Es scheint ewig her, die Erinnerung ist bös verblasst: Im Mai 1980 war hier demonstriert worden, die sogenannten Opernhauskrawalle waren der Auslöser der Jugendunruhen, die es mit Verspätung dann auch in St.Gallen gab. Heute ist der Platz vor dem renovierten Opernhaus – der 60-Mio-Kredit dafür und die gleichzeitige Ablehnung eines autonomen Jugendhauses hatte vor 36 Jahren das Fass zum Überlaufen gebracht – säuberlich gestaltet. Ein grosszügiger Freiraum, jedenfalls in städtebaulicher Hinsicht. Dafür tobt es drinnen.
Drinnen noch einmal: die Auseinandersetzungen um Ideologien und Gewalt, um die Katastrophen und Brüche der europäischen Geschichte. Drinnen wird Die Hamletmaschine gespielt, das Musiktheater von Wolfgang Rihm nach dem Text von Heiner Müller. 1987 uraufgeführt, ist es noch immer eines der verstörendsten zeitgenössischen Bühnenwerke. Entsprechend fand die NZZ: «Dass die Zürcher Oper das Werk nun 26 Jahre nach der letzten Aufführung erneut zur Diskussion stellt, ist eine Grosstat – aus künstlerischer und repertoirepolitischer Sicht fraglos die wichtigste, wagemutigste Premiere der Zürcher Saison.»
Lenin, Marx und Mao und die drei Hamlets
Marx, Warhol, Mauerfall…
Regisseur Stefan Baumgarten schichtet ein opulentes Bilder- und Assoziationsgebäude auf – als wäre das Material, der traumwandlerische Hamlet-Text Müllers und Rihms Orchester-Kraftakt, nicht schon vielschichtig genug. Der Fall der Mauer begleitet Hamlets bitteres «Familienalbum» im ersten Akt; Ulrike Meinhof im Stammheimer Hochsicherheitstrakt geistert beklemmend durch den zweiten Akt, es gibt Rückfälle (der alte Penner Marx wird noch einmal gemeuchelt), Querbezüge (zu Warhols Factory, die als Symbol des Konsumrausches das Scherzo des 3. Akts illustriert) und Vorgriffe, etwa mit Folterszenen in Guantànamo-Kluft.
Folterszene im Schluss-Akt
Müllers 1977 angeblich in einer Nacht verfasstes Fragment vom europäischen Untergang erhält mit einem riesigen Schiffsrumpf die ihm gemässe Kulisse (Bühne Barbara Ehnes). Das Schiff heisst «Nessuno secondo» – frei übersetzt vielleicht: Nach uns die Sintflut. Es sind Bilder von einer Gewalttätigkeit, wie sie dem katastrophenreichen Gegenstand des Stücks entspricht. Was Müller umtrieb und welche kompositorische Raffinesse in der Partitur von Wolfgang Rihm steckt, lässt sich in Rezensionen der jetzigen Zürcher Produktion (hier) oder der Mannheimer Uraufführung (hier) bemerkenswert fachkundig nachlesen.
Rihms Anspruch ist, wenn auch 30 Jahre alt, keineswegs von gestern. In seinem manifestartigen Text Über Musiktheater spricht er 1986 von der «rituellen Energie», die aus der Musik selber hervorzurufen sei. Das neue Musiktheater habe «Ereignis-Charakter». Eindeutige Charaktere und eine schlüssige Handlung seien heutzutage Sache des Kinos; «der an die Rampe tretende Gesangsstar wird höchstens noch als perverses Zitat vorkommen.» Stattdessen brauche es «Sprach-, Gesangs- und Schreifähigkeit» aller gleichwertig an der Aktion Beteiligter. «Keine Auf- und Abtritte von Meinungsträgern, sondern Bild und Ruf, Anrufungen, Zeichen, Traumlogik.»
Schlagzeug-Bombardement
In der Hamletmaschine setzt diesen Anspruch das so brillante wie lautstarke Orchester Philharmonia Zürich um, angetrieben von Dirigent Gabriel Feltz und von sechs Schlagzeugern links und rechts in den Logen sowie vorn im Bühnen-Schiffsrumpf. Sie peitschen Solisten und Chor vor sich her, allen voran Bariton Scott Hendricks als Hamlet III und Nicola Beller Carbone in der Rolle der Ophelia-Ulrike. Der Sänger Hamlet hat dabei stets zwei nicht minder virtuose Hamlet-Sprecher um sich (Anne Ratte-Polle und Matthias Reichwald) – alle drei gleichen Heiner Müller auf Haar und Glatze.
Verdreifacht wie sie wirkt die wütende Energie insgesamt, die auf der Bühne und im Orchestergraben herrscht. Überdeutlich sind die Gesten, heftig bis fast zum Überdruss das optische und akustische Dauer-Fortissimo. Daneben zeichnet die Inszenierung aber auch ein sarkastischer Witz aus. Marx, Lenin und Mao kommen als überdimensionierte Fasnachtsköpfe daher, Andy Warhol ist ein Popclown, und die Männer überhaupt in diesem Stück: Mörder und Verlierer.
Im Schlussakt sind sie wegkomponiert, es bleibt eine allerdings nicht minder hoffnungslose Frauenperspektive übrig, verkörpert durch die Rächerin Ophelia-Elektra und das Plakatbild der US-Mörderin Susan Atkins an der Wand. «Hier spricht Elektra. Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer. Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe.» Es ist eine schneidende, oktavensprengende Hassschmerz-Musik, die Rihm der Sängerin in den Mund legt, während die Opern-Titanic untergeht.
Letzte Aufführungen der Hamletmaschine: 7. und 14. Februar 14 Uhr, 11. Februar 20 Uhr, Opernhaus Zürich.
«Eine Art dunkles oder helles Fest»
Die Zürcher Hamletmaschine ist Musiktheater an der Grenze zur Überforderung – thematisch wie akustisch. Aber die geschichtsgesättigte Zumutung, der Trip nach Zürich lohnt sich trotz saftiger Ticketpreise – auch als Alternative zur st.gallischen Opernästhetik, die eher dem 19. und frühen 20. Jahrhundert frönt. Und damit jener Arienseligkeit, die den zornigen Herren Müller und Rihm ein Ärgernis war. «Kein neues Theater mit alten Stücken», dekretierte Müller. Und: Theater müsse sich verstehen «als das Besondere – jenseits von Belehrung und historizistischer Museumskunst», heisst es in Rihms Manifest. «Eine Art dunkles oder helles Fest. Aber ein Fest.»
Konsumrausch mit Andy Warhol, 3. Akt
Uraufführungen in St.Gallen
Zeitgenössische Klassik gibt es diese Woche auch in St.Gallen: In der Tonhalle wird heute Donnerstagabend die Komposition Rauhnächte von Paul Giger uraufgeführt, zusammen mit dem Tripelkonzert von Beethoven und Schumanns Sinfonie Nr 3. Es handelt sich um ein Auftragswerk des Orchesters im Rahmen der mehrjährigen Kompositionsförder-Plattform Oeuvres suisses. Vor Jahresfrist war es Alfons Karl Zwickers Stück Unter dem Grabhügel, jetzt ist Giger an der Reihe, die dritte im Bunde wird 2017 die Komponistin Helena Winkelman sein. Und dannzumal, im Mai 2017, plant auch das Theater St.Gallen eine zeitgenössische Oper, sogar ein Auftragswerk: David Philip Hefti komponiert Annas Maske.
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