Kapuzengestalten schleppen sich über die Bühne, schleppen und zerren andere, scheinbar leblose Körper, hin und her auf der Fläche, die in immer wieder neue Richtungen kippt und das Gehen zum Stolpern macht, zum Rutschen und Kriechen. Die Welt um sie herum ist Grau, von einem gleissenden Grau, falls es das gibt.
In der apokalpytischen Endzeitstimmung von Wonderful World herrscht die längste Zeit dieses grelle Grau, begleitet von einem ächzenden, stampfenden, klirrenden Soundtrack. Man denkt unweigerlich an Krieg, spätestens dann, als sich einer allein drei Körper auf die Schultern lädt und sich von einer Elendsecke in die andere über die schräge Bühne schleppt. Das Herz stockt, die Welt ist aus allen Fugen.
Die elenden sind zugleich die packendsten Bilder dieser Produktion: Die Kapuzengestalten, halb Mensch halb Tierwesen, sich knäuelnd, sich formierend zu immer neuen Erscheinungen, ringend mit der schiefen Ebene, vergisst man nicht wieder. Umso mehr, als zwischendurch auch ein grimmiger Humor aufblitzt, mit Armen, die am hinteren Bühnenrand im Stechschritt marschieren, mit Fingern, die sich ameisenartig verfolgen, mit grotesken totenkopfartigen Köpfen, die auftauchen und verschwinden.
Da ist alle Konvention überwunden, die noch den Stückanfang prägt, dort, wo die grosse Party steigt. Eine nach der anderen treten da die Tänzerinnen und Tänzer auf, reihen sich in die Warteschlange, der eine steif, die andre exaltiert, eine dritte ellbögelnd, das Outfit schwarz, der Mund knallrot, Hauptsache grell, sexy, extrovertiert und im Mittelpunkt.
Auf der Bühne dann tanzt sich das Partyvolk zu stampfendem Techno in eine Ekstase, die allerdings nichts Befreites hat. Die Individualität ist bloss Pose, der Sound monoton, der Tanz wird mechanisch, die Sprache zum Schrei, der Mensch mutiert zum Zombie. Bis die Party kippt und mit ihr die Bühne.
Krise und Befreiung
Martin Zimmermann und Kinsun Chan holen in ihrer ersten gemeinsamen Choreografie Zwischentöne und Überraschungsmomente aus der St.Galler Tanzkompanie heraus – und dies frappierenderweise am stärksten gerade in den Szenen, wo Grau und Grauen vorherrschen.
Ihr Stück erzählt mit Ernst und bitterem Witz von der grossen Krise, in der die Welt steckt. Aber es bleibt selber nicht darin stecken – im Finale sind aus Zombies und Kapuzenwesen Menschen aus Fleisch und Blut geworden. In frohe Farben gekleidete junge Leute von nebenan summen und pfeifen zur Ukulele den Louis-Armstrong-Klassiker «What a Wonderful World». Auf einem T-Shirt der Slogan «No Wars».
Das könnte platt sein, wenn nicht auch hier noch einmal der Alte hereinfunken würde, der Bucklige mit dem weissen Gesicht, gespielt vom Tänzer Piran Scott, der nicht so recht zu den anderen passt. Er führt durchs Stück als rätselhafter Weg-Weiser, als einer, der mehr zu wissen scheint als die andern. Oder vielleicht auch noch verlorener ist als sie und wir.
Wonderful World, nächste Vorstellungen im Rahmen von Steps: 29. und 30. April, 1. Mai, Lokremise St.Gallen
steps.ch
Wonderful World ist ein packender Auftakt zum Steps-Festival. Die St.Galler Tanzkompanie ist blendend aufgelegt, die Lokremise wird am Premierenabend zum Stelldichein der nationalen Tanzszene, die endlich wieder, nach pandemiebedingter Pause, mit Steps touren kann, wie Festivalleiterin Isabelle Spirig zur Begrüssung betont.
Die erstmalige gemeinsame Arbeit von Martin Zimmermann und Kinsun Chan stehe sinnbildlich für das Zusammenspannen von freiem und institutionellem Theater, sagt Direktor Werner Signer einleitend – eine Tugend, die das Theater St.Gallen allerdings bisher nicht gerade ausschweifend gepflegt hat. Für Steps in der Ausgabe 2022 hingegen seien solche Fusionen eines der erklärten Ziele, erklärt Spirig – ebenso die Mischung von Grossensembles mit Solos und Duos oder die Verbindung gegensätzlicher Tanzsprachen.
Theater der Inklusion
Beispielhaft dafür ist das Stück A Space For All Our Tomorrows von Annie Hanauer. Inklusivität auf der Bühne ist für die Tänzerin und Choreografin aus den USA aus der eigenen Erfahrung körperlicher Beeinträchtigung eine Selbstverständlichkeit. In ihrem Stück geht es um Utopien, ausgehend vom Lebensreform-Projekt des Monte Verità und umgesetzt mit der in Algerien aufgewachsenen, an Kinderlähmung erkrankten Tänzerin Laila White, dem sehbehinderten italienischen Tänzer und Choreografen Giuseppe Comuniello und der Musikerin Deborah Lennie.
Das Stück der in Grossbritannien lebenden Künstlerin zeigt von der Norm abweichende Körper auf der Suche nach einer besseren Welt: zu sehen im Rahmen von Steps unter anderem am 16. Mai in der Lokremise St.Gallen.
Probenbild zu A Space For All Our Tomorrows von Annie Hanauer. (Bild: pd)
Insgesamt bringt Steps quer durch die Schweiz bis zum 22. Mai neun nationale und internationale Compagnies in insgesamt 71 Vorstellungen auf die Bühne. Für einmal ist St.Gallen einer der Hotspots: Hier sind neben Annie Hanauers Teatro Danzabile und der Uraufführung von Wonderful World die Westschweizer Cie. La Ronde von Cathy Marston und Ihsan Rustem mit einem Tanz-Reigen nach Arthur Schnitzler sowie das Ensemble CocoonDance der Schweizer Choreografin Rafaële Giovanola zu Gast.
In der Ostschweiz macht Steps neben St.Gallen im Phönix Theater Steckborn sowie in Winterthur und in Schaffhausen Station.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.