«Le coeur mangé», die provenzalische Legende der Agnes, einer braven Rittersgattin, und ihrer verbotenen Liebe zu einem jungen Buchmaler, dessen Herz sie schliesslich essen muss, geht unter die Haut. Auch ihre Adaption in der Oper «Written on Skin» verstört.
Durch die Wechsel von Zartheit und Brutalität wird die Geschichte den Erwartungen an spannendes Musiktheater gerecht. Diese Erwartungen werden nicht nur bedient, sondern in erstaunlicher Weise durch eine Betroffenheit verstärkt, wie man sie von grossen Opern kennt. Das Stück fragt nicht nach neuen Ausdrucksmitteln des 400-jährigen bürgerlichen «Gesellschaftsspiels» namens Oper, sondern zeigt, wie zeitgenössische Oper durchaus funktionieren (und das Haus füllen) kann.
Sex and the City
Der Einakter von George Benjamin und Martin Crimp feiert seit seiner Uraufführung 2012 in Aix-en-Provence einen erstaunlichen Triumphzug – wie als Beweis dafür, dass eine gute, voraussehbare Geschichte auch Neue Musik erträgt: Als Krönung seiner Macht beauftragt der Protektor, ein reicher Grossgrundbesitzer, einen Buchmaler, für ihn das Paradies zu malen. In der Tristesse ihrer Ehe lässt sich die argwöhnische Agnes auf den Jungen ein und wird von seinen paradiesischen Bildern verzaubert. Der Protektor überführt sie, tötet den Jungen und tischt ihn der Gattin auf.
Im Fernsehen hiesse dieses Spiel von Libertinage, Hörigkeit, Ausbeutung und Eifersucht vielleicht «Sex and the City», in der Oper wird das Klischee ästhetisch sublimiert und zur allegorischen Wahrheit – Wahrheit der Handlung und der Empfindung. Das Stück zeigt, wie in den Klauen eines autoritären, von Gewalt und Kapital dominierten Systems nur Untreue und Tod die Femme Fatale erlösen können. Die Gewöhnlichkeit dieses Narrativs ist, trotz einer hocherotisierten Sprache, die teilweise der sublimen Pornografie des Marquis de Sade nahekommt, ein Grund für den Erfolg.
Regie mit Zwischentönen
Die Geschichte wird in der St. Galler Inszenierung (Nicola Raab) differenziert und mit Zwischentönen erzählt. Die Klimax, bei der sich die letzte Macht des Protektors, auch noch das Paradies zu besetzen, als trügerisch erweist, wird zum beklemmenden Tiefpunkt. Der Protektor sitzt gefangen im Selbstbild seiner Eifersucht und Machtlosigkeit gegenüber der Liebe.
Alle Rollen werden hervorragend gesungen. Agnes (Evelyn Pollock, Sopran) und der Protektor (Jordan Shanahan, Bassbariton) beschränken sich nicht auf gut und böse, sondern werden im Spiel ihrer Verstrickungen und Fluchtbewegungen beleuchtet. Mit ihrer körperlichen Präsenz spannt Evelyn Pollock den Bogen bis zum Finale. Eindrücklich ist nach anfänglichen Unsicherheiten ihre musikalische Strahlkraft. Der Protektor scheint in seiner Physis ein etwas zu nett-naiver Protz, stimmlich überzeugt er aber zusehends. Vollends in Bann schlägt einen der Junge (Benno Schachtner, Countertenor). Sein Gesang fasziniert durch das Oszillieren zwischen Mann und Frau und die grosse Klangpalette.
Dem Narrativ entspricht George Benjamins Musik, die ganz dem Wort zu Dienste steht und weitgehend auf Modernismen verzichtet. Benjamin besuchte in den 70er-Jahren als 16-jähriger Protegé die berühmten Pariser Analysekurse von Olivier Messiaen und gilt seither als Wunderkind der englischen Avantgarde.
Erregungsklänge mit Glasharmonika
«Written on Skin» ist illustrativ, leise und gleichzeitig kühl und glühend. Stilistische Bezüge zu Debussy, Mahler oder Britten sowie klanglich wie inhaltlich zu Kaija Saariahos «L’amour de loin» sind nicht zu überhören, aber in der Interpretation des Symphonieorchesters St. Gallen unter der Leitung von Otto Tausk entwickelt sich die Oper wie aus einem Guss und erhält eine persönliche Handschrift. Das sensible Spiel des Orchesters macht Benjamins zarte und modale Klänge durchhörbar. Der ausgesuchte Orchestersatz (mit exotischen Instrumenten wie Gamben, Mandolinen und Glasharmonika) gibt den Verzückungen und Entrückungen die nötigen Tupfer: eine Musik, die eine dauernde, sehnsüchtige Erregung beschreibt und in ihrer bewussten Reduktion der Geschichte entspricht.
Reduziert wird auch die Bühne: liegende, in pastosen Tüll gehüllte Leiber, Engel oder Geister, die die Vorstellung vom Paradies als ewiger Wiederkehr des Gleichen durchspielen – ein Spiel, das «Written on Skin» in die Nähe des mittelalterlichen Mysterienspiels und der griechischen Tragödie rückt. In einer gespenstischen Geheimchoreographie spiegeln die Engel als Bewegungschor ergriffen zuckend und schaudernd die Handlung. Interessant ist die Idee, das Orchester im Bühnenhintergrund gleichzeitig nah und fern spielen zu lassen, aber klanglich zeigt sich dies als problematisch.
Fragwürdiges Spiel mit Gewalt-Faszination
Trotz klarem Konzept, hoher Gesangskunst und sorgfältigem Orchesterspiel bleibt dieser Oper ein schaler Nachgeschmack. Im Nachhinein erhält die Geschichte die Fratze eines Machwerks, das mit dem Faszinosum von Gewalt und Zärtlichkeit spielt und gleichzeitig Chiffren der Platonik und Pornografie befriedigt. Das Umschlagen der Gefühle, die Peripetie, wird zum beliebigen Reigen: Der Seitensprung erscheint trotz tödlicher Folge als zeitlose Währung. Katharsis und Klimax wirken, vielleicht auch durch die Fassadenhaftigkeit der Musik, unnötig. Die Manie der indirekten Rede, mit der die Protagonisten in der dritten Person eher übereinander als zueinander sprechen, ist gegen Ende ermüdend und schafft kaum die gewollte Erhöhung.
Da helfen auch Platitüden wie «Liebe ist nicht ein Akt, sondern ein Bild», hochstilisiert durch Momente der Stille, nicht. Das Bild der erzwungenen Verspeisung des geliebten Jungen wirkt unnötig brutal und nimmt dem seelischen Grauen die Wucht. Es reiht sich letztlich ein in eine Bejahung des Faktischen, die nur für einen kurzen Moment einer Tarantino-haften Wende zu entfliehen scheint: vielleicht einem (ebenfalls zweifelhaften) Rachefeldzug der Frau gegen die Macht.
Weitere Vorstellungen: Mi 6.5., Sa 9.5., So 17.5., Fr. 5.6. theatersg.ch
Bilder: Hans-Jörg Michel
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau