«Solange ich schreibe, praktiziere ich den aufrechten Gang. Es ist eine Form von Widerstand.» Für Lore, die dies schreibt, ist der aufrechte Gang und auch das Schreiben keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie hat vor kurzem die Diagnose «Demenz» erhalten. Im Buch wird das Wort nicht verwendet, Lore umschreibt, was da mit ihr passiert beziehungsweise bald schon passieren wird, bildhaft als «Kopfgeschehen». «Tausende leiden in unserem Land darunter, es ist nichts Neues, man kennt es, und man kennt die Hilflosigkeit, die damit einhergeht.»
Christine Fischers Ich-Figur trotzt dieser Hilflosigkeit: Um das «generalisierte Kopfgeschehen» zu bewältigen, fängt sie an zu schreiben. Füllt Hefte, erst das blaue, dann das rote, das gelbe, schliesslich das weisse. Schreibt einen langen «Brief an das Leben». «Liebes Leben, bleib bei mir, verlass mich auch mit meinem löcherigen Kopfherzen nicht.» Lore gelobt Ehrlichkeit, spürt zuerst sogar Abenteuerlust im Erkunden dieses «fernen Kontinents». Und Karl, ihr Mann, hält zu ihr – Lebzeiten ist nicht zuletzt der Liebesroman einer Beziehung, die dem «ozeanischen» Auseinanderdriften zweier Leben standhält und daran wächst.
Für ihren inzwischen sechsten Roman hat die St.Galler Autorin eine inspirierende Cover-Illustration (Ausschnitt Bild oben) gefunden: eine Arbeit des Trogner Musikers und Stickers Ficht Tanner.
Das Weinen vergessen
Die Spuren des «Kopfgeschehens» sind vorerst noch kaum zu erkennen. Ein Wort fällt Lore nicht ein. Später noch eins und immer häufiger eins. Es sind vor allem Wörter, die man seltener braucht. «Huckepack» kommt ihr nicht mehr in den Sinn, stattdessen schreibt sie «Hauruck»; die «Moränenlandschaft» wird zur «Mondlandschaft», der «Zauderer» zum «Zauberer».
Eines Tages klappt es mit dem Schuhe binden nicht mehr. «Ich habe nicht gewusst, dass auch meine Hände ein Gedächtnis haben. Aber so ist es. Und weil sie ein Gedächtnis besitzen, können sie auch vergessen.» In ihrer Verzweiflung schmeisst Lore die Wanderschuhe weg. Beim zweiten Anlauf aber klappt es wieder. Ein Ausfall bloss, vorübergehend. Und doch einschneidend. In Christine Fischers bildhaft präziser Sprache: «Die Erinnerung war zurückgekehrt, doch ich traue ihr nicht mehr. Sie ist ein Vogel in einem Käfig, dessen Gitterstäbe jeden Tag ein wenig mehr auseinanderrücken.»
Es gibt Schübe im Kopfgeschehen – und es gibt Aufschub, zum Beispiel während der Ferienwoche in den Bergen. Aber diese Zeiten des Glücks werden knapper. Lore überlebt einen «Ausreisser» in eine schluchtige Gegend nur knapp: Ihr Kopf und darüber hinaus die schmerzhafte Erinnerung an den «Norweger», den «amour fou» ihrer Jugendzeit, haben ihr einen doppelten Streich gespielt und bringen sie in Lebensgefahr. Später findet sie Plätze nicht mehr, an denen sie vor kurzem war, kann mit dem Namen eines alten Freunds nichts anfangen, vergisst einen Streit, der erst gerade vorgefallen war.
Der Besuch mit einer Bekannten im Pflegeheim zeigt Lore, wie es künftig mit ihr kommen könnte. Das Gehen verlernt. Das Weinen vergessen. Sätze wie aus einem fremden Mund, aus einer anderen Welt, «gleichmüdig» dahingesagt.
Wachsende Beklemmung
Immer mehr überlagern sich Gegenwart und Kindheitsvergangenheit. Die Einträge im Heft, inzwischen ist es das dritte, das gelbe, werden kürzer, sprunghafter. Dann wieder lange konzentrierte Passagen. Und erneute Wortfindungsstörungen, im Buch mit drei Punkten markiert – zum Teil wirkt das etwas künstlich, insgesamt aber schafft es ein Lesegefühl wachsender Beklemmung und Spannung.
«Es gibt helle Tage und es gibt dunkle Tage», schreibt Lore. An hellen – oder dunklen? – Tagen spricht sie mit Toten, mit Jeff, dem Freund von einst. Ein Hund, den sie ins Haus gebracht hat, ohne sich daran erinnern zu können, wird ihr Begleiter. Der Penner Erwin, dem der Hund gehört hatte, kommt todkrank in Lores und Karls Haushalt. Sein Sterben hält Lore und alle um sie herum und den Leser in Atem. Und Lore verliert oder vielleicht findet sich immer häufiger in ihren Kindheitserinnerungen.
Dann kommt Oliver zurück. Der bei Lore und Karl aufgewachsene Sohn der früh verstorbenen Freundin Eileen. Der verlorene Sohn kommt zurück zur sich verlierenden Mutter. Die versteht immer weniger, was Oliver, was Karl, was die Freunde um sie herum reden. Lässt sich aufschreiben, wovon sie glaubt, dass es wichtig ist, «damit ich hier alles beisammen habe».
Verluste und Gewinne
Es ist ein grosses, auch ein riskantes Unterfangen, in Sprache den Verlust der Sprache, im Schreiben die Erosion des Denkens und Wissens und Erinnerns einzufangen. Christine Fischer gelingt es, dies glaubwürdig zu tun. In ihrem Buch steckt viel Wissen und Ahnung vom Werden und Vergehen und von der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur, Körper wie Geist. Und dennoch wird daraus kein deprimierendes, sondern ein berührendes und manchmal sogar lebenseuphorisches Buch.
Lores Wunsch an die andern, sie nicht an der Lore zu messen, die sie vorher war, sondern als den ganzen Menschen anzunehmen, der sie jetzt ist: Das könnte eine Botschaft dieses Romans sein. «Ich glaube, das Wichtigste ist mitzugehen. Mit dem Leben mitzugehen.»
Christine Fischer: Lebzeiten, Appenzeller Verlag Schwellbrunn 2015, Fr. 39.90. Buchvernissage: Donnerstag, 23. April, 19.30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen.
Dieser Text erschien im Aprilheft von Saiten.
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater