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Jeder Krüppel ein Superheld (III)

«Every Cripple a Superhero» – hier Teil drei der Auszüge aus dem noch unpublizierten Buch des St.Galler Schriftstellers Christoph Keller, wie sie im Oktoberheft von Saiten erschienen sind.
Von  Gastbeitrag

ICH MUSS PINKELN, doch welch Dickicht von Seilen und Pfosten und Kindersitzen und Einkaufswagen und Kübeln und Putzbesen muss ich in der rollstuhlgängigen Toilette durchdringen! Das Restaurant verwendet sie als Abstellraum. Ich schlage mich zur WC-Schüssel durch, doch als ich mich nach der Erledigung des Geschäfts herumdrehen will, bleibe ich stecken. Etwas hat sich in den Rädern meines Rollstuhls verfangen. Ich schwitze, ich fluche. Ich kann nicht sagen, was es ist, das mich daran hindert, den Raum zu verlassen. Es ist beängstigend. Ich wackle mit dem Stuhl vor und zurück, vor und zurück. Ich wackle, ich schreie. Die Musik im Restaurant ist zu laut, merke ich. Keiner kann mich hören. Irgendwie schaffe ich es, freizukommen. Ich rolle aus der Toilette, zitternd, schwitzend, demoralisiert, voller Wut. Zurück am Tisch mit meinen Freunden ruiniere ich die Stimmung.

 

Ein Junge und ein Baby starren meine Räder an

Im vollen Karacho rolle ich die Sullivan Street hinunter,
ein Junge, so um die sieben, beobachtet mich.
Eigentlich starrt er mich an. Ich kenne den Blick.
Er ist neidisch. Mein Wagen rollt so schnell,
so mühelos. Welch cooles High-Tech-Gerät!

Weiter unten auf der Sullivan Street drossle ich das Tempo, als
ein Mann auftaucht, der vorsichtig einen Kinderwagen schiebt.
Das Baby starrt mich an. Ich kenne den Blick.
Es ist entsetzt. Ich bin zu gross, um im Wagen zu sein,
Obendrein schiebt ihn keiner. Das ist Baby-Privileg!

 

fünf definitionen
in nicht-alphabetischer Reihenfolge

krüppel
chiffre für «behindert»

freak
du im Glauben, du seist normal

normal
jeder freak

behindert
leb nur lang genug
auch: chiffre für «krüppel»

superheld
jeder krüppel
(und freak)

 

how to be

how far
do you have to be able
to walk
to be considered
able-bodied

how much
do you have to be able
to mind
to be considered
able-minded

how able
do you have to be
to be considered
able

how do you
have to be

to be

 

EIN BEFREUNDETER SCHRIFTSTELLER SAGTE mir, dass er mich um das Sitzen beneide, das erzwungene Sitzen, dafür, nicht ständig wegrennen zu können, dafür, schreiben zu müssen. Ich murmle etwas über die medizinischen Nebenwirkungen von all dem Sitzen, aber wenn es ums Schreiben geht, liegt der Kerl todrichtig, nicht wahr?

 

DER MÄCHTIGSTE SUPERHELD, den ich erfunden habe, ist Commonsenseman, der Mann mit dem gesunden Menschenverstand. Sein Kryptonit ist, dass ihm keiner zuhört.

 

ist geld
verdienen

mit dem schreiben über
eine behinderung
die man nicht hat

eine form von
imperialismus?

 

WENN SIE MEINEN PARKPLATZ nehmen, nehmen Sie dann auch meine Behinderung? (so gesehen auf einem Parkplatz für Menschen mit einer Behinderung in Colmar, Frankreich)

 

Creme

Im Wartezimmer der Muskel-
Klinik der Columbia-Presbyterian
denke ich an die Bilder vom Ausschlag an meinem Arsch,
die ich auf dem Natel habe. Andere Leute
haben Bilder von ihren Kindern und niedlichen
Haustieren. Wer will die schon sehen? Doch
meine Ärztin will die Bilder vom Ausschlag an meinem Arsch
wirklich sehen und verschreibt mir eine coole Creme

 

MBONGWANA STAR, eine Band aus dem Kongo, hat zwei Leadsänger in Rollstühlen. Nenne eine Band aus dem Westen mit zwei Leadsängern in Rollstühlen. Nenne zwei Bands aus dem Westen mit einem Leadsänger im Rollstuhl. Nenne irgendeine Band aus dem Westen mit jemandem in einem Rollstuhl.

Curb Cut V – Trottoir in New York. (Bild: Christoph Keller)

HEUTE TRÄUMTE ICH, ICH SEI in unserem Garten in der Schweiz, ich hörte einem Specht zu, träumte von einem Turm aus Glas mit lauter Aufzügen und keinen Stufen, darin stieg ich höher und
höher und
höher und
höher und
Hello Spaceboy!
(I’m sleepy now)

 

AUS WELCHEM GRUND auch immer lud meine Batterie in der letzten Nacht nicht auf – ein Aufladezyklus benötigt ungefähr sechs Stunden – deshalb lade ich jetzt auf, während ich arbeite; und arbeite, während ich auflade. Aufgeladen, kann ich aus dem Haus – um meine reparierte Uhr zu holen, meinen übermüdeten Zeitmesser.

 

Ich bin dein Rollstuhlmann

Sie schaut mich an

Sie schaut mich an
und sagt, Ich liebe deine schönen Räder

Sie schaut mich an,
packt meinen Rollstuhl und fährt mit mir los

Sie schaut mich an
und sagt, Nun, ich wusste es einfach

Sie schaut mich an
und fragt, Wurdest du heute schon achtmal umarmt?

Sie schaut mich an,
backt mir einen Ingwerkuchen, bringt auch Wein mit

Sie schaut mich an
und sagt, Ich werd aus Florida kommen, um dir zu Füssen zu liegen

Sie schaut mich an
und rennt durchs Zimmer, um mich auf die Wangen zu küssen

Sie schaut mich an,
dann ruft sie spät in der Nacht an

Sie schaut mich an
und bleibt bei mir

Sie schaut mich an

 

WIR TREFFEN UNS MIT Freunden in Zürichs schöner Altstadt; sie ist hüglig und hat Kopfsteinpflaster. Ich werde sauer. Es ist mühsam, so herumzurollen. Die Freundin meines guten Freunds versichert mir, dass sie so was von gut verstehe, was ich durchmache. All die Läden, die ich wegen einer oder zwei Stufen nicht betreten könne! Von nun an werde sie keinen Laden mehr betreten, in den ich nicht hineinrollen könne, verkündigt sie. Dann kommen wir an einem Altkleiderladen vorbei, dessen Eingang zwei Stufen hat, und sie rennt hinein.

 

DIE MEISTEN NORDAMERIKANISCHEN INDIGENEN Gemeinschaften haben kein Wort oder Konzept für «Behinderung». Der Grund dafür ist, dass ihre Gemeinschaften dadurch gediehen, dass sie ihre Leute mit dem identifizierten, worin sie gut waren. Jemand mit einer geistigen Beeinträchtigung ist gut im Wassertragen, sie, die taub ist, ist grossartig im Bauen von Hütten, er, der gelähmt ist, ist ein geborener Geschichtenerzähler. Solange das Verhältnis von Körper, Geist und Seele im Gleichgewicht ist, bist du nicht «behindert».

Dann tauchen die Europäer auf ihren Schiffen auf, mit im Gepäck haben sie Waffen, Rum, Bibeln, Gier, tödliche Viren und zivilisatorische Überlegenheit; der Kapitalismus taucht auf, mit ihm wird das Konzept der «Behinderung» angeschwemmt. Hier gilt: «Behinderung» ist das Unvermögen, Arbeit darzustellen. Kapitalismus bedeutet Körper über Geist und Seele, und wenn dieser Körper nicht in der Lage ist, Profit zu generieren, bist du draussen.

