Abstimmen ist gut (Biodiversität! Erneuerbare! Velowege!), demonstrieren und prozessieren und kleben fürs Klima noch -besser. Bloss alles längst zu spät und wirkungslos? Leo Cavour, der finstere Held im neuen Roman Blauer Sand des St.Galler Autors -Christoph Keller, sieht es so. Und greift zur Selbstjustiz. Wer Natur und Mensch schädigt, gehört aus dem Weg geschafft. Und zwar so grausam wie möglich.
Bei Nr. 3 zum Beispiel, Silvana Meier, Pionierin des Greenwashing, dient Leo ein rostiges Teleskop als Mordinstrument. Alasdair McCready, der Ölhavarien kleingeredet hat, wird als Nr. 11 in Öl ersäuft. Oder Nr. 8, Perla Duerte, die honduranische Trinkwasser-Trickserin, kommt in kontaminiertem Wasser ums Leben. Jahr für Jahr, Anfang Oktober, geht Leo auf Mordzug.
Christoph Keller. (Bild: Tine Edel)
Exemplarisch schildert der Roman die Methode am Fall von Adam Jeffrey Hicks. Dieser hat es als zynischer Katastrophenkapitalist schon in jungen Jahren zum Trillionär gebracht. Leo sucht ihn in seinem Appartement in Manhattan, 20. Etage, auf, in der Hand einen Koffer mit Knallkrebsen, von Leo in bester Schweizer Ingenieurskunst zur tödlichen Sprengladung zusammengebaut. Als Hicks auf den roten Knopf drückt, explodiert mit ihm das ganze Hochhaus und alles drumherum. Manhattan geht in einer Apokalypse unter, gegen die 9/11 ein Sandkastenspiel war. Und Leo kehrt auf seine Insel zurück.
Instagram zerstört die Idylle
Die Sandinsel ist sein Versteck. Sie gehört zusammen mit der Ochseninsel zu einem Archipel in der Flensburger Förde vor Dänemark. Die Förde kann man googlen, Autor Keller hat gut recherchiert. Aber ob es Leo, das Phantom, gibt, weiss nur Liv, die Betreiberin der einzigen Gaststätte auf der Ochseninsel. Und Thea, die Leo auf der Spur ist.
Theas Vater, Nick Stahl, war Fotograf und Leos Mordopfer Nr. 14. Sein Vergehen: Er hat sich auf Reportagen von den attraktivsten noch nicht oder kaum entdeckten Ecken der Welt spezialisiert. Mit der Folge – der Aescher beim Wildkirchli lässt grüssen –, dass Horden von Fototourist:innen dahin reisen. Die Sandinsel war einst ein solcher Ort, ein Naturwunder mit Stränden von blauem Sand. Stahls Foto hat die Idylle zerstört, der blaue Sand ist weg, die Insel von Trampelpfaden durchzogen.
Das muss Nick Stahl büssen. Leo spürt ihn auf einer anderen einsamen Insel auf, auf Fatu Huku in Französisch Polynesien. Und bringt ihn auf eine Weise um, die an Unappetitlichkeit nur noch vom letzten Rachemord im Buch übertroffen wird, den Thea und Leo gemeinsam vollbringen. Denn dass die beiden, Rächer und Rächerin, auf der Sandinsel zusammenfinden würden, liegt in der kriminalistischen Logik des Buchs.
Die ökologische Logik bringt Thea dort so auf den Punkt: Leo sei «ein Verteidiger, der wirklich etwas tut. Einer, der Gesetze bricht, wenn sie unserer Erde schaden. Das ist Bürgerinnenpflicht. Gesetze sind längst Bullshit geworden. Sie schützen nicht mehr uns. Sie schützen nur noch die, die unsere Welt und damit uns zerstören. Uns bleibt nur übrig, naiv zu sein. Uns unsre Racheengel auszumalen und sie sehnsüchtig zu erwarten.»
Christoph Keller: Blauer Sand. Limmat Verlag, Zürich 2024.
Buchpremiere: 9. Oktober, 19.30 Uhr, Festsaal Stadthaus St.Gallen. Tickets über Eventfrog oder an der Abendkasse ab 19 Uhr.
Die Mords-Methode funktioniert
Dieses Idealbild des «rächenden Helden», erfährt man im Buch, ist sinngemäss aus John Bergers Essaysammlung Keeping a Rendezvous übernommen. Das adelt es literarisch, aber nicht unbedingt politisch. In Kellers Inselfantasie erinnert vieles mehr an James Bond als an einen ernstzunehmenden Aufruf zum ökologischen Widerstand.
Und je schauerlicher die Todesarten, umso unaufhaltsamer driftet das Geschehen ins Fantastische ab. Schon der Untergang Manhattans fand, wie man in der Hälfte der Lektüre erfährt, nicht wirklich statt. Liv, die Inselhüttenwartin, jagt sich, als ihre unheilbare Krankheit unerträglich wird, mitsamt ihrer Hütte in die Luft – und kreist von da an als Drohne über der Sandinsel. Und auch als Leo selber das Zeitliche segnet, ein Klippensturz als Opfer des Overtourism, der seine Insel heimsucht, setzt sich sein Körper munter wieder zusammen und wütet als Racheengel weiter.
Damit legt Christoph Keller, fünf Jahre nach seinem Roman Der Boden unter den Füssen, noch einmal kräftig nach. Auch dort war die Sorge um die Zerstörung unseres Lebensraums allgegenwärtig. Die Botschaft damals, von Lion, dem Zwillingsbruder von Leo propagiert, lautete: Stopp dem angeblichen technischen Fortschritt! Zurück zur Natur, wir brauchen ein Zivilisations-Moratorium. Damals halfen noch friedliche Mittel – jetzt geht es nur noch mit Mord und Totschlag.
Das Abmurksen geht also fröhlich weiter: «Ein Folterkönig, ein Gefängnisbaron. Ein russischer Oligarch. Ein amerikanischer Überwachungsunternehmer. Eine Mikroplastikverursacherin» usw. Und immer mehr Nachahmerinnen, Frauen vor allem, greifen zur Methode Cavour. Mit Erfolg. Denn auch wenn die öffentliche Meinung es nicht wahrhaben will: «Die Welt wird ein besserer Ort.» Die Menschen leben spürbar gesünder, die Luft, das Wasser, die Nahrung wird besser, das Klima gesundet, und im öffentlichen Diskurs beginnt sich der Gedanke einzuschleichen, «dass diese Morde Notwehr sind».
Kurzum, und gern würde man es glauben, wenn man nicht wüsste, dass Christoph Keller ein gnadenloser Ironiker ist: «Alles wird gut, das steht jetzt fest.»
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