Während der kalten und festlichen Jahreszeit bliebt die Kunstzone in der St.Galler Lokremise in der Regel kunstlos und stattdessen grossen Firmenessen des Gastrobetriebs vorbehalten. Autosalon war sie bislang nicht. Doch nun kann auch dies ins Portfolio aufgenommen werden. Präsentiert als Weltpremiere und einziges Exponat in der geräumigen Koje wurde letzten Dienstag ein zum Elektromobil umgerüsteter DeLorean DMC-12.
Ein Auto für alle
Das Gefährt hat das kunstsinnige St.Galler Immobilienunternehmen Senn von einem Schweizer Eigentümer erworben mit der Idee, es schadstoffarm und kunstreich zu machen und künftig allen Mieter:innen von HORTUS zur Verfügung zu stellen.
HORTUS, das «House of Research, Technology, Utopia and Sustainability», wird von Senn Resources AG, Herzog & de Meuron und ZPF Ingenieure gemeinsam entwickelt. Das Bürohaus bei Basel für kleinere und mittlere Unternehmen ist 2025 bezugsbereit. Teilen ist ein Schlüsselwort des Nutzungskonzeptes und wie die natürlichen und wiederverwertbaren Baumaterialien Holz, Lehm und Altpapier Teil auf dem Weg zur Einlösung des Versprechens, in rund 30 Jahren energiepositiv zu sein. Bislang zeigte sich die Schweiz wenig vorbildlich im klimafreundlichen Bauen, stattdessen ist sie Europameisterin im Erzeugen von Bauabfällen.
Der St.Galler Künstler Beni Bischof (*1978) bekam als Direktauftrag von Senn AG die Aufgabe der künstlerischen Ausstattung und Einrichtung des DMC-12 zugespielt. Abgefahrene Autos gehören schon seit den ersten Laser Magazinen zu seinem Repertoire, nie aber war ein DeLorean mit dabei. Eineinhalb Jahre lang hat er sich dem Projekt gewidmet. Ganz fertig ist er nicht. Vielleicht nie. Mit der Eröffnung von HORTUS wird der eLorean in der Hochgarage platziert, fahrtüchtig, fotogen und parat für Ausflüge.
Harte Beats und gute Laune
«Existenzängste» ist durchgestrichen und mit «Champagner!» ersetzt – grösser denn je eröffnet das beliebte Beni Bischof-Statement mit Hang zum heiteren Untergang die Show. Grosse gelbe Smile-Ballone weisen den Weg und machen die Stimmung vor. Es herrscht Partygroove: harte Beats, stroboskopische Lichter, in Dampf gehüllte Menschen mit Prosecco, Düsternis.
Der Künstler im Thrasher-Shirt posiert mit dem ausgebauten, aber noch aktiven Auspuff im Arm, als wäre dieser eine Gitarre, ein Schinken oder ein Säugling. Rundum gute Laune. An den Wänden sorgen Projektionen von bewegtem Sonnenauf- und Untergang am und im Meer für klischiertes Fernweh und fast sorglose Ferienstimmung.
Hauptattraktor der Extraklasse aber ist die Maschine im Raum: Der eLorean, vom Bieler Unternehmen Revive mit vier Batterien zum Elektromobil umgebaut, mit obligatorischem Notstopp und anderen technischen Vorgaben und Extras ausgestattet. Er kriegt 200 km/h hin und ist somit gleich geschwind wie die Originalversion mit Benzinmotor, wobei der Tachometer heute wie damals maximal 85 mph anzeigt – mehr war und ist nicht erlaubt.
Geschichten finden und erzählen
Die Flügeltüren stehen weit offen und geben den Blick frei ins Wageninnere des Zweiplätzers. Er ist bereits gut in Beschlag genommen, dicht gespickt mit Aufklebern, Abzeichen, Objekten aller Art und aus verschiedenen Weltzusammenhängen, etwa auf dem Beifahrersitz: Die grosse Welle vor Kanagawa von Katsushika Hokusai (1760-1849), die in wenigen Sekundenbruchteilen Fischerboote verschlucken wird und von der gewaltigen Kraft der Natur gegenüber den Errungenschaften der Menschen berichtet, hat verschieden gestaltete «DON’T PANIC» in der Nachbarschaft, darüber die Europa-Flagge, einen Aufnäher vom «Zombie Outbreak Response Team».
Nebenan hat sich Homer Simpson im Gebüsch in Deckung gebracht. Die hochgeklappten Türen zeigen auch zwei Deckenbildschirme, die in rhythmischen Abfolgen gefundenes und geschickt assortiertes Bildmaterial zur Musik tanzen lassen, unterbrochen von lautem «okay», «oh yeah» «wow, look at that!», Lachern und immer wieder: «oh my god». OMG statt DMC steht als neuer Markenname an der Stossstange des Wagens.
Beni Bischof hat die Freude und die Lust am Zitieren, neu Aufmischen und Weiterverwerten offensichtlich noch lange nicht verloren und verleiht unserem Alltag mit allem Trash neue Bedeutung und Relevanz. Auch dem Auto. «Es gibt sehr viele Geschichten zu erzählen», sagt er. Die Betrachter:innen können und sollen sie sich selber ausdenken, kombinieren, fantasieren. Etwa über den fiktiven Fahrer, die Fahrerin, die ihre Spuren hinterlassen hat.
Auf dem Armaturenbrett tummeln sich zwei Schlangen – bestimmt eine Schwarze Mamba und eine Speikobra. Ein Finger als Fingerpuppe, glühende Zigaretten und frische Spanische Nüssli fehlen genauso wenig wie der Pfefferspray für alle Fälle. Im Becherhalter steckt ein sehr sympathisch wirkendes, überraschend gewichtiges Figurenpaar – Bronzegüsse. Es sind die ersten Bronzen des Künstlers in der Öffentlichkeit, hergestellt in der Kunstgiesserei Sitterwerk.
Auch die Funktionsknöpfe von Lüftung, Ventilator, Heizung sind mit bunten Figuren ersetzt, der Schaltknüppel ist das offengelegte Hirn des rauchenden Schädels à la van Gogh, ebenfalls ein Guss und handbemalt. Dazu die schmuddelige Herz 3-Karte. Sie steht für Erfolg in einem kreativen Vorhaben oder einer Liebesbeziehung. Die Zündschlüssel stecken bereits, beschriftet mit «KEYS TO MY ZOMBIE APOCALYPSE BUNKER». Es kann losgehen.
Schlau und absurd wie Sisyphus
«Es sind alles Dinge, die ich mag, ich habe mir mein persönliches Auto eingerichtet, nach meinem Geschmack, mit meinen ‹Bhaltis›, Sachen die ich gerne behalte», meint Beni Bischof und strahlt. Er habe auch lieber Abfall im Auto als alles gepützelt.
Selbstverständlich hat er auch die Karrosserie bei der Kunstausstattung miteingeschlossen. Die Kühlerhaube ziert ein glitzernder Sonnenuntergang in Airbrush – kann auch als nackter Hintern gelesen werden – und über der Frontscheibe klebt der Werbeslogan «MADE ON EARTH BY HUMANS».
Wer den Wagen lenkt, nimmt auf dem grasgrünen Sisyphos-Sitz Platz. Die Figur aus der griechischen Mythologie kommt immer wieder zum Einsatz in Beni Bischofs Universum. «Sie begleitet mich schon lange», sagt er. Und: «Fühlen wir uns nicht alle immer mal wieder als Sisyphus?» Sisyphus galt als besonders schlau und schlitzohrig, verspottete die Götter genauso wie die Menschen und setzte sich mit Tricks über den Tod hinweg. Mit der Strafe, auf ewig einen Stein auf einen Berg zu tragen, der oben wieder runterkullert, wurde er nicht nur zum Bild für die Sinnlosigkeit von Arbeit, sondern auch zur Leitfigur des Absurden.
Erfolg trotz Scheitern
Es ist, als wäre die Vision von John De Lorean (1925-2005) mit dem DMC-12 erst jetzt, als Kunstobjekt in der mutierten Version als eLorean OMG, Wirklichkeit geworden. DeLorean, aufgewachsen in schwierigen, sozial benachteiligten Einwanderer-Familienverhältnissen, hat sich erst bis zum Chefingenieur bei General Motors (GM), dann zum Leiter der Pontiac-Abteilung, zum Chef von Chevrolet und schliesslich 1972 zum Vizepräsident von GM heraufgearbeitet.
Seine Idee, ein nach eigenen Aussagen «ethisches» Auto zu bauen, nämlich sicher, langlebig und nachhaltig, da einzig ein kompaktes und hochwertiges Fahrzeug mit leistungsstarken, effizienten Motoren und verbesserter Sicherheit für die Zukunft tauge, stiess nicht auf Gegenliebe. Worauf er 1973 kündete und sich unter eigenem Namen, DMC für DeLorean Motor Company, selbständig machte und den Wagen seiner Träume weiterentwickelte.
Im Frühling 1981 wurde in Nordirland die erste und einzige Serie des DeLorean DMC-12 produziert. Doch der Absatz entsprach nicht den Erwartungen, die Kritiken waren vernichtend. Wegen Verdacht auf Verwicklung in einen Kokainhandel wurde DeLorean Ende 1981 verhaftet, 1985 allerdings freigesprochen. In selben Jahr erschien seine Autobiografie. Und jene Filmtrilogie, die den DMC-12 zur Legende und zum Kultauto werden liess: Back to the Future. Darin rüstet der Erfinder Dr. Brown den Wagen mit einem Atomreaktor aus, der Energie für den Fluxkompensator liefert und Schüler Marty McFly versehentlich in die Vergangenheit spediert.
Unter der Kühlerhaube von Bischofs eLorean lagert tatsächlich DeLoreans Autobiografie zwischen einem Skelett und einem verlorenen Turnschuh. Sie ist nicht Teil von Beni Bischofs Anschaffungen, sondern befand sich bereits im Wagen. Magic. Weitere Überraschungen finden sich im Kofferraum: Donuts, Schokolade, ein Spiegelei. Proviant für den weiten Weg in die Zukunft.
Er habe komplett freie Hand gehabt, betont Beni Bischof. Einschränkungen gab es einzig durch gesetzliche Vorgaben. So sind etwa Objekte auf der Kühlerhaube nicht erlaubt. «Ich habe aber sowieso immer einen Plan B.», sagt er. Und irgendwann ist dieser dann der bessere. Die Herz 3-Karte wirkt also nachhaltig.
Nächste Gelegenheit, den eLorean von Beni Bischof mit dem Titel «MADE ON EARTH BA HUMANS (MOEBH)» zu sehen ist die Swissbau in der Messe Basel vom 16. bis 19. Januar. Weitere Präsentationen folgen.
Knapp zweieinhalb Kilogramm Buch: In der Kunsthalle St.Gallen stellte die Edition Patrick Frey Beni Bischofs Psychobuch vor. In diesem Band findet die tägliche mediale Bilderflut ihren Meister.
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
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