«Der Herr Bräutigam in spe können sich gratulieren.» So liest sich das, im gestelzten k.u.k.-Tonfall des alten Rittmeisters, in Horváths Stücktext. Marianne, die künftige Braut, ist da grad weg, um in der Wohnung oben nach dem vermissten Sockenhalter des Zauberkönigs, ihres Vaters zu suchen. Unten auf der Gasse tauschen Rittmeister, Zauberkönig und der «Bräutigam in spe», Fleischermeister Oskar, ihre Floskeln aus.
Und so sieht das aus, in der St.Galler Inszenierung: Marianne ist nicht weg, sondern kriecht suchend auf dem Boden, richtet sich dann in Zeitlupe zu einem grotesken Kopfstand auf, die roten Schuhe in der Luft, den Hintern den drei Herren zugekehrt, diese erstarren in einem ebenso grotesken Balztanz, und die «Gratulation» des Rittmeisters scheppert aufs Mal bösartig anzüglich und so verstimmt, wie die «Schöne blaue Donau» immer wieder aus den Lautsprechern walzert.
In der Puppenklinik: Das Ensemble.
So inszeniert, steckt in der kleinen Szene am Anfang schon das ganze Elend des Stücks, die Katastrophe dieser Marianne, des «süssen Madels», das im Wiener Kleinbürgermief der Krisenjahre zwischen den Kriegen unter alle Räder kommt: vom «Halodri» Alfred geschwängert und vom rabiaten Vater verstossen, das Kind von der Stiefgrossmutter umgebracht, zur Prostitution gezwungen und schliesslich wieder in den Armen des Fleischers Oskar gelandet, den sie nie geliebt hat.
AUS steht in grossen Lettern am Ende an der schwarzen Wand, der Zauberkönig hat sie hingeschmiert, nachdem ihn im Variété beim Anblick seiner Tochter der Schlag getroffen hatte und er seine Puppenklinik aufgeben muss. «Aus» ist es aber von Anfang an in Horváths scharfsichtiger Gesellschaftsanalyse. Und «aus» ist es in der St.Galler Inszenierung schon von Beginn weg mit aller Wien-Seligkeit.
Kalte Strasse: Zauberkönig Matthias Albold und der Bräutigam in spe (Nils Torpus).
Die «stille Strasse» mit der Fleischerei, der Puppenklinik und dem Tabak-Trafik: Gestrichen. Hier gibt es nur eine schwarze Wand, die die düstere Spielfläche unten von der hart erleuchteten Bühne oben trennt. Requisiten: drei, vier Stühle, sonst nichts. Ausstattungs-Fantasie steckt allein in der überdrehten Dauerwelle des Zauberkönigs und den übrigen, witzigen Frisuren. Hausregisseurin Barbara-David Brüesch und ihr Frauenteam (Claudia Rohner, Bühne, Heidi Walter, Kostüme und Zenta Haerter, Choreografie) entrümpeln das Stück radikal und laden es dafür mit choreografischer Raffinesse auf, untermalt von Walzerbrutalität (Musik Christian Müller und Andi Peter).
Birgit Bücker liest ihrem Enkel Alfred (Fabian Müller) die Leviten.
Diese Inszenierung hat nichts mit Atmosphäre am Hut, hier gibt es keine Fassade, hinter der sich die kleinbürgerlichen Abgründe auftun würden in diesem «Volksstück gegen das Volksstück», wie Erich Kästner es genannt hat. Hier ist von Beginn weg der Mensch so nackt wie Marianne am Schluss. Oskars frühe Einsicht: «Man ist und bleibt allein» gibt die Tonart vor. Königin in diesem erbarmungslosen Reich ist die Grossmutter (Birgit Bücker dämonisch schwarz, mit grandioser Kälte und Herrscherinnenpose), die aus ihrer Ecke unten die Fäden zieht und ihre Drohung wahrmacht: «Ich krieg meine Leut schon noch runter.»
Handgreiflich und subtil
Das St.Galler Ensemble in Grossbesetzung (sowie Nils Torpus als Gast in der Rolle des tollpatschigen Oskar) stürzt sich virtuos in die Choreos und Pantomimen, am wildesten im (nicht endenwollenden) Heurigenbesäufnis zu Beginn des dritten Teils. Aber es bietet auch Subtileres wie Oskars komisch-hilflosen Bonbon-Slapstick, mit dem er seine Marianne verführen will, oder Valeries (Diana Dengler) im Wortsinn handgreiflichen Pragmatismus im Umgang mit ihren Männern.
Ohne Kapital, ohne Moral: Diana Dengler, Fabian Müller, Anja Tobler, Oliver Losehand, Birgit Bücker.
Zwischen all den luschen Figuren, dem groben Havlitschek (Marcus Schäfer), dem windigen Alfred (Fabian Müller), dem polternden Zauberkönig (Matthias Albold), dem aufrechten Rittmeister (Hans Jürg Müller), dem wüsten Nazi Erich (Dimitri Stapfer), Anja Tobler und Oliver Losehand in Doppelrollen sowie der Tänzerin Swane Küpper – zwischen all den Figuren ohne Moral und Kapital, geknebelt vom patriarchalen Irrsinn und verlassen von einem Gott, der nicht sagt, was er mit ihr vorhat: Marianne.
Nächste Vorstellungen: 4. November 14.30 und 19.30 18., 22., 26., 29. November Theater St.Gallen
theatersg.ch
Anna Blumer trägt den Ernst und die Traurigkeit dieser Marianne im Gesicht und im Körper, aber man nimmt ihr genauso die Rebellin ab, wenn sie die Verlobung platzen lässt und es wagt, ihr eigenes Leben einzufordern. Wie aussichtslos das von Anfang an ist, spürt und sieht man – etwa an der Geste, mit der sie die nicht vorhandene Schaufensterscheibe ihrer Puppenklinik putzt. Oder am Kinderwagen, der ihren kleinen Leopold in ein besseres Leben kutschieren soll: bloss ein leeres Gestell ohne Kind und Wagen.
So schwächliche Typen bei Horváth auch die Männer sind: Ihr System hält dicht, sie sind wie Alfred «an dieser ganzen Geschicht eigentlich unschuldig». Havariert und eingesperrt in ihre Stereotypien: Die Figuren auf der St.Galler Bühne, ob männlich oder weiblich, hätten selber eine Puppenklinik nötig. Doch der Zauberkönig repariert nicht mehr.
Bloss für Junge und Alte?
Vor vollem Haus zum Start der Wiederaufnahme hinterliess die Inszenierung, dem Applaus nach zu schliessen, neben Begeisterung auch Irritation. Wer das vertraute Horváth-Wien sucht, findet es hier tatsächlich nicht. Wer sich «Stille», Horváths immer wieder mit Bedacht gesetzte Regieanweisung, erhoffte, hoffte ebenfalls vergebens. Wer aber fragt, wie man einen bald 90jährigen Klassiker ohne angestrengte Aktualisierung aktuell spielen kann, bekommt mit dieser Inszenierung eine Antwort.
Regisseurin Brüesch gewichtet die Zeitlosigkeit der Figuren höher als das Zeitkolorit. In ihrem «Wiener Wald» werfen die Bäume beziehungsweise Mauern des Sexismus und der Frauenfeindlichkeit bis heute lange und beklemmende Schatten. Im Gegensatz zu vielen älteren Semestern und mehreren Schulklassen fehlte zumindest an diesem Mittwochabend im Publikum aber ausgerechnet die mittlere Generation, die Generation MeToo.
Das Happy-End bleibt aus: Oskar (Nils Torpus) und Marianne (Anna Blumer), rechts die Mutter (Anja Tobler).
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.