ICH MUSS PINKELN, doch welch Dickicht von Seilen und Pfosten und Kindersitzen und Einkaufswagen und Kübeln und Putzbesen muss ich in der rollstuhlgängigen Toilette durchdringen! Das Restaurant verwendet sie als Abstellraum. Ich schlage mich zur WC-Schüssel durch, doch als ich mich nach der Erledigung des Geschäfts herumdrehen will, bleibe ich stecken. Etwas hat sich in den Rädern meines Rollstuhls verfangen. Ich schwitze, ich fluche. Ich kann nicht sagen, was es ist, das mich daran hindert, den Raum zu verlassen. Es ist beängstigend. Ich wackle mit dem Stuhl vor und zurück, vor und zurück. Ich wackle, ich schreie. Die Musik im Restaurant ist zu laut, merke ich. Keiner kann mich hören. Irgendwie schaffe ich es, freizukommen. Ich rolle aus der Toilette, zitternd, schwitzend, demoralisiert, voller Wut. Zurück am Tisch mit meinen Freunden ruiniere ich die Stimmung.
Ein Junge und ein Baby starren meine Räder an
Im vollen Karacho rolle ich die Sullivan Street hinunter, ein Junge, so um die sieben, beobachtet mich. Eigentlich starrt er mich an. Ich kenne den Blick. Er ist neidisch. Mein Wagen rollt so schnell, so mühelos. Welch cooles High-Tech-Gerät!
Weiter unten auf der Sullivan Street drossle ich das Tempo, als ein Mann auftaucht, der vorsichtig einen Kinderwagen schiebt. Das Baby starrt mich an. Ich kenne den Blick. Es ist entsetzt. Ich bin zu gross, um im Wagen zu sein, Obendrein schiebt ihn keiner. Das ist Baby-Privileg!
fünf definitionen in nicht-alphabetischer Reihenfolge
krüppel chiffre für «behindert»
freak du im Glauben, du seist normal
normal jeder freak
behindert leb nur lang genug auch: chiffre für «krüppel»
superheld jeder krüppel (und freak)
how to be
how far do you have to be able to walk to be considered able-bodied
how much do you have to be able to mind to be considered able-minded
how able do you have to be to be considered able
how do you have to be
to be
EIN BEFREUNDETER SCHRIFTSTELLER SAGTE mir, dass er mich um das Sitzen beneide, das erzwungene Sitzen, dafür, nicht ständig wegrennen zu können, dafür, schreiben zu müssen. Ich murmle etwas über die medizinischen Nebenwirkungen von all dem Sitzen, aber wenn es ums Schreiben geht, liegt der Kerl todrichtig, nicht wahr?
DER MÄCHTIGSTE SUPERHELD, den ich erfunden habe, ist Commonsenseman, der Mann mit dem gesunden Menschenverstand. Sein Kryptonit ist, dass ihm keiner zuhört.
ist geld verdienen
mit dem schreiben über eine behinderung die man nicht hat
eine form von imperialismus?
WENN SIE MEINEN PARKPLATZ nehmen, nehmen Sie dann auch meine Behinderung? (so gesehen auf einem Parkplatz für Menschen mit einer Behinderung in Colmar, Frankreich)
Creme
Im Wartezimmer der Muskel- Klinik der Columbia-Presbyterian denke ich an die Bilder vom Ausschlag an meinem Arsch, die ich auf dem Natel habe. Andere Leute haben Bilder von ihren Kindern und niedlichen Haustieren. Wer will die schon sehen? Doch meine Ärztin will die Bilder vom Ausschlag an meinem Arsch wirklich sehen und verschreibt mir eine coole Creme
MBONGWANA STAR, eine Band aus dem Kongo, hat zwei Leadsänger in Rollstühlen. Nenne eine Band aus dem Westen mit zwei Leadsängern in Rollstühlen. Nenne zwei Bands aus dem Westen mit einem Leadsänger im Rollstuhl. Nenne irgendeine Band aus dem Westen mit jemandem in einem Rollstuhl.
Curb Cut V – Trottoir in New York. (Bild: Christoph Keller)
HEUTE TRÄUMTE ICH, ICH SEI in unserem Garten in der Schweiz, ich hörte einem Specht zu, träumte von einem Turm aus Glas mit lauter Aufzügen und keinen Stufen, darin stieg ich höher und höher und höher und höher und Hello Spaceboy! (I’m sleepy now)
AUS WELCHEM GRUND auch immer lud meine Batterie in der letzten Nacht nicht auf – ein Aufladezyklus benötigt ungefähr sechs Stunden – deshalb lade ich jetzt auf, während ich arbeite; und arbeite, während ich auflade. Aufgeladen, kann ich aus dem Haus – um meine reparierte Uhr zu holen, meinen übermüdeten Zeitmesser.
Ich bin dein Rollstuhlmann
Sie schaut mich an
Sie schaut mich an und sagt, Ich liebe deine schönen Räder
Sie schaut mich an, packt meinen Rollstuhl und fährt mit mir los
Sie schaut mich an und sagt, Nun, ich wusste es einfach
Sie schaut mich an und fragt, Wurdest du heute schon achtmal umarmt?
Sie schaut mich an, backt mir einen Ingwerkuchen, bringt auch Wein mit
Sie schaut mich an und sagt, Ich werd aus Florida kommen, um dir zu Füssen zu liegen
Sie schaut mich an und rennt durchs Zimmer, um mich auf die Wangen zu küssen
Sie schaut mich an, dann ruft sie spät in der Nacht an
Sie schaut mich an und bleibt bei mir
WIR TREFFEN UNS MIT Freunden in Zürichs schöner Altstadt; sie ist hüglig und hat Kopfsteinpflaster. Ich werde sauer. Es ist mühsam, so herumzurollen. Die Freundin meines guten Freunds versichert mir, dass sie so was von gut verstehe, was ich durchmache. All die Läden, die ich wegen einer oder zwei Stufen nicht betreten könne! Von nun an werde sie keinen Laden mehr betreten, in den ich nicht hineinrollen könne, verkündigt sie. Dann kommen wir an einem Altkleiderladen vorbei, dessen Eingang zwei Stufen hat, und sie rennt hinein.
DIE MEISTEN NORDAMERIKANISCHEN INDIGENEN Gemeinschaften haben kein Wort oder Konzept für «Behinderung». Der Grund dafür ist, dass ihre Gemeinschaften dadurch gediehen, dass sie ihre Leute mit dem identifizierten, worin sie gut waren. Jemand mit einer geistigen Beeinträchtigung ist gut im Wassertragen, sie, die taub ist, ist grossartig im Bauen von Hütten, er, der gelähmt ist, ist ein geborener Geschichtenerzähler. Solange das Verhältnis von Körper, Geist und Seele im Gleichgewicht ist, bist du nicht «behindert».
Dann tauchen die Europäer auf ihren Schiffen auf, mit im Gepäck haben sie Waffen, Rum, Bibeln, Gier, tödliche Viren und zivilisatorische Überlegenheit; der Kapitalismus taucht auf, mit ihm wird das Konzept der «Behinderung» angeschwemmt. Hier gilt: «Behinderung» ist das Unvermögen, Arbeit darzustellen. Kapitalismus bedeutet Körper über Geist und Seele, und wenn dieser Körper nicht in der Lage ist, Profit zu generieren, bist du draussen.
«BEHINDERT», MEIN ARSCH. Habe ‘ne Behinderung, bin keine. Bin ein fähiges menschliches Wesen, das ein fähiges Leben führt. Einige Dinge in meinem Leben sind anders, aber in deinem Leben ist auch vieles anders. Vielleicht schneide ich schlechter ab als du, vielleicht schneide ich besser ab als du. Wie stark leidest du an dieser unvollkommenen Nase in deinem Gesicht? Ein bisschen, nicht eben viel? Doch du ziehst eine Operation in Betracht. Ich? Ich leide nicht an SMA. Ich habe es. Ich lebe damit. Normalerweise ziemlich glücklich. Ich betrachte mich selbst als privilegiert, nicht trotz SMA, sondern durch SMA oder, besser noch, mit SMA. Es nimmt mir manches, es gibt mir so viel. Ich weiss, dass ich ohne SMA Jan nicht haben würde. Nicht weil sie meine Behinderung so sehr lieben würde; sondern weil ich ohne SMA ein ganz anderes Leben führte, das mich nicht zu ihr gebracht hätte. Durch SMA und die Art, wie ich damit umgehe, bin ich derjenige, der ich bin. Dank SMA habe ich so viele echte Freunde: eine Behinderung hält einem die Schönwetterfreunde vom Leib. Ich machte «es» zu einem Teil meines Lebens und liess mich nicht Teil von «ihm» werden. Ich machte «es» nicht zu meinem Leben. Das ist das ganze Geheimnis. Jetzt habe ich mein Geheimnis verraten. (Leb einfach mit dieser Nase, wie sie ist: Das bist du.) SMA gab mir dieses Leben. Meine Wahl ist, es zu umarmen oder die Behinderung mich umarmen zu lassen. Die Diagnose lautet nicht SMA; die Diagnose lautet Leben.
Die Verkrüppelten (Memento 2)
wir sind unter euch waren es immer werden es immer sein
nun, da wir alle älter werden sogar unsterblich
eines tages wirst auch du einer von uns
sieh uns jetzt an lern dich kennen
HEUTE SIND WIR IN HERISAU, einer kleinen Siedlung etwa zehn Kilometer westlich von St.Gallen. Es ist ein hübsches, aber heruntergekommenes Städtlein, von den Reichen den Arbeitern überlassen. Vielleicht schauen Leute vom Kaliber derjenigen einmal dort vorbei, die das Fleischerviertel zum mittlerweile weltberühmten Meatpacking District luxussanierten. Zur Zeit ist es noch immer das Städtlein, in dem Robert Walser die letzten 25 Jahre seines Lebens unter psychiatrischem Gewahrsam verbracht hat: Ich bin nicht hier, um zu schreiben, sondern um verrückt zu sein.
Ein schmaler Pfad, gerade breit genug für meinen Stuhl und nicht zu steil, mündet in einen Pfad des prachtvollen kleinen Rosenparks, den wir auf der Rückseite eines Restaurants entdeckten. Wir essen zu Abend im Garten des Restaurants. Der Park schliesst um 20:00 Uhr; ich ziehe das Herausfordern von Robert Walsers Städtlein in Betracht. Was, wenn ich die Sperrstunde verpasste? Wie käme ich wieder hinaus? Wie fände ich die Person, die den Schlüssel zum Rosengarten hat? Wir beschliessen, das Risiko nicht auf uns zu nehmen: es ist zu angenehm hier. Wenn wir das Dessert auslassen, bleibt uns noch genügend Zeit. Ich bin nicht hier, um verrückt zu sein, sondern um zu Abend zu essen.
Man sah den Wegen am Abendlicht an, dass es Heimwege waren. Robert Walser
Sie sind so stolz auf ihn: Er klagt nie!
Er sagt ihnen jedes Mal: Ihr hört mir nicht zu!
Der Originaltext trägt den Titel Every Cripple a Superhero. Die Übersetzung aus dem Amerikanischen besorgte Florian Vetsch.
Christoph Keller, 1963, ist Schriftsteller in St.Gallen und New York. Er schrieb unter anderem den autobiografischen Roman Der beste Tänzer (2003). In Saiten vom September 2017 erschien sein «rollender Bericht» Staying Put is the New Mobility
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten. Hier geht es zu Teil I und Teil II.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.