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Vom Alternativprojekt zur kulturellen Institution

Am 18. November zeigt das Kinok Element of Crime, den ersten Kinofilm von Lars von Trier, anlässlich der Jubiläums-Reihe «40 Jahre Kinok». 

Am 18. November zeigt das Kinok Element of Crime, den ersten Kinofilm von Lars von Trier, anlässlich der Jubiläums-Reihe «40 Jahre Kinok»

40 Jahre Programmkino in St.Gallen: Das Kinok jubiliert im November. Und es hat allen Grund dazu, die eigene Erfolgsgeschichte zu feiern.

Heu­te ist es ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass in der Stadt St.Gal­len ne­ben Hol­ly­wood-Block­bus­tern auch an­spruchs­vol­le­re und ex­pe­ri­men­tel­le Fil­me zum Pre­mie­ren­start im Ki­no­saal zu se­hen sind. Dass dem so ist, ist das Ver­dienst des Ki­nok in der Lok­re­mi­se. Die Wur­zeln des heu­te gröss­ten und be­deu­tends­ten Pro­gramm- und Art­house-Ki­nos der Ost­schweiz rei­chen bis in die be­weg­te Zeit der spä­ten 1970er-Jah­re zu­rück. Da­mals war die Ki­no­si­tua­ti­on in St.Gal­len ei­ne ganz an­de­re als heu­te.

Nicht, dass es in Gül­len, wie St.Gal­len in der Al­ter­na­tiv­sze­ne in An­leh­nung an Der Be­such der al­ten Da­me von Fried­rich Dür­ren­matts heisst, zu we­nig Ki­no­sä­le ge­ge­ben hät­te. Es war eher das Ge­gen­teil der Fall. Das Pro­gramm der vor­han­de­nen Ki­nos war aber mit sel­te­nen Aus­nah­men auf Main­stream und Kom­merz aus­ge­rich­tet. Ex­pe­ri­men­tel­les, kri­ti­sches und lin­kes Ki­no fand in St.Gal­len nicht statt. Wer Fil­me von Ri­chard Din­do und Fre­di M. Mu­rer, wer Klas­si­ker, die Film­ge­schich­te ge­schrie­ben ha­ben, oder wer Stu­dio­fil­me auf der gros­sen Lein­wand se­hen woll­te, muss­te nach Zü­rich aus­wei­chen.

Dass es in St.Gal­len durch­aus ein Be­dürf­nis nach gu­tem und po­li­ti­schem Film gab, be­le­gen Ver­su­che von Grup­pen und Ein­zel­nen mit Film­vor­füh­run­gen. So zeig­te et­wa die «Stein­schleu­der» im Ju­ni 1979 im Ki­no Stor­chen (das noch nicht dem spä­te­ren lo­ka­len Ki­no­mo­no­po­lis­ten Franz An­ton Brü­ni ge­hör­te) den Strei­fen Mon­ta­na Sa­cra (1973) von Ale­jan­dro Jo­do­row­sky. In der Al­ter­na­tiv­beiz «Post­hal­le» an der Lang­gas­se flim­mer­te im Ju­li 1980 «ein heis­ser Film über die Zür­cher Kra­wal­le mit Live-Punk-Rock-Sound» über die Lein­wand.

Auch im AJZ im Blei­che­li – er­öff­net im März 1981 und ab­ge­brannt im Ok­to­ber des­sel­ben Jah­res – sind Film­vor­füh­run­gen do­ku­men­tiert. Da­bei ging es um die Ju­gend­un­ru­hen, die Woh­nungs­not und Bau­spe­ku­la­ti­on. Am 10. April et­wa wur­de der Do­ku­men­tar­film Zwi­schen Be­ton­fahr­ten (1980) von Pi­us Mor­ger ge­zeigt. Am 24. April prä­sen­tier­te die Ak­ti­on «Lä­bigs Blei­che­li» ei­nen Film «über Spe­ku­la­ti­on und Städ­te­bau». Und an ei­ner Ak­ti­ons­wo­che im Au­gust stan­den Fil­me ge­gen Spe­ku­lan­ten am Bei­spiel von Wie­di­kon, über den Kampf ge­gen AKWs in Gös­gen und Kai­ser­augst so­wie «ei­ne Su­per-8-Nacht» mit Fil­men des Pu­bli­kums («Bringt eu­re ei­ge­nen Fil­me mit!») auf dem Pro­gramm.

Film­klas­si­ker im Was­ser und im Schnee

Die Ge­schich­te des Ki­nok be­ginnt 1982 mit «Ki­no­ki Gül­len». Der Ver­ein wur­de am 14. April 1982 ge­grün­det. Die Sta­tu­ten hat­ten neun Ar­ti­kel und wa­ren un­ter­schrie­ben von Fe­lix Kä­lin, Pe­ter Kamm und Hu­go «Bu­daz» Kel­ler. Der Be­griff Ki­no­ki geht auf ei­ne Grup­pe jun­ger so­wje­ti­scher Film­pio­nie­re um Re­gis­seur und Me­di­en­theo­re­ti­ker Dzi­ga Ver­tov (1896–1954) zu­rück. Er stammt aus dem Rus­si­schen und ist ei­ne Zu­sam­men­set­zung aus den Wör­tern Ki­no und Au­ge. Mit dem Ki­no­au­ge war das Ka­me­ra­ob­jek­tiv ge­meint, das die Rea­li­tät ab­bil­det.

«Ki­no­ki Gül­len» zeig­te 1982, 1983 und 1984 Fil­me an wech­seln­den und un­ge­wöhn­li­chen Or­ten der Stadt St.Gal­len. Dar­un­ter wa­ren vie­le klas­si­sche Pro­duk­tio­nen aus der So­wjet­uni­on. Der ers­te Film war Alex­an­der New­s­ki (1938) von Ser­gej M. Ei­sen­stein im Volks­bad. Das Pu­bli­kum plantsch­te wäh­rend der Film­vor­füh­rung im Schwimm­be­cken oder sass frös­telnd und et­was ver­le­gen an des­sen Rand, wie ein Zei­tungs­be­richt aus je­ner Zeit no­tier­te.

In den Un­ter­la­gen des Stadt­ar­chivs St.Gal­len sind wei­te­re sechs Film­aben­de do­ku­men­tiert. Sie fan­den in der Keh­richt­ver­bren­nungs­an­la­ge, in der Gra­ben­hal­le, in der Ka­ver­ne des Kraft­werks Ku­bel, im ehe­ma­li­gen Kies­werk Wä­gen­wald, in der ehe­ma­li­gen «Volks­stim­me»-Dru­cke­rei beim Spi­ser­tor und auf dem ver­schnei­ten Freu­den­berg statt. Ge­ra­de der Abend auf dem Freu­den­berg ist vie­len Zu­schau­er:in­nen als «wun­der­schö­ner An­lass» im Ge­dächt­nis ge­blie­ben.

Sally Potters Orlando mit Tilda Swinton ist am 9. November im Kinok zu sehen.

Sally Potters Orlando mit Tilda Swinton ist am 9. November im Kinok zu sehen.

Am 9. Fe­bru­ar 1984 wur­de der Stumm­film Sturm über Asi­en (1928) von Wsewo­lod Pu­dow­kin beim See­len­hof auf ein Schnee­feld pro­ji­ziert. La­cher gabs wäh­rend des Films für Eliosch, den ins Bild spa­zie­ren­den Ma­rem­ma-Schä­fer­hund von Steff Schwald. Die ab­schlies­sen­de Licht­schau mit viel Feu­er und Rauch stamm­te von Ro­man Si­gner. Die Film­aben­de der Ki­no­ki hat­ten rasch ihr Pu­bli­kum: Zwi­schen 70 (in der ver­reg­ne­ten Kies­gru­be) und 250 Per­so­nen (in der Gra­ben­hal­le) ka­men je­weils.

Ei­ne an­de­re Spur leg­ten par­al­lel zu den Ki­no­ki die Off­ra-Frau­en (Or­ga­ni­sa­ti­on für die Sa­che der Frau) mit Frau­en­fil­men im Ki­no Stor­chen. Dar­un­ter war als ei­ne der Ku­ra­to­rin­nen des Pro­gramms Mo­ni­ka Lie­ber­herr, ei­ne der spä­te­ren Mit­be­grün­de­rin­nen des K59.

Be­weg­te Zei­ten, lang­le­bi­ge Pro­jek­te

«Die Zeit war reif, es galt die Stadt zu er­obern und sie ei­gen­mäch­tig zu be­spie­len», wür­digt Sa­bin Schrei­ber 2010 in ei­nem Text zum 25. Ge­burts­tag die Grün­dungs­pe­ri­ode des Ki­nok. «In der be­weg­ten Sub­kul­tur der Acht­zi­ger misch­ten sich äs­the­ti­sche und po­li­ti­sche Be­dürf­nis­se. Aus die­ser Auf­bruch- und Grün­der­stim­mung her­aus ent­stan­den Pro­jek­te und In­sti­tu­tio­nen, die heu­te noch Be­stand ha­ben: Gra­ben­hal­le, En­gel, Kunst­hal­le, Frau­en­bi­blio­thek.» Zu die­sen In­sti­tu­tio­nen zählt auch 40 Jah­re nach sei­nem Start na­tür­lich im­mer noch das Ki­nok.

Im März 1985 grün­de­ten die Ki­no­kis und wei­te­re In­ter­es­sier­te in der Spa­ni­schen Wein­hal­le an der Ku­gel­gas­se den Ver­ein K59, wo­bei 59 für die Sum­me der da­mals gän­gi­gen Film­for­ma­te stand: 8, 16 und 35 Mil­li­me­ter. Im ehe­ma­li­gen Quar­tier­ki­no Apol­lo an der Gross­acker­stras­se fand der Ver­ein ein für Ki­no­vor­stel­lun­gen ge­eig­ne­tes Lo­kal, das mit viel Fron­ar­beit und ein­fa­chen Mit­teln her­ge­rich­tet wur­de. Erst­mals «Film ab!» hiess es dann im Ki­no K59 in St.Fi­den am 23. No­vem­ber 1985.

Dass es so weit kam, war auch po­li­ti­scher Vor­ar­beit zu ver­dan­ken – un­ter an­de­rem vom da­ma­li­gen SP-Ge­mein­de­rat und spä­te­ren Na­tio­nal- und Stän­de­rat Paul Rech­stei­ner. 1983 er­warb Franz An­ton Brü­ni die Schul­t­hess-Ki­nos, wo­mit das Ki­no­mo­no­pol in St.Gal­len Tat­sa­che wur­de. Der po­li­ti­sche Druck, al­ter­na­ti­ves Ki­no mit öf­fent­li­chen Mit­teln zu er­mög­li­chen, stieg da­mit. Druck bau­te auch der im­mer wie­der zu hö­ren­de Vor­wurf auf, dass Stadt und Kan­ton in den frü­hen 1980ern für ar­ri­vier­te Kul­tur Mil­lio­nen, für Al­ter­na­tiv­kul­tur kaum et­was aus­gä­ben.

Für die Test­pha­se im neu­en Lo­kal in St.Fi­den er­hielt der Ver­ein K59 schliess­lich über 100’000 Fran­ken von Stadt und Kan­ton. Ab 1987 sub­ven­tio­nier­te die Stadt das Stu­dio­ki­no mit jähr­lich 70’000 Fran­ken. An­de­re Ein­nah­me­quel­len wa­ren der Bil­lett­ver­kauf und Mit­glie­der­bei­trä­ge. Da­zu ka­men un­zäh­li­ge Stun­den Gra­tis­ar­beit, wie sich Fran­co Car­rer er­in­nert. Er stiess im De­zem­ber 1986 zur K59-Crew, lern­te das Hand­werk des Ope­ra­teurs, das er bis heu­te in Teil­zeit im Ki­nok aus­übt. Als ge­lern­ter In­nen­ar­chi­tekt plan­te Car­rer den Um­bau des al­ten Ki­nos. Des­sen Neu­eröff­nung fand im Ju­ni 1987 statt.

Skan­da­le und ein Dau­er­streit

Die ers­ten Jah­re des K59 wa­ren ei­ne Zeit, in der Ki­no an­ecken und Kon­tro­ver­sen im Lo­kal­teil der Ta­ges­zei­tun­gen aus­lö­sen konn­te. 1986 füll­te die K59-Auf­füh­rung von Das Ge­spenst (1982) von Her­bert Ach­tern­busch die Spal­ten der Ta­ges­zei­tung «Die Ost­schweiz» mit Le­ser­brie­fen em­pör­ter ka­tho­li­scher Mo­ra­list:in­nen. Als Re­ak­ti­on, dass The Last Tempt­a­ti­on of Christ (1988) von Mar­tin Scor­se­se ge­zeigt wur­de, un­ter­nahm ein CVP-Kan­tons­rat den Ver­such, wei­te­re Kan­tons­bei­trä­ge fürs Al­ter­na­tiv­ki­no zu un­ter­bin­den. Dass sich das K59 1989 so­li­da­risch mit den Be­set­zer:in­nen des Ho­tels Hecht zeig­te, stiess wie­der­um dem Chef des kan­to­na­len Am­tes für Kul­tur sau­er auf.

Teil des ers­ten Jahr­zehnts von K59 und Ki­nok war auch ein Dau­er­streit mit Franz An­ton Brü­ni, dem ab 1983 al­le an­de­ren Ki­no­sä­le der Stadt ge­hör­ten. Der Be­griff Ki­no­mo­no­pol und die öf­fent­li­chen Gel­der für die al­ter­na­ti­ve Kon­kur­renz sties­sen Brü­ni sau­er auf. Das Team des K59 wie­der­um nerv­te, dass Brü­ni Druck auf Film­ver­lei­her auf­setz­te und Strei­fen re­ser­vier­te, die er nie zeig­te, et­wa 1985 M (1931) von Fritz Lang, The Ele­ment of Crime (1984) von Lars von Trier oder die Fil­me von Lu­is Bu­ñuel.

Die Fron­ten wa­ren klar ge­zo­gen. Ei­ne fried­li­che Ko­exis­tenz von Da­vid und Go­li­ath, von Film­kunst und Kom­merz schien nicht mög­lich. Ab den frü­hen 1990er-Jah­ren ver­schwam­men die Trenn­li­ni­en aber über­ra­schend schnell. So lan­de­ten im Pro­gramm von Franz An­ton Brü­ni ziem­lich rasch nach Grün­dung des K59 ver­mehrt auch an­spruchs­vol­le­re Fil­me. Dies un­ter dem Ein­druck des Er­folgs des al­ter­na­ti­ven Vor­stadt­ki­nos so­wie auf­grund von Ver­än­de­run­gen im Film­markt. Das K59 an­der­seits muss­te sich öff­nen, um das Image des nicht mehr ganz zeit­ge­mäs­sen Al­ter­na­tiv­ki­nos ab­zu­schüt­teln. Das Ver­hält­nis ent­spann­te sich da­durch et­was.

Zum Jubiläum zeigt das Kinok am 11. November auch Chungking Express von Wong Kar-Wai aus dem Jahr 1994.

Zum Jubiläum zeigt das Kinok am 11. November auch Chungking Express von Wong Kar-Wai aus dem Jahr 1994.

Und Prinzessin Mononoke am 19. November - der fünfte und in Europa bekannteste Film des Ghibli-Studios.

Und Prinzessin Mononoke am 19. November - der fünfte und in Europa bekannteste Film des Ghibli-Studios.

Im Ok­to­ber 1990 tauf­te sich das K59 in Ki­nok um. Die Um­be­nen­nung er­folg­te nach 59 Mo­na­ten Be­trieb, wie sich Fran­co Car­rer er­in­nert: «Wir hat­ten das Ge­fühl, nun die­ses 59 weg­las­sen zu kön­nen, um mit dem neu­en Na­men ei­nen nä­he­ren Be­zug zu un­se­ren Ur­sprün­gen, die Ki­no­kis, zu schaf­fen.» Die Lei­tung des Be­triebs wech­sel­te in den ers­ten Jah­ren re­gel­mäs­sig. Un­ter an­de­rem hat­ten sie Jörg Ei­gen­mann, Her­bert Wüst, Fran­co Car­rer, Bru­no Pel­lan­di­ni, Ro­ger Walch und Sa­bi­na Bro­cal in­ne. Der Be­trieb war stark kol­lek­tiv ge­prägt.

Ein nächs­ter wich­ti­ger Schritt nach der Um­be­nen­nung war in den 1990er-Jah­ren der An­lauf für ei­ne ge­wis­se Pro­fes­sio­na­li­sie­rung. Die Ki­nok-Lei­tung wur­de als fes­te Stel­le im Per­so­nal­plan de­fi­niert. 1998 trat San­dra Mei­er die­se Stel­le an. Das war der Start­schuss zu ei­ner neu­en Pha­se der Ki­nok-Ge­schich­te.  In­fol­ge der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung un­ter Mei­ers Lei­tung setz­te das Ki­nok zu ei­nem neu­en Hö­hen­flug an.

