2010 hat das Festival seine Premiere erlebt. Künstlerisch wie kulturpolitisch wurde damals Neuland beschritten: Erstmals spannten alle Ostschweizer Kantone zusammen, um die damals eher vernachlässigte Sparte Tanz zu fördern. Inzwischen ist das biennale Festival bei seiner fünften Ausgabe angekommen; eine bemerkenswerte Kontinuität für die «flüchtigste aller Künste», wie man den Tanz gern umschreibt – und eine Bestätigung, dass kulturpolitisch auch in der Ostschweiz grosse Würfe möglich sind, wenn wie hier die Kantone ihre föderalistische Grenzgläubigkeit für einmal vergessen.
Nah beim Publikum
Unter dem diesjährigen Thema «Na(c)haltigkeit» hat die künstlerische Leiterin Simone Truong ein Festivalprogramm konzipiert, das einen Querschnitt durch die aktuellen Bewegungen des zeitgenössischen Tanzgeschehens zu ziehen verspricht. Die «Nähe» bezieht sich dabei auf die regionale Verankerung – der Start etwa geschah im Freien beim Gasthaus Richisau in Glarus, wo eine der fünf eingeladenen Kompanien, Krizaj / Wehrli / Gisler ihre Nature Poetry performten.
Tumbleweed (Angela Rabaglio, Micaël Florentz): «The Gyre». (Bild: Flurin Bertschinger)
Nächste Station war Anfang Oktober der Gasometer in Triesen FL, und vom 26. bis 28. Oktober ist jetzt die Lokremise St.Gallen an der Reihe. Dort wird zudem der mit 5000 Franken dotierte Förderpreis für Choreografie verliehen an die Kompanie HorizonVertical und ihr Stück Nachtfeder.
Nach einem Abstecher nach Herisau zieht der TanzPlan im November weiter nach Chur, Zürich, Steckborn und schliesslich in die Ziegelhütte Appenzell.
Tanzplan Ost 26. – 28. Oktober Lokremise St.Gallen 28. Oktober Tanzraum Herisau 3./4. November Theater Chur 9. – 11.November Tanzhaus Zürich 15. November Phönix Theater Steckborn 17. November Ziegelhütte Appenzell
tanzplan-ost.ch
Das künstlerische Programm spannt weite, auch internationale Bögen. Tumbleweed ist eine belgisch-schweizerische Kompanie, gegründet von der Schweizer Choreographin und Tänzerin Angela Rabaglio und dem französischen Choreographen, Tänzer und Musiker Micaël Florentz. Archaik verspricht das Projekt von Robert Steijn und Geraldine Chollet: Die Tänzerin und der Tänzer, beide mit Faible für Rituale und Mystisches, teilten während ihren Recherchebegegnungen ihre Tiertänze – Steijn hat den Deer- und den Snake-Dance entwickelt, Geraldine Chollet hat sich gemäss Programm unter anderem von der «Reine des vaches» inspirieren lassen, der Königin der Kühe.
Fabrice Mazliah: «In Act and Thought», das Choreografieprojekt des diesjährigen Tanzplans. (Bild: Mai-Thu Diserens)
Ein Projekt eigens für den Tanzplan erarbeitet der Tänzer und Choreograf Fabrice Mazliah mit seinem Ensemble: In Act and Thought – Six potentialities for TanzPlan Ost. Mit dabei im diesjährigen Tanzplan ist zudem die St.Galler Truppe House of Pain mit ihrem Stück Mother is the be(a)st.
Ein Meer aus Tanzenden
Der Tanzplan 2018 setzt über die Stücke hinaus auf lokale Botschafterinnen. Sie haben sich im Vorfeld mit einer Kompanie persönlich beschäftigt und führen am Festival selber mittels einer Videobotschaft in das entsprechende Stück ein. Im Thurgau ist es die Wissenschaftsillustratorin Livia Enderli, im Appenzellerland Kate und Caro Baur, Tänzerin und Künstlerin, und in St.Gallen Susanne Menzi-Frank, Vorstandsmitglied der organisierenden IG Tanz.
Das Drumherum um die Aufführungen ist auch sonst vielfältig: Intensiv-Workshops für Profis gehören dazu, eine offene Probe, Diskussionen oder Suppen aus Foodwaste, womit das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit auch kulinarisch eingelöst wird. In Steckborn leitet das Duo Tumbleweed am 11. November einen Flashmob an. Entstehen soll ein «kollektiver Begegnungsmoment»: Paare kommen zusammen und formen ein Meer aus schwankenden «Schaukeln», das sich dann in gemeinsames Tanzen auflöst. Mittun können Menschen jeglichen Alters und Geschlechts mit ein bisschen körperlicher Fitness (Infos und Anmeldung unter cietumbleweed@gmail.com).
Und schliesslich «The bench»: Jessica Huber und Ramin Mosayebi suchen gemeinsam mit dem Publikum Plätze, auf die eine Bank hingehören würde oder könnte. Die Bänke werden gleich selber mit hergestellt – das Ganze findet laut Ankündigung «im Appenzell» statt, jenem Ortsnamen-Unding, das es nicht gibt. Kleiner sprachlicher Fehltritt im Tanzplan; gemeint ist Appenzell selber, das Dorf.
Das «Rote Velo» rollt wieder an: Die Tanzkompanie um Exequiel Barreras und Hella Immler spielt in der Grabenhalle ihr neues Stück «Uppercut». Und will die freie Szene in St.Gallen beleben.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.