Wenn man künstlerisch nicht etwas mache, wovor man selber Angst habe, könne man es gerade so gut bleiben lassen. Ungefähr so lautet eine radikale Forderung von Performancekünstlerin Marina Abramovic. Jasmin Hauck sieht die Arbeit der Tanzkompanie House of Pain in dieser Tradition. Bloody Mess heisst denn auch das neue Stück, und die Ankündigung verspricht kurz und knackig: «Es wird nackt, es wird blutig, es wird laut, es wird verrückt…».
Auslöser des Stücks, für dessen Erarbeitung die Truppe einen Werkbeitrag der Stadt bekommen hat, ist die Allgegenwart von Gewalt im Namen irgendwelcher Religionen. So wird man in der Grabenhalle eine Kreuzigungs- oder eine Guerillakriegs-Szene zu sehen bekommen, Tänzer werden «lebendig begraben», peitschen sich mit den Haaren aus oder tanzen sich in Trance.
Vergleichbare Bilder sieht man fast täglich in den Nachrichten – was ist der Antrieb, sie auf der Bühne quasi «nachzuspielen»? Ihre Bildsprache sei zum Teil zwar realitätsnah, sagt Jasmin Hauck – im Theater erlebe man Gewalt und den Wahnsinn religiöser Brutalität jedoch nicht aus der sicheren Distanz des Bildschirms, sondern hautnah.
Was sie interessiere, sei der Spielraum, den solche Bilder in der Übersetzung auf die Tanzbühne eröffneten. «Wir wollen Grenzen ausloten, in erster Linie unsere eigenen: Wie weit können wir gehen?» Als Tänzerin und Tänzer mache man sich dadurch verletzlich – dasselbe erhofft sich Hauck auch vom Publikum. Provokation um der Provokation willen sei gerade nicht ihre Absicht, vielmehr die Hoffnung auf Auseinandersetzungen und darauf, dass die Zuschauer Stellung beziehen, die eigene Distanz aufgeben.
Bei den Proben habe es beide Reaktionen gegeben – hier Begeisterung, dort Kritik im Sinn von «das geht zu weit». Bloody Mess fordere das Publikum auf jeden Fall heraus, erwartet Jasmin Hauck – «und es kann schiefgehen».
Seit 2012 treten Jasmin Hauck, Cecilia Wretemark und David Schwindling unter dem Namen House of Pain auf; mehrere Produktionen sind entstanden, teils auch im Rahmen des Theaters St.Gallen. Alle drei waren mit dem vormaligen Tanzchef Marco Santi nach St.Gallen gekommen und sind jetzt, zusätzlich zu ihrer Arbeit in der Theater-Kompagnie, mitverantwortlich für die Belebung der freien St.Galler Tanzszene, dies neben Ensembles wie der Rotes Velo Tanzkompanie oder dem Panorama Dance Theater.
Bloody Mess sollte ursprünglich bereits letzten Dezember uraufgeführt werden. Dann holte sich Cecilia Wretemark beim Tanzen (aber in einer anderen Produktion) einen Kreuzbandriss. Mit dem Vorteil immerhin, dass jetzt mehr Zeit für die Weiterarbeit am Stück blieb, sagt Jasmin Hauck.
Bloody Mess: 19. Juni, 20 Uhr, Grabenhalle St.Gallen. 8. und 9. Juli, 20 Uhr, Profitreff Zürich
houseofpain-physicaldancetheatre.com
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