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«Eine kleine Impfung gegen den Wahnsinn»

In seinem aktuellen Roman River – An American Dreaming verbindet der St.-Galler-New-Yorker Autor Christoph Keller diverse Genres: Das Buch ist Thriller, New-York-Roman, Kunstbetriebssatire, Liebesroman und Indigenen-Mythos in einem. Ein literarisches Gespräch unter Freunden.

Chrisoph Keller in seinem Zuhause in St.Gallen. (Bilder: Florin Röösli)

Chrisoph Keller in seinem Zuhause in St.Gallen. (Bilder: Florin Röösli)

Flo­ri­an Vetsch: Wie kommt es, dass du, ein Schwei­zer Schrift­stel­ler, ei­nen 600 Sei­ten star­ken Ro­man in ame­ri­ka­ni­schem Eng­lisch ge­schrie­ben hast? 

Chris­toph Kel­ler: Long sto­ry short: Nach ei­ni­gen Fin­ger­übun­gen auf Eng­lisch be­gann ich 2011 mit Ri­ver. Die 600 Sei­ten – man ver­zei­he mir – wa­ren kei­ne Ab­sicht, son­dern ha­ben sich über die Jah­re und Ver­sio­nen er­ge­ben. In New York zu woh­nen und nicht auf Eng­lisch zu schrei­ben, war für mich kei­ne Op­ti­on. Beim Schrei­ben tauch­te plötz­lich ein Wort auf, das ich nicht kann­te. Ich muss­te es nach­schla­gen – und sie­he da, es pass­te per­fekt in den Kon­text. Da wuss­te ich: Die li­te­ra­ri­sche Ma­gie war da. So ent­wi­ckel­te sich Eng­lisch zu mei­ner zwei­ten Li­te­ra­tur­spra­che. Es ent­stan­den Er­zäh­lun­gen, Flash Fic­tion und ei­ni­ge An­tho­lo­gien, dar­un­ter ei­ne mit Bier-Ge­dich­ten und dem Ti­tel Hip Hops so­wie ei­ne, die rus­si­sche Er­zäh­lun­gen aus dem 20. Jahr­hun­dert ver­sam­melt. Da schloss sich für mich ei­ne schö­ne Klam­mer: Be­vor ich mehr­heit­lich in New York leb­te, er­schien ei­ne deutsch­spra­chi­ge rus­si­sche An­tho­lo­gie; zum Ab­schied dann ei­ne ame­ri­ka­ni­sche. Wir sind von Russ:in­nen und Ame­ri­ka­ner:in­nen um­zin­gelt. Gleich von zwei «evil em­pires» – aber dar­an bin nicht ich schuld.

Und wie kommt es, dass Ri­ver in Shan­ti­nik­etan, im Os­ten von In­di­en, er­schie­nen ist?

Das ge­hört für mich zum Aben­teu­er Li­te­ra­tur. War die Ent­ste­hungs­ge­schich­te schon aus­ser­ge­wöhn­lich, so durf­te es die Pu­bli­ka­ti­ons­rei­se erst recht sein. In je­nen Jah­ren lern­te ich Paran­tap Chakra­bor­ty ken­nen, den Grün­der von Bi­rut­ja­tio Press. Er ver­öf­fent­lich­te ers­te Bü­cher von mir auf Eng­lisch, manch­mal auch auf Ben­ga­li, und wur­de zum Freund. Sein Ver­lag be­fin­det sich in Shan­ti­nik­etan, wo Ra­bin­dra­nath Ta­go­re sei­ne ein­fluss­rei­che Schu­le grün­de­te, die auch den Ver­lag Bi­rut­ja­tio prägt. Das ge­fiel mir sehr. In den USA mag ich mir den Ro­man im jet­zi­gen Kli­ma nicht vor­stel­len – ob­wohl dem Land die Vi­si­on ei­nes uto­pisch gu­ten Ame­ri­kas mit ei­ner afro­ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­tin gut­tun wür­de. Im Herbst macht das Li­te­ra­tur­haus St.Gal­len üb­ri­gens ei­nen An­lass mit Ri­ver und Chakra­bor­ty: die St.-Gal­len-New-York-Shan­ti­nik­etan-Con­nec­tion. Ei­ne Ri­ver-Par­ty!

Das sym­pa­thi­sche Lo­go des Bi­rut­ja­tio-Ver­lags zeigt ei­ne Baum­kro­ne, die aus dem Ober­kör­per ei­nes ge­hen­den Men­schen her­aus­wächst. Das Lo­go passt nicht nur zu Ta­go­res Schu­le, wel­che gros­sen Wert auf Na­tur­ver­bun­den­heit leg­te, son­dern auch zu dei­ner New Yor­ker Sa­ga, in der zwar kein Mensch zu ei­nem Baum mu­tiert, aber sich ei­ne Schlan­ge in ei­nen Fluss, ei­ne jun­ge Frau in ei­nen Vo­gel ver­wan­delt, ein Haus aus dem Bo­den steigt und dann wie­der von die­sem ver­schluckt wird ... Me­ta­mor­pho­sen spie­len in dei­nem Ro­man ei­ne zen­tra­le Rol­le.

«Bi­rut­ja­tio» be­deu­tet sinn­ge­mäss so viel wie «Baum­mensch». In sei­nen An­fän­gen war der Ver­lag ei­ne Li­te­ra­tur­zeit­schrift. Auf ei­nem Co­ver plat­zier­te der in­di­sche Künst­ler Gou­tam Mur­mu ein­mal sei­nen Baum­men­schen. Ge­ra­de wur­de er da­für am Li­te­ra­tur­fest von Shan­ti­nik­etan ge­ehrt. Die Fi­gur wur­de zum Ver­lags­lo­go, zum Ver­lags­na­men und zur Ver­lag­s­iden­ti­tät. Zu Ri­ver passt das auch des­halb, weil sich al­le wich­ti­gen Fi­gu­ren im Lauf der Ge­schich­te ra­di­kal ver­wan­deln – sie ent­wi­ckeln sich nicht bloss wei­ter, son­dern ent­pup­pen sich als et­was An­de­res, et­was, das, hof­fe ich, über­ra­schend kommt. Auch der Ro­man selbst durch­läuft ei­ne Me­ta­mor­pho­se: Er ver­wan­delt sich un­ter an­de­rem in ei­nen hand­fes­ten Thril­ler, mit Mord, Ver­fol­gungs­jag­den und al­lem Drum und Dran. Beim Schrei­ben ha­be ich mich eben­falls im­mer wie­der in ei­nen an­de­ren Schrift­stel­ler ver­wan­delt: in ei­nen Thril­ler­schrei­ber, in den Au­tor ei­nes New-York-Ro­mans, ei­ner Kunst­be­triebs­sa­ti­re, ja so­gar ei­nes Lie­bes­ro­mans. Auf Eng­lisch ging das ir­gend­wie leich­ter – ge­schütz­ter. Und dann ver­wan­del­te ich mich wie­der in ei­nen deutsch­spra­chi­gen Schrift­stel­ler, des­sen Mut­ter­spra­che streng­ge­nom­men auch nicht Deutsch ist. Das sind die Vor­tei­le, wenn man mit ei­nem Dia­lekt auf­wächst: Al­le sprach­li­chen Tü­ren ste­hen of­fen.

Ha­ben die Me­ta­mor­pho­sen mit dem Scha­ma­nis­mus der De­la­ware be­zie­hungs­wei­se der Len­a­pe zu tun?

Auf sie geht der wohl wich­tigs­te Ur­sprungs­my­thos der Ur­ein­woh­ner Nord­ame­ri­kas zu­rück: je­ner näm­lich, dass die Er­de – oder viel­mehr die Rie­sen­in­sel Nord­ame­ri­ka – aus ei­ner im­mer grös­ser wer­den­den Schild­krö­te ent­stand. Die Men­schen wie­der­um ka­men aus ei­nem Baum, der auf dem Rü­cken die­ser Schild­krö­te wuchs. Baum­men­schen al­so, auch die Len­a­pe. Wenn das kein schö­ner «Zu­fall» ist. 

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Du lehnst dich in Ri­ver – An Ame­ri­can Dre­a­ming an ei­nen ur­alten My­thos der Len­a­pe an, ei­ner in­di­ge­nen nord­ame­ri­ka­ni­schen Eth­nie, wel­che die Ge­gend von New York bis Penn­syl­va­nia und bis ins süd­li­che Ka­na­da be­völ­ker­te. Wie be­geg­nest du dem Vor­wurf, dass es sich hier­bei um ei­ne klas­si­sche «cul­tu­ral ap­pro­pria­ti­on» hand­le?

Je­der, der ei­ne Rei­se macht, eig­net sich kul­tu­rell et­was an – das ist ja ge­ra­de der Sinn ei­ner Rei­se. Schon wer die Au­gen öff­net, nimmt Frem­des in sich auf. Im Le­ben wie in der Kunst geht es dar­um, vom An­de­ren zu ler­nen, sich auf Frem­des ein­zu­las­sen, es sich an­zu­eig­nen und da­bei ver­wan­delt zu wer­den. Hät­te sich Ho­mer um sol­che Ein­wän­de ge­sorgt, hät­te er Odys­seus nicht auf Rei­sen schi­cken dür­fen. Dan­te in der Höl­le? Kaum denk­bar. V. S. Nai­paul hät­te sich dem Rät­sel des An­kom­mens nicht wid­men kön­nen. Na­tür­lich muss man mit Re­spekt vor­ge­hen. Ich ha­be mei­nen «in­dia­ni­schen» Hel­den le­dig­lich zu ei­nem Ach­tel-Len­a­pe ge­macht; zu den an­de­ren sie­ben Ach­teln ist er Ame­ri­ka­ner. Hät­te ich nicht ein­mal das ge­durft – auch wenn ich mir die ame­ri­ka­ni­sche Kul­tur durch zwei Jahr­zehn­te in New York und durch den ame­ri­ka­ni­schen Pass durch­aus an­ge­eig­net ha­be? Da­bei ha­be ich mich auf das New-York-Ame­ri­ka kon­zen­triert, denn das hat mit dem üb­ri­gen Ame­ri­ka herz­lich we­nig zu tun. Wenn man die De­bat­te so ver­steht, dass nur noch Be­trof­fe­ne über Be­trof­fe­ne schrei­ben dür­fen, wird Kunst un­er­quick­lich eng. Darf nur ich, der mit ei­ner Mus­kel­er­kran­kung lebt wie mein Ri­ver-Prot­ago­nist, über ei­nen sol­chen schrei­ben? Dann hät­ten Dol­lar Brand nicht nach Ma­rok­ko rei­sen, Paul Si­mon nicht nach Süd­afri­ka ge­hen, Na­bo­kov nicht durchs ame­ri­ka­ni­sche Mit­tel­land fah­ren dür­fen. Ol­ga Tok­ar­c­zuk hät­te sich nicht Tho­mas Manns Zau­ber­berg für ih­re Ver­si­on aus­lei­hen kön­nen. Nicht nur Be­am­te dür­fen Be­am­ten­ro­ma­ne schrei­ben.

Kurt Her­cu­les Ad­ler, der im Roll­stuhl fah­ren­de Ar­chäo­lo­ge, ist für al­le, die dei­ne au­to­bio­gra­fi­schen Bü­cher Der bes­te Tän­zer und Je­der Krüp­pel ein Su­per­held ge­le­sen ha­ben, un­schwer als dein Al­ter Ego zu er­ken­nen. Wie bist du auf die­se Fi­gur ge­kom­men? Was ha­ben Kurt Ad­ler und du ge­mein­sam und was un­ter­schei­det dich von dei­nem Prot­ago­nis­ten?

Hier ha­be ich es mit der kul­tu­rel­len An­eig­nung be­son­ders ernst ge­nom­men – und mich selbst in den Ro­man ge­pflanzt. Kurt hat mei­nen mitt­le­ren Na­men, ich al­ler­dings nicht sei­nen. Er hat mei­ne Er­kran­kung, ist aber jün­ger als ich, oder jün­ger ge­blie­ben – ich ha­be schliess­lich fünf­zehn Jah­re an die­sem Buch ge­schrie­ben. Ich schrei­be gern ent­lang mei­ner Bio­gra­fie. Ich ha­be den Mi­net­ta-My­thos ge­fun­den und die­sen Fund mei­nem Ro­man­prot­ago­nis­ten über­las­sen. Aber es gibt Un­ter­schie­de: Ich wohn­te nörd­lich des Wa­shing­ton Squa­re Park, er west­lich. Hier be­ginnt die Fik­ti­on, die Wunsch­bio­gra­fie, das Fa­bu­lie­ren. Hier wu­chert die Fan­ta­sie, Schlan­gen wer­den zu Flüs­sen, plötz­lich wird die Len­a­pe-Ver­gan­gen­heit un­ter dem Wa­shing­ton Squa­re Park be­roll­bar, My­then er­wa­chen.

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Der Ro­man ist «der wirk­li­chen Co­co» ge­wid­met; die Kunst­fo­to­gra­fin Co­co ist Kurt Ad­lers Part­ne­rin – dann muss die «wirk­li­che Co­co» die Ly­ri­ke­rin Jan Hel­ler Le­vi sein, dei­ne Gat­tin.

Teil­wei­se. Co­cos Fo­tos sind al­ler­dings mei­ne. «Go fi­gu­re.»

Lek­to­rier­te Jan dei­nen Fluss-Ro­man?

Sie brach­te ihm das Flies­sen bei. Als In­spi­ra­ti­on – nicht nur für die Fi­gur der Co­co, son­dern auch als Quel­le von mei­nem Eng­lisch. Ich bin nicht zwei­spra­chig auf­ge­wach­sen; mei­ne «mo­ther ton­gue» ist das Schwei­zer­deut­sche. Dank Jan ha­be ich mir Eng­lisch als «wi­fe ton­gue» an­ge­eig­net. Durch und durch lek­to­riert hat sie Ri­ver nicht, aber es gab vie­le frucht­ba­re Ge­sprä­che, die das Buch ge­prägt und al­le Ver­sio­nen or­dent­lich durch­ge­schüt­telt ha­ben.

Co­cos Fo­to­gra­fien wer­den so be­schrie­ben: «Un-Pho­to­shop­ped, un­ma­ni­pu­la­ted – be­lie­ve it or not. Light, re­flec­tions, her eye: that was how she cap­tu­red the re­al ma­gic of the ci­ty.» («Oh­ne Fo­to­shop, kei­ner­lei Ma­ni­pu­la­ti­on – ob du es glaubst oder nicht. Licht, Spie­ge­lun­gen, ihr Au­ge: So fing sie die wah­re Ma­gie die­ser Stadt ein.») Hier brichst du ei­ne Lan­ze für das Ana­lo­ge, das dir si­cher auch als Kunst­samm­ler wich­tig ist.

Das Nicht­ma­ni­pu­lier­te, al­so das Ech­te, war mir im­mer wich­tig. Mei­ne Fo­tos – und da­mit auch Co­cos Fo­tos, de­nen im Buch ein gan­zes «Ka­pi­tel» ge­wid­met ist – zei­gen ei­ne Wirk­lich­keit New Yorks, die un­ver­fälscht ist und doch oft un­ge­se­hen bleibt. In Spie­ge­lun­gen, Son­nen­licht und Wind auf Pfüt­zen etc. ka­men neue Wel­ten zum Vor­schein, oh­ne dass ich sie ver­fäl­schen muss­te. Sie wa­ren ein­fach plötz­lich da – und gleich wie­der weg. Klei­ne Por­ta­le in die Ma­gie der Gross­stadt, die ich fest­hal­ten konn­te. Im Grun­de muss man nur ste­hen blei­ben und schau­en. Ma­ni­pu­la­ti­on al­ler­dings hockt in un­se­rer DNA, po­li­tisch so­wie­so. Und sie wird jetzt ge­ra­de durch KI noch ein­mal ver­schärft. 

Kurt Ad­ler ent­wi­ckelt Su­per­kräf­te, wenn er zum Bei­spiel den Roll­stuhl als Waf­fe ein­setzt oder sich von ei­nem Kran in ei­nen Schacht, in wel­chem er prä­his­to­ri­sche Fun­de ver­mu­tet, hin­un­ter­hie­ven lässt. An­der­seits kommt auch sei­ne Ver­letz­lich­keit zum Vor­schein. Das ist ei­ne span­nen­de Kom­bi­na­ti­on. 

Wo­bei sei­ne Su­per­kraft sei­ne Wil­lens­stär­ke ist, sei­ne Aus­dau­er, sein Ein­falls­reich­tum. In die­ser Hin­sicht mo­bi­li­siert er le­dig­lich sei­ne in­ne­ren Kräf­te – samt je­ner sei­ner Un­ver­nunft. Er ist eben ein Aben­teu­rer. Aber im Bett zu blei­ben und zu ver­su­chen, nicht her­aus­zu­fal­len, wie es ihm – und mir auch – ein­mal ein Arzt ge­ra­ten hat, liegt ihm nun ein­mal nicht. Da­bei nutzt er die Tech­no­lo­gie, stösst aber – sehr rea­lis­tisch, vor al­lem bei Voll­gas – an ih­re Gren­zen, wenn die Bat­te­rie ver­sagt oder ein Lift nicht funk­tio­niert. Auch das woll­te ich zei­gen: die­se Gren­zen, und was sie mit ei­nem Men­schen ma­chen.

Wie Kurt Ad­ler weicht auch der su­per­rei­che Mä­zen Hu­go Olt­mann von der Norm ab. Er ist «klei­ner als Na­po­le­on». Ei­ne wei­te­re fas­zi­nie­ren­de Per­sön­lich­keit zur Il­lus­tra­ti­on die­ser Zei­len: «The norm was the big­gest bo­re hu­man­kind had co­me up wi­th. Not to men­ti­on that no one ever ful­ly fit in.» («Die Norm war das Lang­wei­ligs­te, wo­mit die Mensch­heit je da­her­ge­kom­men war. Ganz zu schwei­gen da­von, dass nie­mand sie je­mals voll­kom­men er­fül­len wür­de.») Das sind kla­re Sät­ze für die Di­ver­si­tät, das ist ein deut­li­cher An­griff auf den Leis­tungs­druck, der in der west­li­chen Ge­sell­schaft und den so­zia­len Me­di­en in Be­zug auf das idea­le Er­schei­nungs­bild herrscht.

Hier ha­be ich den Vor­teil, dass ich gar nicht erst in Ver­su­chung ge­ra­ten kann, dem zu ent­spre­chen. Mit ei­ner Smart­watch her­um­zu­rol­len, die mir je­den Schritt und je­den Herz­rhyth­mus zählt? In das Gar­de­mass ei­ner Zeit, die un­sterb­lich fit sein, al­les op­ti­mie­ren und kei­ne Mi­nu­te in­ef­fi­zi­ent ver­strei­chen las­sen will, pas­se ich mit mei­nem nicht-nor­ma­ti­ven Kör­per und Ge­hirn nicht hin­ein. Für das Prah­len in den so­zia­len Me­di­en bin ich zu we­nig Nar­zisst. Mei­ne In­fluen­ce­rin ist Han­nah Are­ndt, die kom­pro­miss­los zum selb­stän­di­gen Den­ken auf­for­dert.

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Gleich zu Be­ginn des Ro­mans geht es um die Kraft des Sin­gens: «Nee­ma Small­wood wo­ke to find hers­elf sit­ting up in bed, sin­ging a song she had never he­ard in a lan­guage she didn’t know but so­mehow un­ders­tood.» («Nee­ma Small­wood er­wach­te auf­recht im Bett, ein Lied sin­gend, das sie noch nie ge­hört hat­te, in ei­ner Spra­che, die sie nicht kann­te, aber ir­gend­wie ver­stand.») Wor­um geht es bei die­sem Phä­no­men des plötz­li­chen, un­ver­mit­tel­ten Sin­gens, das auch an­de­re Prot­ago­nist:in­nen wie Co­co oder Kurt Ad­ler heim­su­chen kann?

Das geht auf ei­nen My­thos der Koy­u­kon in Alas­ka zu­rück. Dort heisst es, die Ka­ri­bus hät­ten ge­sun­gen, um ih­re Jä­ger an­zu­lo­cken und sich als Nah­rungs­op­fer an­zu­bie­ten. Wenn ein Tier be­reit ist, singt es im Kopf des Jä­gers, der es so fin­den und tö­ten kann. Ein ge­spens­ti­sches Zeug­nis ei­ner an­de­ren Welt – ei­ner Welt, die wir nicht mehr ver­ste­hen, nicht mehr ver­ste­hen kön­nen oder nicht mehr ver­ste­hen wol­len. Dar­in steckt auch un­ser zu­neh­men­der Na­tur­ver­lust. Für die­sen steht die Fi­gur der Nee­ma Small­wood. Sie ver­steht selbst nicht, was sie singt, folgt die­ser ver­häng­nis­vol­len Stim­me aber in­stink­tiv.

Ri­ver lebt von ei­ner stark auf­ge­la­de­nen Orts­at­mo­sphä­re. In man­chen Pas­sa­gen aber hat der Ro­man auch et­was Sur­rea­les. Max Ernst zählt zu dei­nen Lieb­lings­künst­lern, er hät­te Mi­net­ta gut ma­len kön­nen, den un­ter­ir­di­schen Fluss, in den ein Ur­held der Len­a­pe na­mens Na­na­push ei­ne gi­gan­ti­sche bö­se Schlan­ge bann­te, die als al­les ver­nich­ten­de End­zeit­dys­to­pie im Gross­stadt-Mo­loch NYC er­neut aus­zu­bre­chen droht. 

Ja, Max Ernst, der sich vor dem Wald – al­so vor der Na­tur – fürch­te­te und sich zu­gleich von ihm an­ge­zo­gen fühl­te, schwingt bei mir im­mer mit. Die­se sur­rea­le Welt­sicht passt mir – sie ist ja ge­ra­de­zu die rea­lis­tischs­te. Max Ernst ist fast selbst schon ein Ka­ri­bu, ein Ren, das sei­nen Jä­ger her­bei­sin­gt. Ernst, der Stadt­mensch, der Die Ver­su­chung des hei­li­gen An­to­ni­us mal­te, ei­ne Höl­len­vi­si­on, die Hie­ro­ny­mus Bosch Freu­de ge­macht hät­te – ein er­schre­cken­der Blick hin­ter die sicht­ba­re Wirk­lich­keit der Welt, ein ex­em­pla­ri­scher Norm­bruch, ei­ne War­nung. Viel­leicht hat Ernst ja Mi­net­ta ge­malt, in sei­nem be­rühm­ten Ge­mäl­de Der Hau­sen­gel, das mich auch an ein an­de­res wü­ten­des We­sen er­in­nert, das al­lem sein schreck­li­ches Ant­litz auf­zwin­gen will.

Ri­ver spielt in ei­nem Ame­ri­ka nach 9/11. Re­giert wird das Land von ei­ner fik­ti­ven Prä­si­den­tin. Kann man das als in­di­rek­te Kri­tik an der ge­gen­wär­ti­gen Re­gie­rung der USA le­sen?

Un­be­dingt. Auch wenn mei­ne fik­ti­ve Prä­si­den­tin schon lan­ge vor dem Gros­sen Wü­te­rich im Amt war. Was heu­te in den USA ge­schieht, ist er­schre­ckend: wie rasch au­to­ri­tä­re Struk­tu­ren wach­sen, mit wie viel Zy­nis­mus, Dumm­heit und Ge­walt Po­li­tik be­trie­ben wird, im In­land wie im Aus­land. Nur ist es nicht so, dass die­se bö­se Schlan­ge plötz­lich den Kopf ge­ho­ben hät­te. Das hat sich über Jahr­zehn­te zu­sam­men­ge­braut. Und dann war der denk­bar Fal­sche zur Stel­le. In ein sol­ches Land passt mei­ne Schlan­ge, die al­le ver­rückt macht, be­ängs­ti­gend gut. Ri­ver ist kein Schlüs­sel­ro­man zur Ge­gen­wart, aber ein Ro­man über die Kräf­te, die un­ter ei­ner Ge­sell­schaft gä­ren, bis sie aus­bre­chen. In die­sem Sinn ist er viel­leicht so­gar ei­ne klei­ne Imp­fung ge­gen den Wahn­sinn.


Chris­toph Kel­ler: Ri­ver – An Ame­ri­can Dre­a­ming, er­schie­nen im No­vem­ber 2025, ist als Hard­co­ver nur in In­di­en – und in der Co­me­dia Buch­hand­lung in St.Gal­len –, als eBook bei Ama­zon er­hält­lich. 

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Senf

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Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

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An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

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2 Tramhaeuschen Schibenertor

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Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

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2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
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