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Crack auf dem Vormarsch

Mit der Kokainlawine hat auch der Konsum von Crack und Freebase zugenommen. Offene Drogenszenen bilden sich. Ausgerechnet die Kokainhochburg St.Gallen ist bisher davon verschont geblieben. Fachleute und die Polizei stossen jedoch an ihre Grenzen.
Von  David Gadze
Auch in St.Gallen hat der Crackkonusm zugenommen. Hier sind die aus Kokain hergesetellten Steine zu sehen. (Bilder: Kim Christin Zeidler)

Während die Skigebiete Winter für Winter über Schneemangel klagen, könnten böse Zungen behaupten, die Schweiz sei so schneereich wie nie zuvor – flächendeckend und zu jeder Jahreszeit. Denn Kokain überschwemmt das Land. Es ist billig, leicht zu besorgen, hat einen hohen Reinheitsgrad und wird inzwischen als Alltagsdroge in allen Gesellschaftsschichten konsumiert.

Crack: Kokain, das mit Natriumhydrogencarbonat (Backpulver) und Wasser aufgekocht wird, um es in eine rauchbare Form zu verwandeln. Durch den chemischen Prozess entstehen Kristalle, die sich zu sogenannten Steinen formen.

Freebase: Kokain, das mit Ammoniak aufgekocht und mit einem organischen Lösungsmittel wie Ether behandelt wird. Bei diesem Vorgang werden allfällige Verunreinigungen oder Streckstoffe entfernt, wodurch Freebase reiner ist als Crack. Freebase hat normalerweise eine etwas öligere oder wachsartige Konsistenz.

Die Kokainlawine führt auch dazu, dass Crack und Freebase auf dem Vormarsch sind. In Grossstädten wie Zürich, Genf, Lausanne oder Basel, aber auch in mittelgrossen und kleineren Städten wie Luzern, Olten, Solothurn oder Chur sind offene Drogenszenen entstanden. Crack und Freebase werden in der Öffentlichkeit geraucht – in Hinterhöfen, aber auch an zentralen Plätzen, rund um Bahnhöfe oder in Parks, etwa in der Bäckeranlage in Zürich oder im Stadtgarten in Chur.

Das weckt Erinnerungen an den Platzspitz in Zürich oder den Schellenacker in St.Gallen, als von Mitte der 80er- bis Anfang der 90er-Jahre hunderte von Suchtkranken in prekären Verhältnissen Heroin spritzten. «Als Antwort auf den vermehrten Crack-Konsum und das Konsumverhalten im öffentlichen Raum haben die betroffenen Städte und Kantone als Teil der Vier-Säulen-Politik neue Massnahmen eingeführt: neue Konsumräume, Notschlafstellen, aufsuchende Sozialarbeit, polizeiliche Massnahmen usw. Zurzeit ist nicht klar, ob diese Massnahmen ausreichend sind», heisst es im Suchtpanorama 2024 von Sucht Schweiz.

Stadtpolizei hat Präsenz erhöht

Ausgerechnet in St.Gallen gibt es noch keine offene Drogenszene. Dabei ist die Gallusstadt als Kokainhochburg bekannt. In der Studie der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, die den Konsum in verschiedenen europäischen Städten anhand von Abwasseranalysen vergleicht, belegte sie jahrelang einen Spitzenplatz – nicht nur national, sondern europaweit. Seit 2023 ist St.Gallen aufgrund neuer Erhebungskriterien nicht mehr in der Studie vertreten, der Kokainkonsum dürfte aber eher gestiegen als gesunken sein. Droht der grössten Stadt der Ostschweiz also das gleiche Schicksal wie anderen Städten?

«Wir unternehmen alles, um zu verhindern, dass sich eine offene Drogenszene bildet», sagt Primo Inauen, Leiter Sicherheit der Stadtpolizei St.Gallen. Im Frühling 2023 habe man erste Anzeichen auf Crack-Konsum festgestellt. Dies und die offenen Drogenszenen in anderen Städten hätten «die Alarmglocken läuten lassen». Als Sofortmassnahme habe die Stadtpolizei die Präsenz im öffentlichen Raum erhöht. Über die Wintermonate habe sich die Lage etwas entspannt, sagt Inauen. Ein Phänomen, das auch in anderen Städten zu beobachten und vor allem auf die tieferen Temperaturen zurückzuführen ist.

