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Die ganz reale Migrationspolitik

Stammtischrezepte und einfache Lösungen prägen den öffentlichen Diskurs über Einwanderung. Dass die Realpolitik aber um einiges komplexer ist, zeigte die öffentliche Forumsveranstaltung der Stadt St.Gallen am Montag. von Cornel Amerraye

Von  Gastbeitrag , 

«Neue Migration – Sie sind hier und doch nicht hier.» Unter diesem Titel lud das städtische Amt für Gesellschaftsfragen am Montag zur Forumsveranstaltung in den Katharinensaal in St.Gallen. Anhand von vier Porträts wurde gezeigt, wie es «dumm laufen» kann, wenn man als Migrantin oder Migrant in die Schweiz kommt.

Frustriert und desillusioniert nach Hause

Da ist Olga, 50, der «Engel aus Polen», wie eine Vermittlungsagentur für Care-Arbeiterinnen die Pflegefachkraft bezeichnet. Olga findet Arbeit bei einem älteren Ehepaar, das sie rund um die Uhr betreut. Aber der demente Ehemann fühlt sich durch Olgas slawischen Akzent in den Kalten Krieg zurückversetzt, er weiss sich nur noch mit Schlägen zu helfen. So schliesst sie sich mehr und mehr in ihrem Zimmer ein. Nach dem Tod des Mannes kommt die Frau ins Heim, Olga verliert nicht nur ihre Arbeit, sondern auch Obdach und Perspektive. Da sie nicht vernetzt ist, kehrt sie frustriert in ihr Heimatland zurück. Arbeitsrechtlich hätte sie bleiben können.

Oder Igor, 32, aus Kroatien. Als sein Land 2013 EU-Mitglied wird, vernimmt er aus den Medien, dass es nun einfach sei, im Ausland eine Arbeitsbewilligung zu bekommen. In der Annahme, Arbeit zu finden, zieht es ihn in die Schweiz. Was er nicht weiss: dass das vor allem für Fachkräfte gilt. So findet er keinen Job und muss seine Ersparnisse aufbrauchen. Auch er kehrt Monate später völlig desillusioniert in seine Heimat zurück.

Information und ausgebaute Hilfsangebote

Olga und Igor sind nur zwei von unzähligen Beispielen, die zeigen, wie schwierig es sein kann, als Migrantin oder Migrant in der Schweiz Fuss zu fassen. Zwei Fälle, anhand derer aufgezeigt wird, wie wichtig gute Information und ausgebaute Hilfsangebote sind. «Dass eine Frau wie Olga in die Schweiz kommt, ist ein hausgemachtes Problem», sagt Marc Spescha, Zürcher Anwalt mit Spezialgebiet Migrationsrecht. «Wären Pflegeberufe in der Schweiz attraktiver, müssten keine Fachfrauen aus dem Osten geholt werden.» Auch Igor wäre einiges erspart geblieben, wenn er schon vor seiner Einreise – die er als Tourist antrat – die nötigen Informationen über den Schweizer Arbeitsmarkt erhalten hätte.

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Nino Cozzio bei der Begrüssung

Noch schlechter geht es den Sans-Papiers, die offiziell gar nicht existieren. «Sie sind verletzbar, billig und konform», sagt Marc Spescha. Auf dem Arbeitsmarkt, auf dem sie sich trotz allem auch bewegten, seien sie der Willkür der Arbeitgeber ausgesetzt. «Sie haben keine Möglichkeit, ihre Rechte durchzusetzen, da sie Angst haben müssen, aufzufliegen und ausgewiesen zu werden.»

«Gut gedacht, schlecht gemacht»

Laut Spescha leben und arbeiten zum heutigen Zeitpunkt offiziell 90’000 Papierlose in der Schweiz, andere Schätzungen gehen von bis zu 250’000 aus. Immerhin sollte es heute durch die sogenannte Härtefallregelung wenigstens den jugendlichen Sans-Papiers möglich sein, eine Ausbildung anzutreten. Doch leider greife diese Regelung ins Leere, sagt Spescha, denn auch hier sei die Angst, entdeckt zu werden, zu gross. «In einem Jahr haben gerade mal drei Jugendliche eine Lehre angefangen», sagt der Migrationsexperte und fügt an: «Gut gedacht, schlecht gemacht.»

Die konkreten Beispiele und die Diskussion am Montagabend im gut gefüllten Katharinensaal zeigten, dass den aktuellen Migrationsbewegungen mit einfachen Rezepten nicht beizukommen ist. Die Veranstaltung, an der auch Stadtrat Nino Cozzio dabei war, wollte vielmehr die realpolitischen Probleme und Fragen rund um Migration ins Zentrum stellen. Dass die Annahme der Einwanderungsinitative diese Probleme noch verschärft hat, ist auch für migrationspolitische Laien nachvollziehbar. Spannend dazu der Kommentar von Referent und Anwalt Marc Spescha: «Wir müssen in der Schweiz aufpassen, dass unsere direkte Demokratie nicht zur totalitären Demokratie verkommt.»

 

Titelbild: «Keine Hausarbeiterin ist illegal», fotografiert von František Matouš

FC St.Gal­len vs. FC Lu­ga­no 5:0 – St.Gal­len de­klas­siert ein de­zi­mier­tes Lu­ga­no

Der FC St.Gal­len nützt ei­ne frü­he ro­te Kar­te ge­gen Lu­ga­no gna­den­los aus und schickt den bis­her so sou­ve­rä­nen Lea­der gleich mit 5:0 nach Hau­se. Ein denk­wür­di­ger Nach­mit­tag zum Nach­le­sen hier im SENF-Ti­cker.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Bücherherbst

Vom Fest­hal­ten und los­las­sen

Von Karsten Redmann,
Alles in allem taschenbuch julia trachsel

Die Er­de ist nicht ge­nug

Das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len er­öff­net Mit­te No­vem­ber zum zehn­jäh­ri­gen Be­stehen sei­nes Neu­baus den Aus­stel­lungs­be­reich «Mensch und Uni­ver­sum». Zwi­schen Kli­ma­kri­se und Ster­nen­him­mel geht es um ei­ne ziem­lich gros­se Fra­ge: Wo ste­hen wir ei­gent­lich?

Von Philipp Bürkler,
Naturmuseum Mensch und Universum Niklas Thalmann

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
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Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle