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Gesichter der Revolte

«Wir sind entflammt, die Seele kehrt in den Körper zurück!», heisst es in Patricio Guzmáns engagiertem neuem Dokfilm Mi país imaginario. Davon darf man sich ruhig anstecken lassen. Ab Donnerstag im Kinok.
Von  Corinne Riedener
«El violador eres tú!»: ein Protestsong, der von Chile aus um die Welt ging. (Bild: Filmstill)

«Chile ist ein sozialer und demokratischer Rechtsstaat. Er ist plurinational, interkulturell, regional und ökologisch.» So lautet der erste Artikel des Entwurfs zur neuen chilenischen Verfassung. Ausgearbeitet wurde sie von einem 155-köpfigen, demokratisch gewählten Konvent, zur Hälfte aus Frauen bestehend und mit expliziten Sitzen für Indigene, die in Chile rund elf Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Der Verfassungsentwurf ist progressiv: Nicht nur der indigenen Bevölkerung, auch der Natur sollen erstmals in der Geschichte Chiles Rechte eingeräumt werden. Er schafft den Rahmen für einen Sozialstaat, der diesen Namen verdient hat, ausserdem garantiert er Geschlechterparität in staatlichen Institutionen, sexuelle und reproduktive Rechte, Landrechte von Indigenen sowie Umweltschutz und Klimagerechtigkeit.

Die alte Verfassung wurde 1980 unter der Pinochet-Diktatur verabschiedet. Als Chile zehn Jahre später formell wieder zu einer Demokratie wurde, blieb sie in Kraft, wurde nur da und dort angepasst. Der Kern jedoch, das neoliberale Wirtschaftsmodell, blieb derselbe.

Willkommen im «Einkaufscenter Chile»

Die neue Verfassung ist das Ergebnis langwieriger Kämpfe, die 2019 und 2020 ihren Höhepunkt erreichten. Eine Erhöhung der öV-Preise in Santiago de Chile führte zu heftigen Protesten. Es war der letzte Tropfen im Fass. Weit über eine Million Menschen ging auf die Strasse, um gegen soziale Ungleichheit, niedrige Löhne, unwürdige Renten und ein ungerechtes Bildungs- und Gesundheitssystem zu protestieren. Allen voran die Frauen. Es war der grösste Volksaufstand in der Geschichte Chiles.

Mi país imaginario:
ab 6. Oktober im Kinok St.Gallen

kinok.ch

Altmeister Patricio Guzmán, einst selber Opfer der Pinochet-Diktatur, hat diesen Aufbruch dokumentiert. In Mi país imaginario lässt er Aktivistinnen, Filmemacherinnen, Mütter, Politikerinnen, Sanitäterinnen und Wissenschaftlerinnen zu Wort kommen, begibt sich mit ihnen auf eine Reise durch das ausverkaufte «Einkaufscenter Chile», die tränengasvernebelten Strassen, den entfesselten Militärapparat und die verkrusteten Parlamente.

Der Leidensdruck vor der Revolte war gross. Viele litten unter «Bitterkeit, einer ständigen Niedergeschlagenheit und Ungerechtigkeit.» Die Frauen sprechen auch von einer grossen Entfremdung. Nach der Militärdiktatur sei man 30 Jahre lang «ruhiggestellt worden», politische Bildung, geschweige denn Staatskunde, habe es kaum gegeben.

Am 11. Oktober 2019 ist das Fass endgültig übergelaufen, alle Wut in die Strassen geflossen. Sinnbildlich dafür steht die Schülerin, die nach der Fahrpreiserhöhung übers Drehkreuz sprang und unzählige mitzog. Acht Tage später ruft der damalige rechte Präsident Sebastián Piñera den Ausnahmezustand aus «gegen den Feind, der zu allem bereit ist».

Eine Frage des Bürger:innensinns

Sie waren zu vielem bereit. Wütend, ja, aber ihren Ausdruck fand die Wut oft auf kreative, konstruktive, kollektive Weise. Oder wie es einmal poetisch heisst: «Es gibt Flammen, die zerstören, und es gibt Flammen, die ernähren.» Das Gemeinschaftsgefühl trägt den Film. «Die Revolte hat mir Kraft gegeben, mich vitalisiert. Den Menschen zu helfen, für die Meinen zu kämpfen, das ist etwas, das mich tief innen berührt», sagt eine Aktivistin. Und die Sanitäterin erklärt: «Uns verbinden ethische Prinzipien, es ist eine Frage des Bürgersinns. Wir lernen uns beim Lebenretten kennen.»

Es sind die Frauen, die dieser neuen sozialen Bewegung das Gesicht geben, die mobilisieren. Guzmán arbeitet das präzise heraus. Und er zeigt auf, dass der feministische Kampf im Kern immer auch ein Kampf für die Menschenrechte ist und letztlich zu mehr Gemeinwohl und Würde für alle führt.

Kein Wunder, sind es auch die Frauen, die den Soundtrack zum Protest liefern: «El violador eres tú! – der Vergewaltiger bist du!», heisst es im Gedicht des colectivo Las Tesis. Der Protestsong ging um die Welt. Einer von vielen Gänsehautmomenten im Film, frau kann gar nicht anders als sich von diesen Aufbrüchen anstecken zu lassen.

Die Pandemie hat die chilenische Revolte ausgebremst. Im Oktober 2020 haben sich trotzdem 80 Prozent für die Erarbeitung einer neuen Verfassung ausgesprochen. Am 4. September 2022 wurde darüber abgestimmt: 62 Prozent haben den Entwurf abgelehnt. Einer der Gründe dafür ist das fehlende Vertrauen in die Politik, hinzu kam eine massive Desinformationskampagne von rechts. Stoff für einen weiteren Film, Herr Guzmán?

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

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GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

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Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

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Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

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In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

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Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

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Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

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Von  Judith Schuck
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FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

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Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2