 

«BEHINDERT», MEIN ARSCH. Habe ‘ne Behinderung, bin keine. Bin ein fähiges menschliches Wesen, das ein fähiges Leben führt. Einige Dinge in meinem Leben sind anders, aber in deinem Leben ist auch vieles anders. Vielleicht schneide ich schlechter ab als du, vielleicht schneide ich besser ab als du. Wie stark leidest du an dieser unvollkommenen Nase in deinem Gesicht? Ein bisschen, nicht eben viel? Doch du ziehst eine Operation in Betracht. Ich? Ich leide nicht an SMA. Ich habe es. Ich lebe damit. Normalerweise ziemlich glücklich. Ich betrachte mich selbst als privilegiert, nicht trotz SMA, sondern durch SMA oder, besser noch, mit SMA. Es nimmt mir manches, es gibt mir so viel. Ich weiss, dass ich ohne SMA Jan nicht haben würde. Nicht weil sie meine Behinderung so sehr lieben würde; sondern weil ich ohne SMA ein ganz anderes Leben führte, das mich nicht zu ihr gebracht hätte. Durch SMA und die Art, wie ich damit umgehe, bin ich derjenige, der ich bin. Dank SMA habe ich so viele echte Freunde: eine Behinderung hält einem die Schönwetterfreunde vom Leib. Ich machte «es» zu einem Teil meines Lebens und liess mich nicht Teil von «ihm» werden. Ich machte «es» nicht zu meinem Leben. Das ist das ganze Geheimnis. Jetzt habe ich mein Geheimnis verraten. (Leb einfach mit dieser Nase, wie sie ist: Das bist du.) SMA gab mir dieses Leben. Meine Wahl ist, es zu umarmen oder die Behinderung mich umarmen zu lassen. Die Diagnose lautet nicht SMA; die Diagnose lautet Leben.

 

Die Verkrüppelten (Memento 2)

wir sind unter euch
waren es immer
werden es immer sein

nun, da wir alle
älter werden
sogar unsterblich

eines tages wirst
auch du
einer von uns

sieh uns jetzt an
lern dich kennen

 

HEUTE SIND WIR IN HERISAU, einer kleinen Siedlung etwa zehn Kilometer westlich von St.Gallen. Es ist ein hübsches, aber heruntergekommenes Städtlein, von den Reichen den Arbeitern überlassen. Vielleicht schauen Leute vom Kaliber derjenigen einmal dort vorbei, die das Fleischerviertel zum mittlerweile weltberühmten Meatpacking District luxussanierten. Zur Zeit ist es noch immer das Städtlein, in dem Robert Walser die letzten 25 Jahre seines Lebens unter psychiatrischem Gewahrsam verbracht hat: Ich bin nicht hier, um zu schreiben, sondern um verrückt zu sein.

Ein schmaler Pfad, gerade breit genug für meinen Stuhl und nicht zu steil, mündet in einen Pfad des prachtvollen kleinen Rosenparks, den wir auf der Rückseite eines Restaurants entdeckten. Wir essen zu Abend im Garten des Restaurants. Der Park schliesst um 20:00 Uhr; ich ziehe das Herausfordern von Robert Walsers Städtlein in Betracht. Was, wenn ich die Sperrstunde verpasste? Wie käme ich wieder hinaus? Wie fände ich die Person, die den Schlüssel zum Rosengarten hat? Wir beschliessen, das Risiko nicht auf uns zu nehmen: es ist zu angenehm hier. Wenn wir das Dessert auslassen, bleibt uns noch genügend Zeit. Ich bin nicht hier, um verrückt zu sein, sondern um zu Abend zu essen.

 

Man sah den Wegen am Abendlicht an, dass es Heimwege waren.
Robert Walser

 

Sie sind so stolz auf ihn:
Er klagt nie!

Er sagt ihnen jedes Mal:
Ihr hört mir nicht zu! 

 

Der Originaltext trägt den Titel Every Cripple a Superhero. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen besorgte Florian Vetsch.

Christoph Keller, 1963, ist Schriftsteller in St.Gallen und New York. Er schrieb unter anderem den autobiografischen Roman Der beste Tänzer (2003). In Saiten vom September 2017 erschien sein «rollender Bericht» Staying Put is the New Mobility

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten. Hier geht es zu Teil I und Teil II.

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