Koni Bitterli, in Winterthur ist eine grosse Museumsdiskussion im Gang, unter anderem um Finanzen und um die Villa Flora, ein bisher privates Sammlermuseum, das dem Kunstmuseum angegliedert werden soll. Holt man Sie als Trouble-Shooter?
Koni Bitterli: Das Museumskonzept der Stadt Winterthur sieht vor, das Kunstmuseum und das Museum Oskar Reinhart unter dem gemeinsamen Dach des Winterthurer Kunstvereins zusammenzuführen. Zwei Häuser und damit zwei Kulturen zusammenzuführen ist eine nicht geringe Herausforderung, umso mehr als die Stadt Winterthur mit finanziellen Sorgen zu kämpfen hat. Dazu kommt in einem nächsten Schritt die Villa Flora – das muss man alles zusammen stemmen.
Es wartet also in erster Linie logistische Arbeit auf Sie?
Es ist eine Management- und Organisationsaufgabe – aber gleichzeitig geht es in der Museumsarbeit natürlich vor allem auch darum, die Sammlungen weiter zu entwickeln, attraktive Ausstellungen für das Publikum zu realisieren und ein breites Vermittlungsprogramm anzubieten. Man hat offenbar jemanden gesucht, der breite Erfahrungen auf all diesen Ebenen mitbringt und dem man zutraut, die Fäden zusammenzuhalten.
Ehrwürdig: Das Kunstmuseum Winterthur.
Was reizt Sie selber an der Stelle?
Es ist eine spannende Aufgabe, ein Museum quasi neu zu erfinden. Ich habe das in St.Gallen mehrfach erlebt – vielleicht eher als evolutionären Prozess. Wir, d.h. Roland Wäspe und ich, haben ein während 17 Jahren geschlossenes Museum übernommen und dafür ein vielbeachtetes Programm entwickelt, die Kunstzone in der Lokremise erfolgreich etabliert, jetzt zieht das Naturmuseum aus, das sind spannende Veränderungen. Hinzu kommt: Ich fühle mich noch frisch genug, in meinem Leben noch einmal etwas Neues anzufangen. Dennoch: Ich gehe mit einem lachenden und einen weinenden Auge, konnte ich doch im Kunstmuseum St.Gallen tolle Ausstellungen realisieren und habe mit wundervollen Menschen zusammenarbeiten dürfen. Das Kunstmuseum St.Gallen ist gut aufgestellt und hat Erfolg wie nie zuvor.
Den seit vielen Jahren erhofften Erweiterungsbau hat das St.Galler Kunstmuseum aber immer noch nicht. Ein Frust?
Nein, keinesfalls. Wer frustriert sein wollte, wäre in diesem Job definitiv am falschen Ort. Ich empfinde es als grosses Glück, mit Kunstschaffenden zusammen Ausstellungen realisieren zu dürfen. Vor allem bekommt das Kunstmuseum mit dem Auszug des Naturmuseums mehr Platz, wenn auch vorerst als Provisorium, nachdem der Umbau aus Spargründen verschoben wurde. Ein Provisorium zu bespielen ist seinerseits hoch interessant, bildende Kunst kann das leisten, sie ist immer schon sehr agil gewesen und eröffnet neue Welten.
Ehrwürdig: das Kunstmuseum St.Gallen.
Sie haben das 26 Jahre lang an der Seite von Roland Wäspe gemacht. Eine Ära…
Ja, das ist in unserem Metier, der zeitgenössischen Kunst eine aussergewöhnlich lange Zeit. Wir haben in St.Gallen immer sehr stark im Team gearbeitet und auch Nachwuchsleute Ausstellungen kuratieren lassen. Ich gehe davon aus, dass meine Stelle wieder besetzt wird und die Kontinuität damit gewährleistet ist. Wir bekommen ja nach dem Auszug des Naturmuseums auch zusätzliche Ausstellungsräume im Haus. Unsicher ist hingegen, wie es mit der Lokremise weitergeht.
Besteht Gefahr, dass die Kunstzone in der Lok ganz wegfällt?
Es besteht eine Finanzierungslücke nach dem Sparentscheid des Kantonsrats. Dank Ursula Hausers grossartigem Engagement konnte man diese Lücke überbrücken, bis 2017. Die Lok war ja die Haupt-Leidtragende der Kultureinsparungen des Kantons. Das verstehe ich bis heute nicht: dass der Kanton erfolgreich ein Projekt aufbaut und nach bloss fünf Jahren selber torpediert.
Haltbar, aber renovationsbedürftig: Das Winterthurer Provisorium von Gigon-Guyer.
Das Kunstmuseum Winterthur hat mit dem Anbau von Gigon-Guyer ein hochgelobtes Provisorium, das erstaunlich dauerhaft ist. Das Ausstellungsprogramm insgesamt scheint aber konventioneller, als was Sie in St.Gallen gemacht haben.
St.Gallen spürt als Museum den Puls der Zeit. Wir sind künstlerisch Risiken eingegangen. Der amerikanische Künstler Matt Mullican ist ein gutes Beispiel dafür; ihn haben wir in St.Gallen vor 16 Jahren gezeigt, jetzt ist er im Kunstmuseum Winterthur zu sehen. Das zeigt auch, dass wir mit unserem Programm nicht ganz falsch gelegen sind. Winterthur programmierte bisher vielleicht etwas «klassischer» – zudem hatte das Museum immer die Möglichkeit, mit Mitteln aus dem Zürcher Lotteriefonds bedeutende Werkankäufe auch retrospektiv zu tätigen.
Winterthur kann also einen Modernisierungsschub brauchen?
Ich habe jedenfalls nicht vor, meine Haltung gegenüber der zeitgenössischen Kunst zu ändern, nur weil ich von einem Ort an den anderen wechsle. Dazu gehören definitiv auch die dialogischen bzw. epochenübergreifenden Projekte, die mir in St.Gallen immer grossen Spass gemacht haben und wo ich auch für Winterthur ein enormes Potenzial sehe. Die Stadt hat eine grosse Geschichte, was die Bildende Kunst und das private Mäzenatentum betrifft. Zürich ist nah, man steht entsprechend im Wettbewerb, und es stellt sich die Frage, wie man das Museum bzw. die Museen erfolgreich positioniert.
Ihr Wunsch für St.Gallen?
Ich bin überzeugt, dass das Kunstmuseum so erfolgreich weitermacht wie bisher, und hoffe, dass es seinen lustvollen Biss und seine überaus attraktive Eigenwilligkeit beibehält. Zu hoffen wäre daneben, dass der Umbau trotz Sparanstrengungen allerorten eher früher als später realisiert wird, so dass Roland Wäspe ihn noch erlebt. Ich werde selbstverständlich mit Interesse verfolgen, was hier passiert – wir haben uns jedenfalls verpflichtet, gegenseitig an die Vernissagen zu kommen.
Das Museumskonzept Winterthur findet man hier. Die Debatte um ein allfällige Museumsholding und um den Einbezug der Villa Flora ist unter anderem hier nachzulesen.
Hommage an Koni (Bild: Ueli Vogt)
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