Aus toter Materie etwas Lebendiges erschaffen: Das wollte auch Viktor Frankenstein, der Protagonist aus Mary Shelleys 1818 erschienenem Roman. Als Frankenstein begreift, wie hochmütig und anmassend sein Schöpfungsdrang war, kippt seine anfängliche Begeisterung in Abscheu und Entsetzen. Er macht sich zwar Vorwürfe, die Verantwortung für sein Tun will er dennoch nicht tragen und lädt sich dadurch noch zusätzliche Schuld auf.
Mary Shelleys romantisch-fantastische Geschichte wird gelesen als Mahnmal gegen den menschlichen Drang, sich selbst zu Gott zu machen und die Vernunft über alles zu stellen. Doch wie sähe Frankensteins Schöpfung heute aus? Wäre das vielleicht ein Sex- oder ein Pflegeroboter? Ein selbstfahrendes Auto? Ein Nano-Drohnen-Schwarm? Oder ein Algorithmus, der klandestin unsere täglichen Entscheide beeinflusst?
Und was, wenn diese Geschöpfe eines Tages aufbegehren, wenn die Computer und Roboter einen eigenen Willen entwickeln, wie es in vielen Science-Fiction-Erzählungen der Fall ist? Doch was heisst hier Science Fiction … «Unsere technikbegeisterte Gesellschaft eilt mit riesigen Schritten Richtung Science Facts», sagt Anne Meyer, die Regisseurin des Stücks Ich bin nicht menschlich, das im Februar im Theater 111 Premiere feiert.
Wie Siri, aber mit Haut
Schon heute werden Roboter produziert, die ihre Halter nicht nur in sexueller Hinsicht verwöhnen sollen, sondern auch gleich noch den Haushalt schmeissen, das Wetter vorhersagen und sich anderweitig als Gesprächspartnerinnen anbieten. Wie Siri oder Alexa, aber mit Mimik, Gestik und einer Haut, die sich beinahe echt anfühlt.
Premiere: 6. Februar, Theater 111 St.Gallen
Weitere Vorstellungen: 9., 10., 13., 15., 16., 23. und 24. Februar (Theater 111) sowie 6. und 7. April (Alte Stuhlfabrik Herisau)
Nebst all den Fragwürdigkeiten aus weiblicher bzw. menschlicher Perspektive stellen sich dabei auch robo-ethische Fragen. Haben diese Wesen ein Bewusstsein? Sollen sie Rechte haben? Ein eigenes Zimmer? Eine Beerdigung? Oder die selbstfahrenden Autos: Ist deren rational getroffene Entscheidung weniger, gleich viel oder mehr wert wie die eines Menschen, der vielfach auch «den Bauch» miteinbezieht? Kann man das Auto rechtlich für einen selbstverursachten Unfall belangen oder muss der Mensch, der es programmiert hat, dafür geradestehen?
Viele romantisieren die neuen technologischen Errungenschaften, träumen von einer besseren Welt dank künstlicher Intelligenz. Einer Welt, in der wir Menschen endlich unseren ureigenen Bedürfnissen nachgehen können und nicht mehr der schindenden Lohnarbeit. Für sie sind Roboter und Algorithmen die künftigen, moralisch vertretbaren Sklaven. Weil sie ja nichts fühlen und somit auch nicht widersprechen können.
Andere hingegen prophezeien der Menschheit eine düstere Zukunft: Roboter werden dereinst die Welt beherrschen, so die Dystopie. Die Maschinen werden sich aufschwingen und uns gefühlsduslige Menschen überflüssig machen, uns zu Beta-Versionen degradieren, zu biologischem Abfall mit einer lächerlich kurzen Lebenserwartung. Die Zukunft wird unsterblich sein.
Man macht, weil man es kann
Die Meinungen klaffen weit auseinander. Nicht nur für Menschen, die sich kaum mit dem Thema künstliche Intelligenz auseinandersetzen, ist es schwierig, sich eine Meinung zu bilden. Auch weil ein gewisses Mass von K.I. vieles im Leben angenehmer machen kann.
Gespräch mit dem Historiker Caspar Hirschi, dem Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner und dem K.I.-Spezialisten Thilo Stadelmann zum Thema «Warum Maschinen ein menschliches Aussehen haben sollten oder nicht»: 23. Februar, im Anschluss an die Aufführung.
Und die Fachwelt? Da wird wacker gestritten, weiterentwickelt und verkauft. Man macht, weil man es kann, das scheint oft die Devise zu sein. Jede neue Entwicklung wird in den höchsten Tönen angepriesen, alles glänzt, «the future is bright». Nie hört man von einem Software-Entwickler, der sich selbst in die Psychiatrie eingewiesen hat in der Hoffnung, dass man ihn dort nicht entdeckt und seine Erfindung nicht in die falschen Hände gerät, ähnlich wie bei Dürrenmatts Physikern.
Diesen und anderen Fragen zur Künstlichen Intelligenz geht das Stück Ich bin nicht menschlich nach. Da gibt es den charismatischen Doktor Bann, gespielt von Thomas Fuhrer. Der umtriebige Visionär und Programmierer stellt dem willigen Publikum an einer «Konferenz für neue Technologien» zwei seiner Schöpfungen vor: die Roboter Sophie und Hannes, gespielt von Nathalie Hubler und Rino Hosennen.
Gespickt mit zig Anglizismen schwärmt Bann – er ist der einzige Mensch aus «Fleisch und Blut» im Stück und zugleich die ambivalenteste Figur – von seinen Humanoiden. Er berichtet von ihrem Innenleben, ihrer Schaffenskraft, ihrem Konversationspotenzial und ihrer Fähigkeit, selber zu lernen. Schnell wird klar: Sophie will die Welt zu einem lebenswerteren, besseren und gerechteren Ort machen, während Beta-Version Hannes von der Unterwerfung der Menschen träumt. Der Mann als Auslaufmodell sozusagen.
Wer nun denkt, das ist alles nur Theater, nur ein dramaturgisches Konstrukt der beiden Autorinnen Nathalie Hubler und Anne Meyer sollte sich dringend einmal auf YouTube und anderen Plattformen umschauen. Dort gibt es unzählige Mitschnitte und Vorträge verschiedener Tech-Konferenzen und -Vorträge. Der Inhalt des Stücks ist nicht ihren Köpfen entsprungen, sondern genau so gesagt worden an der RISE-Konferenz in Hongkong. Hubler und Meyer haben ihn lediglich übersetzt und den theatralischen Rahmen darum herum gebaut.
Moralisieren wollen sie aber nicht, sagen sie. Ich bin nicht menschlich sei vielmehr eine Art Erklärstück, ein Aufruf, die eigene Verantwortung wahrzunehmen.
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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