Kategorie
Autor:innen
Jahr

Naturkunst im Keller

Das Kunstmuseum St. Gallen nimmt erstmals die ehemaligen Räume des Naturmuseums in Beschlag. Der amerikanische Künstler Mark Dion verbindet in «The Wondrous Museum of Nature» kritische Reflexion mit feinem Humor. von Sebastian Ryser.
Von  Gastbeitrag
Mark Dion: Mobile Wilderness Unit – Wolf, 2006. (Bilder: Kunstmuseum St.Gallen)

Auf der Rampe, die in den Keller des Kunstmuseums führt, begegnet man einem alten Bekannten: einem ausgestopften Fuchs. Er ist eines der letzten Überbleibsel aus dem Naturmuseum. Die meisten seiner ausgestopften Artgenossen sind bereits im Depot verstaut oder ausgestellt im gerade eröffneten Naturmuseum im Neudorf. Die frei werdenden Räume bespielt von nun an das Kunstmuseum.

Dabei ist der Wechsel vom Naturmuseum zum Kunstmuseum keine Kleinigkeit. Denn abgesehen von der grossen logistischen Arbeit stellen Kunst- und Naturmuseen auch ganz andere Anforderungen an die Räumlichkeiten, in denen sie ihre Gegenstände präsentieren. Auch wenn die Knochen, Präparate und ausgestopften Tiere nicht mehr da sind – die Architektur ist noch immer stark auf die Präsentation von naturkundlichen Artefakten ausgelegt. Kunst hingegen lässt sich in den Ausstellungsräumen in ihrem jetzigen Zustand nur beschränkt zeigen.

The Natural Sciences, 2015 (3D-geprintete Objekte in fluoreszierender Farbe, Schwarzlicht)

Dass es dennoch möglich ist, beweist Kurator Konrad Bitterli gekonnt. Für die erste Ausstellung in den neuen Räumen hat er den amerikanischen Künstler Mark Dion nach St.Gallen geholt. Eine perfekte Wahl, denn die Arbeiten von Dion bewegen sich genau an der Grenze von Kunst und Naturwissenschaft.

Kritischer Blick

Der in New York lebende Künstler beschäftigt sich in vielen seiner Arbeiten mit der Repräsentation von Natur in musealen Kontexten. In seinen Installationen fragt Dion aber nicht nur danach, wie die Natur in einem Museum dargestellt wird, sondern auch, wie dadurch eine bestimmte Vorstellung von Natur geschaffen wird und wie das wiederum unseren Blick auf die tatsächliche Natur beeinflusst.

Dazu eignet sich Dion das klassische Vorgehen des Wissenschaftlers an: Er sammelt, ordnet und klassifiziert. Der Unterschied: In seinen Vitrinen und Sammlungsschränken tauchen nicht nur echte Tiere auf, sondern auch allerlei phantastische Wesen und Spuren menschlicher Zivilisation. Haufen aus kunterbuntem Krimskrams, überdimensionale Plüschtiere und unbekannte Fabelwesen: Alles wird in einen Dialog gesetzt. So schafft Dion neuartige, erstaunliche Taxonomien.

Alligator Mississippiensis, 2015 (Krokodilskelett, Objekte von Flohmärkten, Teer, Glasvitrine, Transportkiste)

Das ist nicht nur witzig, sondern macht auch geschickt die Prozesse des naturwissenschaftlichen Diskurses sichtbar. Denn was wir als Natur verstehen – so die These des Künstlers –, unterliegt immer auch dem historischen, politischen und gesellschaftlichen Wandel.

Poetische Klassifikationen

Seinem Thema nähert sich Mark Dion aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Installation Scala Naturae beispielsweise besteht aus einer freistehenden Treppe, auf deren Stufen verschiedene Artefakte angeordnet sind. Hier wird die antike Vorstellung von Natur als hierarchisch organisierter Leiter zitiert, an deren Spitze der Mensch steht. Gleichzeitig hinterfragt der Künstler solche Konstruktionen mit feinem Humor: Seine Stufenleiter folgt nämlich eigenen poetischen Gesetzen. Auf der obersten Stufe thront Aristoteles als Übervater antiker Naturphilosophie, die zweitoberste Stufe teilen sich eine ausgestopfte Hauskatze mit einer Stockente. Es folgen Tintenfische und Schmetterlinge, Seesterne und Kürbisse – so vermischen sich antike Theoriekonzepte mit der visuellen Opulenz einer frühneuzeitlichen Wunderkammer.

Mark Dion: The Wondrous Museum of Nature.

Kunstmuseum St.Gallen, bis 17. September 2017
kunstmuseumsg.ch

Gerne rückt Dion auch den Forscher selbst ins Zentrum. In der Arbeit Tropical Collectors (Bates, Spruce and Wallace) verkehrt er geschickt die Positionen von Forscher und Erforschtem: Die Installation besteht aus einem Berg von Ausrüstungsgegenständen, wie man sie im 19. Jahrhundert für Expeditionen verwendet hat und ohne die keine Museumssammlung zustande gekommen wäre. Der beobachtende, vermeintlich objektive Wissenschaftler rückt so selber ins Zentrum und wird zu einem Ausstellungsstück.

Tropical Collectors (Bates, Spruce and Wallace), 2009 – (Reise-, Jagd- und Forschungsequipment)

Und in Tar Museum reflektiert Dion darüber, wie unsere Vorstellung von Natur den Umgang mit ihr beeinflusst. Die Arbeit besteht aus einer Reihe von ausgestopften Tieren, die mit Teer überzogen sind. Ein Sinnbild für die prekäre Situation des Ökosystems, das dem Besucher den Unterschied zwischen der Natur im Museum und der realen, ausgebeuteten Natur eindrücklich vor Augen führt.

Feiner Humor

Mark Dions Arbeiten verbinden kritische Reflexion mit feinem Humor und entfalten dabei eine grosse theatrale Wirkung. The Wondrous Museum of Nature regt auf alle Fälle dazu an, über die feinen Grenzen und Gemeinsamkeiten von Kunst, Ästhetik und Naturwissenschaft nachzudenken. Und es macht grosses Vergnügen, die Kunst im Keller zu erkunden.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung