Konrad Bitterli zieht, wie man seit Mai weiss, nach Westen: Er ist zum Direktor des Kunstmuseums Winterthur und des Museums Oskar Reinhart gewählt worden. Mit seinem Nachfolger macht St.Gallen den Laden nun weit auf, über die Schweiz hinaus.
Lorenzo Benedetti, geboren 1972 in Rom, lebt in Paris und ist schwergewichtig in den Niederlanden tätig. Er war als Kurator am Museum MARTA im deutschen Herford (2006-2008) tätig, anschliessend Direktor des Museums De Vleeshal in Middelburg. 2013 betreute er den Niederländischen Pavillon an der Biennale di Venezia, 2014-2016 war er Direktor des De Appel Arts Centre in Amsterdam, dessen oberste Leitung sich nach anderthalb Jahren überraschend und unter lauten Protesten der Kunstszene von ihm trennte.
Benedetti sei mit Ausstellungen namhafter Kunstschaffender, darunter Pipilotti Rist hervorgetreten; «spannende konzeptuelle Austellungen sind geradezu sein Markenzeichen», wird Direktor Roland Wäspe in der Medienmitteilung des Kunstmuseums vom Dienstag zitiert. Am Telefon in Paris beantwortete Lorenzo Benedetti unsere Fragen.
Herr Benedetti, Sie sind in Paris tätig, Sie haben in Amsterdam gearbeitet, Sie stammen aus Rom. Was treibt Sie nach St.Gallen?
Die Qualität des Kunstmuseums ist für mich der entscheidende Grund. Gute Kunst braucht keinen grossen Ort, aber sie braucht gute Museumsarbeit. Das St.Galler Kunstmuseum bietet seit vielen Jahren ein qualitativ hochstehendes Programm. Hinzu kommt: St.Gallen liegt zentral in Europa, Österreich und Deutschland sind nah. Kunst gehört in die Nähe der Grenzen.
Warum?
Kunst schafft neue Situationen, sie erprobt Grenzüberschreitungen, sie öffnet andere Sichtweisen. Das gilt geographisch. Aber es gilt auch historisch. Das St.Galler Museum umspannt mit seiner Sammlung Jahrhunderte. Alte und neue Kunst in Beziehung zueinander zu bringen, das ist eine interessante Aufgabe. Mein Vorgänger Koni Bitterli hat stark mit diesen Dialogen zwischen zeitgenössischer Kunst und Werken aus der Sammlung gearbeitet.
Für Sie ist das Neuland?
In diesem Ausmass ja. Das Museum De Vleeshal in Middelburg, das ich geleitet habe, verfügte auch über eine Sammlung, jedoch nur mit Werken etwa seit 1930.
Welche Namen, welche Programme kann man von Ihnen erwarten? Auf Ihrem Porträtfoto sieht man im Hintergrund die Skulptur von Jasenovac in Kroatien, das Denkmal für die Opfer des dortigen KZs.
Das Bild stammt aus einer Arbeit des Fotografen Jan Kempenaers für den Niederländischen Pavillion an der Biennale von Venedig. Solche Skulpturen leisten Erinnerungsarbeit, sind aber selber auch Veränderungen ausgesetzt – Denkmäler wie dieses werden momentan wieder neu entdeckt. Generell interessiert mich das Medium der Skulptur, etwa eine Position wie die von Manfred Pernice in der aktuellen Ausstellung in St.Gallen. Skulptur ist ein traditionelles Medium, das immer wieder neu gedeutet wird, das aktuell bleibt und das die Welt mit seinen Mitteln zur Diskussion stellt. Michael Dean ist ein anderer Name, ein britischer Künstler, der für den Turner Prize nominiert war und der mit dem Mittel der Skulptur zugleich die soziale Situation in England thematisiert. Mich interessieren Arbeiten, die Brücken in unsere Zeit hinein bauen – politische Kunst, aber nicht in einem plakativen Sinn.
Im De Appel in Amsterdam wurden Sie anderthalb Jahren als Direktor entlassen. Warum?
Es war eine unglückliche Konstellation, mit einem Leitungs-Board, dessen Mitglieder sehr weit von der Kunst entfernt waren. Das ist passiert – es gab viele Protestaktionen gegen meine Entlassung.
Sie leben in Paris – werden Sie auch in St.Gallen sein?
In St.Gallen zu sein ist wichtig, und die Nähe zu Zürich oder zu Bregenz gefällt mir. Auch Italien ist nicht weit weg, die drei Schweizer Landessprachen sind mir vertraut, das Deutsche allerdings noch am wenigsten. Ich habe lange Zeit an Orten in der Peripherie gearbeitet. In der globalisierten Gegenwart ist das Zentrum überall – beziehungsweise: Das Zentrum für gute Kunst ist dort, wo Qualität und intelligente Programmierung stattfindet. In St.Gallen sind die Voraussetzungen spannend, mit dem zusätzlichen Platz im alten Museumsbau und mit der Lokremise, die ein unkonventioneller Ausstellungsraum an grossartiger Stadtlage ist.
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