St. Gallen ist in Bewegung. Während in den Gassen der Fest-Bär steppt, lädt TanzPlan Ost zum tänzerischen Marathon. Zum dritten Mal vereint das Festival in der Lokremise eine beachtliche Anzahl Tanzschaffender mit Bezug zur Region. Das Motto lässt Spielraum für Kreation und Interpretation: Neun Stücke an zwei Abenden sollen Grenzen überwinden – zwischenmenschliche, kommunikative und künstlerische. Dabei gibt es einiges zu sehen und zu hören, vom wilden Affentanz über Beziehungsknatsch inklusive Krampf-Kamasutra bis hin zur coolen Folklore. Neben inhaltlicher Vielfalt stösst die qualitative Umsetzung teilweise an Grenzen. Generell vermag das Programm des zweiten Abends tänzerisch mehr zu überzeugen.
King Kong trifft Strawinsky
Zwei Männer mit Affenmasken, eine blondgelockte Filmdiva und eine Regisseurin mit Megafon: das sind die Zutaten für „SAGRA“, das Eröffnungsstück des ersten Abends. Das Progetto Brockenhaus aus dem Tessin mischt überdrehte Pantomime mit einer Prise zappelnder Choreographie und unterlegt das Ganze mit Strawinskys fulminantem „Sacre du Printemps“. Das Ergebnis: Ohren öffnen, Blick senken, nächstes Stück bitte!
„RUSH“, choreographiert von Jens Biedermann. Bild: Christian Glaus
Das kommt in Form von „RUSH“ des Winterthurer Choreographen Jens Biedermann. Vier Individuen sind gefangen in ihren eigenen Lichträumen, isoliert, bis sie schliesslich in einem fliessenden Quartett zusammen agieren. Dieser zarte Moment bildet den Höhepunkt der Choreographie, die ansonsten von akrobatisch-sportlichen Elementen dominiert wird und teilweise etwas schwerfällig wirkt. Einen Kontrapunkt dazu bildet „Akkumulation – eine Rekonspiration“. Tina Mantel setzt in ihrem Solo auf Wiederholung, Reduktion und Sprache. Inmitten der Bewegungen klärt sie das Publikum über Entstehung und Hintergrund ihrer Choreographie auf. Emotion hat in ihrer Form von Tanz keinen Platz, vielmehr spricht sie Kopf und Verstand an. Eine Darbietung, die an mathematische Formeln erinnert: klar, sauber, konkret – und der trockenen Mathematik zum Trotz auch etwas humorvoll.
Löst der Klang die Bewegung aus oder umgekehrt? In Renate Graziadeis Stück „da-zwischen“ (Bilder ganz oben und am Schluss des Texts) kommen beide Varianten vor. Die Choreographie entstand eigens für die diesjährige Ausgabe von TanzPlan Ost und vereint zehn Tänzerinnen mit zwei Musikern auf der Bühne. Zu einem teils meditativ anmutenden Klangteppich agieren die Frauen in der Gruppe, in kleinen Formationen und solistisch. Auffällig ist hier die Unterschiedlichkeit an tänzerischer Qualität. Damit steht und fällt die Choreographie, sie passt sich dem Niveau der Tänzerinnen an, produziert einzelne starke Momente, vermag es jedoch über weite Strecken nicht, eine eigene Sprache zu entwickeln.
Viel Intimes und eine Durststrecke
Angela Rabaglio: wind-up birds and polaroid. Bild: Marco Wolff
Ganz anders bei Angela Rabaglio im ersten Stück am zweiten Abend. Ihr selbst choreographiertes und getanztes Solo „wind-up birds and polaroids“ verfügt über ein spezifisches Bewegungsvokabular. Ihr kraftvoller, geerdeter und dynamischer Tanz erinnert an die lauernde, kontrollierte Haltung aus dem Kampfsport, und doch ist der ganze Körper in Bewegung. Auflockerung in die konzentrierte Stimmung bringt „senses make sense“ von Kjersti SandstØ – ein Stück, das sich nicht allzu ernst nimmt. Ein verbissener klassischer Tänzer wird darin „weichgemacht“, er lässt sich von zwei Modernen von seiner starren Form inklusive erstarrtem Bühnenlächeln abbringen und entdeckt die Bewegung in Hüften, Schultern und Knien. Das ergibt ein charmantes Tanzstück mit hochelastischen Bewegungen und einer Tänzerin und zwei Tänzern, denen man gerne zusieht.
Dann wird es intim: Im Stück „paarweise“ scheinen Andrea María Méndez Torres und Sebastian Gibas erst ineinander kriechen zu wollen, um sich ganz plötzlich wie zwei wilde Stiere zu bekämpfen. Kraftvoll und mit viel Körpereinsatz steigern sich die beiden in ihrer Aggression, bis sie sich schliesslich beruhigen und über die eigene Sturheit amüsieren können. Der letzte Blick ins Publikum scheint zu sagen: „Kennt ihr doch alle auch!“
Ebenfalls eine Beziehungskiste thematisiert „Ich liebe dich aber du hinderst mich“ von Anja Reinhardt und Yuri Bongers. Was soll man dazu sagen? Durststrecke! Eine Mischung aus Paar- und Gruppentherapie unter Einbezug des Publikums und angestrengter Kopulation in allen möglichen Varianten. Die ganze Sache hat mit Tanz wenig zu tun und wird gespickt mit hilflosen Life- und Audiokommentaren („Bisch du mir nöööch?“). Danach fühlt man sich selbst bereit für eine Therapie, da hilft auch das leise Augenzwinkern nicht mehr.
Das letzte Stück macht’s wieder wett: In „JINX 103“ kommen mit József Trefeli und Gábor Varga zwei coole Jungs auf die Bühne, äusserlich sehr gegensätzlich, jedoch im Zusammenspiel der Bewegung symbiotisch. Sie kreieren Rhythmus mit Händen und Füssen, spielerisch, lebendig und authentisch. Ein Gute-Laune-Stück mit sympathischen Tänzern und ein schöner Abschluss von zwei intensiven Tanzabenden.
Zehn Tänzerinnen, im Hintergrund Soundtüftler Strotter Inst: Szene aus „da-zwischen“. Bild:Jonas Baumann
TanzPlan Ost: weitere Aufführungen heute und morgen in der Lokremise St.Gallen, am 22./23. August im Tanzraum Herisau, am 31. Oktober/1. November im Phönix-Theater Steckborn . Infos zum Programm hier. Der Bericht auf art-tv hier.
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.