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In der Modehölle

Limited Editions, T-Shirts von Popstars und Ausverkaufstage wie der Black Friday - und andrerseits giftige Chemikalien und Menschen, die wie Sklaven schuften: Die Ausstellung «Fast Fashion» im Textilmuseum St.Gallen thematisiert die Schattenseite der Mode. von Nina Rudnicki.
Von  Gastbeitrag , 

Eine nagelneue Jeans im Kleidergeschäft hat über 30’000 Kilometer zurückgelegt, bevor wir sie überhaupt kaufen. In den Niederlanden designed, in Usbekistan die Baumwolle geerntet, in Indien gewoben, in China gefärbt, in Bangladesch genäht, in der Türkei veredelt, in der Schweiz verkauft. Und mit der Altkleiderentsorgung landet sie einige Zeit später in Sambia.

Das Plakat «Die Reise einer Jeans» im Textilmuseum St. Gallen macht nachdenklich. Es ist Teil der Ausstellung «Fast Fashion», welche die Schattenseite der Mode beleuchtet. «Man hat immer das Gefühl, man weiss schon alles. Aber je länger man sich mit dem Thema beschäftigt, desto mehr geht es einem unter die Haut», sagt Kuratorin Ursula Karbacher an der Vernissage. Klar weiss man, dass es giftige Chemikalien gibt, dass die Näherinnen in Bangladesch 16 Stunden am Stück arbeiten, dass Unmengen von Wasser für die Textilindustrie verschwendet werden. Nur vergisst man es eben schnell oder will es nicht wissen.

Fast Fashion: Textilmuseum St.Gallen, bis 5. Juni 2017, Katalog Fr. 10.-
textilmuseum.ch

Wieso nicht gleich nackt?

Slow Fashion heisst die Gegenbewegung zu dem Trend, sich alle paar Wochen möglichst viele, billige Kleider zu kaufen. Der Winterthurer Karikaturist Ruedi Widmer hat dazu für die Ausstellung Cartoons an die Wände gezeichnet: Nackte Frauen an der «Radical Slow Fashion Sharing Zürich» sind da zu sehen und solche, die ein überdimensionales Schneckenhaus tragen, mit dem sie gleich die nächsten fünf Modewellen überspringen können.

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Die geniale Lösung: Cartoon von Ruedi Widmer. (Bilder: Nina Rudnicki)

Die Cartoons befinden sich am Ende des Rundgangs. «Sie bilden sozusagen den spielerischen Abschluss der Ausstellung. Denn allzu bedrückt kann man seine Besucherinnen und Besucher ja nicht gehen lassen», sagt Karbacher. «Und die Ausstellung ist wirklich happig. Niemand kann danach mehr sagen, er habe nichts gewusst.»

Gewusst, dass von einem T-Shirt für 29 Euro eine Näherin gerade einmal 18 Cent Lohn bekommt, während der Gewinn, den die Kleiderfirma erzielt, 15 Euro beträgt? Auf einer Säule mitten im Ausstellungsraum kann man sich weitere solcher Beispiele anschauen: das Foto einer Frau in goldigem Sweater etwa, daneben die Zahl 0,09 Cent.

Die Ausstellung ist nicht zahlen- und textlastig, sondern arbeitet mit vielen Fotos, Filmen und Emotionen. Ein Film zeigt, wie sich Tänzerinnen zum Takt der Nähmaschinen bewegen. Eine Fotostrecke thematisiert die Recycling-Industrie: Lastwagen vollgestopft mit alten Kleidern, Fabrikhallen mit Türmen aus nach Farben sortierten Stofffetzen. Über 100 Tonnen Altkleider pro Jahr landen alleine in Indien, wo sie zu Recycling-Garn versponnen werden. Und dann gibt es erschütternde Fotos der verletzten Frauen und Todesopfer vom Fabrikeinsturz 2013 in Bangladesch, als über 1000 Näherinnen starben.

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Die Folgen des Modewahns – Fotostrecke zur Recycling-Industrie.

Limited Editions und Popstars als Designer

Der Fabrikeinsturz und der Tod von so vielen Mädchen und Frauen sei der Anlass für die Ausstellung über die Schattenseiten der Mode gewesen, sagt Claudia Banz vom Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Ihre Ausstellung ist gefragt. So wird sie nicht nur in St. Gallen im Textilmuseum gezeigt, sondern auch als Wanderausstellung in Manila und Australien. «Nach dem Einsturz fanden wir, dass es höchste Zeit ist, sich dem Thema Mode aus einer designkritischen Perspektive zu nähern», sagt Banz.

«Wir sind evolutionsbedingt Jäger und Sammler. Und da setzt das Marketing an.» Eine Erfindung des Marketings sind beispielsweise die Limited Editions, die uns vermitteln, dass wir etwas unbedingt haben wollen und müssen. Ein weiterer Trick sind Kooperationen zwischen Herstellern von Billigkleidern und Popstars. Die Konsumentin steht vor einem Geschäft Schlange, um irgendeines dieser «einzigartigen» Stück zu ergattern. «Damit wir alle zwei Wochen Tüten voller Kleider nach Hause tragen können, müssen andere Menschen wie Sklaven arbeiten», sagt Claudia Banz.

Aber selbst wenn man darauf achtet, was man kauft, wird es immer schwieriger, nachzuvollziehen, woher die Kleidung überhaupt kommt. «Die Textilindustrie wurde in den vergangenen Jahren immer intransparenter. Bei einer Jeans, die 40’000 Kilometer zurückgelegt hat, kann man einfach nicht mehr sagen, woher sie kommt.» Hinzu käme das Problem all der in Europa verbotenen Chemikalien, mit denen unsere Kleidung in den Herstellungsländern bearbeitet wird. Fotos in der Ausstellung zeigen einige Folgen auf: violett gefärbte Flüsse und kranke Menschen. 7000 Chemikalien gibt es insgesamt, mit denen Kleider behandelt werden.

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Im Dschungel der Labels.

Noch immer kein umfassendes Label

Auch Public Eye hat an der Ausstellung im Textilmuseum mitgewirkt. «Ein Label, das umfassend eine sozial- und umweltverträgliche Produktion von Kleidung garantiert, gibt es bisher nicht», heisst es auf der Homepage der entwicklungspolitische Organisation. Das ist ernüchternd. Allerdings sei es dennoch sinnvoll, auf Labels zu achten, sagt Christa Luginbühl von Public Eye. Diese seien eine wichtige Orientierungshilfe. Auf der Homepage findet sich eine Übersicht mit Erläuterungen zu den verschiedenen Label- und Zertifikat-Typen. Ausserdem können dort alle möglichen Zahlen rund um die Textilindustrie nachgeschaut werden. Beispielsweise:

60 Millionen Menschen arbeiten in der Schuh-, Kleider- und Textilindustrie für grosse Markenfirmen.

Eine Näherin in Rumänien muss eine Stunde arbeiten, um sich einen Liter Milch kaufen zu können.

Oder: Der grösste Fleischhersteller in Brasilien schlachtet pro Tag 100’000 Kühe, 70’000 Schweine und 25’000 Schafe. Das Leder geht direkt an Kleider- und Schuhhersteller. Von den Lebensbedingungen dieser Tiere braucht man erst gar nicht zu sprechen.

Was soll man also tun? Bewusster kaufen, weniger kaufen und sich immer fragen, brauche ich das wirklich? Das ist die Botschaft der Ausstellung. Und sich auf alle Fälle vom Black Friday Ende  November in den grossen Städten dieser Welt fernhalten. «Denn das ist ein reiner Verkaufsfördertag zum Auftakt des Weihnachtshopping», sagt Luginbühl.

Die Ausstellung wird ergänzt durch eine Veranstaltungsreihe mit Referaten, u.a. «Ostschweiz und Ostindien – Billiglohnländer einst und heute» am 3. November oder «Die Schweiz, St.Gallen und der Dreieckshandel» am 19. Januar 2017.

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Bilder der Fabrikkatastrophe von Rana Plaza, Bangladesh, 2013

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

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Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love