Zu­rück zu den Wur­zeln und Auf­bruch in ei­ne neue Epo­che

Dank ideen­rei­cher und in­spi­rier­ter Pro­gram­mie­rung stie­gen trotz der un­güns­ti­gen La­ge des Ki­no­saals an der öst­li­chen Pe­ri­phe­rie der In­nen­stadt die Ein­tritts­zah­len deut­lich an. Für 1997 et­wa ver­mel­de­te der Ki­nok-Jah­res­be­richt 5692, für 2000 be­reits 12'278 Ein­trit­te. 2008 wur­de mit 18'023 Be­su­cher:in­nen der Höchst­stand für die Pe­ri­ode in St.Fi­den er­reicht. Mit ein Fak­tor da­für war, dass die Ki­nok-Ma­cher:in­nen zu­rück zu den Wur­zeln gin­gen und Ver­an­stal­tun­gen aus­ser­halb des ei­ge­nen Ki­no­saals for­cier­ten. Ge­sucht wur­de auch die Zu­sam­men­ar­beit mit an­de­ren Or­ga­ni­sa­tio­nen. Zwi­schen 2002 und 2008 wur­den bei An­läs­sen mit un­ter­schied­li­chen Part­nern rund 100 Fil­me an un­ter­schied­li­chen Or­ten ge­zeigt. San­dra Mei­er hat­te auch im­mer gros­se Lust auf Ex­pan­ded-Ci­ne­ma-For­ma­te, die den Ki­no­raum spren­gen. Da­zu ge­hör­ten un­ter an­de­rem Dop­pel- und Mehr­fach­pro­jek­tio­nen im Next­ex und im Pro­vi­so­ri­um der Lok­re­mi­se, ein Win­ter-Open-Air im Bo­ta­ni­schen Gar­ten oder Open-Air-Vor­füh­run­gen im Pro­vi­so­ri­um der Lok­re­mi­se.

Die Or­ga­ni­sa­ti­on die­ser An­läs­se sei auf­wän­dig ge­we­sen, er­in­nert sich San­dra Mei­er. Und es sei ein Kraft­akt ge­we­sen, sie mit sehr be­schränk­ten Res­sour­cen par­al­lel zum Be­trieb an der Gross­acker­stras­se auf die Bei­ne zu stel­len. Oh­ne Un­ter­stüt­zung und Know‑how durch die 2005 zum Ki­nok ge­stos­se­ne Bri­git­te Kem­mann wä­re die reich­hal­ti­ge Be­spie­lung zwei­er Stand­or­te und der Um­zug in die Lok­re­mi­se nicht mög­lich ge­we­sen.

In ei­ne neue Ära star­te­te das Ki­nok im Herbst 2010. Kan­ton und Stadt bau­ten die Lok­re­mi­se hin­ter dem Haupt­bahn­hof nach ei­ner um­kämpf­ten Volks­ab­stim­mung zum Kul­tur­zen­trum um. San­dra Mei­er sah von An­fang an die gros­se Chan­ce fürs Ki­nok, bei dem Pro­jekt da­bei zu sein, da der ak­tu­el­le Stand­ort ab­seits des Stadt­zen­trums kei­ne Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten bot. Die Lok­re­mi­se sei wie ein Sech­ser im Lot­to ge­we­sen, sagt die Ki­nok-Lei­te­rin im Rück­blick. Da­durch ha­be man die räum­lich knap­pe und tech­nisch über­hol­te In­fra­struk­tur in St.Fi­den ver­las­sen kön­nen.

Am 26. November ist im Kinok Stranger Than Paradise zu sehen. Ein frühes Werk von Jim Jarmusch, eigentlich als Kurzfilm gedacht und komplett in schwarzweiss gedreht.

Am 26. November ist im Kinok Stranger Than Paradise zu sehen. Ein frühes Werk von Jim Jarmusch, eigentlich als Kurzfilm gedacht und komplett in schwarzweiss gedreht.

Des­halb sei das Pro­jekt in der Lok­re­mi­se ein Glücks­fall ge­we­sen. Wo­bei das mit dem Glücks­fall für bei­de Sei­ten gilt: Das Ki­nok hat sich in den ers­ten 15 Jah­ren im Ring­bau, der einst als Ga­ra­ge für Lo­ko­mo­ti­ven dien­te, zum Pu­bli­kums­mo­tor des Kul­tur­zen­trums ent­wi­ckelt. 2011, im ers­ten vol­len Jahr in der Lok­re­mi­se, wur­den 29’995 Ki­no­ein­trit­te ge­zählt. Im Re­kord­jahr 2024 wuchs die­se Zahl auf 65’448 Be­su­cher:in­nen. Das Pro­gramm, das seit den An­fän­gen ste­tig aus­ge­baut wur­de, war­tet heu­te werk­tags mit vier bis fünf, am Sams­tag und Sonn­tag mit fünf bis sechs Vor­stel­lun­gen auf.

Ge­sucht: Jun­ge Ki­no­gän­ger:in­nen

Auch wenn es das Ki­nok der­zeit nicht zu spü­ren scheint: Das Ki­no be­fin­det sich welt­weit auf­grund neu­er Ge­wohn­hei­ten beim Me­di­en­kon­sum in der Kri­se. San­dra Mei­er macht sich des­we­gen für das gröss­te Pro­gramm- und Art­house-Ki­no der Ost­schweiz aber kei­ne Sor­gen: «In den nächs­ten 20 Jah­ren wird das Ki­no nach wie vor funk­tio­nie­ren.» Dies dank der ak­tu­el­len Ge­ne­ra­ti­on der El­tern und Gross­el­tern, die mit der Lein­wand auf­ge­wach­sen sei­en. Was da­nach kom­me, sei tat­säch­lich of­fen und hän­ge da­von ab, ob es ge­lin­ge, die Jun­gen wie­der in grös­se­rer Zahl ins Ki­no zu lo­cken.

Zu­ver­sicht­lich ist San­dra Mei­er, dass das Ki­nok den be­vor­ste­hen­den Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel bei sei­nen
Ma­cher:in­nen gut be­wäl­ti­gen wird. Die heu­ti­gen Ak­teur:in­nen hät­ten die be­weg­te Zeit der Acht­zi­ger und die Pio­nier­pha­se des Ki­nok noch sel­ber mit­er­lebt. Auf die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on war­te­ten an­de­re Her­aus­for­de­run­gen und Auf­ga­ben. Das Ki­nok sei heu­te ein eta­blier­ter, ge­fes­tig­ter und ge­schätz­ter Be­trieb. Sie ha­be da­her kei­ne Angst: «Es gibt vie­le gut aus­ge­bil­de­te Leu­te, die sich ger­ne mit neu­en Ideen und Herz­blut für ei­ne so schö­ne Sa­che en­ga­gie­ren wol­len.»

Sor­gen be­rei­ten der Lei­te­rin eher die ak­tu­el­len Ten­den­zen zur Knaus­rig­keit in der Kul­tur­po­li­tik. Das Bei­spiel des Ki­nok und der Lok­re­mi­se zei­ge ex­em­pla­risch, dass sich In­ves­ti­tio­nen in Kul­tur­pro­jek­te und ih­re In­fra­struk­tur lohn­ten. Kul­tur­bau­ten ge­hör­ten al­len, es sei­en de­mo­kra­ti­sche Or­te. Die Kul­tur brau­che «schö­ne Or­te».  Sie drück­ten Wert­schät­zung ge­gen­über dem Pu­bli­kum und der Kul­tur aus, trü­gen zur At­trak­ti­vi­tät der Städ­te bei und zö­gen ei­ne gros­se Zahl Gäs­te an.

So ein Pro­jekt wie die Lok­re­mi­se oh­ne die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung der öf­fent­li­chen Hand auf die Bei­ne zu stel­len und zu be­trei­ben, sei un­mög­lich, be­tont San­dra Mei­er. Or­te wie die Lok­re­mi­se sei­en aber für den Zu­sam­men­halt un­se­rer im­mer mehr frag­men­tier­ten Ge­sell­schaft wich­tig. Ge­ra­de das Ki­no sei ein öf­fent­li­cher Ort, der al­len of­fen­ste­he und an dem sich die so­zia­len Schich­ten misch­ten. Es sei ein Ort für al­le – ein Treff­punkt, ein Flucht­ort, ein Re­fle­xi­ons­ort und ein Ort für De­bat­ten in ei­nem.

40 Jah­re Ki­nok Ju­bi­lä­ums­fei­er: 14. No­vem­ber, 20 Uhr

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Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung