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Leidenschaft und Leiden

Seit den 70ern ist viel passiert, politisch und privat. Die Frage, wie zwei Menschen sich über längere Zeit gegenseitig aushalten, vielleicht sogar lieben können, bleibt über alle Phasen aktuell. Ein Besuch bei der Premiere von «Szenen einer Ehe» am Theater St.Gallen.
Von  Julia Kubik , 
Marianne (Diana Dengler) und Johan (Matthias Albold). Bilder: Sebastian Hoppe, Theater St.Gallen

Das Theater beginnt als Film: als frontale Realitätsdok, die echten Paaren Fragen über ihre Beziehung stellt. Sind Sie verheiratet? Schon lange? Sind Sie glücklich? Würden Sie Sich heute noch einmal von neuem für die Ehe entscheiden? Wovor haben Sie Angst?

Das löst schon in den ersten Minuten viele Lacher und erstauntes Gemurmel aus und lockert die Stimmung. Es sind verschiedene Paare, jung und alt, hetero- und homosexuell, in der ersten oder dutzendsten Beziehung.

Blick in den Abgrund

Mit dem Verschwinden der grossen Leinwand setzt das mehrdimensionale Theater ein. Marianne (Diana Dengler) und Johan (Matthias Albold) in ihrem Wohnzimmer, zu Besuch das befreundete Paar: Katarina (Jessica Cuna) und Peter (Christian Hettkamp). Dieses erste Bild sieht aus wie aus einem Schöner-Wohnen-Katalog der 70er-Jahre. Gesellige Harmonie adretter Leute, die gut verdienen und sich gut benehmen. Die Gläser passen zum jeweiligen Getränk, es wird gescherzt und gelacht.

Bald darauf beginnt dieses Bild zu bröckeln. Peter ist der offensichtlich betrunkenste, der sich ständig selber nachschenkt, dann jedesmal «Skål ihr zwei!» dem Gastgeberpaar zuprostet, sein Glas stürzt und hämisch lacht. Peter und Katarina befinden sich im Trennungskrieg und beginnen sich bei jeder Gelegenheit und mit steigendem Pegel heftiger gegenseitig zu demütigen.

«Tief in Katarinas Innern sitzt ein kleines Mädchen, das heult, weil es sich beim Hinfallen verletzt hat und niemand da ist, der es tröstet. Und ich, ich sitze in der anderen Ecke und bin frustriert, weil Katarina mich nicht liebt, obwohl ich gemein zu ihr bin.» Scharfsinnig selbstreflektiert sind die beiden, die Probleme werden dadurch aber weder verhindert noch verharmlost.

Dem gegenüber steht die stabile Perfektion von Johan und Marianne. Ihre Worte und Sätze wirken mechanisch. Alles wird rücksichtsvoll gegenseitig versichert und abgeglichen, und niemand hat absichtlich vor, den andern zu verletzten. Zumindest noch nicht. «Ein Blick in den Abgrund der Hölle tut euch gut!» ruft Peter, kurz bevor er betrunken ins Schachbrett fällt.

Dieselbe Sprache

Schon in dieser ersten Szene von Barbara-David Brüeschs Inszenierung wird eine breite Auslegeordnung zwischenmenschlicher Dramen offenbart. Selbsthass, Zweifel, Stagnation, Angst vor Nähe und Distanz zur gleichen Zeit. Als die Freunde weg sind und alle Krümel mit dem Handstaubsauger (grossartige Requisite!) aus den Sofaritzen gesaugt, bleibt ihnen plötzlich unangenehm viel Raum, über die eigene Beziehung laut nachzudenken.

Beide zweifeln das Konzept der Ehe offen an, beteuern aber im gleichen Zug, dass es bei ihnen anders sei. Bei ihnen ist alles gut und ihnen fehlt nichts. Kurze, routinierte Küsschen zementieren diese Versicherung. Marianne sagt: «Ich weiss, was Katarinas und Peters Problem ist: Sie sprechen einfach nicht dieselbe Sprache und müssen deshalb immer alles in eine dritte Sprache übersetzen, die dann beide verstehen. Wir sprechen dieselbe Sprache, deshalb verstehen wir uns auch so gut.»

Dann die erste Bettszene: Kein Sex, dafür ein auswegloses Gespräch. Marianne ist schwanger und weiss nicht, ob sie es wirklich sein will. Sie hat halb-unabsichtlich die Pille vergessen und aus einer Mischung von schlechtem Gewissen und Akzeptanz des Schicksals spielt sie mit dem Gedanken, das Kind zu behalten. Johan stimmt ihren jeweiligen schwankenden Meinungen zu – Hauptsache kein Streit und keine noch längere Diskussion. Nur einmal wirft er ihr vor: «Und du willst eine moderne Frau sein?» Schliesslich entscheidet sie sich für die Abtreibung.

Über Sex sprechen sie später auch. Johan wirft ihr vor, zu ambitioniert und streng zu sich zu sein, und sie ihm, dass er ihr das vorwirft. «Leidenschaftlich ist es weissgott nicht, aber ich tu wirklich mein Bestes.» Ein krummer Widerspruch in sich.

Ausgefeilte Rundumproduktion

Die Bühne (Damian Hitz) ist als klassischer White Cube gestaltet: ein offener, kantiger, hell ausgeleuchteter Raum. Akzentuiert wird er von wenigen Gegenständen, die zusammen mit Maske und Kostüm (Bernhard Duss) die jeweilige Zeit (70er, 80er, 90er) und den aktuellen Raum (Wohnzimmer, Schlafzimmer, Büro) definieren. Was zu Beginn noch wie eine überzeichnete 70er-Mottoparty wirkt, wird im Verlauf des Stücks spielerisch ausgebreitet und führt zu amüsanten Übergängen.

«Szenen einer Ehe» läuft noch bis zum 21. Dezember am Theater St.Gallen. theatersg.ch

Der Drehbuch- und Theaterautor Ingmar Bergmann würde dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiern. Das Kinok zeigt im Oktober eine Retrospektive mit ausgewählten Filmen.

Als Möglichkeit der Stereo-Handlung und Bühnenbilderweiterung werden manche Szenen auf die grosse Leinwand übertragen. Das Videokonzept von Heta Multanen ist technisch geschickt gemacht, da man immer wieder das Gefühl der Übersichtskontrolle verliert, wenn eine offensichtlich live-gefilmte Szene noch weiterläuft, während sich das originale Geschehen plötzlich ändert. Auch die Paar-Interviews vom Beginn werden etappenweise fortgesetzt. Die Rolle der Interviewerin übernimmt dabei Dramaturgin Anja Horst.

Neben allgemeiner Atmosphärenvermittlung spielt auch die Musik (Sandro Corbat) eine wichtige Rolle zur Dekadeneingrenzung. Grosse Hits von Abba, Nirvana, Soft Cell & Co. werden in angemessener Kostümierung in die Zwischenzone von Haupt-und Rahmenhandlung gespielt. Grosse Popkultur, gebrochen von der Absurdität ihres Einsatzmoments.

Eine besondere Rolle haben zudem die Technikerinnen und Techniker, die hier alles tun, was sie auch bei anderen Produktionen tun, nur sichtbar. Auf ihren Rücken steht «Dresser» «Requisite» oder «Maske», und bei jedem gröberen Bühnenumbau treten sie auf, erledigen höchst effizient ihre Arbeit und treten wieder ab.

Eva (Anja Tobler) und Johan (Matthias Albold).

Später passieren verschiedene Dinge, Johan verreist für eine Zeit und Peter und Katarina tauchen nur noch in der singenden Pop-Parallelwelt auf. Als Johan wiederkommt, offenbart er Marianne, dass er seit einiger Zeit eine Affäre mit der 23-jährigen Studentin Paula hat. Spätestens da fällt die Harmonie sichtbar zusammen.

Es folgt ein verzweifelter Kampf um Ende oder mögliche Wiederbelebung der Ehe. Dann folgt, im doppelten Sinn, eine Szene der nächsten. Einige davon spielen sich in Johans Büro ab, wobei klar wird, dass Paula nicht seine einzige Aussenbeziehung war. Auch die sehr souverän und selbstbestimmt auftretende Sekretärin Eva (Anja Tobler) spielte schon einige Zeit eine wichtige Rolle in seinem Liebesleben.

Die letzte Szene spielt in einem schwarzen Auto. Marianne und Johan sind auf dem Weg in einen gemeinsamen Kurzurlaub, erzählen sich von ihren neuen Partnern und verschiedenen Leben und wirken zum ersten mal wie Verliebte.

Keine Lösungen

Szenen einer Ehe wurde 1973 als Serie im schwedischen Fernsehen ausgestrahlt. Kurz darauf erschien die gekürzte Kinofassung und lief zwei Jahre später erstmals auch im deutschsprachigen Raum. Trotz aller wirtschaftlichen und lebensweltlichen Entwicklungen der letzten 5 Jahrzehnte ist der Stoff noch immer aktuell respektive ungebrochen interessant, weil die Liebe – in Eheform gegossen oder frei – nach wie vor ein Zugpferdthema aller möglichen Lebensgestaltungen ist. Oder weil das Drama um Freiheit und Geborgenheit, einmal entfacht, bis zum Tod nie mehr endet.

Auf jeden Fall wird es hier seziert, einmal mehr, und eine fertige Antwort darauf, wie eine glückliche Ehe funktionieren könnte, gibt es noch immer nicht.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

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Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

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Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

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Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

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Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

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Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

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Von René Hornung,
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Hu­mor und Hal­tung

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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

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Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

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Von René Hornung,
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Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

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Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter