.
«Meine Musik sucht die Natur und die Melodie», sagt Charles Uzor programmatisch. 1961 in Nigeria geboren, kam er als 7-Jähriger in die Schweiz. Dem Gymnasium in St. Gallen folgten Oboen- und Kompositionsstudien bei Elhorst, Lehmann, Hunt und Henze in Bern, Zürich und London. 1990 Solisten-Diplom der Royal Academy of Music, London und Master Degree der University of London 2005; Dissertation über Melodie und Zeitbewusstein (Goldsmith College); frühe Beschäftigung mit Quartett/ Quintett/Ensemble/Stimme. Bisher letzte Kompositionen im mehrfach preisgekrönten Werk von Charles Uzor sind: Varek für Frauenstimme und Klavier, sweet amygdala für Violine, Klavier und Tonband, spleen/mimicri für Klavier und Tonband, nri/mimicri für Ondes Martenot, Perkussionsquartett und Tonband, Ave Maria I-V für gemischten Chor a capella.
Im Gespräch gibt Charles Uzor begleitend zu den aufgeführten Werken Auskunft zu seinem Schaffen und zur Lage der zeitgenössischen Musik.
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.