Das haben Sie schön gesagt!

Mögen Sie Hörspiele? Gut. Denn im vertrackten Ehe-Quartett «Illusionen» am Theater St.Gallen spielt der Text fast die einzige Rolle. Zum Glück ist er so gut, dass sich ein Besuch in der Lokremise lohnt. Sebastian Ryser war an der Premiere.
Von  Gastbeitrag
Betrügen, verletzen, aushalten: Boglarka Horvath im Stück von Iwan Wyrypajew. (Bilder: Tine Edel)

Nicht nur die CVP scheint sich dafür zu interessieren, was eine «gute» Ehe ist. Zwischen dem konservativen Weltbild der Familieninitiative und postmodernen Gemeinschaftsformen ist die Ehe gegenwärtig so aufgeladen, dass sie auch für die Bühne interessant ist.

Aber das ist natürlich nichts Neues: Die Konflikte, die sich an der Liebe und ihren Verwirrungen entzünden, haben im Theater seit jeher Konjunktur. Keine Überraschung also, dass auch viele zeitgenössische Stücke von glücklichen und meist weniger glücklichen Eheleuten bevölkert sind. Es wird betrogen, verletzt und ausgehalten. Aber das selten so klug und entrückt und hintersinnig wie in Iwan Wyrypajews Illusionen.

Das ist selbstverständlich ein Witz

Das Stück des russischen Dramatikers ist ein leiser, unaufgeregter Geniestreich. In seiner Form kommt es simpel daher: Vier junge Leute erzählen in langen Monologen die Geschichte von zwei alten Ehepaaren, beide über 80, beide seit Jahrzehnten verheiratet. Es ist eine Geschichte über wahre Liebe, über Freundschaft, über suspekte Himmelserscheinungen und über die quälende Unbeständigkeit des Lebens.

Lokremise Theater St.Gallen; Schauspiel von Iwan Wyrypajew

Andrea Haller beim Ehestellen.

Die Geschichte, die von den jungen Leuten erzählt wird, beginnt mit dem hochbetagten Danny. Dieser liegt im Sterben und lässt nach 50 Jahren Ehe in einem vor Dankbarkeit triefenden Monolog vor seiner Frau Sandra noch einmal ihre gemeinsame Liebe Revue passieren. Für einen Stückanfang eine ziemlich grosse Ladung Pathos. Aber der ist schon nach wenigen Sätzen verpufft: Denn Sandra wiederum gesteht wenig später Albert, dem besten Freund ihres verstorbenen Mannes, dass sie nicht Danny, sondern nur ihn geliebt habe.

Und das ist erst der Anfang. Albert, dem Sandras Geständnis den Kopf verdreht hat, glaubt nun seinerseits, sein Leben lang nur diese geliebt zu haben. Als er seiner Frau Margret das gesteht, erfindet diese wiederum kurzerhand eine Affäre zwischen ihr und Danny. Das komplexe Verwirrspiel, das schlingernd um die «wahre» Liebe kreiselt, nimmt seinen Lauf.

Das Stück ist aber mehr als ein Sommernachtstraum mit hochbetagten russischen Rentnern. Der Text zeigt gleichzeitig, wie fragil eine Lebensgeschichte ist. Wie einfach sie umgeschrieben oder neuerzählt werden kann und wie schnell Fakten und Fiktion ineinander kippen. Denn nicht nur die Alten in der Geschichte haben sich anscheinend nicht immer die Wahrheit gesagt. Man weiss nie genau, ob man nicht auch von den jungen Erzählern an der Nase herumgeführt wird. Hat wirklich jemand Krebs? Sind die tatsächlich Geschwister? Hat die sich wirklich stundenlang im Schrank versteckt? Schnell verliert man sich auch als Zuschauer in Wyrypajews Illusionen.

Lokremise Theater St.Gallen; Schauspiel von Iwan Wyrypajew

Bühnen-Illusionen mit (vorne) Marcus Schäfer.

Minimale Mehrfach-Bühne

Was passiert nun, wenn einer wie Stephan Roppel dieses leise, kluge Stück in die Hand nimmt, der jahrelang die Zürcher Winkelwiese geleitet hat und dem für die Leitung des Dramenprozessors (die Schmiede der Schweizer Nachwuchsdramatik) der Schweizer Theaterpreis verliehen worden ist? Roppel stellt Wyrypajews Text in das Zentrum seiner Inszenierung. Er lotet seine Facetten aus und sucht nach den feinen Zwischentönen. Darin ist die Inszenierung stark. Den Rest aber reduziert sie auf ein Minimum.

Für das Bühnenbild hat Petra Strass die Lokremise vervielfacht: In der Mitte der leeren Bühne steht auf einem Tischchen ein Modell der selben leeren Bühne (inklusive flacher Pappe-Figuren), und im Verlauf des Stücks werden hohe, schwere Kuben auf die Bühne geschoben, die die Struktur der Wände aufnehmen.

So wie die Geschichte der Alten mit jeder neuen Wendung und Verwirrung brüchiger wird, so beginnt sich auch der Raum aufzulösen. Dieses doppelte «mise en abyme» ist visuell schön, metaphorisch aber etwas plump.

Schleichen und sprechen

Und vor allem wird der Raum von den vier Erzählerinnen und Erzählern, Andrea Haller, Boglárka Horváth, Matthias Albold und Marcus Schäfer, kaum bespielt. In bürgerlichem Look (als präsentierten sie die neuste Kollektion von Mode Weber) schleichen sie in choreografierten Gängen über die Bühne, sinken in Zeitlupe in sich zusammen, imitieren manchmal Bewegungen der Anderen, schauen aber meistens einfach der Person zu, die gerade erzählt. Um das Erzählen soll es offensichtlich gehen, irgendwelche Ablenkung davon lässt der Roppelsche Minimalismus gar nicht erst zu.

Lokremise St.Gallen, weitere Vorstellungen bis 6. März. theatersg.ch

Man merkt, mit welcher Genauigkeit an den Feinheiten und am Tempo des Textes gearbeitet wurde. Die Spielerinnen und Spieler arbeiten sich sprechend durch seitenweise Monolog. Dabei sie sind eindringlich, ironisch, zögernd, laut, scheu, sie gestikulieren und spielen mit dem ganzen Körper. (Einzig die kleinen Flachfigürchen aus Pappe hätten sie lieber in der Modellbühne gelassen). Nur in wenigen Momenten wirken sie etwas verloren, mit nichts als ein paar Kuben im Hintergrund und den riesigen Textbergen vor sich.

Lokremise Theater St.Gallen; Schauspiel von Iwan Wyrypajew

Vertracktes Spiel mit der Fiktion: Boglarka Horvath, Matthias Albold.

Warum tun sie das?

Das eigentliche Problem der Inszenierung ist aber ein anderes: Egal wie gut die Schauspieler den Text sprechen, sie sprechen einfach den Text. Man fragt sich unweigerlich: Wer sind die vier Leute, die dem Publikum diese Geschichte erzählen? Und wieso tun sie das überhaupt? Lügen sie? Wollen sie uns berühren? Belehren? Unterhalten?

Solchen Fragen verweigert sich die Regie komplett. Sie setzt alleine auf die im Stück erzählte Geschichte. Und die ist ja auch sehr gut. Nur bleibt unklar, was Roppel am Stück eigentlich interessiert hat. Ist es die Liebe? Gegenseitigkeit als deren Bedingung? Das vertrackte Spiel mit der Fiktion? Eine Antwort gibt es nicht, und so bleibt das Stück über weite Teile schön gesprochener Text. Trotzdem: warmer Premierenapplaus, auch für die Inszenierung.

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Gastkommentar

Kul­tur­jour­na­lis­mus – ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit

Von  Johannes Sieber
Johannes sieber

Schü­ler:in­nen auf den Spu­ren Wi­bora­das

An­na Beck-Wör­ner hat ein Wi­bora­da-Un­ter­richts­heft er­ar­bei­tet. Im Pos­ten­lauf, der durch St.Gal­len führt, kön­nen Schü­ler:in­nen an­hand von Wi­bora­das Le­bens­weg lehr­plan­kon­form The­men wie Ge­mein­schaft, Le­bens­form, Bü­cher oder Iden­ti­tät er­ar­bei­ten.

Von  Kathrin Reimann
2605 Wyborada Laura Tura Crossing

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1