Seit bald einem halben Jahr steht «Das Buch» vor der Bibliothek der Universität; danach soll es an drei weiteren buchträchtigen Orten zu sehen sein: im Klosterbezirk, vor dem Vadian-Denkmal, schliesslich am Bahnhofsplatz. Das macht in St. Gallen, das sich gern als «Buchstadt» sieht, durchaus Sinn. Nur ist mit diesem «Buch» ein unappetitliches Problem verbunden: Es diskriminiert.
«Das Buch» ist nicht einmal ein Buch; es ist eine überdachte Treppe mit Guckloch. Ein Buch steht für den offenen Zugang zu andern Leben, Welten, Kulturen. Dieses «Buch» aber schliesst Menschen aus. Seiten sind zu Stufen geworden, die Stufen stehen für den Passionsweg Jesu. «Das Buch» verspricht biblische Erlösung, aber nur für die, die Treppen steigen können. Menschen, die gebrechlich sind oder auf einen Rollator oder einen Rollstuhl angewiesen sind, bleiben im Dunkeln. Die Symbolik dieses Werks ist eindeutig, und sie ist erschreckend.
Will St. Gallen diese Art von «Buch»-Stadt sein?
Was nur haben sich die Beteiligten gedacht? Als einer, der gleich doppelt betroffen ist, als Buchautor und Rollstuhlbenutzer, wollte ich das herausfinden. So meldete ich mich am 1. Juni 2017 mit einem Brief. Die Antworten überraschten mich. Ja, gab mir die evangelisch-reformierte Kirche und die evangelische Allianz St. Gallen, die das «Buch» im Rahmen des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation in Auftrag gegeben hat, recht, «Das Buch» diskriminiere. Da es aber nur «temporär» zu sehen sei, habe man das in Kauf genommen. Der Künstler speiste mich mit der Art «zur Kenntnisnahme»-Formbrief ab, den man von Versicherungen gewohnt ist. Ihm tue es leid, dass ich mich «durch die Skulptur ausgeschlossen fühle», ansonsten fügte er den Kirchenbrief bei. Temporäre Diskriminierung ist auch für ihn ok.
Die Universität, die dem «Buch» Gastrecht gewährt und es auch finanziell unterstützt, kam zum selben Schluss. Ja, gab man mir auch hier recht: «Das Buch» diskriminiere. Ja, die HSG habe einen Fehler gemacht, und ja, es bestehe Handlungsbedarf. Nein, Diskriminierung gehe auch temporär nicht. Natürlich nicht. So wurde ich zum Gespräch eingeladen, um eine Lösung zu finden. Im Dialog Bewusstsein schaffen. Eine Veranstaltung mit mir. «Das Buch» umbauen, es gar entfernen. Das klang vielversprechend. Ich rollte beschwingt nach Hause.
Freie Fahrt in die Buchhandlungen
Ich habe mich zum ersten Mal zum Thema «Buch» am 19. Mai 2017 im «St. Galler Tagblatt» zu Wort gemeldet. Ich publizierte einen Aufsatz dazu, Saiten berichtete. Es änderte sich aber nichts. Doch! Es änderte sich etwas. Seither diskriminiert «Das Buch» wissentlich, mit dem Segen des Künstlers, der evangelischen Kirche, der Universität St. Gallen und der Stadt St. Gallen.
Will St. Gallen wirklich mit diesem «Buch der Ausgrenzung» – wissentlich – Stadtgeschichte schreiben? Kaum. Gerne mache ich einen Vorschlag. Es kostet viel Geld, allein dieses 22-Tonnen-schwere Objekt weitere drei Mal abzubrechen, zu transportieren und wieder aufzubauen. Statt dessen könnten mit diesem Geld die Buchhandlungen Comedia, zur Rose und andere barrierefrei(er) gemacht werden. (Das Rösslitor ist es schon). Auch im Namen der Reformation.
So wird in der Buchstadt St. Gallen aus temporärer Diskriminierung permanente Verbesserung.
Mit guten Grüssen
Christoph Keller
Im Septemberheft «Saiten macht mobil» hat Christoph Keller über die Tücken der St.Galler Innenstadt für Rollstuhlfahrer geschrieben. Sein Fazit: «St.Gallen, die Hauptstadt der Pflastersteinrampen».
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Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
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