Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Man hat sich zu lange die Wunden geleckt»

Monika Kritzmöller hat den neuen HF-Lehrgang Textildesigner/in konzipiert, der im August an der Schule für Gestaltung startet. Ein Gespräch über das hiesige «Textiltrauma», Vorbilder und erhoffte Start-Ups.
Von  Corinne Riedener
Soziologin und Trendforscherin Monika Kritzmöller, fotografiert von Andri Bösch.

Saiten: Was macht eine Trendforscherin?

Monika Kritzmöller: Ich analysiere Gesellschaften anhand von Objekten. Wenn man Autos, Stühle, Gebäude oder auch die Mode genauer betrachtet, kann man sehen, in welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickelt. Walter Benjamin sagte in den 30er-Jahren über die Mode: Wenn man sie interpretieren würde, könnte man Kriege, Gesetzgebungen oder Konflikte vorausdeuten, da sich gewisse Entwicklungen oder Strömungen auch in der Mode abbilden.

Welche Trends stellen Sie aktuell fest?


In Europa hält wieder eine gewisse Eleganz Einzug, ganz sachte. Die Mode orientiert sich nicht wie noch vor einigen Jahren an destroyed oder used Looks, sondern eher wieder am erhabenen Stil der 30er- und 40er-Jahre. Ich sehe darin eine gewisse Suche nach Halt.

In dieser irren Welt ist es durchaus nachvollziehbar, dass man sich nach dem Klassischen, dem Vertrauten sehnt.

Absolut! Und Dinge sind ja nicht nur Oberflächen, sie verkörpern auch immer etwas. Wir vergegenwärtigen uns mit der Wahl unserer Kleider, eines Autos oder einer Inneneinrichtung ununterbrochen eine Identität. Wenn zum Beispiel ein Unternehmen einen roten Rasenmäher anbietet, der Testarossa heisst, sagt das einiges über die Firma und deren Bild von der Zielgruppe aus.

Im August startet der HF-Lehrgang Textildesigner/in, den sie konzipiert haben. Welchen beruflichen Hintergrund sollte man für diese Weiterbildung mitbringen?

Sie brauchen eine Grundbildung im textilen Bereich, beispielsweise eine Ausbildung als Textiltechnologin, im Interieur-Bereich oder einem Couture Atelier. Der Lehrgang ist als Weiterbildung angelegt und verlangt eine 50-Prozent-Anstellung in einem «artverwandten» Betrieb oder einer selbständigen Tätigkeit. Inhaltlich ist die Ausbildung sehr breit gefächert: Wir vermitteln eine Menge verschiedener Techniken wie Handweben, Stickerei, Siebdruck oder 3D- Druck, beschäftigen uns aber auch mit Stil, Trendforschung, Kulturgeschichte und Fragen des Managements.

Modedesign, Nähhandwerk und Stoffdesign galten lange Zeit als Frauendomänen. Hat sich in Sachen Textildesign diesbezüglich in den vergangenen Jahren etwas getan?

Der Beruf ist nach wie vor stark von Frauen geprägt. Wobei ich das gar nicht so verkehrt finde, schliesslich gibt es auch viele Bereiche, die sehr männlich geprägt sind. So gesehen darf das Textildesign ruhig frauenlastig bleiben.

Bruno Müller vom Amt für Berufsbildung sagte der «Ostschweiz am Sonntag» im Oktober, dass der neue Weiterbildungsgang einem Marktbedürfnis entspreche. Wieso kommt er erst jetzt?

Das hat, denke ich, viel zu tun mit einem gewissen «Textiltrauma», das in der Ostschweiz steckt. Einerseits trauert man noch der Stickereiblüte nach, andererseits ist man sehr stolz auf diese glorreiche Vergangenheit. Man hat sich wohl ein bisschen zu lange die Wunden geleckt, deshalb entwickelt sich erst jetzt langsam wieder ein Selbstverständnis, das sich an der Zukunft der Branche orientiert.

Und es gibt Cracks, junge wie Armando Forlin oder gestandene wie Martin Leuthold, Kreativchef der Jakob Schläpfer AG
und seit kurzem Träger des städtischen Anerkennungspreises. Wie wichtig sind solche «Aushängeschilder» für das textile Selbstverständnis der Ostschweiz?

Sehr wichtig! Sie bringen den Glanz in die Gegenwart und haben auch eine starke Vorbildfunktion. Diese braucht man, um in der Branche wieder Mut zu fassen und zu sagen: Ja, wir gehen voran. Denn Chancen gibt es für die Ostschweiz reichlich im Textilbereich. Wir haben nach wie vor ein gigantisches Netzwerk, eine gelebte Textilkultur und auch erfolgreiche Unternehmen in der Region.

Infoanlässe:
12. Januar, 16. März, 6. April und 18. Mai, 19 Uhr, Schule für Gestaltung St.Gallen
gbssg.ch

Wo liegen die Möglichkeiten des Textildesigns ausserhalb der Modewelt?

Unser Lehrgang basiert auf dem Rahmenlehrplan Gestaltung. Wir fokussieren uns deshalb auf sichtbare Textilien, die einen ästhetischen Wert haben. Dazu gehören selbstverständlich alle Arten von Kleidern, aber auch Dinge wie Pols- ter, Vorhänge, Beleuchtungssysteme, Auto- oder Zugsitze und so weiter.

Sie sagen, dass der Lehrgang «in enger Vernetzung mit Unternehmen und Institutionen der Region» steht. Was heisst das konkret?

Einerseits sind wir in ständigem Kontakt mit den Unternehmen in der Region und besuchen diese auch mit den Studierenden, andererseits konnten wir viele Dozentinnen und Dozenten aus der Praxis für den neuen Lehrgang gewinnen. Gespräche mit der Praxis geben uns zudem wichtigen Ein- blick in Entwicklungen und Anforderungen, wobei unser Angebot nicht einfach darauf beruht, auf aktuelle Bedürfnisse zu antworten. Das wäre zu kurzfristig, zu wenig zukunftsweisend gedacht.

Es gehe auch darum, den Wirtschaftsstandort zu stärken und talentierte gestalterische Kräfte in der Ostschweiz zu halten,
sagt Kathrin Lettner von der Schule für Gestaltung. Dafür braucht es entweder unternehmerisch denkende Selbständige oder Arbeitsplätze bei etablierten Firmen – gibt es genug davon in der Ostschweiz?

Von Unternehmerseite höre ich immer wieder: Wenn wir Leute brauchen, dann im Design. Ob die Stickmaschine in St.Gallen oder in Thailand steht, spielt keine Rolle, sie stickt immer gleich gut. Entscheidend ist also das Design, und das muss von hier kommen. In der Ostschweiz haben wir ein über Generationen gewachsenes Stilempfinden, ein gestalterisches Selbstverständnis, ähnlich wie im Grafikdesign und in der Typografie. Kreativität ist eine unserer wichtigsten Ressourcen. Das müssten wir nutzen. Bei den hier ansässigen Spitzenunternehmen gibt es aber beileibe nicht für alle Abgängerinnen und Abgänger eine freie Stelle, da muss ich ehrlich sein. Doch jedes erfolgreiche Unternehmen ist einmal gegründet worden – und darauf setzen wir.

Ist das Enterpreneurship deshalb so ein wichtiger Bestandteil des neuen Lehrgangs, oder anders gefragt: Hoffen sie auf viele neue Textil-Start-Ups?

Absolut! Das ist mir fast noch wichtiger als die Arbeitsplätze, die in den Unternehmen zur Verfügung stehen. Man soll sich nicht schicksalshaft fragen «Finde ich denn da Arbeit?», sondern man soll sich die Arbeit selber machen. Im Mode- design gibt es kleine, schicke, nachhaltig arbeitende Labels – warum nicht auch im Stoffdesign? Das wäre die konsequente und im Moment noch ausstehende Antwort auf diese Entwicklung.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter