«Eine kleine Impfung gegen den Wahnsinn»
In seinem aktuellen Roman River – An American Dreaming verbindet der St.-Galler-New-Yorker Autor Christoph Keller diverse Genres: Das Buch ist Thriller, New-York-Roman, Kunstbetriebssatire, Liebesroman und Indigenen-Mythos in einem. Ein literarisches Gespräch unter Freunden.
Chrisoph Keller in seinem Zuhause in St.Gallen. (Bilder: Florin Röösli)
Florian Vetsch: Wie kommt es, dass du, ein Schweizer Schriftsteller, einen 600 Seiten starken Roman in amerikanischem Englisch geschrieben hast?
Christoph Keller: Long story short: Nach einigen Fingerübungen auf Englisch begann ich 2011 mit River. Die 600 Seiten – man verzeihe mir – waren keine Absicht, sondern haben sich über die Jahre und Versionen ergeben. In New York zu wohnen und nicht auf Englisch zu schreiben, war für mich keine Option. Beim Schreiben tauchte plötzlich ein Wort auf, das ich nicht kannte. Ich musste es nachschlagen – und siehe da, es passte perfekt in den Kontext. Da wusste ich: Die literarische Magie war da. So entwickelte sich Englisch zu meiner zweiten Literatursprache. Es entstanden Erzählungen, Flash Fiction und einige Anthologien, darunter eine mit Bier-Gedichten und dem Titel Hip Hops sowie eine, die russische Erzählungen aus dem 20. Jahrhundert versammelt. Da schloss sich für mich eine schöne Klammer: Bevor ich mehrheitlich in New York lebte, erschien eine deutschsprachige russische Anthologie; zum Abschied dann eine amerikanische. Wir sind von Russ:innen und Amerikaner:innen umzingelt. Gleich von zwei «evil empires» – aber daran bin nicht ich schuld.
Und wie kommt es, dass River in Shantiniketan, im Osten von Indien, erschienen ist?
Das gehört für mich zum Abenteuer Literatur. War die Entstehungsgeschichte schon aussergewöhnlich, so durfte es die Publikationsreise erst recht sein. In jenen Jahren lernte ich Parantap Chakraborty kennen, den Gründer von Birutjatio Press. Er veröffentlichte erste Bücher von mir auf Englisch, manchmal auch auf Bengali, und wurde zum Freund. Sein Verlag befindet sich in Shantiniketan, wo Rabindranath Tagore seine einflussreiche Schule gründete, die auch den Verlag Birutjatio prägt. Das gefiel mir sehr. In den USA mag ich mir den Roman im jetzigen Klima nicht vorstellen – obwohl dem Land die Vision eines utopisch guten Amerikas mit einer afroamerikanischen Präsidentin guttun würde. Im Herbst macht das Literaturhaus St.Gallen übrigens einen Anlass mit River und Chakraborty: die St.-Gallen-New-York-Shantiniketan-Connection. Eine River-Party!
Das sympathische Logo des Birutjatio-Verlags zeigt eine Baumkrone, die aus dem Oberkörper eines gehenden Menschen herauswächst. Das Logo passt nicht nur zu Tagores Schule, welche grossen Wert auf Naturverbundenheit legte, sondern auch zu deiner New Yorker Saga, in der zwar kein Mensch zu einem Baum mutiert, aber sich eine Schlange in einen Fluss, eine junge Frau in einen Vogel verwandelt, ein Haus aus dem Boden steigt und dann wieder von diesem verschluckt wird ... Metamorphosen spielen in deinem Roman eine zentrale Rolle.
«Birutjatio» bedeutet sinngemäss so viel wie «Baummensch». In seinen Anfängen war der Verlag eine Literaturzeitschrift. Auf einem Cover platzierte der indische Künstler Goutam Murmu einmal seinen Baummenschen. Gerade wurde er dafür am Literaturfest von Shantiniketan geehrt. Die Figur wurde zum Verlagslogo, zum Verlagsnamen und zur Verlagsidentität. Zu River passt das auch deshalb, weil sich alle wichtigen Figuren im Lauf der Geschichte radikal verwandeln – sie entwickeln sich nicht bloss weiter, sondern entpuppen sich als etwas Anderes, etwas, das, hoffe ich, überraschend kommt. Auch der Roman selbst durchläuft eine Metamorphose: Er verwandelt sich unter anderem in einen handfesten Thriller, mit Mord, Verfolgungsjagden und allem Drum und Dran. Beim Schreiben habe ich mich ebenfalls immer wieder in einen anderen Schriftsteller verwandelt: in einen Thrillerschreiber, in den Autor eines New-York-Romans, einer Kunstbetriebssatire, ja sogar eines Liebesromans. Auf Englisch ging das irgendwie leichter – geschützter. Und dann verwandelte ich mich wieder in einen deutschsprachigen Schriftsteller, dessen Muttersprache strenggenommen auch nicht Deutsch ist. Das sind die Vorteile, wenn man mit einem Dialekt aufwächst: Alle sprachlichen Türen stehen offen.
Haben die Metamorphosen mit dem Schamanismus der Delaware beziehungsweise der Lenape zu tun?
Auf sie geht der wohl wichtigste Ursprungsmythos der Ureinwohner Nordamerikas zurück: jener nämlich, dass die Erde – oder vielmehr die Rieseninsel Nordamerika – aus einer immer grösser werdenden Schildkröte entstand. Die Menschen wiederum kamen aus einem Baum, der auf dem Rücken dieser Schildkröte wuchs. Baummenschen also, auch die Lenape. Wenn das kein schöner «Zufall» ist.
Du lehnst dich in River – An American Dreaming an einen uralten Mythos der Lenape an, einer indigenen nordamerikanischen Ethnie, welche die Gegend von New York bis Pennsylvania und bis ins südliche Kanada bevölkerte. Wie begegnest du dem Vorwurf, dass es sich hierbei um eine klassische «cultural appropriation» handle?
Jeder, der eine Reise macht, eignet sich kulturell etwas an – das ist ja gerade der Sinn einer Reise. Schon wer die Augen öffnet, nimmt Fremdes in sich auf. Im Leben wie in der Kunst geht es darum, vom Anderen zu lernen, sich auf Fremdes einzulassen, es sich anzueignen und dabei verwandelt zu werden. Hätte sich Homer um solche Einwände gesorgt, hätte er Odysseus nicht auf Reisen schicken dürfen. Dante in der Hölle? Kaum denkbar. V. S. Naipaul hätte sich dem Rätsel des Ankommens nicht widmen können. Natürlich muss man mit Respekt vorgehen. Ich habe meinen «indianischen» Helden lediglich zu einem Achtel-Lenape gemacht; zu den anderen sieben Achteln ist er Amerikaner. Hätte ich nicht einmal das gedurft – auch wenn ich mir die amerikanische Kultur durch zwei Jahrzehnte in New York und durch den amerikanischen Pass durchaus angeeignet habe? Dabei habe ich mich auf das New-York-Amerika konzentriert, denn das hat mit dem übrigen Amerika herzlich wenig zu tun. Wenn man die Debatte so versteht, dass nur noch Betroffene über Betroffene schreiben dürfen, wird Kunst unerquicklich eng. Darf nur ich, der mit einer Muskelerkrankung lebt wie mein River-Protagonist, über einen solchen schreiben? Dann hätten Dollar Brand nicht nach Marokko reisen, Paul Simon nicht nach Südafrika gehen, Nabokov nicht durchs amerikanische Mittelland fahren dürfen. Olga Tokarczuk hätte sich nicht Thomas Manns Zauberberg für ihre Version ausleihen können. Nicht nur Beamte dürfen Beamtenromane schreiben.
Kurt Hercules Adler, der im Rollstuhl fahrende Archäologe, ist für alle, die deine autobiografischen Bücher Der beste Tänzer und Jeder Krüppel ein Superheld gelesen haben, unschwer als dein Alter Ego zu erkennen. Wie bist du auf diese Figur gekommen? Was haben Kurt Adler und du gemeinsam und was unterscheidet dich von deinem Protagonisten?
Hier habe ich es mit der kulturellen Aneignung besonders ernst genommen – und mich selbst in den Roman gepflanzt. Kurt hat meinen mittleren Namen, ich allerdings nicht seinen. Er hat meine Erkrankung, ist aber jünger als ich, oder jünger geblieben – ich habe schliesslich fünfzehn Jahre an diesem Buch geschrieben. Ich schreibe gern entlang meiner Biografie. Ich habe den Minetta-Mythos gefunden und diesen Fund meinem Romanprotagonisten überlassen. Aber es gibt Unterschiede: Ich wohnte nördlich des Washington Square Park, er westlich. Hier beginnt die Fiktion, die Wunschbiografie, das Fabulieren. Hier wuchert die Fantasie, Schlangen werden zu Flüssen, plötzlich wird die Lenape-Vergangenheit unter dem Washington Square Park berollbar, Mythen erwachen.
Der Roman ist «der wirklichen Coco» gewidmet; die Kunstfotografin Coco ist Kurt Adlers Partnerin – dann muss die «wirkliche Coco» die Lyrikerin Jan Heller Levi sein, deine Gattin.
Teilweise. Cocos Fotos sind allerdings meine. «Go figure.»
Lektorierte Jan deinen Fluss-Roman?
Sie brachte ihm das Fliessen bei. Als Inspiration – nicht nur für die Figur der Coco, sondern auch als Quelle von meinem Englisch. Ich bin nicht zweisprachig aufgewachsen; meine «mother tongue» ist das Schweizerdeutsche. Dank Jan habe ich mir Englisch als «wife tongue» angeeignet. Durch und durch lektoriert hat sie River nicht, aber es gab viele fruchtbare Gespräche, die das Buch geprägt und alle Versionen ordentlich durchgeschüttelt haben.
Cocos Fotografien werden so beschrieben: «Un-Photoshopped, unmanipulated – believe it or not. Light, reflections, her eye: that was how she captured the real magic of the city.» («Ohne Fotoshop, keinerlei Manipulation – ob du es glaubst oder nicht. Licht, Spiegelungen, ihr Auge: So fing sie die wahre Magie dieser Stadt ein.») Hier brichst du eine Lanze für das Analoge, das dir sicher auch als Kunstsammler wichtig ist.
Das Nichtmanipulierte, also das Echte, war mir immer wichtig. Meine Fotos – und damit auch Cocos Fotos, denen im Buch ein ganzes «Kapitel» gewidmet ist – zeigen eine Wirklichkeit New Yorks, die unverfälscht ist und doch oft ungesehen bleibt. In Spiegelungen, Sonnenlicht und Wind auf Pfützen etc. kamen neue Welten zum Vorschein, ohne dass ich sie verfälschen musste. Sie waren einfach plötzlich da – und gleich wieder weg. Kleine Portale in die Magie der Grossstadt, die ich festhalten konnte. Im Grunde muss man nur stehen bleiben und schauen. Manipulation allerdings hockt in unserer DNA, politisch sowieso. Und sie wird jetzt gerade durch KI noch einmal verschärft.
Kurt Adler entwickelt Superkräfte, wenn er zum Beispiel den Rollstuhl als Waffe einsetzt oder sich von einem Kran in einen Schacht, in welchem er prähistorische Funde vermutet, hinunterhieven lässt. Anderseits kommt auch seine Verletzlichkeit zum Vorschein. Das ist eine spannende Kombination.
Wobei seine Superkraft seine Willensstärke ist, seine Ausdauer, sein Einfallsreichtum. In dieser Hinsicht mobilisiert er lediglich seine inneren Kräfte – samt jener seiner Unvernunft. Er ist eben ein Abenteurer. Aber im Bett zu bleiben und zu versuchen, nicht herauszufallen, wie es ihm – und mir auch – einmal ein Arzt geraten hat, liegt ihm nun einmal nicht. Dabei nutzt er die Technologie, stösst aber – sehr realistisch, vor allem bei Vollgas – an ihre Grenzen, wenn die Batterie versagt oder ein Lift nicht funktioniert. Auch das wollte ich zeigen: diese Grenzen, und was sie mit einem Menschen machen.
Wie Kurt Adler weicht auch der superreiche Mäzen Hugo Oltmann von der Norm ab. Er ist «kleiner als Napoleon». Eine weitere faszinierende Persönlichkeit zur Illustration dieser Zeilen: «The norm was the biggest bore humankind had come up with. Not to mention that no one ever fully fit in.» («Die Norm war das Langweiligste, womit die Menschheit je dahergekommen war. Ganz zu schweigen davon, dass niemand sie jemals vollkommen erfüllen würde.») Das sind klare Sätze für die Diversität, das ist ein deutlicher Angriff auf den Leistungsdruck, der in der westlichen Gesellschaft und den sozialen Medien in Bezug auf das ideale Erscheinungsbild herrscht.
Hier habe ich den Vorteil, dass ich gar nicht erst in Versuchung geraten kann, dem zu entsprechen. Mit einer Smartwatch herumzurollen, die mir jeden Schritt und jeden Herzrhythmus zählt? In das Gardemass einer Zeit, die unsterblich fit sein, alles optimieren und keine Minute ineffizient verstreichen lassen will, passe ich mit meinem nicht-normativen Körper und Gehirn nicht hinein. Für das Prahlen in den sozialen Medien bin ich zu wenig Narzisst. Meine Influencerin ist Hannah Arendt, die kompromisslos zum selbständigen Denken auffordert.
Gleich zu Beginn des Romans geht es um die Kraft des Singens: «Neema Smallwood woke to find herself sitting up in bed, singing a song she had never heard in a language she didn’t know but somehow understood.» («Neema Smallwood erwachte aufrecht im Bett, ein Lied singend, das sie noch nie gehört hatte, in einer Sprache, die sie nicht kannte, aber irgendwie verstand.») Worum geht es bei diesem Phänomen des plötzlichen, unvermittelten Singens, das auch andere Protagonist:innen wie Coco oder Kurt Adler heimsuchen kann?
Das geht auf einen Mythos der Koyukon in Alaska zurück. Dort heisst es, die Karibus hätten gesungen, um ihre Jäger anzulocken und sich als Nahrungsopfer anzubieten. Wenn ein Tier bereit ist, singt es im Kopf des Jägers, der es so finden und töten kann. Ein gespenstisches Zeugnis einer anderen Welt – einer Welt, die wir nicht mehr verstehen, nicht mehr verstehen können oder nicht mehr verstehen wollen. Darin steckt auch unser zunehmender Naturverlust. Für diesen steht die Figur der Neema Smallwood. Sie versteht selbst nicht, was sie singt, folgt dieser verhängnisvollen Stimme aber instinktiv.
River lebt von einer stark aufgeladenen Ortsatmosphäre. In manchen Passagen aber hat der Roman auch etwas Surreales. Max Ernst zählt zu deinen Lieblingskünstlern, er hätte Minetta gut malen können, den unterirdischen Fluss, in den ein Urheld der Lenape namens Nanapush eine gigantische böse Schlange bannte, die als alles vernichtende Endzeitdystopie im Grossstadt-Moloch NYC erneut auszubrechen droht.
Ja, Max Ernst, der sich vor dem Wald – also vor der Natur – fürchtete und sich zugleich von ihm angezogen fühlte, schwingt bei mir immer mit. Diese surreale Weltsicht passt mir – sie ist ja geradezu die realistischste. Max Ernst ist fast selbst schon ein Karibu, ein Ren, das seinen Jäger herbeisingt. Ernst, der Stadtmensch, der Die Versuchung des heiligen Antonius malte, eine Höllenvision, die Hieronymus Bosch Freude gemacht hätte – ein erschreckender Blick hinter die sichtbare Wirklichkeit der Welt, ein exemplarischer Normbruch, eine Warnung. Vielleicht hat Ernst ja Minetta gemalt, in seinem berühmten Gemälde Der Hausengel, das mich auch an ein anderes wütendes Wesen erinnert, das allem sein schreckliches Antlitz aufzwingen will.
River spielt in einem Amerika nach 9/11. Regiert wird das Land von einer fiktiven Präsidentin. Kann man das als indirekte Kritik an der gegenwärtigen Regierung der USA lesen?
Unbedingt. Auch wenn meine fiktive Präsidentin schon lange vor dem Grossen Wüterich im Amt war. Was heute in den USA geschieht, ist erschreckend: wie rasch autoritäre Strukturen wachsen, mit wie viel Zynismus, Dummheit und Gewalt Politik betrieben wird, im Inland wie im Ausland. Nur ist es nicht so, dass diese böse Schlange plötzlich den Kopf gehoben hätte. Das hat sich über Jahrzehnte zusammengebraut. Und dann war der denkbar Falsche zur Stelle. In ein solches Land passt meine Schlange, die alle verrückt macht, beängstigend gut. River ist kein Schlüsselroman zur Gegenwart, aber ein Roman über die Kräfte, die unter einer Gesellschaft gären, bis sie ausbrechen. In diesem Sinn ist er vielleicht sogar eine kleine Impfung gegen den Wahnsinn.
Christoph Keller: River – An American Dreaming, erschienen im November 2025, ist als Hardcover nur in Indien – und in der Comedia Buchhandlung in St.Gallen –, als eBook bei Amazon erhältlich.
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