Immer wieder liegt er am Boden, der namenlose Landstreicher mit Melone, Stock und Schnauz. Oder er wird von Polizisten verprügelt. Oder als kleiner Arbeiter fast vom unaufhaltsamen Zahn der modernen Zeit zermalmt. Doch stets bleibt er guter Dinge, klopft sich den Dreck von der viel zu grossen Hose und geht seiner Wege.
Charlie Chaplins «Tramp»-Figur ist so ikonisch wie seine Filme gesellschafts- und sozialkritisch waren. Und man muss nicht erwachsen sein, um sie zu verstehen. 1992, bei der ersten Vorstellung der Zauberlaterne in Neuchâtel, wurde Chaplins Materialismuskritik Goldrausch gezeigt.
Der Saal war ausverkauft, 500 Kinder sahen ihm dabei zu, wie er seine Schuhe vertilgte und mit den legendären Brötchen tanzte. 2022 spielt Chaplins «Tramp» wieder eine Rolle bei der Zauberlaterne, als Würdigung ihrer Anfänge.
Bild: pd, Guillaume Peret
Das Konzept der Zauberlaterne funktioniert seit 30 Jahren. Es führt Kinder von sechs bis zwölf Jahren spielerisch zum Film und zum Kino. Neun Filme aus aller Welt werden pro Saison gezeigt, das Programm ist chronologisch aufgebaut, quasi als Streifzug durch die Filmgeschichte und die diversen filmischen Mittel.
Eine Woche zuvor erhalten die Mitglieder eine illustrierte Klubzeitung zur Vorbereitung, am Spieltag selbst werden sie von zwei Moderator:innen und einer szenischen Performance eingegroovt. Seit 2016 gibt es auch die «kleine Laterne», ein Format für Vier- bis Sechsjährige und ihre Erwachsenen.
Jubiläumsvorstellungen in der Ostschweiz:
3. September, 10:30 Uhr, Kino Roxy, Romanshorn 10. September, 9:30 und 11:30 Uhr, Kinok St.Gallen 17. September, 10:30 Uhr, Kino Kiwi, Winterthur
lanterne-magique.org
Die Zauberlaterne ist eine Erfolgsgeschichte. Es gibt fast 80 Klubs in der ganzen Schweiz mit rund 20‘000 Kindern als Mitglieder. 800 Freiwillige, 150 Moderator:innen und 650 Gastkünstler:innen stemmen zusammen über 1000 Vorstellungen pro Jahr. 1999 eröffneten die ersten internationalen Zauberlaternen, mittlerweile gibt es Klubs in mehr als zehn Ländern. Während das klassische Kino verzweifelt die Säle zu füllen versucht, scheint das die Zauberlaterne spielend zu schaffen. Ein Grund dafür dürfte die faire Preispolitik sein: Die Saisonmitgliedschaft kostet nur 40 Franken.
Anders als sonst sind die 80 Gratisvorführungen zum Jubiläum ausnahmsweise auch für Erwachsene offen. Für einmal dürfen sie hinter die Kulissen blicken. Und all jene, die als Kind selber im Klub waren, können in Erinnerungen schwelgen. Vielleicht ein weiterer Grund für den Erfolg der Zauberlaterne: Cinephilie ist vererbbar.
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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