Die zweite Nachtasyl-Reihe startete mit einem Rückblick im gutbesuchten Palace, mit einer musikalischen Reise durch 50 Jahre Deutsche Einwanderungsgeschichte. Nacherzählt wurde diese vom Berliner Autor Imran Ayata (rechts) und dem Münchner Künstler Kullukcu – zusammen sind sie AYKU. Im Oktober erschien ihre Compilation Songs of Gastarbeiter Vol. 1 bei Trikont, seit März ist sie auch auf Vinyl zu haben.
Das Rezept der beiden ist so simpel wie genial: Sie durchforsten Archive, Plattenläden oder Musiksammlungen von Verwandten und Bekannten, immer auf der Suche nach musikalischen Perlen der ersten Einwanderergeneration. Diese stellen sie anschliessend samt Hintergrundinfo ihrem Publikum vor, manchmal mit eigenen Remixes. Kommentiertes Auflegen nennt sich das Ganze. Oder betreutes Nachdenken, aber das ist Ansichtssache.
Jedenfalls ist diese türkische «Geschichtsstunde» eine ganz fantastische Idee. Nicht nur, weil Ayata und Kullukcu ein politisch und gesellschaftlich hoch sensibles Thema anpacken und erst noch humoristisch verpacken – gekonnter übrigens als die eidgenössische Komik-Gilde. Das erfrischende an dieser Lektion ist vor allem die Attitüde: nicht am Gestern zu leiden.
Das bedeutet nicht, dass Ayata und Kullukcu die Sorgen und Schwierigkeiten der Gastarbeiterinnen und -arbeiter nicht ernst nehmen würden, im Gegenteil, viele der vorgestellten Songs handeln von Themen wie Arbeit, Heimweh, Ausgrenzung oder Religion. Cem Karaca, Frontmann von «Die Kanaken» etwa zitiert auf seinem gleichnamigen Album (1984) sogar explizit den Schriftsteller Max Frisch. «Es wurden Arbeiter gerufen. Doch es kamen Menschen an», singt Karaca im Refrain.
Ayata und Kullukcu wissen definitiv um die schweren Herzen ihrer Eltern und Grosseltern damals, aber sie wissen eben auch, wie man konstruktiv auf Problemen rumhackt. Abgesehen davon ist es ja nicht so, dass diese nicht immer noch dieselben wären, nur dass heute andere darunter leiden. Auch das wird deutlich beim Hören der Gastarbeiter-Songs.
Konstruktiv ist das kommentierte Auflegen aber auch, weil Ayata und Kullukcu es nie ohne Selbstironie tun, weil sie den Skeptikern von damals und heute dauernd einen fast schon bemitleidenswerten Spiegel vorhalten und weil sie weltgeübt hin- und herpendeln zwischen «Almanya» und «Türkiye», im Kopf wie im Auto.
AYKU kommen offenbar gar nicht erst auf die Idee, sich oder die einstigen Gastarbeiter als zu Opfer präsentieren. Das ist erfrischend, denn so haben die Ewiggestrigen immerhin keine Macht über die Gefühle. Vielleicht nehmen sie damit auch jenen etwas Wind aus den Segeln, die immer so wahnsinnig unentspannt sind, wenn es um Humor in Verbindung mit Migration geht – jene, die sich für «Opfer» einsetzen statt für Menschen.
Ein AYKU-Portrait des Bayrischen Rundfunks:
Weitere Veranstaltungen der diesjährigen Nachtasyl-Reihe: 29.5.: Pingpong vs. Rassismus, 20.30 Uhr, Grabenhalle St.Gallen 30.5.: Volksküche und Vortrag, 20.30 Uhr, CaBi Antirassismustreff 30.5.: The Strapones, Punk um 22 Uhr, Schwarzer Engel 05.6.: Fremd, ein Film über einen jungen Malier, 19.30 Uhr, Frauenpavillon 05.6.: Fortress Europe, Vortrag von Gabriele del Grande, 20.15 Uhr, Palace 06.6.: Débruit & Alsarah, 21 Uhr, Treppenhaus Rorschach 07.6.: Interkulturelles Picknick, 14 Uhr, Kantipark St.Gallen 08.6.: Life in Paradise, 11 Uhr, Kinok 09.6.: 10-Jahr-Jubiläum Solinetz, 14 Uhr, Grüningerplatz
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.