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Wenn der Kopf wegdriftet

«Lebzeiten» heisst der neue Roman der St.Galler Autorin Christine Fischer. Er riskiert das sprachgewordene Porträt einer Demenzkranken. Heute Donnerstag ist Buchpremiere. Ein Beitrag aus dem April-Heft.
Von  Peter Surber , 

«Solange ich schreibe, praktiziere ich den aufrechten Gang. Es ist eine Form von Widerstand.» Für Lore, die dies schreibt, ist der aufrechte Gang und auch das Schreiben keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie hat vor kurzem die Diagnose «Demenz» erhalten. Im Buch wird das Wort nicht verwendet, Lore umschreibt, was da mit ihr passiert beziehungsweise bald schon passieren wird, bildhaft als «Kopfgeschehen». «Tausende leiden in unserem Land darunter, es ist nichts Neues, man kennt es, und man kennt die Hilflosigkeit, die damit einhergeht.»

Christine Fischers Ich-Figur trotzt dieser Hilflosigkeit: Um das «generalisierte Kopfgeschehen» zu bewältigen, fängt sie an zu schreiben. Füllt Hefte, erst das blaue, dann das rote, das gelbe, schliesslich das weisse. Schreibt einen langen «Brief an das Leben». «Liebes Leben, bleib bei mir, verlass mich auch mit meinem löcherigen Kopfherzen nicht.» Lore gelobt Ehrlichkeit, spürt zuerst sogar Abenteuerlust im Erkunden dieses «fernen Kontinents». Und Karl, ihr Mann, hält zu ihr – Lebzeiten ist nicht zuletzt der Liebesroman einer Beziehung, die dem «ozeanischen» Auseinanderdriften zweier Leben standhält und daran wächst.

Für ihren inzwischen sechsten Roman hat die St.Galler Autorin eine inspirierende Cover-Illustration (Ausschnitt Bild oben) gefunden: eine Arbeit des Trogner Musikers und Stickers Ficht Tanner.

Das Weinen vergessen

Die Spuren des «Kopfgeschehens» sind vorerst noch kaum zu erkennen. Ein Wort fällt Lore nicht ein. Später noch eins und immer häufiger eins. Es sind vor allem Wörter, die man seltener braucht. «Huckepack» kommt ihr nicht mehr in den Sinn, stattdessen schreibt sie «Hauruck»; die «Moränenlandschaft» wird zur «Mondlandschaft», der «Zauderer» zum «Zauberer».

fischer-portraitEines Tages klappt es mit dem Schuhe binden nicht mehr. «Ich habe nicht gewusst, dass auch meine Hände ein Gedächtnis haben. Aber so ist es. Und weil sie ein Gedächtnis besitzen, können sie auch vergessen.» In ihrer Verzweiflung schmeisst Lore die Wanderschuhe weg. Beim zweiten Anlauf aber klappt es wieder. Ein Ausfall bloss, vorübergehend. Und doch einschneidend. In Christine Fischers bildhaft präziser Sprache: «Die Erinnerung war zurückgekehrt, doch ich traue ihr nicht mehr. Sie ist ein Vogel in einem Käfig, dessen Gitterstäbe jeden Tag ein wenig mehr auseinanderrücken.»

Es gibt Schübe im Kopfgeschehen – und es gibt Aufschub, zum Beispiel während der Ferienwoche in den Bergen. Aber diese Zeiten des Glücks werden knapper. Lore überlebt einen «Ausreisser» in eine schluchtige Gegend nur knapp: Ihr Kopf und darüber hinaus die schmerzhafte Erinnerung an den «Norweger», den «amour fou» ihrer Jugendzeit, haben ihr einen doppelten Streich gespielt und bringen sie in Lebensgefahr. Später findet sie Plätze nicht mehr, an denen sie vor kurzem war, kann mit dem Namen eines alten Freunds nichts anfangen, vergisst einen Streit, der erst gerade vorgefallen war.

Der Besuch mit einer Bekannten im Pflegeheim zeigt Lore, wie es künftig mit ihr kommen könnte. Das Gehen verlernt. Das Weinen vergessen. Sätze wie aus einem fremden Mund, aus einer anderen Welt, «gleichmüdig» dahingesagt.

Wachsende Beklemmung

Immer mehr überlagern sich Gegenwart und Kindheitsvergangenheit. Die Einträge im Heft, inzwischen ist es das dritte, das gelbe, werden kürzer, sprunghafter. Dann wieder lange konzentrierte Passagen. Und erneute Wortfindungsstörungen, im Buch mit drei Punkten markiert – zum Teil wirkt das etwas künstlich, insgesamt aber schafft es ein Lesegefühl wachsender Beklemmung und Spannung.

«Es gibt helle Tage und es gibt dunkle Tage», schreibt Lore. An hellen – oder dunklen? – Tagen spricht sie mit Toten, mit Jeff, dem Freund von einst. Ein Hund, den sie ins Haus gebracht hat, ohne sich daran erinnern zu können, wird ihr Begleiter. Der Penner Erwin, dem der Hund gehört hatte, kommt todkrank in Lores und Karls Haushalt. Sein Sterben hält Lore und alle um sie herum und den Leser in Atem. Und Lore verliert oder vielleicht findet sich immer häufiger in ihren Kindheitserinnerungen.

Dann kommt Oliver zurück. Der bei Lore und Karl aufgewachsene Sohn der früh verstorbenen Freundin Eileen. Der verlorene Sohn kommt zurück zur sich verlierenden Mutter. Die versteht immer weniger, was Oliver, was Karl, was die Freunde um sie herum reden. Lässt sich aufschreiben, wovon sie glaubt, dass es wichtig ist, «damit ich hier alles beisammen habe».

Verluste und Gewinne

Es ist ein grosses, auch ein riskantes Unterfangen, in Sprache den Verlust der Sprache, im Schreiben die Erosion des Denkens und Wissens und Erinnerns einzufangen. Christine Fischer gelingt es, dies glaubwürdig zu tun. In ihrem Buch steckt viel Wissen und Ahnung vom Werden und Vergehen und von der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur, Körper wie Geist. Und dennoch wird daraus kein deprimierendes, sondern ein berührendes und manchmal sogar lebenseuphorisches Buch.

Lores Wunsch an die andern, sie nicht an der Lore zu messen, die sie vorher war, sondern als den ganzen Menschen anzunehmen, der sie jetzt ist: Das könnte eine Botschaft dieses Romans sein. «Ich glaube, das Wichtigste ist mitzugehen. Mit dem Leben mitzugehen.»

 

fischer-coverChristine Fischer: Lebzeiten, Appenzeller Verlag Schwellbrunn 2015, Fr. 39.90.
Buchvernissage: Donnerstag, 23. April, 19.30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen.

Dieser Text erschien im Aprilheft von Saiten.

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