Kategorie
Autor:innen
Jahr

Mit grauem Humor

Das nationale Tanzfestival Steps ist gestartet, für einmal in St.Gallen und erst noch mit einer hiesigen Uraufführung: Die St.Galler Kompanie zeigt «Wonderful World» in einer Doppelchoreografie von Kinsun Chan und Martin Zimmermann.
Von  Peter Surber , 
Warten auf die Endzeit-Party. (Bilder: Gregory Batardon)

Kapuzengestalten schleppen sich über die Bühne, schleppen und zerren andere, scheinbar leblose Körper, hin und her auf der Fläche, die in immer wieder neue Richtungen kippt und das Gehen zum Stolpern macht, zum Rutschen und Kriechen. Die Welt um sie herum ist Grau, von einem gleissenden Grau, falls es das gibt.

In der apokalpytischen Endzeitstimmung von Wonderful World herrscht die längste Zeit dieses grelle Grau, begleitet von einem ächzenden, stampfenden, klirrenden Soundtrack. Man denkt unweigerlich an Krieg, spätestens dann, als sich einer allein drei Körper auf die Schultern lädt und sich von einer Elendsecke in die andere über die schräge Bühne schleppt. Das Herz stockt, die Welt ist aus allen Fugen.

Die elenden sind zugleich die packendsten Bilder dieser Produktion: Die Kapuzengestalten, halb Mensch halb Tierwesen, sich knäuelnd, sich formierend zu immer neuen Erscheinungen, ringend mit der schiefen Ebene, vergisst man nicht wieder. Umso mehr, als zwischendurch auch ein grimmiger Humor aufblitzt, mit Armen, die am hinteren Bühnenrand im Stechschritt marschieren, mit Fingern, die sich ameisenartig verfolgen, mit grotesken totenkopfartigen Köpfen, die auftauchen und verschwinden.

Da ist alle Konvention überwunden, die noch den Stückanfang prägt, dort, wo die grosse Party steigt. Eine nach der anderen treten da die Tänzerinnen und Tänzer auf, reihen sich in die Warteschlange, der eine steif, die andre exaltiert, eine dritte ellbögelnd, das Outfit schwarz, der Mund knallrot, Hauptsache grell, sexy, extrovertiert und im Mittelpunkt.

Auf der Bühne dann tanzt sich das Partyvolk zu stampfendem Techno in eine Ekstase, die allerdings nichts Befreites hat. Die Individualität ist bloss Pose, der Sound monoton, der Tanz wird mechanisch, die Sprache zum Schrei, der Mensch mutiert zum Zombie. Bis die Party kippt und mit ihr die Bühne.

Krise und Befreiung

Martin Zimmermann und Kinsun Chan holen in ihrer ersten gemeinsamen Choreografie Zwischentöne und Überraschungsmomente aus der St.Galler Tanzkompanie heraus – und dies frappierenderweise am stärksten gerade in den Szenen, wo Grau und Grauen vorherrschen.

Ihr Stück erzählt mit Ernst und bitterem Witz von der grossen Krise, in der die Welt steckt. Aber es bleibt selber nicht darin stecken – im Finale sind aus Zombies und Kapuzenwesen Menschen aus Fleisch und Blut geworden. In frohe Farben gekleidete junge Leute von nebenan summen und pfeifen zur Ukulele den Louis-Armstrong-Klassiker «What a Wonderful World». Auf einem T-Shirt der Slogan «No Wars».

Das könnte platt sein, wenn nicht auch hier noch einmal der Alte hereinfunken würde, der Bucklige mit dem weissen Gesicht, gespielt vom Tänzer Piran Scott, der nicht so recht zu den anderen passt. Er führt durchs Stück als rätselhafter Weg-Weiser, als einer, der mehr zu wissen scheint als die andern. Oder vielleicht auch noch verlorener ist als sie und wir.

Wonderful World, nächste Vorstellungen im Rahmen von Steps: 29. und 30. April, 1. Mai, Lokremise St.Gallen

steps.ch

Wonderful World ist ein packender Auftakt zum Steps-Festival. Die St.Galler Tanzkompanie ist blendend aufgelegt, die Lokremise wird am Premierenabend zum Stelldichein der nationalen Tanzszene, die endlich wieder, nach pandemiebedingter Pause, mit Steps touren kann, wie Festivalleiterin Isabelle Spirig zur Begrüssung betont.

Die erstmalige gemeinsame Arbeit von Martin Zimmermann und Kinsun Chan stehe sinnbildlich für das Zusammenspannen von freiem und institutionellem Theater, sagt Direktor Werner Signer einleitend – eine Tugend, die das Theater St.Gallen allerdings bisher nicht gerade ausschweifend gepflegt hat. Für Steps in der Ausgabe 2022 hingegen seien solche Fusionen eines der erklärten Ziele, erklärt Spirig – ebenso die Mischung von Grossensembles mit Solos und Duos oder die Verbindung gegensätzlicher Tanzsprachen.

Theater der Inklusion

Beispielhaft dafür ist das Stück A Space For All Our Tomorrows von Annie Hanauer. Inklusivität auf der Bühne ist für die Tänzerin und Choreografin aus den USA aus der eigenen Erfahrung körperlicher Beeinträchtigung eine Selbstverständlichkeit. In ihrem Stück geht es um Utopien, ausgehend vom Lebensreform-Projekt des Monte Verità und umgesetzt mit der in Algerien aufgewachsenen, an Kinderlähmung erkrankten Tänzerin Laila White, dem sehbehinderten italienischen Tänzer und Choreografen Giuseppe Comuniello und der Musikerin Deborah Lennie.

Das Stück der in Grossbritannien lebenden Künstlerin zeigt von der Norm abweichende Körper auf der Suche nach einer besseren Welt: zu sehen im Rahmen von Steps unter anderem am 16. Mai in der Lokremise St.Gallen.

Probenbild zu A Space For All Our Tomorrows von Annie Hanauer. (Bild: pd)

Insgesamt bringt Steps quer durch die Schweiz bis zum 22. Mai neun nationale und internationale Compagnies in insgesamt 71 Vorstellungen auf die Bühne. Für einmal ist St.Gallen einer der Hotspots: Hier sind neben Annie Hanauers Teatro Danzabile und der Uraufführung von Wonderful World die Westschweizer Cie. La Ronde von Cathy Marston und Ihsan Rustem mit einem Tanz-Reigen nach Arthur Schnitzler sowie das Ensemble CocoonDance der Schweizer Choreografin Rafaële Giovanola zu Gast.

In der Ostschweiz macht Steps neben St.Gallen im Phönix Theater Steckborn sowie in Winterthur und in Schaffhausen Station.

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1