Interessante Bündnisse
Ein neuer Kurator also. Das verspricht neuen Wind. Einen Tornado wird es kaum geben. Lorenzo Benedetti trifft auf ein eingespieltes Team und eine Programmgruppe, die die Ausstellungsideen absegnet. Man darf gespannt sein, wie sich der international agierende Neuling mit dem Regionalen verbündet. Das ist die grosse Chance und Herausforderung «unseres» Hauses. Man darf hoffen und erwarten, dass es immer wieder zu interessanten Bündnissen kommt.
Und ein neuer Raum.
Der 1981 erstellte Beton-Unterbau des neoklassizistischen Gebäudes, der wie eine Beinprothese anmutet, entfaltet mit der aktuellen Ausstellung von Mark Dion plötzlich auch nette Aspekte. Der mögliche Ausblick zum Park zum Beispiel. Man kann sich sehr gut ein «Park-Café» vorstellen. Eine Theke mit Sitzgelegenheiten und direktem Zugang zur Terrasse und zum Park. Das schöne Stück städtischen Grüns lechzt seit Jahren nach solcher Belebung. Spannend ist auf jeden Fall die Situation des Provisoriums – der Einladung zum Experiment. Bleibt zu wünschen, dass diese vielversprechende Gelegenheit wahrgenommen wird.
Karin Karinna Bühler, 1974, ist Künstlerin und lebt in Trogen.
Mehr Platz und ein eigener Ansatz
So war es also lediglich eine Platzfrage und keine bewusste, schamhafte Ausklammerung des einheimischen Schaffens, weshalb bis anhin im Kunstmuseum St.Gallen nur selten Ostschweizer Positionen zu sehen waren? Zwischen Deutschland, Österreich und Zürich eingeklemmt, müsste doch Eigenes, sogar Widerspenstiges entstehen. Nicht nur Touristen sollten sich ein Bild über das hiesige Kunstschaffen machen dürfen. Auch die KünstlerInnen profitieren von einer tiefgründigen Orientierung: Welche Bereiche und Themen wurden schon beackert, wo wäre es lohnenswert, dem Bestehenden die eigene Sicht hinzuzufügen? Es macht für die gesamte Bevölkerung der Region Sinn, umfassend zu dokumentieren, was hier kulturell geschah und weiterhin geschieht. Allerdings muss die Dokumentation über effekthascherisches Standortmarketing hinausgreifen und gemeinsame kulturelle Wurzeln aufzeigen.
Wenn nun im ehemaligen Natur- und Kunstmuseum mehr Raum für die Auseinandersetzung mit regionalen kulturellen Wurzeln zur Verfügung steht, freut mich das sehr. Zugleich werde ich aber im unteren Stockwerk das Anschauungsmaterial zu den tektonischen Schüben, welche diese Landschaft prägten, den Nagelfluh-Schüttungen, den Sandsteinbänken und den aufgetürmten Kalkfelsen des Alpsteins mit ihren Fossilien und Höhlen vermissen. Von den Erkenntnissen der Archäologie kann ich gleich nebenan im Völkerkunde-Museum profitieren. Dort wird von den Steinzeitjägern im Wildkirchli über die Pfahlbauer am Bodensee bis zu den unmittelbaren Vorläuferkulturen der heutigen Ostschweiz Bericht erstattet.
Zufällig schwebt über meinem Wohnort Trogen der dadaistische Geist der hier aufgewachsenen Sophie Taeuber-Arp. In ihrem Werk gibt es Ansätze, welche auf die damals im Appenzellerland gebräuchliche textile Heimindustrie verweisen, während sie sich mit ihrem künstlerischen Schaffen in der europäischen Avantgarde bewegte. Ein herausforderndes Vorbild?
Mit der ganzen Welt vernetzt zu sein, bringt die Gefahr mit sich, im mainstreamigen Einheitsbrei zu versinken. Nützlich ist die Vernetzung nur dann, wenn ich dabei aus einer fundierten, ureigenen Position heraus agieren und mich austauschen kann. Kommunikation funktioniert nur dann, wenn man selbst etwas Eindrückliches mitzuteilen hat, sonst droht die Entmündigung.
Natürlich finde ich die Wurzeln zu eigenständigem Denken und Handeln nicht nur innerhalb einer überschaubaren Landschaft. Ohne zusätzliches globales Denken wird Regionales zur verantwortungslosen Rechthaberei. Bei meiner Suche nach geeigneten, letztlich individuellen Ansätzen orientiere ich mich nicht nur innerhalb ostschweizerischer Grenzen, der Blick über den Bodensee und den Rhein hinaus kann sehr ergiebig sein.
Ein Kunstmuseum, das Auskunft über regionale kulturelle Wurzeln gibt, sollte sich auch mit den jedermann zugänglichen sozialen Medien beschäftigen. Wenn heute in den Medien durch Angebote, die zu «stundenlangen Museumsaufenthalten» animieren, die «Wohnzimmerisierung» der Museen verkündet wird, müsste doch auch der Austausch über das Wohnzimmer hinaus, mit Hilfe der sozialen Medien, thematisiert werden. SMS, Fototransfer und Facebook u.a. wären Themen, die mittels Ausstellungen und Workshops einem aktiven und mündigen Museumsbesucher gerecht würden.
H.R. Fricker, 1947, ist Künstler und u.a. Erfinder des Museums für Lebensgeschichten Speicher und des Alpstein-Museums. Er lebt in Trogen.
Georg Gatsas, 1978, ist Künstler und Manor- Preisträger 2017. Er pendelt zwischen Zürich, Ostschweiz und Johannesburg.
Viel Raum im Kunstmuseum
Jahrelang waren Kunst und Natur in St.Gallen schon beim Start einer Ausstellung spürbar: Um die Vernissagenrede zu hören, wanderte man abwärts – an Fuchs und Dachs vorbei. Und waren alle Sitzplätze im Saal besetzt, lauschte man draussen der Rede mit halbem Ohr und studierte gleichzeitig Präparate der regionalen Singvögel. Jetzt sind plötzlich alle Räume für die Kunst da. «Endlich», möchte man sagen. Denn man hat sich das schon immer stimmig vorgestellt. Oder vielleicht doch «Hoppla»? Steht doch plötzlich zusätzlich zur LOK viel Platz zur Verfügung, und – vor allem im Untergrund – kein für Ausstellungen architektonisch geeigneter.
Räume der Zwischennutzung sind immer unpassend und widerständig. Man lässt sich für sie etwas einfallen, was sonst gar nicht stattfinden würde. Trotz der Räume oder gar gegen die Räume zu arbeiten ist für Kunstschaffende eine interessante Herausforderung. Eine Zwischennutzung mit Gästen gäbe dem Kunstmuseum die Möglichkeit für andersartige Kooperationen. Warum nicht mit dem Nachwuchs aus den Kunstlehrgängen in St.Gallen, z.B. aus dem HF Bildende Kunst zusammenspannen? Man wäre gespannt darauf, wie sie mit ortsspezifischen Projekten diese Räume erobern oder einfach ihre Diplomausstellung zeigen.
Ganz neu aber wäre ein «Labor» für Gäste und Gastkurationen, die explizit aus der Ostschweizer Kunstszene stammen. In zeitlich kurzen Abständen wären wieder aktuelle Arbeiten sichtbar, die nur alle drei Jahre anlässlich des Heimspiels oder länger gar nicht zu verfolgen waren. Die kabinetthaften, dunklen Räume eignen sich grundsätzlich gut für digitale und analoge Projektionen aller Art. Vielleicht würde sich daraus mit der Zeit ein medialer Schwerpunkt entwickeln.
Dies alles geht nicht ganz ohne Budget, auch im Untergrund muss professionell gearbeitet werden. Aber man könnte dann eher sagen: endlich!
Elisabeth Nembrini, 1960, ist Künstlerin und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule St.Gallen. Sie lebt in Berg SG.
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.