Das Leben als eine «eventful history», wie es im Shakespeare-Original heisst: Dieses Versprechen zumindest löst die Tanzproduktion The Banquet ein. Ereignis um Ereignis, Schlag auf Schlag geht es durch die sieben Lebensetappen, die im zweiten Akt von Wie es euch gefällt aufgezählt sind und die den Raster für den Tanz abgeben.
Vor Beginn wird der Text verkürzt auf den Vorhang projiziert, in rein männlichen Formulierungen allerdings: der Säugling, der Liebende, der Soldat, der Richter, der Pantalon… Auch wenn das Original in weniger gender-sensiblen Zeiten geschrieben wurde, hätten ein paar Eingriffe genügt, um klarzustellen, was nachher tänzerisch auf der Bühne sowieso selbstverständlich ist: Hier, auf der Bühne namens Welt, werden «all the men and women» verhandelt.
Im Eiltempo durch die Kinderstube
Aus einem riesigen Tischtuch schält sich zu Beginn eine Figur und dann der Tisch selber heraus, das zentrale Möbel der Produktion (Ausstattung Anja Jungheinrich und Kinsun Chan). Dann das Säuglingsalter – als Frösche oder Kaulquappen schwappen die Tänzerinnen und Tänzer auf die Bühne, robben und kriechen und finden nach und nach zum aufrechten Gang.
Mit Stühlen bewehrt geht es anschliessend in die Schule, wechselweise im Gleichtakt und in Solo- oder Duoetüden, bei Shakespeare «unwillingly», hier brav, verspielt und sorgenfrei. Auf die Wandtafel malen die Kinder Blumen.
Aus jugendlich einsamen Solisten werden im nächsten Abschnitt Liebespaare, begegnen sich in höfischen Tanzschritten kreuz und auch mal queer, werden wie Statuen auf die Banketttafel hochgehoben. Währenddessen hat sich der Unterbau des Tischs in ein paradiesisch wucherndes Terrarium verwandelt, wo sich Adam und Eva räkeln.
Nach der Liebe der Krieg, die Kostüme wechseln von weiss auf feldgrau, harte Marschklänge vertreiben die harmonischen Akkorde. Die makellos choreografierte Schlacht hinterlässt dann aber keine Opfer – so wenig wie die Liebe vorher die Paare aus ihrem Marionettenkorsett befreit hat.
In der Ästhetik des St.Galler Tanzchefs sind Verletzungen, Brüche, Reibungen nicht vorgesehen, wie sie das Leben abseits der Bühne zumindest für die meisten von uns parat hält.
Harmloser Schauprozess
Das setzt sich, und nun definitiv irritierend, im zweiten Teil fort. Im Erwachsenenleben sieht Shakespeare «Justice», den Richter, mit Strenge und Ränkespielen am Werk. Kinsun Chan inszeniert dazu einen Schau-Prozess gegen eine Person, die gemäss Programmheft «zu Unrecht verurteilt» wurde. Zwei Männer nehmen eine Frau gefangen, ihr Pas de trois entwickelt sich nach anfänglicher Härte zum virtuosen, lustvollen Sich-Verschlaufen und Sich-Befreien. Opfer und Täter sind ununterscheidbar, auch diese Lebensetappe: eitel Sonnenschein.
Es folgt eine wilde, messer- und gabelscharf und sehr schwungvoll inszenierte Schlacht am kalten Buffet, bevor im Alter der Stuhl zum Rollator mutiert, aber gleich auch wieder zum Klettergerät. Seniorenturnen? Solche Ironie dürfte eher nicht gemeint sein.
Mit einem eindringlichen Solo von Lorian Mader geht es schliesslich ans Sterben. Exquisite musikalische Partner im Finale sind J.S. Bach und Glenn Gould. Zuvor ist bereits viel Barock zu hören, daneben Elektronik. Eine Entdeckung sind die innigen Violinsonaten des französischen Barockmeisters Jean-Baptiste Senaillée (zu finden auch auf Youtube mit Les Arts Florissants).
The Banquet, nächste Vorstellungen: 23., 25., 26., 30. Januar. Weitere Termine im Februar.
Am 26. Januar Vorstellung als U30-Special: Karten für 25 Franken für Menschen unter 30 Jahren, samt anschliessendem Gespräch mit den Protagonist:innen des Abends.
theatersg.ch
Das 14köpfige Tanzensemble ist wie stets blendend im Schuss. Aber dass es Prozesse durchmacht, dass jemand Individualität entwickeln, nicht nur aufblühen, sondern auch altern, Schrammen abkriegen würde und am Ende vielleicht mehr weiss als am Anfang – von solchen Dingen lässt der Tanzchef sein Publikum nichts sehen. Sein Zugang zum Thema scheint ohne Fragen, seine Choreografie ohne Geheimnis, sein Tanz glänzende Oberfläche.
Shakespeare hat die «history» des Lebens nicht nur als «eventful», sondern auch als «strange» bezeichnet. Das geht an diesem Abend vergessen.
Übersetzt in Gebärdensprache
Ein inspirierendes Element in The Banquet ist die Gebärdensprache. Mit ihr haben Kinsun Chan und das Ensemble gearbeitet, Gebärdensprachpoetin Denise Ledermann (die auch schon Stahlberger gebärdet hat, siehe hier) hat den Tänzerinnen und Tänzern ein beeindruckendes Repertoire an Gesten aus der Gehörlosensprache beigebracht.
Der Auftakt zum Stück ist denn auch packend: Zwei einzelne Hände, dann vier, schliesslich acht erzählen die «history» des Lebens in Gebärden-Kurzform. Auch nach der Pause wieder, jetzt auf dem langen Tisch, wiederholt sich das gewitzte Spiel mit Gesten. Teils dreht es sich aber auch im Leeren; von gebärdensprachlichen Laien ausgeführt, verführt die sonst so lebendige Gehörlosensprache leicht zu Pantomime und regelstrengem Formalismus.
«Approach it with hunger»: Mit Hunger soll man das «Festessen» namens Leben besuchen, steht auf dem Programmheft. Die elf mal elf Teller, die zum Auftakt von Teil zwei in Reih und Glied auf der Bühne stehen, sind aber leer. So erfreulich die Aussicht ist, der Tanzsparte künftig am Theater St.Gallen eine eigene Direktion zuzugestehen: Der Hunger auf Tanz mit mehr als nur ästhetisierendem Anspruch bleibt ungestillt mit einer Tanz-Kulinarik, die alle tieferen Fragen des Lebens auf Distanz hält.
Die Tanzkompagnie: Pamela Campos. Mikael Champs, Guang-Xuan Chen, Beatriz Coelho, Dustin Eliot, Swane Küpper, Mei-Yun Lu, Lorian Mader, Naiara Silva de Matos, Lena Obluska, Emily Pak, Piran Scott, Samuel Trachsel, Camille Zany, Minghao Zhao.
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