Mit Barbara-David Brüesch übernimmt eine Regisseurin, die in St.Gallen mit spannenden Inszenierungen die letzten paar Jahre das Sprechtheater bereits mitgeprägt hat. Gut möglich also, dass sich die Wogen rund um die Personalpolitik des künftigen Theaterdirektors mit dieser Wahl wieder etwas glätten.
Von «tabula rasa» war da teils die Rede, auch bei Saiten. Denn Jan Henric Bogen, Opernchef und im November 2021 zum neuen gesamtverantwortlichen Direktor von Konzert und Theater gewählt, hatte Anfang Jahr den Vertrag mit Tanzchef Kinsun Chan nicht verlängert und dem langjährigen Konzertdirektor Florian Scheiber gekündigt. Bereits früher war Schauspieldirektor Jonas Knecht vom Verwaltungsrat nicht verlängert worden.
Manche sahen damit die Bedenken bestätigt, die bereits ein Jahr zuvor aufgekommen waren, als der Verwaltungsrat sein neues Leitungsmodell etablierte: mit stärkerer Hierarchie und der Rückstufung der bisherigen Direktionen auf Spartenleitungen.
Klassiker und heisse Themen
Jetzt, mit der Wahl von Barbara-David Brüesch, stehen die Zeichen wieder stärker auf Kontinuität. 2016 hatte Jonas Knecht Brüesch als Hausregisseurin nach St.Gallen geholt. Mit einem fulminanten Hamlet startete sie hier, es folgten Horvaths Geschichten aus dem Wiener Wald, Bergmans Szenen einer Ehe, Sein oder Nichtsein nach Ernst Lubitsch, Black Rider, Die kleine Hexe, Einige Nachrichten an das All und 2019 das Schauspielprojekt Verminte Seelen über administrative Versorgung. Die Produktion wurde an Festivals, darunter den renommierten Heidelberger Stückemarkt, eingeladen und löste engagierte Diskussionen aus.
Szene aus Verminte Seelen, 2019 in der Lokremise. (Bild: Theater St.Gallen)
Barbara-David Brüesch, Jahrgang 1975, hat zuerst in ihrer Bündner Heimat inszeniert, später an beinah allen deutschsprachigen Schweizer Bühnen, in Zürich, Luzern, Bern, Biel/Solothurn, Winterthur und Basel. Ihr Handwerk lernte sie 1996-2002 an der Hochschule Ernst Busch in Berlin. Sie war ab 2001 als Regisseurin am Staatsschauspiel Dresden engagiert und wechselte 2005 als Hausregisseurin ans Staatstheater Stuttgart.
Sie inszenierte ausserdem für die Berliner Festwochen, Theater Mainz, Ruhrtriennale Essen, Theater Konstanz, Burgtheater und Schauspielhaus Wien, Schauspielhaus Graz sowie für die Bregenzer Festspiele.
Barbara-David Brüesch sei «bestens mit dem Haus wie mit den Ostschweizer Begebenheiten vertraut und steht trotzdem auch für einen Neubeginn», heisst es in der Mitteilung des Theaters von heute. Im Auswahlverfahren wirkten die Journalistin Valeria Heintges, Autor Christoph Keller, Tanja Scartazzini vom St.Galler Amt für Kultur und Klaus Kusenberg, Intendant in Regensburg, mit, zudem gab es ein Hearing mit Vertreter:innen des Ensembles.
Kriterien der Wahl waren gemäss Mitteilung neben dem künstlerischen Profil, Teamfähigkeit, Führungsstil und der Kenntnis der Region eine «wirksame Publikumsansprache» sowie die «Haltung gegenüber den Kernwerten Diversität, Nachhaltigkeit und Partizipation». 22 Bewerbungen waren eingegangen. Erstmals leitet damit eine Frau in St.Gallen die Schauspielsparte.
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Was hat Sie dazu bewegt, sich für die Leitung des Schauspiels in St.Gallen zu bewerben?
Barbara-David Brüesch: Ich möchte die Chance nutzen, im neuen Leitungsmodell des Theaters Impulse zu geben und es mitzugestalten. Es gab ja intensive Diskussionen in der Öffentlichkeit über die neue Struktur – aber es gab auch das Versprechen eines offenen Führungsstils, der alle Beteiligten mitnimmt und einbezieht. Ich traue Jan Henric Bogen diesen Stil zu.
Das neue Modell sieht einen starken Intendanten vor und stuft die bisherigen Direktionen auf Spartenleitungen zurück. Können Sie dahinter stehen?
Das Organigramm sieht tatsächlich so aus, aber in den Gesprächen tönt es anders. Und mich überzeugt, dass Jan Henric Bogen als gesamtverantwortlicher Direktor zugleich weiterhin eine Sparte, das Musiktheater leitet. Spartenübergreifend zu arbeiten und dafür gemeinsam neue Formate zu erarbeiten, darin sehe ich für St.Gallen ein riesiges Potential.
Das war ja auch ein Anliegen von Jonas Knecht, der jetzt gehen muss.
Jonas hat sehr viel geleistet in dieser Beziehung, er hat Formate und Kollaborationen eingeführt, die ich gerne weiterführen will, vor allem auch im Kinder- und Jugendtheater, unter anderem mit dem Festival Jungspund, mit dem Dramenprozessor und anderem. Ich will die Jugendarbeit und Nachwuchsförderung noch weiter ausbauen. Das Theater braucht Nachwuchs und die Basis ist da, mit dem Theaterclub oder dem Schauspielstudio. Jonas Knecht übergibt mir eine gut aufgestellte Schauspielsparte.
Neben dem spartenübergreifenden Denken und dem Kinder- und Jugendtheater: Gibt es weitere Ziele?
Nachhaltigkeit ist ein Riesenthema. Da müssen wir die Theater umbauen. Nachhaltigkeit soll zum einen Thema im Spielplan sein, zum andern aber auch in der Produktion umgesetzt werden. Wir müssen mit den Ressourcen auf der Bühne künftig anders umgehen, mit dem Personal, mit Bühnenbildern, mit der Technik. Heute produzieren die Theater ständig Neues – die Kleine Hexe etwa, die ich in St.Gallen inszeniert habe, war jedesmal ausverkauft und hätte noch länger gespielt werden können. Oft braucht es eine Anlaufzeit, bis sich eine Produktion im Publikum herumgesprochen hat. Auch die Probenzeiten werden tendenziell immer kürzer. Und Uraufführungen werden kaum an anderen Häusern nachgespielt, was auch für die Autorinnen und Autoren unerfreulich ist. Weniger zu produzieren und Stücke länger zu spielen: Das wäre mein Ziel.
Sie haben wie die anderen Bewerber:innen auch einen Muster-Spielplan vorgelegt. Was stand darin?
Darin waren zum Beispiel Projekte in Kooperation mit anderen Häusern, was ebenfalls ein Beitrag zur Nachhaltigkeit ist. Schweizweit müsste es darum gehen, sorgsamer mit den Ressourcen umzugehen. Oder ein Projekt, in dem Jugendliche und Erwachsene mitspielen, mit viel Musik und spartenübergreifend. Natürlich stehen auch Klassiker auf meinem Spielplan. Gutes Erzähltheater finde ich sinnvoll und lustvoll. Wichtig sind mir zudem kleinere Formate, mobile Produktionen auch für Erwachsene, mit denen man im Kanton reisen kann, und Sonderreihen, etwa eine Diskussionsreihe, die ich mir gemeinsam mit Partnern wie etwa dem Palace vorstellen kann. Wir müssen mehr politische Themen ins Haus bringen.
Was bedeutet Ihre Wahl für das Ensemble? Nach den Personalentscheiden von Jan Henric Bogen, der Trennung von Tanzchef Kinsun Chan und Konzertdirektor Florian Scheiber, und nachdem Jonas Knecht bereits früher nicht verlängert worden war, war ja von einem «Kahlschlag» die Rede.
Ich war in den letzten Jahren als Hausregisseurin bei der Anstellung mehrerer Ensemblemitglieder im Schauspiel ja mit einbezogen. Es kommt sicher nicht zum grossen Köpferollen. Allerdings soll das Theater diverser werden. Ich möchte im Ensemble Platz haben für Gäste mit unterschiedlicher Herkunft, für Performer:innen oder sogenannte «Experten des Alltags». Die homogenen Schauspiel-Ensembles, wie sie weitherum üblich sind, repräsentieren unsere vielfältige Gesellschaft nicht mehr angemessen.
Barbara-David Brüsch, 2016 beim «Redeplatz»-Interview für Saiten. (Bild: Tine Edel)
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