Zwei Heimaten im Körper

Sie kamen aus Italien und Spanien, später aus Ex-Jugoslawien. «Gastarbeiter» nannte man sie. Ihnen widmet Ivna Žic ihr Stück «Die Gastfremden». Die Uraufführung in der St.Galler Lokremise ist klug, aber fremdelt lange selber.
Von  Peter Surber
Bilder: Iko Freese

Sie sind gekommen, und sie sind geblieben. Sind angekommen und doch fremd geblieben. «Gastfremd» nennt sie Ivna Žic. Sie, Jahrgang 1986 und als Kind aus Kroatien in die Schweiz gekommen, interessiert dieser Zustand, dieses Dauerprovisorium, und die Frage, wie sich davon erzählen lässt.

Eine solche Erzählung, heisst es einmal im Stück, müsste nicht mit «Es war einmal» anfangen, sondern mit «Es ging einmal». Oder «Es kam einmal». Sie ist kein Märchen, sondern millionenfache Realität in der globalisierten Gegenwart. Die Geschichte der Schweizer «Gastarbeiter», wie man sie früher genannt hat, ist ein Teil der weltweiten Migrationsgeschichte.

Für diese Geschichte sucht das Stück, das Žic im Auftrag des Theaters St.Gallen geschrieben hat, Bilder und Worte. Das Anfangsbild ist die totale Befremdung: Menschen in silberglänzenden Schutzanzügen auf Grossprojektion, Fetzen von Telefonaten, aufgeregte und beruhigende Stimmen, ja ich komme, nein ich kann nicht kommen, ja es geht gut und wie geht es euch. Und dann kommen sie von aussen in den Saal wie von einem fernen Planeten.

Ankunft der Gastfremden.

Die Befremdung hält noch lange an, die Schutzanzüge lösen sich nur langsam von den Körpern, die Ankömmlinge reden im Chor, zwischendurch unpassenderweise englisch statt kroatisch oder portugiesisch oder italienisch. Sie sind ein kaum unterscheidbares «WIR», wie es auf ihren Rücken geschrieben steht. Vorne auf der Brust steht «ICH», aber es dauert, bis die Figuren in ihrem Ich angekommen sind und das andere «Wir» erreichen: uns, das Publikum, die Andersfremden.

Das Innen und das Aussen

Es dauert lange, bis sich das Stück aus diesem zweifellos gewollten, sehr konzeptuellen, aber auch künstlich wirkenden Korsett befreit hat. Aus Sätzen werden Sprechchöre, aus Bewegungen zuckende Choreografien, einmal wird der Schrank, dieses Ungetüm, in dem sich die Dinge und Erinnerungen angesammelt haben über die Jahrzehnte, zum sprechenden und ächzenden Gegenüber in einem grotesken Schattentheater.

Und auch das Aussen spricht: Es kommt aus einem überdimensionierten Megaphon, dessen Stimme ins Spiel eingreift, die Spielanlage kritisiert, Ideen einbringt, die Angekommenen dirigiert als eine Art Superdramaturgin.

Ivna Žic und ihr Leitungsduo, Regisseurin Christine Rast und Ausstatterin Franziska Rast, sind im postmigrantischen Diskurs beschlagen. Ihre Meta-Megaphon-Stimme beherrscht die Terminologien und macht, wenn auch allzu didaktisch, klar: Es kommt drauf an, wer spricht, wer in wessen Namen erzählt und an wen sich die Erzählung richtet. Es ist wichtig, die Kinder der «Gastfremden» zu hören und ihr Reden über die Eltern, aber auch die Eltern, die selber kaum von sich aus erzählt haben. Sie weiss: Familie ist politisch.

Kindererinnerungen: Pascale Pfeuti, Christian Hettkamp, Franziska Bruecker, Tabea Buser, Tobi Graupner, Birgit Bücker (von links).

Eingetrichtert wird uns auch, wie fatal es ist, wenn die, die schon hier sind, den Angekommenen ihre schnellen Etiketts anhängen. Das Balkan-Etikett, das Tschinggen-Etikett, umgekehrt das Bünzli-Etikett. «Ja, das ist übergriffig», sagen die Gastfremden, recht haben sie, und vielleicht braucht es in einem Stück über Migration hierzulande soviel Didaktik, auch 50 Jahre nach den Schwarzenbach-«Überfremdungs»-Initiativen und erst recht jetzt: In einer Woche stimmen die, die dürfen, ab über die Kündigungsinitiative und damit wieder einmal über die, die nicht dürfen.

