, 26. Februar 2017
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Vom Eier-Ausbrüten: Teil IV

Was erwarten
 Sie vom «neuen» Kunstmuseum St.Gallen? Und was würden
 Sie mit den neuen Räumen im Untergeschoss machen? Diese Fragen hat Saiten einer Reihe von Künstlerinnen und Künstlern sowie Kunstvermittlern gestellt. Teil IV: Anita Zimmermann, Francesco Bonanno, eruk t. soñschein und Agathe Nisple.

Im unterirdischen Depot des Kunstmuseums fotografierte Jan Thoma.

ICH BIN DIE LEILA BOCK

Der Geile Block hat vor anderthalb Jahren einen grossen Erfolg gefeiert. Die Leila Bock auch.
Es war das Richtige zur richtigen Zeit. Und alle sind gekommen, um zu schauen. Die Leila Bock hat seither viele Fans. Für diese – und den ganzen Rest – zeichne ich dieses Bild. Ich wünsche mir in unserer Stadt mehr und grosse Ausstellungsflächen für unsere Künstlerinnen und Künstler, die hier
in der Gegend arbeiten. Nicht nur eine, oder aber eine richtig gute.

Jeder Künstler ist anders, aber jeder verfügt über viel Besonderheit, über sehr viel Kraft in sich – mit seiner Arbeit. Ein Künstler ist nicht nur ein Interpret oder Techniker, sondern der Ingenieur und Autor seiner Idee. Reiche Welten, für die
Stadt und für die Welt. Es braucht Ausstellungsflächen, damit diese Welten in unseren Ateliers
nicht nur vor sich hindümpeln.

Ein kleines Spiel: Nennen sie mir 10 Künstler und Künstlerinnen ……. Und jetzt noch mal
10 ……. Weil es so viele sind. Und grad noch mal
10 …… Fast bin ich gemein 🙂 … und nochmal 10 …….

Und wir haben noch viiiel mehr! Eine Stadt mit vielen Künstlern. Wo sind sie zu sehen? Wenn nicht hier: wo denn? Es gibt hier in der Gegend wenig Auftritte. Sagen wir: keine? Zu wenig? In der schönen Stadt wäre es schön, wenn wir alle stolz darauf sind, dass wir Künstler haben, und schauen, dass sie gut leben können. Man müsste sie zeigen, man müsste Aufträge riskieren, weil: Kunst ist ein Beruf und dessen fehlende Einschätzbarkeit öffnet oft festgefahrene Sichtweisen, wie eine Medizin. Etwas mehr Mut – nein: Grösse. Bizzeli mehr Risiko. Bizzeli mehr lebendiges Leben. Das wünsche ich St.Gallen. Das Einschätzbare finden wir genug.

MIT DEM GEILEN ROCK

Mich interessiert es sehr, was in unserer schönen Stadt an Kunst passiert.

Die hiesige Kunstszene geht vom Bodensee zum Rheintal, hinauf über das Appenzellerland bis hinter die Berge zum Walen- und Zürichsee.
Bis in den Hinterthurgau. Alle professionell. Die gehören alle zur hiesigen Szene. Mehr und Weniger. «Alle» möchte ich hier in die Stadt einladen können. Einen lebendigen Kunstbetrieb wünsche ich mir. Nicht nur an Weihnachten. Oder vielleicht an Weihnachten sowieso nicht. Warum es das noch nicht gibt? Weil Kunstvermittler sich behaupten müssen in der internationalen Szene – und mit ihrem Tätigkeitsprofil. Jeder möchte es möglichst gut machen. Oft spüre ich, dass ich spannender scheine, wenn ich Wind von aussen mitbringe. Die grossen Häuser glauben, wer nie fortgegangen ist,
sei nicht gut genug. Bis jetzt wurden oft die Weggezogenen gefeiert.

Wir Künstler hätten gerne Einzelausstellungen in riesigen und sehr schönen Räumen.

Ich möchte als Künstlerin bei meinen Themen sein und nicht auf Themen von Gruppenausstellungen reagieren müssen. Meine Arbeiten wollen selbst reden. Ich möchte nicht mal eine intellektuelle Erklärung suchen, um zu rechtfertigen, warum ich gerade nur Erde in der Hand halte …

Wie sagt man dem? Mehr Akzeptanz und Vertrauen.

Jetzt, wo das Kunstmuseum das ganze Haus ganz alleine hat, jetzt könnte doch der Kunstsektor in der LOK in eine andere Hand gehen.

UND MÖCHTE GERN DIE LOK

Wir haben keine Hochschule für Kunst, so dass junge Leute weggehen müssen, wenn sie ein gestalterisches Talent entdecken. Unsere Aufgabe wäre aber, dass wir die Qualitäten der hiesigen Kunstszene schätzen und schützen. Wir leben sehr am Rand eines Landes und brauchen auf jeden Fall mehr Wirbel (unseren Wirbel) und mehr Selbstvertrauen. Kunst ist wichtig und tut gut. Allem Wirtschaftlichen und Berechenbaren entgegen. Kunst soll auftreten können. Gute und schlechte.

Dass die grossen Häuser ganz tolle Ausstellungen machen, ist unbestritten. Aber dass die Kunst einen Boden hat und die Stadtkünstler gesehen werden – und nicht trostpreis-artig –, finde ich ganz wichtig. Ich schaffe viele Foren in der Off-Szene. Oft habe ich ein komisches Gefühl dabei … Nehme ich dem Kunstmuseum und der Kunsthalle «die Aufgabe zur Stärkung der Stadtkünstler» und damit ihre Verantwortung ab? Das
ist meine zentrale Frage.

Machen Sie Werbung – und reden Sie über uns in der Stadt, und von den vielen Künstlern,
die Raum brauchen, damit Sie dies alles selber sehen können. Dass die LOK eine schöne Möglichkeit wäre und dass auch Sie schon lange darauf warten.

Das haben wir alle verdient.

Anita Zimmermann, 1956, ist Stadtkünstlerin. Sie lebt in St.Gallen.

 

Kreartiv-Festival im Museum

«Endlich! Mehr Platz!» mehr Kunst! schreibt das Kunstmuseum St. Gallen in seinem neuen Flyer. Nach 30 Jahren Macelleria d’Arte kann ich behaupten: Es liegt nicht nur an der Grösse der Räumlichkeiten, sondern auch daran, was man mit dem Raum und der Kunst macht… Jetzt, wo das Naturmuseum umgezogen ist, gibt es Platz für eine neue und noch nie dagewesene Idee: ein Kreartiv-Festival als Kultursprachrohr
für die Öffentlichkeit.

Realisiert wird
es durch die Interventionen von kreativen und schöpferischen Leuten. Es gibt in der Region St.Gallen genügend Architekten, Designer, Fotografinnen, Künstler, Literatinnen, Musiker, Filmerinnen. Miteinander – und nicht gegeneinander – können sie an einem bestimmten Thema arbeiten, den Raum gemeinsam bespielen. Am Ende präsentieren sie die Resultate ihrer Zusammenarbeit in einer Ausstellung – dem Kreartiv-Festival. Kunst gibt nicht Sichtbares wieder, sondern macht sichtbar.

Francesco Bonanno, 1956, ist Künstler und Leiter der Galerie Macelleria d’Arte in St.Gallen.

 

eruk t. soñschein, 1977, ist Künstlerin in St.Gallen.

 

Maulwurfaktionen

Das St.Galler Kunstmuseum macht gute Ausstellungen, mit internationaler Ausstrahlung und mit Aufmerksamkeit auch für die Schweizer Szene. Und es ist, nebenbei,
auch der urbane Kulturort für Appenzell – ich wäre deshalb sehr dafür, dass die Appenzeller Kantone nicht nur Konzert und Theater unterstützen, sondern auch das Museum und andere städtische Kulturinstitutionen. Denn sie leisten das, was die Landkantone nicht zu leisten imstande sind. Im «neuen» Untergeschoss böte sich jetzt darüber hinaus die Chance, der regionalen Szene mehr Platz zu geben in dem Sinn: zu zeigen, was künstlerisch passiert, auch wenn es nicht unbedingt «museal» herauskommt.

St.Gallen und die Ostschweiz haben eine unglaublich lebendige
und gut vernetzte Szene. Das Vorgehen könnte ich mir so vorstellen, dass man eine Anzahl Kunstschaffende einlädt, je ihre Ausstellung zu realisieren im Dialog mit ihrem Freundeskreis. Das Museum könnte damit seine Rolle als «Oberkurator» abgeben – mit allem Risiko. Es wäre ein offenes Feld. Ein Museum darf auch mal unterwühlt werden, mit dem, was in der Region läuft. Ich stelle es mir spannend vor, solche Maulwurfaktionen im «Untergrund» zu erleben.

Agathe Nisple, 1955, ist Kunsthistorikerin und Galeristin in Appenzell.

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