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Erinnern ist körperlich

Blick in die Ausstellungsräume der LOK (Bild: Sebastian Stadler)

Blick in die Ausstellungsräume der LOK (Bild: Sebastian Stadler)

Sara Masüger macht in ihrer Ausstellung «Gedächtnislandschaften» die Praxis des Erinnerns körperlich spürbar – porös, glänzend und manchmal trügerisch.

Für den Kunst­raum in der LOK hat die Schwei­zer Künst­le­rin Sa­ra Ma­sü­ger raum­grei­fen­de skulp­tu­ra­le Kör­per ge­schaf­fen, die beim Be­tre­ten ein neu­es Raum­ge­fühl ent­ste­hen las­sen. Die mehr­fach aus­ge­zeich­ne­te Künst­le­rin ist in St.Gal­len kei­ne Un­be­kann­te: Be­reits 2023 war sie in der «Spot­light»-Aus­stel­lung im Kunst­mu­se­um St.Gal­len zu­sam­men mit in­ter­na­tio­na­len Künst­ler*in­nen ver­tre­ten, zu­dem be­fin­den sich zahl­rei­che ih­rer Wer­ke in der Samm­lung des Mu­se­ums. Am ver­gan­ge­nen Frei­tag wur­de nun fei­er­lich ih­re Aus­stel­lung in der LOK er­öff­net.

Mit der Aus­stel­lung «Ge­dächt­nis­land­schaf­ten» be­schrei­tet Ma­sü­ger neue We­ge, in­dem sie Ar­chi­tek­tur und Skulp­tur im In­nen­raum mit­ein­an­der ver­bin­det. Ih­re Fi­gu­ren ha­ben et­was von «Kunst am Bau» an sich, sind na­he­zu un­fi­gu­ra­tiv. Ge­ra­de da­durch er­mög­li­chen sie ei­ne kör­per­li­che Er­fah­rung der Kunst, die zu­gleich den Blick auf das The­ma Er­in­ne­rung lenkt. 

Spu­ren des Ma­chens

Ein po­rö­ser Berg, ge­formt aus den Ab­drü­cken der Hän­de, die ihn in kon­zen­trier­ter Ei­le schu­fen und an man­chen Stel­len noch sicht­bar sind, bil­det das Tor zur Aus­stel­lung. Die orts­spe­zi­fi­sche In­stal­la­ti­on 37 Gradwirkt we­ni­ger durch vi­su­el­le Glatt­heit als durch die Spu­ren des Ma­chens. In zahl­lo­sen Ar­beits­stun­den im Ate­lier des Sit­ter­werks hat Sa­ra Ma­sü­ger, die sich selbst als Work­aho­lic be­zeich­net, ei­ne Ar­beit ent­wi­ckelt, die dem her­aus­for­dern­den Raum der LOK selbst­be­wusst die Stirn bie­tet. «Ich ha­be jetzt kei­ne Angst mehr vor dem Raum», sagt die Künst­le­rin, die klei­ne­re Aus­stel­lungs­räu­me oft als «dank­ba­rer» zu be­spie­len emp­fin­det.

Die Künstlerin Sara Masüger (Bild: Katalin Deér)

Die Künstlerin Sara Masüger (Bild: Katalin Deér)

Der aus Gips ge­form­te Berg mit in­te­grier­ter Grot­te ist ein Ein­mal­kunst­werk – nach En­de der Aus­stel­lung wird es zer­stört. Was bleibt, ist nicht das Ob­jekt, son­dern die Er­in­ne­rung an die Er­fah­rung des Ma­te­ri­als. Mit der Ver­gäng­lich­keit ih­rer Kunst hat Ma­sü­ger längst ei­nen ei­ge­nen Um­gang ge­fun­den: «Ich lie­be es ein­fach zu ar­bei­ten, das macht mich glück­lich.» Im­mer wie­der be­tont sie: «Das Ma­te­ri­al gibt den Ton an bei mir.»

Er­in­nern als kör­per­li­che Pra­xis

Der weis­se Rie­se, der sich beim Be­tre­ten der Aus­stel­lung vor den Be­su­chen­den auf­türmt, stellt die­se nicht nur vi­su­ell, son­dern vor al­lem kör­per­lich vor ei­ne Her­aus­for­de­rung. Sei­ne Po­si­tio­nie­rung er­in­nert an Jo­seph Beuys’ Ge­dan­ken, den Weg durch ei­ne Aus­stel­lung nicht nur als Kunst, son­dern auch als Auf­for­de­rung zu ver­ste­hen, die ei­ge­ne krea­ti­ve und ge­stal­te­ri­sche Kraft zu be­grei­fen und aus­zu­pro­bie­ren. Nach ei­ni­gem Zö­gern gilt es, sich su­chend ei­nen ei­ge­nen Pfad durch den Berg zu bah­nen.

Sara Masügers Werk 37 Grad (Bild: Sebastian Stadler)

Sara Masügers Werk 37 Grad (Bild: Sebastian Stadler)

37 Grad evo­ziert un­ter­schied­li­che For­men von Kör­per­lich­keit: die Wär­me des ei­ge­nen Kör­pers, die An­stren­gung ei­ner Stei­gung, den Win­kel ei­ner Be­we­gung. Der Werk­ti­tel kann zu­dem ei­ne be­drü­cken­de Di­men­si­on ent­fal­ten, be­son­ders in der Par­al­le­le zur mah­nen­den In­stal­la­ti­on in der KZ-Ge­denk­stät­te Bu­chen­wald – ei­ner auf ex­akt 36.5 Grad er­hitz­ten Me­tall­plat­te auf dem ehe­ma­li­gen Ap­pell­platz. Auch bei Ma­sü­ger wird Kör­per­lich­keit zum zen­tra­len Trä­ger von Er­in­ne­rung: Sie ver­weist auf das einst Le­ben­di­ge und macht des­sen Ver­letz­lich­keit spür­bar – be­son­ders dort, wo die hoch­po­lier­te Steil­wand des Ber­ges, an In­nen­räu­me Za­ha Ha­dids er­in­nernd, an ih­rer Rück­sei­te in ei­ne zer­flies­sen­de Form über­geht und schliess­lich im Nichts des Rau­mes zu ver­schwin­den scheint.

Lack am sei­de­nen Fa­den

Hin­ter dem Gips­mo­nu­ment tropft es von der De­cke. Schwer, fast le­ben­dig und un­heim­lich in ih­rer Prä­senz, er­in­nern die tief­schwar­zen trop­fen­för­mi­gen Skulp­tu­ren an die sur­rea­len Wel­ten von H.R. Gi­ger und las­sen die Gren­ze zwi­schen Or­ga­ni­schem und Künst­li­chem ver­schwim­men. An dün­nen Fä­den hängt die zwei­te In­stal­la­ti­on, No­ta­ti­on, trau­ben­ar­tig im Raum. Bei gu­tem Wet­ter, wenn der Wind durch die ge­öff­ne­ten Dach­fens­ter weht, ge­rät die Ar­beit leicht in Schwin­gung, wo­durch ih­re ölig-glän­zen­de, me­las­se­ar­ti­ge Ober­flä­che noch rea­ler wirkt und ein kaum wahr­nehm­ba­rer Klang zu ent­ste­hen scheint.

Doch der Schein trügt: Bei Ma­sü­ger ent­puppt sich je­de Re­fle­xi­on als Il­lu­si­on, und die schein­ba­re Per­fek­ti­on of­fen­bart sich als blos­se Nach­ah­mung. Beim ge­naue­ren Hin­se­hen zei­gen die trop­fen­för­mi­gen Kör­per, dass ih­re Ober­flä­che nichts an­de­res als Lack ist. Farb­li­che Ak­zen­te er­hal­ten die bei­den skulp­tu­ra­len Wer­ke 37 Grad und No­ta­ti­on erst durch das Spiel der Re­fle­xio­nen in der da­hin­ter­lie­gen­den Fens­ter­front und der Be­grü­nung draus­sen. Auch der Klang er­weist sich als Trug­bild der Sin­ne, wenn der dröh­nen­de Berg auf die schwe­re, ru­hi­ge Tropf­land­schaft trifft. 

Sa­ra Ma­sü­ger – «Ge­dächt­nis­land­schaf­ten»: bis 2. No­vem­ber, Kunst­raum in der Lok­re­mi­se, St.Gal­len.
sai­ten.ch/ka­len­der

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
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Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
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Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
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Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
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Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
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Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
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Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
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Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
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Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
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Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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