Auf der Rampe, die in den Keller des Kunstmuseums führt, begegnet man einem alten Bekannten: einem ausgestopften Fuchs. Er ist eines der letzten Überbleibsel aus dem Naturmuseum. Die meisten seiner ausgestopften Artgenossen sind bereits im Depot verstaut oder ausgestellt im gerade eröffneten Naturmuseum im Neudorf. Die frei werdenden Räume bespielt von nun an das Kunstmuseum.
Dabei ist der Wechsel vom Naturmuseum zum Kunstmuseum keine Kleinigkeit. Denn abgesehen von der grossen logistischen Arbeit stellen Kunst- und Naturmuseen auch ganz andere Anforderungen an die Räumlichkeiten, in denen sie ihre Gegenstände präsentieren. Auch wenn die Knochen, Präparate und ausgestopften Tiere nicht mehr da sind – die Architektur ist noch immer stark auf die Präsentation von naturkundlichen Artefakten ausgelegt. Kunst hingegen lässt sich in den Ausstellungsräumen in ihrem jetzigen Zustand nur beschränkt zeigen.
The Natural Sciences, 2015 (3D-geprintete Objekte in fluoreszierender Farbe, Schwarzlicht)
Dass es dennoch möglich ist, beweist Kurator Konrad Bitterli gekonnt. Für die erste Ausstellung in den neuen Räumen hat er den amerikanischen Künstler Mark Dion nach St.Gallen geholt. Eine perfekte Wahl, denn die Arbeiten von Dion bewegen sich genau an der Grenze von Kunst und Naturwissenschaft.
Kritischer Blick
Der in New York lebende Künstler beschäftigt sich in vielen seiner Arbeiten mit der Repräsentation von Natur in musealen Kontexten. In seinen Installationen fragt Dion aber nicht nur danach, wie die Natur in einem Museum dargestellt wird, sondern auch, wie dadurch eine bestimmte Vorstellung von Natur geschaffen wird und wie das wiederum unseren Blick auf die tatsächliche Natur beeinflusst.
Dazu eignet sich Dion das klassische Vorgehen des Wissenschaftlers an: Er sammelt, ordnet und klassifiziert. Der Unterschied: In seinen Vitrinen und Sammlungsschränken tauchen nicht nur echte Tiere auf, sondern auch allerlei phantastische Wesen und Spuren menschlicher Zivilisation. Haufen aus kunterbuntem Krimskrams, überdimensionale Plüschtiere und unbekannte Fabelwesen: Alles wird in einen Dialog gesetzt. So schafft Dion neuartige, erstaunliche Taxonomien.
Alligator Mississippiensis, 2015 (Krokodilskelett, Objekte von Flohmärkten, Teer, Glasvitrine, Transportkiste)
Das ist nicht nur witzig, sondern macht auch geschickt die Prozesse des naturwissenschaftlichen Diskurses sichtbar. Denn was wir als Natur verstehen – so die These des Künstlers –, unterliegt immer auch dem historischen, politischen und gesellschaftlichen Wandel.
Poetische Klassifikationen
Seinem Thema nähert sich Mark Dion aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Installation Scala Naturae beispielsweise besteht aus einer freistehenden Treppe, auf deren Stufen verschiedene Artefakte angeordnet sind. Hier wird die antike Vorstellung von Natur als hierarchisch organisierter Leiter zitiert, an deren Spitze der Mensch steht. Gleichzeitig hinterfragt der Künstler solche Konstruktionen mit feinem Humor: Seine Stufenleiter folgt nämlich eigenen poetischen Gesetzen. Auf der obersten Stufe thront Aristoteles als Übervater antiker Naturphilosophie, die zweitoberste Stufe teilen sich eine ausgestopfte Hauskatze mit einer Stockente. Es folgen Tintenfische und Schmetterlinge, Seesterne und Kürbisse – so vermischen sich antike Theoriekonzepte mit der visuellen Opulenz einer frühneuzeitlichen Wunderkammer.
Kunstmuseum St.Gallen, bis 17. September 2017 kunstmuseumsg.ch
Gerne rückt Dion auch den Forscher selbst ins Zentrum. In der Arbeit Tropical Collectors (Bates, Spruce and Wallace) verkehrt er geschickt die Positionen von Forscher und Erforschtem: Die Installation besteht aus einem Berg von Ausrüstungsgegenständen, wie man sie im 19. Jahrhundert für Expeditionen verwendet hat und ohne die keine Museumssammlung zustande gekommen wäre. Der beobachtende, vermeintlich objektive Wissenschaftler rückt so selber ins Zentrum und wird zu einem Ausstellungsstück.
Tropical Collectors (Bates, Spruce and Wallace), 2009 – (Reise-, Jagd- und Forschungsequipment)
Und in Tar Museum reflektiert Dion darüber, wie unsere Vorstellung von Natur den Umgang mit ihr beeinflusst. Die Arbeit besteht aus einer Reihe von ausgestopften Tieren, die mit Teer überzogen sind. Ein Sinnbild für die prekäre Situation des Ökosystems, das dem Besucher den Unterschied zwischen der Natur im Museum und der realen, ausgebeuteten Natur eindrücklich vor Augen führt.
Feiner Humor
Mark Dions Arbeiten verbinden kritische Reflexion mit feinem Humor und entfalten dabei eine grosse theatrale Wirkung. The Wondrous Museum of Nature regt auf alle Fälle dazu an, über die feinen Grenzen und Gemeinsamkeiten von Kunst, Ästhetik und Naturwissenschaft nachzudenken. Und es macht grosses Vergnügen, die Kunst im Keller zu erkunden.
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