Familiengeschichte in Kisten

Das Hauptbild, das sich im Lauf des Stücks entwickelt und die Figuren immer mehr zu sich bringt, ist die Zügelei: Die Eltern haben entschieden, nach dreissig Jahren wieder zurück ins Herkunftsland zu gehen, Eltern und Kinder räumen die Wohnung, bloss eine Vierzimmerwohnung, aber in den Kisten hat sich so viel angesammelt wie in den Köpfen und Herzen: «Züg und Sache», «Omas Schuhe», «Chinderblues», Familienfotos, CDs, Sachen für «Voruss», aber es gibt auch eine Kiste mit «Vorwurf» und eine mit «Heimat» und am Ende eine mit dem, «Was bliibt».

Die Gastfremden: 19., 22., 24. September, 20. und 24. Oktober.

theatersg.ch

Was bleibt, sind präzise Beobachtungen in Žics dichtem Text, wie schon in ihrem preisgekrönten Erstlingsroman Die Nachkommende. Die Erinnerung der Kinder an die neuen Flüche, die sie aus den Sommerferien im Herkunftsland jeweils zurückbrachten und die ein Jahr später dort schon nicht mehr cool waren und den Kindern ihr Immer-fremder-Werden klarmachten. Das Mitleid mit den Schweizer Kindern, die schon vor der Tagesschau ins Bett mussten, wenn bei ihnen selber erst der Znacht auf den Tisch kam, weil die Eltern erst dann von der Arbeit kamen. Oder das böse Rosenkranz-Gebet auf die Integration, diese «zweite katholische Erziehung» mit den Geboten: alles leise, unauffällig und richtig zu machen.

Die Mutter erzählt: Pascale Pfeuti und Christian Hettkamp.

Der berührendste Moment ist die Erzählung der Mutter, als sie dann endlich einmal erzählt: Wie gern sie, statt heimzukehren, auch hier bliebe, im neuen Land und bei den Kindern, die keine Kinder mehr sind. Dass es auch mit ihrem Mann kein einfaches «Wir» gibt, weil «jeder von uns einzeln hier ist». Was für eine unfassbar grosse Entscheidung es ist, zurückzugehen. Und wie es wehtut im Körper, weil darin Platz sein muss für zwei Orte und Heimaten.

Heimweh gehört allen

Es spielen Birgit Bücker, Tabea Buser, Tobi Graupner, Christian Hettkamp und Pascale Pfeuti. Atmosphärische Songs und Sounds steuert die Musikerin und musikalische Leiterin des Stücks, Franziska Bruecker bei. Sie alle wechseln Rollen, sind mal erste und mal zweite Einwanderergeneration, sprechen für sich und für alle und kommen, dank ihren Geschichten und dank dem Erinnern, mehr und mehr zu sich. Werden «Ich» statt «Wir».

Sinnigerweise braucht es am Schluss zumindest im Stück auch das «Aussen» nicht mehr. Die Stimme aus dem Megaphon spricht ins Leere, ihre Belehrungen kommen nicht mehr an. Dafür sprechen, mit O-Ton-Aufnahmen, Migrantinnen und Migranten, junge und alte, über ihre Erfahrungen mit der Sprache, mit den beiden Ländern oder mit dem Heimweh, diesem «morbus helveticus», der erst recht eine Krankheit der Migration ist und der allen gehört.

Höchste Zeit also, mit der Unterscheidung zwischen «Innen» und «Aussen», zwischen «Uns» und «Den Anderen» überhaupt aufzuhören. Für Die Gastfremden wirbt denn auch der listige Slogan: «I do not ask you who you are not.»

An den schönen Vorsatz hält sich allerdings das Stück selber nicht. Gegen Ende fragen die Schauspieler von der Bühne ins Publikum nach dessen Herkunft. Das Ergebnis an dieser dritten Aufführung des Stücks vom Mittwochabend: Sie halten sich so ziemlich die Waage, die Besucherinnen und Besucher ohne und jene mit Migrationsvorsprung.

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