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Formen aus dem Feuer und Filme mit Folgen

Ausstellungsansicht «Klang der Erde» im Kunstmuseum Appenzell (Bild: pd/Stefan Rohner)

Ausstellungsansicht «Klang der Erde» im Kunstmuseum Appenzell (Bild: pd/Stefan Rohner)

In Appenzell sind zurzeit zwei Kunstausstellungen zu sehen, die Transformationen aus ganz unterschiedlichen Ecken beleuchten: Keramik im Kunstmuseum und Kurzfilme von Roman Signer in der Kunsthalle. 

Wer den ers­ten Raum im Kunst­mu­se­um Ap­pen­zell be­tritt, könn­te im ers­ten Mo­ment mei­nen, in ei­nem ar­chäo­lo­gi­schen Mu­se­um ge­lan­det zu sein. An der Wand hän­gen Was­ser­spei­her und Ke­ra­mik­mas­ken, die an Fun­de aus ei­ner Epo­che aus vor­christ­li­cher Zeit er­in­nern. Bei ge­naue­rem Hin­schau­en wird klar: Die Ob­jek­te ha­ben kei­ne Ris­se und die Gla­su­ren glän­zen wie frisch aus dem Brenn­ofen. Es sind Ke­ra­mik­kunst­wer­ke von Shah­pour Pou­yan und Mar­tin Chra­mos­ta. Sie sind zwei der ins­ge­samt 13 in­ter­na­tio­na­len Künst­ler:in­nen, die in der Aus­stel­lung «Klang der Er­de / Ke­ra­mik in der zeit­ge­nös­si­schen Kunst» ih­re Wer­ke zei­gen. Sie al­le set­zen Ke­ra­mik als zen­tra­les künst­le­ri­sches Me­di­um ein. Es ist die ers­te Aus­stel­lung in der Schweiz, die sich mit ak­tu­el­ler Kunst aus Ke­ra­mik aus­ein­an­der­setzt.

Je­der der ins­ge­samt elf Räu­me wid­met sich ei­ner an­de­ren The­ma­tik, wo sich Wer­ke von ver­schie­de­nen Künst­ler:in­nen ge­gen­über­ste­hen. Im zwei­ten Raum ist die Ar­chi­tek­tur im Fo­kus, bei­spiels­wei­se mit ei­nem Werk aus der Rei­he fal­se ru­ins and lost in­no­cence von Isa Mels­hei­mer. Es zeigt ei­nen Roh­bau von Le Cor­bu­si­er mit ei­nem gros­sen Pfer­de­kopf in der Mit­te, der meh­re­re Stock­wer­ke ein­nimmt und des­sen Maul aus dem Ge­bäu­de her­aus­ragt. Ein ma­ka­be­res Bild, dass an die iko­ni­sche Sze­ne in Der Pa­te er­in­nert, als der auf­stre­ben­de Sän­ger John­ny Fon­ta­ne den Kopf sei­nes Renn­pferds in sei­nem Bett fin­det. Im Raum lie­gen aus­ser­dem zwei Wal­her­zen, eben­falls von Mels­hei­mer, die die blu­ti­ge und ar­chi­tek­to­ni­sche Spra­che des Pfer­de­kopfs wei­ter­füh­ren und ein La­by­rinth von Ve­nen und Ar­te­ri­en zei­gen. Für sol­che Kon­struk­tio­nen ar­bei­tet die Künst­le­rin mit Stüt­zen, da­mit die Hohl­räu­me vor dem Bren­nen nicht in sich zu­sam­men­fal­len.

Was Ke­ra­mik al­les kann

Die Künst­ler:in­nen ar­bei­ten mit un­ter­schied­li­chen Tech­ni­ken, die teil­wei­se aus der tra­di­tio­nel­len ja­pa­ni­schen Por­zel­lan­her­stel­lung stam­men. Zu­dem kom­men ver­schie­de­ne Ma­te­ria­li­en wie Ter­ra­kot­ta und flüs­si­ge In­dus­trie­ke­ra­mik zum Ein­satz. Auch die Far­ben sind ei­ne Wis­sen­schaft für sich, da sie vor dem Bren­nen oft nicht sicht­bar sind. Die Gren­ze zwi­schen Hand­werk und Kunst lö­sen sich in der Aus­stel­lung auf. Das zei­gen auch die Kunst­wer­ke von Pa­lo­ma Proud­foot. Im fünf­ten Raum hängt das Re­li­ef Gar­dening. Es zeigt sechs Frau­en, die ste­reo­ty­pi­sier­ten Tä­tig­kei­ten wie Nä­hen oder Bü­geln nach­ge­hen. Das Werk ver­an­schau­licht ein­drück­lich, dass Ke­ra­mik teil­wei­se auch wie Tex­til, Glas, Me­tall oder Kunst­stoff aus­se­hen kann. 

In den üb­ri­gen Räu­men wer­den The­men wie Na­tur, Hu­mor, Ly­rik oder Geo­me­trie ver­han­delt. Ins Au­ge ste­chen un­ter an­de­rem die ver­wes­ten Ob­jek­te von Lind­sey Men­dick. Ei­ne von Spin­nen über­sä­te Hand­ta­sche, Frö­sche mit Zi­ga­ret­ten im Mund, die auf lee­ren Bier­do­sen klet­tern, und ei­ne Va­se, aus der Pe­nis­se wach­sen und Hän­de krie­chen, zei­gen Ke­ra­mik in ei­ner gro­tes­ken und wim­mel­bild­ar­ti­gen Form. 

Lindsey Mendick Wasted (2023) (Bild: pd/Courtesy of the artist and Carl Freedman Gallery)

Lindsey Mendick Wasted (2023) (Bild: pd/Courtesy of the artist and Carl Freedman Gallery)

Man kommt zum Schluss: Die Ke­ra­mik wird un­ter­schätzt. Seit ei­ni­gen Jah­ren er­fährt sie je­doch ein Re­vi­val und fin­det zu­neh­mend auch auf in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne Be­ach­tung – jüngst et­wa in der Hay­ward Gal­lery in Lon­don oder im Mu­sée d'Art Mo­der­ne in Pa­ris. Es ist ein Ma­te­ri­al, dass erst im Feu­er sei­ne voll­kom­me­ne Form fin­det. Bei Tem­pe­ra­tu­ren, bei de­nen Stahl weich wird. 

Wo frü­her Feu­er war

Orts­wech­sel: Ein paar hun­dert Me­ter wei­ter glüh­te einst Ke­ra­mik, die auf Ap­pen­zel­ler Dä­chern ver­baut wur­de. Die Kunst­hal­le Zie­gel­hüt­te zeigt in der Aus­stel­lung «Ro­man Si­gner, Fil­me» über 130 Fil­me des Ak­ti­ons­künst­lers. Im gan­zen Haus, un­ter an­de­rem in den Tun­nels des al­ten Rund­brenn­ofens, las­sen sich die Su­per-8-Fil­me des Künst­lers an­schau­en. Zu se­hen sind Klas­si­ker wie Wett­lauf mit der Ra­ke­te, Tisch mit Bal­lo­nen oder Fens­ter­la­den mit Ra­ke­ten. Es sind flüch­ti­ge Mo­men­te, in de­nen Na­tur­kräf­te wie Feu­er, Was­ser oder die Schwer­kraft ih­re Wir­kung an All­tags­ge­gen­stän­den ent­fal­ten. Stets mit ei­nem Plan setzt Si­gner sie mit­ein­an­der in Ver­bin­dung und pro­vo­ziert so­wohl laus­bü­bi­sche Ex­plo­sio­nen als auch über­ra­schen­de Ver­puf­fun­gen.

Roman Signer, Bürostuhl (2006) (Bild: pd/Tomasz Rogowiec)

Roman Signer, Bürostuhl (2006) (Bild: pd/Tomasz Rogowiec)

Auf­ge­wach­sen in Ap­pen­zell, gleich an der Sit­ter, führ­te der heu­te 87-Jäh­ri­ge schon früh Ex­pe­ri­men­te durch, die er rück­bli­ckend als «künst­le­ri­sche Übun­gen» be­zeich­net. Die Sit­ter ist ei­ne wich­ti­ge Prot­ago­nis­tin in vie­len sei­ner Fil­me und durch­quert auch sei­nen jet­zi­gen Wohn­ort St.Gal­len. Bei sei­nem Um­zug 1989 zog er ei­ne über 20 Ki­lo­me­ter lan­ge Zünd­schnur von Ap­pen­zell nach St.Gal­len. Sie führ­te den Bahn­glei­sen ent­lang und ex­plo­dier­te al­le 100 Me­ter. Der Film da­zu ist im ers­ten Stock der Kunst­hal­le zu se­hen.

Neue Spra­chen fin­den

Als 1975 der Fil­me­ma­cher Hart­mut Ka­min­ski Si­gners Skulp­tur Gros­ser Trop­fen film­te, ent­deck­te der Künst­ler den Su­per-8-Film. Die klei­nen Kas­set­ten wa­ren per­fekt für sei­ne kur­zen und oft ton­lo­sen Film­pro­jek­te, die da­nach folg­ten. Er fand ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­tho­de, die sei­ne oft sehr kurz­le­bi­gen Skulp­tu­ren und In­stal­la­tio­nen in ei­ne neue Spra­che über­setz­ten und sie für vie­le Men­schen zu­gäng­lich mach­ten. Das Flim­mern, die war­men Far­ben und die kör­ni­gen Bil­der schu­fen ei­ne neue Äs­the­tik, die in­zwi­schen auch Nost­al­gie aus­löst. 

Im obers­ten Raum sind zum ers­ten Mal al­le 20 Fil­me des Werks Ge­bär­den­spra­che zu se­hen. Si­gner liess aus­ge­wähl­te Fil­me von Ge­bär­den­sprach­dol­met­scher:in­nen über­set­zen, was den Ak­tio­nen ei­ne neue vi­su­el­le Ebe­ne er­öff­net. Es ist ei­ne wei­te­re Fort­ent­wick­lung sei­ner Ar­beit, die sei­ne teils fast 50 Jah­re al­ten Fil­me gut al­tern lässt.

An­läss­lich der Aus­stel­lung er­scheint ein voll­stän­di­ges Werk­ver­zeich­nis der Su­per-8-Fil­me mit Tex­ten von Ro­man Si­gner, Ste­fa­nie Gschwend (Di­rek­to­rin Kunst­mu­se­um / Kunst­hal­le Ap­pen­zell) und Ste­phan Kunz (Di­rek­tor Bünd­ner Kunst­mu­se­um). Ge­mein­sam mit Fe­li­ci­ty Lunn ku­ra­tier­te Gschwend die Ke­ra­mik­aus­stel­lung im Kunst­mu­se­um. Laut ihr ist es kein Zu­fall, dass zwei voll­kom­men un­ter­schied­li­che Aus­stel­lun­gen im sel­ben Zeit­raum statt­fin­den: Zwei dia­me­tral ver­schie­de­ne Pro­jek­te ma­chen den Be­such span­nen­der und zei­gen die Viel­falt des künst­le­ri­schen Schaf­fens. 

«Klang der Er­de – Ke­ra­mik in der zeit­ge­nös­si­schen Kunst»: bis 14. Sep­tem­ber, Kunst­mu­se­um Ap­pen­zell. 
sai­ten.ch/ka­len­der

Ro­man Si­gner – «Fil­me»: bis 14. Sep­tem­ber, Kunst­hal­le Ap­pen­zell. 
sai­ten.ch/ka­len­der

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