Ihre «Carmen» faszinierte die Massen. Anna Sutter war der umjubelte Star der Oper Stuttgart, und entsprechend Schlagzeilen machte am 29. Juni 1910 ihre Ermordung: Aloys Obrist, Dirigent und einer von Annas früheren Liebhabern, erschoss sie in ihrem Zimmer und richtete sich danach selber. In einem zeitgenössischen Zeitungsbericht stand am Tag danach: «…sie hat es als Künstlerin verstanden, was ewig das Ziel in den Beziehungen von Mensch zu Mensch bleiben muss, Glück und Freude zu verbreiten: Darum soll auch ihre blutige Bahre nicht umzischelt sein von dem Fragen und Sagen sensationslüsterner Neugier, und der Lorbeer, den Stuttgart auf ihren Sarg legt, sei frei von Schmutz und Staub niedrigen Klatsches».
Anna Sutter als Carmen, zeitgenössische Postkarte
Jetzt holt das Theater St.Gallen die «blutige Bahre» der Diva ans Tageslicht: Das Eifersuchtsdrama (Details dazu hier) steht im Zentrum der Oper Annas Maske. Das Libretto schrieb Alain Claude Sulzer, Autor der gleichnamigen, im Jahr 2001 erschienenen Novelle. Sulzer war auf den Stoff in einer Ausstellung über Totenmasken gestossen und hatte die Geschichte recherchiert. Regie führt Mirella Weingarten. Am Dienstag informierte das Theater vor den Medien über das Projekt.
«Fassbare und imaginative Musik»
David Philip Hefti ist 1975 in St.Gallen geboren, lebt in Deutschland und ist einer der gefragtesten Schweizer Komponisten der jüngeren Generation, viel gespielt mit Kammer- und Orchesterwerken und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Siemens- und dem Hindemith-Preis. Eine Oper gibt es von ihm bislang aber nicht. St.Gallens Operndirektor Peter Heilker lobt die «sinnliche, fassbare und imaginative» Musik des 40-jährigen Komponisten. Man habe sich verstanden und danach «triebhaft auf die Suche nach dem richtigen Stoff» für das geplante Auftragswerk gemacht. Den fand man schliesslich in Sulzers Buch.
Die Mordsgeschichte der Anna Sutter habe nicht nur alle Ingredienzen einer «ganz altmodischen Oper für das 21. Jahrhundert», sondern auch eine Portion «subtiler Swissness», sagt Heilker: Die Stuttgarter Diva stammte ursprünglich aus dem st.gallischen Wil, ihr Mörder war ebenfalls Schweizer. Regisseurin Weingarten fasziniert in Anna Sutter die Frau jenseits aller Konventionen, «ein lebenshungriges Weib», erfolgreich als Musikerin und modern in ihrer Unabhängigkeit – ein Lebensentwurf, den sie mit ihrem Leben bezahlte, darin der Figur der Carmen verwandt. Die Solopartie singt Riccarda Maria Wesseling.
Anna Sutter als Salome, zeitgenössische Postkarte
«Bekenntnis zum Kulturauftrag»
St.Gallen leistet sich mit Annas Maske eine Oper in grosser, nicht bloss kammerspielmässiger Besetzung. Das Orchester habe allerdings ausdrücklich «keine Elektra-Dimensionen», sondern sei so dimensioniert, dass das Werk nachspielbar sei: für Direktor Werner Signer ein klares Signal, dass es bei Annas Maske nicht bei einer Eintagsfliege bleiben soll wie bei zahlreichen anderen zeitgenössischen Musiktheater-Projekten.
Letztmals hatte St.Gallen 1998 mit Stichtag von Thomas Hürlimann/Daniel Fueter eine Opernuraufführung «gestemmt». Seither waren Schweizer Erstaufführungen dazu gekommen, darunter Alfons Karl Zwickers Der Tod und das Mädchen oder in der letzten Spielzeit Written on Skin.
Letzteres war ein Publikumserfolg und wird demnächst in Bozen im Südtirol nachgespielt – Signer will sich davon aber nicht zu stark leiten lassen. Annas Maske in Auftrag zu geben und zu produzieren sei ein künstlerischer Entscheid frei von Publikumsdruck, ein Bekenntnis zum zeitgenössischen Musiktheater und zum Kulturauftrag, den das Theater habe. «Jetzt liegt es an uns, das Publikum zu verführen».
Titelbild von links: Autor Alain Claude Sulzer, Komponist David Philip Heft, Regisseurin Mirella Weingarten und Operndirektor Peter Heilker im Theaterfoyer. (Bild: Theater St.Gallen)
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