Zum Beispiel Kevser, Andjela, Maria Rosa, Sissi und Aysha – ein Heft zum Einwandern. Ausserdem: Museumsdebatte, Margadant & Burroughs.
Ein Drittel der Weltbevölkerung ist in Bewegung. Zum Beispiel in Liu Gong Li. Vor zwanzig Jahren ein Dorf mit ein paar hundert Einwohnern, heute Teil eines Ballungsraums rund um die chinesische Stadt Chongqing, die «sehr wahrscheinlich die am schnellsten wachsende Stadt der Welt» ist.
In seinem Buch Die neue Völkerwanderung – Arrival City besucht der amerikanische Journalist Doug Sanders Liu Gong Li und zwanzig andere Megalocities. Er beschreibt sie als «Ankunftsstädte», schildert die Hoffnungen und die Überlebensnot ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Die Ankunftsstadt trägt viele Namen, sie heisst Slum, Favela, Bustee, Bidonville, Ashwaiyyat, Shantytown, Kampsong, Urban Village, Banlieue Difficile oder Plattenbau, sie ist ein Problemhaufen, aber auch ein Versprechen: «Die Ankunftsstadt ist, wenn man sie gedeihen lässt, das Instrument, das eine nachhaltig lebende und wirtschaftende Welt hervorbringt.»
Wer Sanders’ Reportagen liest, sieht die Einwanderungsschweiz mit anderen Augen. Augen, denen es plötzlich gschämig vorkommt, dass wir am 9. Februar einmal mehr über eine Ausgrenzungs-Initiative abstimmen müssen, mit dem Argument, der Platz hierzulande sei zu knapp.
Gewiss: Die globale Migration wirft Fragen auf, die sich nicht mit einem Ja oder Nein auf dem Stimmzettel beantworten lassen, die sich überhaupt weder lokal noch national ganz beantworten lassen. Worauf es im Lokalen ankommt, hat aber der Interkultur-Forscher Mark Terkessidis klar umschrieben: «Es ist egal, woher die Menschen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Polis aufhalten, kommen und wie lange sie sich dort aufhalten. Wenn erst einmal die Zukunft im Vordergrund steht, dann kommt es nur noch drauf an, dass sie jetzt, in diesem Moment anwesend sind und zur gemeinsamen Zukunft beitragen. »
Das bedeutet mit Terkessidis zum einen: vom Begriff der Integration Abschied zu nehmen, nicht ein imaginäres einheimisches «Wir» zu behaupten, sondern Vielfalt zu akzeptieren und zu üben. Und zum andern: Partizipation, möglichst für alle.
Wie das gehen könnte? Saiten macht die Probe aufs Exempel: Urs Fitze lässt Rorschacher Schülerinnen erzählen, Ladina Bischof hat sie fotografiert. Felix Mätzler berichtet von den SC-Brühl-Junioren, Harry Rosenbaum besucht das Migrationsamt in Frauenfeld. Schliesslich die Politik: Kaspar Surber denkt die Schweiz und Europa zusammen, Corinne Riedener durchleuchtet das St.Galler Stadtparlament auf seinen Migrationshintergrund und befragt Nino Cozzio, den Secondo im Stadtrat.
Ein Fazit? Vielleicht dies: Es ist Zeit für das Ausländerstimm- und Wahlrecht. Damit wir das Denken in Nationen und Grenzen endlich über den Haufen werfen können.
DER INHALT:
Reaktionen
PositionenBlickwinkel von Michael BodenmannBruno Margadant von Ralph HugStadtlärm von Andreas KneubühlerKlartext: Grüninger, Winterthur, TrogenRedeplatz mit Stefan Tittmann und Andreas KollerEinspruch von Zunder
Hier die Welt.
Das fremde Rad am Wagen.Die Politik hinkt der Einwanderungsrealität hintennach.von Corinne Riedener
Im Klassenzimmer sind alle gleich.Zusammenleben im Schulhaus Mühletobel Rorschach.von Urs Fitze
Den echten Schweizer erkennt man am Velohelm.Multikulti am Ball: Die Junioren des SC Brühl.von Felix Mätzler
Wo die Teutonen wohnen.Der Thurgau und seine Zuwanderer – ein Besuch auf dem Migrationsamt.von Harry Rosenbaum
Den Kopf auf den Kontinent legen.Ein Plädoyer für Gelassenheit und Zuversicht in der Migrationspolitik.von Kaspar Surber
PerspektivenFlaschenpost. Die jüdische Diaspora in Tunesien. von David LoherThurgauRapperswil-JonaSchaffhausenVorarlbergStimmrecht von Gyatso Drongpatsang
Kultur
Kunst: Erinnerung an Bruno Steiger. von Kristin Schmidt
Theater: Das Theater St.Gallen spielt Mal was Afrika. von Sebastian Ryser
Matthias Noger zeichnet den Februar-Comic.
Report aus dem MuseumDas Historische und Völkerkundemuseum in St.Gallen vor der Wiedereröffnung:Fragen zum postkolonialen Erbe und eine Besichtigung der Archäologie-Schau.von Wolfgang Steiger und Peter Surber
Literatur: William S. Burroughs zum Hundertsten.Ein Essay von Jürgen Ploog
Film: Das Haus Tugendhat in Brünn. Und in St.Gallen.von René Hornung
Musik: Baby Jail meldet sich zurück – aus dem Grab.von Etrit Hasler
Weiss auf Schwarzvom Kollektiv der Grabenhalle
AbgesangKellers GeschichtenBureau ElmigerCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.