Mit dem Frühlingsbeginn sei jedoch auch die Crack-Szene wieder aufgetaut. «Wir stellen wieder Anzeichen dafür fest, dass Crack konsumiert wird. Jetzt sind wir daran, gezielte Massnahmen zu treffen.» Was vor allem bedeutet: mehr Patrouillen, mehr Sichtbarkeit, mehr Personenkontrollen. All das soll die «Ortsverträglichkeit gewährleisten», wie es Primo Inauen ausdrückt. Doch Repression allein genügt nicht, es braucht dafür weitere Instrumente.

Konsum im öffentlichen Raum hat mehrere Gründe

Vermehrt im öffentlichen Raum präsent sind auch die Stiftung Suchthilfe beziehungsweise die Mitarbeiter:innen der Fachstelle für aufsuchende Sozialarbeit (FASA). Wenn sie jemanden beim Konsum von Crack oder Freebase antreffen, suchen sie das Gespräch. «Wir weisen die betreffende Person darauf hin, dass das gegen unsere Grundregeln des Zusammenlebens in der Stadt verstösst», sagt Regine Rust, Geschäftsleiterin der Stiftung Suchthilfe. Genauso wichtig sei es aber auch, in diesen Gesprächen die Gründe für den Konsum in der Öffentlichkeit zu erörtern und mögliche Unterstützungsangebote zu prüfen. Auch im Blauen Engel im Katharinenhof, dem betreuten Treffpunkt für randständige Menschen im St. Galler Stadtzentrum, könne man mit gezielten Angeboten auf Crack-Konsument:innen zugehen.

Sowohl Crack als auch Freebase werden in einer speziellen Pfeife (oder auf einer Folie) erhitzt und geraucht. Dabei entsteht ein knisterndes Geräusch, deshalb der Name Crack. Die Moleküle der eingeatmeten Dämpfe gelangen über die Lunge und die Blutbahnen innert weniger Sekunden ins Gehirn, was einen schnellen und starken Rausch auslöst. Dieser hat eine aufputschende und enthemmende Wirkung und ist von einem intensiven Hochgefühl begleitet, dauert jedoch nur wenige Minuten an. Konsument:innen fallen danach in ein Loch, was ein starkes Verlangen nach der nächsten Dosis auslöst. Deshalb haben Crack und Freebase ein sehr hohes Suchtpotenzial.

Süchtige vernachlässigen in ihrer Beschaffungs- beziehungsweise Konsumnot oft grundlegende Dinge wie Essen und Schlafen oder haben eine Tag-Nacht-Umkehr, was zu sozialer Isolation führt. Die Folgen können Arbeitsplatzverlust, finanzielle Probleme, Kriminalität oder Obdachlosigkeit sein. Der Konsum geht mit diversen gesundheitlichen Problemen einher, etwa Gewichtsverlust, Zahnverfall oder Gehirnschäden. Ausserdem kann der Entzug zu Depressionen, Angstzuständen oder Schlaflosigkeit führen.

Drogenkonsum im öffentlichen Raum könne verschiedene Gründe haben, sagt Rust. Bei Crack und Freebase sei einer davon das hohe Suchtpotenzial. «Manche Leute trinken zu Hause ein Feierabendbier, andere rauchen einen Feierabend-Joint, und einige ziehen eine Feierabendlinie Kokain. Crack beziehungsweise Freebase ist aber keine Droge für den Gelegenheitskonsum.» Viele Süchtige seien so stark abhängig, dass sie getrieben sind nach dem nächsten Rausch und die Substanz so schnell wie möglich wieder konsumieren wollen, notfalls auch in der Öffentlichkeit – erst recht, wenn sie konsumfertiges Crack haben und das Kokain nicht selber noch verarbeiten müssen. Mit anderen Worten: Manche haben schlicht keine Zeit, sich zum Konsumieren in die eigenen vier Wände zurückzuziehen.

Dies bringt oft weitere Probleme mit sich. Denn wer das regelmässig tut, riskiert seine Wohnung zu verlieren, etwa wegen störender Verhaltensweisen, Verwahrlosung oder – unabhängig vom Konsumort – dem Ausbleiben von Mietzinszahlungen aufgrund finanzieller Probleme.

Der Wohnungslosigkeit konnte die Stiftung Suchthilfe 2023 mit dem Umzug der Arche in eine grössere Liegenschaft entgegenwirken, einer betreuten und zeitlich unbefristeten Wohngemeinschaft für acht Suchtbetroffene und vier Wohnungen, in denen Personen selbstständig wohnen und durch die Stiftung Suchthilfe begleitet werden. Dank der Arche finden auch Personen eine Unterkunft, die sonst vielleicht auf der Strasse landen würden, weil sie beim Wohnen mehr Unterstützung benötigen. Die Bewohner:innen dürfen in ihren Zimmern Drogen alleine konsumieren. Das habe zwar auch seine Grenzen, sagt Rust: «Wenn mehrere Crack-Süchtige unter einem Dach wohnen, wird es schwierig.» Ohne die Arche wäre es aber noch schwieriger.

Eine Kombination verschiedener Massnahmen

All das zeigt, dass es die Kombination verschiedener Massnahmen ist, die bisher die Entstehung einer offenen Drogenszene verhindert hat. «Es braucht unsere Betreuungsangebote, aber auch Repression», sagt Regine Rust. Das eine würde ohne das andere nicht funktionieren. Derselben Meinung ist auch Primo Inauen: «Die Absprachen zwischen der Stadtpolizei und der Stiftung Suchthilfe sowie der gegenseitige Informationsaustausch sind zentral.» Durch das Erkennen von Auffälligkeiten arbeite man gemeinsam daran, die Bildung einer Szene zu vermeiden und Bilder wie in Chur, wo am helllichten Tag im Stadtgarten Drogen gehandelt und konsumiert würden und sich eine Szene bilde, zu verhindern.

Diese Zusammenarbeit zwischen der Stadtpolizei und der Stiftung Suchthilfe ist eines der zentralen Instrumente der städtischen Drogenpolitik. Der «St. Galler Weg» geht zurück auf die Schliessung der offenen Drogenszene auf dem Schellenacker Ende 1993. Er löste die jahrelang praktizierte Politik der Repression ab, die das Elend nur verschlimmerte, und basiert auf einer Vier-Säulen-Politik: Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Dieses Zusammenspiel sei wichtig, um Abhängigkeitserkrankungen adäquat zu begegnen und nachhaltig etwas zu bewirken, sagt Regine Rust. Und es sei einer der Gründe dafür, dass St.Gallen bei der Crack- und Freebase-Problematik nicht auf dem falschen Fuss erwischt worden sei wie andere Städte.

Als sie aufgetreten sei, habe man ein funktionierendes Instrument gehabt, um dagegen anzugehen. «Grundsätzlich ist der Konsum von Kokain in Form von Crack oder Freebase nichts Neues. Neu ist die Masse der Menschen, die es konsumieren.» Sie lasse sich nur in den Griff kriegen, wenn auch Prävention und Beratung den gebührenden Stellenwert bekämen, was in St.Gallen glücklicherweise der Fall sei.

Genaue Zahlen fehlen

Den steigenden Konsum von Crack und Freebase in St.Gallen an Zahlen festzumachen, ist schwierig. In erster Linie deshalb, weil in den meisten Deutschschweizer Städten, anders als etwa in Genf, nicht konsumfertiges Crack – sogenannte Steine – gehandelt wird, sondern die Konsument:innen das Kokain selber verarbeiten. Die Stadtpolizei findet bei Personenkontrollen deshalb nur selten Crack oder Freebase, sondern einfach Kokain.

Dennoch erhebe sie aufgrund der aktuellen Entwicklungen seit diesem Jahr systematisch, wie oft sie bei Kontrollen Crack sicherstelle respektive den Ankauf, Besitz oder Konsum zur Anzeige bringe, sagt Mediensprecher Roman Kohler. 2024 habe es drei Fälle gegeben, 2023, als noch nicht konsequent erhoben wurde, seien es zwei Fälle gewesen. «Crack-Sicherstellungen bewegen sich also auf einem tiefen Niveau», sagt Kohler. Zum Vergleich: 2023 habe die Stadtpolizei circa 30-mal Kleinmengen von Kokain – also bis zwei Gramm – straffrei eingezogen und über 50-mal Ankauf oder Konsum von Kokain zur Anzeige gebracht. Auch hierbei handle es sich aufgrund der Erhebungsart nicht um exakte Zahlen, sagt Kohler. Dennoch erlaubten sie, mögliche Tendenzen zu erkennen.

Die Kriminalstatistik der Kantonspolizei, in der Crack seit 2011 unter den sichergestellten Betäubungsmitteln separat ausgewiesen wird, sagt ebenfalls nichts über den tatsächlichen Konsum aus. Die Zahlen sind schlichtweg zu tief.

Beratungszahlen zu Kokain sind explodiert 

Hinweise auf den zunehmenden Konsum von Crack oder Freebase geben beispielsweise die Glas- oder Metallpfeifen, welche die Stadtpolizei immer öfter bei Kontrollen findet. Auch die Kantonspolizei bestätigt auf Anfrage, vermehrt Hinweise auf Crack-Konsum zu finden.

Ein weiteres Indiz ist der Anstieg der Beratungszahlen der Stiftung Suchthilfe. Gerade im Zusammenhang mit Kokain seien sie in den vergangenen Jahren durch die Decke geschossen, aber auch bei Crack hätten sie zugenommen, sagt Regine Rust. «Daraus lässt sich folgern, dass der Konsum zunimmt.» Der Anstieg der Beratungszahlen war quasi ein Frühwarnsystem, das die Verantwortlichen für die Entwicklung sensibilisierte und sie auf Anzeichen für zunehmenden Konsum schauen liess.

Auch die Gewalt nimmt zu

Die Stiftung Suchthilfe registriert allerdings nicht nur eine Zunahme der Beratungszahlen, sondern auch der Konflikte in ihren Betrieben. Letztere seien jetzt schon so hoch wie im gesamten Vorjahr, und bereits 2023 waren es dreimal mehr als noch 2022, sagt Rust. Dieser Anstieg sei direkt auf den Crack-Konsum zurückzuführen. Denn sowohl Crack als auch Freebase steigern das Aggressionspotenzial.

Während beispielsweise im Blauen Engel im Katharinenhof früher die meisten Klient:innen beruhigende Substanzen wie Heroin oder andere Opiate konsumiert hätten und manche von ihnen in einen so tiefen Schlaf fielen, dass man sie kaum rausgekriegt habe, seien heute viele der Betroffenen mehr unter Strom, immer in Bewegung, sehr sprunghaft – und reizbar. «Dadurch stiegen auch die Spannungen», sagt Rust. Das betrifft direkt auch die Mitarbeiter:innen der FASA. Die gesteigerte Unruhe sei eine grosse Herausforderung, sagt Rust.

Dieses Phänomen beobachtet auch die Stadtpolizei. Die Polizist:innen seien bei Personenkontrollen viel öfter Widerstand, Beschimpfungen und teilweise auch körperlicher Aggression ausgesetzt, sagt Inauen. «Es ist sehr schwierig, mit solchen Personen umzugehen. Man erreicht sie nicht, das Beschaffen der Droge steht im Mittelpunkt, sie suchen den nächsten Kick, alles andere ist für sie irrelevant.» Das führe gelegentlich auch zu Konfrontationen mit anderen Suchtbetroffenen in der Stadt.

Es braucht zusätzliche Ressourcen

Und es führt direkt zurück zur Ausgangsfrage: Ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch in St. Gallen eine offene Drogenszene bildet? Noch sind Regine Rust und Primo Inauen zuversichtlich, dass sich dieses Szenario verhindern lässt. Gleichzeitig betonen beide, dass es ohne zusätzliche Ressourcen nicht gelingen werde, sofern sich die Entwicklung der vergangenen Monate und Jahre fortsetze.

Denn sowohl die Stadtpolizei, die mehr Präsenz markiert, als auch die Stiftung Suchthilfe stossen an ihre Grenzen, personell wie finanziell. «Langfristig können wir das nicht leisten. Wenn wir diese Präsenz aufrechterhalten wollen, brauchen wir mehr Polizistinnen und Polizisten», sagt Primo Inauen.

In der Stiftung Suchthilfe tönt es ähnlich: «Mit der steigenden Zahl der Konsument:innen haben wir unsere Angebote ausgebaut. Das passt momentan noch zusammen. Und mit den bestehenden Ressourcen können wir das gerade noch stemmen. Aber das war eine Ausnahmesituation. Wenn es mehr wird, dann wird es nicht mehr funktionieren, ohne dass wir woanders Abstriche machen. Und dann könnte es schwierig werden», sagt Regine Rust.

Es ist also dünnes Eis, auf dem man sich bewegt. In der Hoffnung, dass es unter der Schneemasse nicht crackt und schliesslich bricht.

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