Kategorie
Autor:innen
Jahr

Wie man einen Menschen hackt

Biohacker wollen den Menschen mit modernster Technik, Medikamenten und einem gesundem Lebensstil besser machen. Die Künstlerin Barbara Brülisauer lebt zur Zeit in San Francisco, wo sie sich in einem dreimonatigen Experiment selber hacken will.
Von  Urs-Peter Zwingli

Darüber, dass Selbstoptimierung zum Zeitgeist gehört, schreiben sich Soziologen und Feuilletonisten die Finger wund. Eine zahlenmässig kleine, aber radikale Bewegung treibt derweil vom Mainstream praktisch unbemerkt diese Selbstoptimierung in neue Höhen: die sogenannten Biohacker. Sie kombinieren biologische und technische Forschung mit dem Anspruch von Computer-Hackern, bestehende Grenzen überwinden zu wollen. Das Spektrum reicht dabei von Gesundheitsfreaks, die jede ihrer Bewegungen und Nahrungsaufnahmen messen, protokollieren und vergleichen bis hin zu Forschern, die sich ihre elektronischen Gadgets gleich selber in ihre Körper einpflanzen.

Auch die St.Galler Künstlerin Barbara Brülisauer macht sich diesen Sommer mit ihrem Projekt Biohack Myself zum Versuchsobjekt: Seit Anfang Juli befindet sie sich für einen dreimonatigen Aufenthalt in San Francisco. Dort will sie mittels Biohacking ihre künstlerische Kreativität optimieren.

Diesen Prozess wird sie minutiös dokumentieren. Die gesammelten Daten und Erkenntnisse werden mit anderen Biohackern geteilt und auf Brülisauers Blog veröffentlicht und kommentiert.

Die Stadt an der US-Westküste biete sich für das Projekt ideal an, sagt die 40-jährige Brülisauer: «San Francisco war ein Eldorado der Hippies auf der Suche nach Sinn, Bewusstseinserweiterung und Persönlichkeitsentfaltung. Es scheint fast, als habe die Ausschöpfung und Optimierung aller Potentiale dort angefangen.»

Kaffee, Vitamine, Amphetamine

Als «Durchschnittsmensch» sei sie zudem bestens für ein solches Biohacking geeignet. Ihre Selbstüberwachung soll lückenlos geschehen: Während des Schlafs trägt Brülisauer ein Stirnband, das ihre Hirnaktivitäten aufzeichnet. Tagsüber führt sie Tagebuch führen zu Dingen wie Stimmung, Produktivität, Schlafqualität, Nahrungsaufnahme, sportlicher Betätigung und Stress. Letzterer ist manchmal sogar erwünscht: «Unter Stress bin ich kreativer und produktiver.» Um den Körper zu stressen, wolle sie beispielsweise einen Kilometer in hohem Tempo rennen und sich unmittelbar danach an ihre Arbeit setzen.

Brülisauer will zudem Yoga, Meditation, Kreativitätstechniken sowie «alle legalen Enhancements» ausprobieren. Unter Enhancements (to enhance = verbessern, steigern) kann man von Kaffee über Vitaminpillen oder Medikamenten bis hin zu Amphetaminen alles verstehen.

Die Stadt St.Gallen sprach Brülisauer für das Projekt Biohack Myself einen Werkbeitrag von 10’000 Franken zu – allerdings erst, nachdem sich die Kommission für Kulturförderung versichert hatte, dass die Künstlerin dabei auf illegale Substanzen verzichten wird.

Dass sie sich zum eigenen Versuchsobjekt macht, hat in Brülisauers künstlerischem Schaffen Tradition: Für ihre Abschlussarbeit an der Basler Hochschule für Kunst und Gestaltung lebte Brülisauer 2010 während eines halben Jahres in ihrem Bürgerort Appenzell, aus dem ihr Vater stammt. «Ich ging zu möglichst vielen kulturellen, religiösen und politischen Veranstaltungen, gab mich katholisch und bürgerlich und integrierte mich ins Dorfleben», sagt Brülisauer. Dieses Experiment, das die Innerrhödler Volksseele erkundet, dokumentierte sie unter dem Titel Gott macht schön mit einem Essay sowie Video- und Fotoaufnahmen.

Auch aus ihrem Aufenthalt in San Francisco soll eine künstlerische Arbeit entstehen. Noch ist allerdings unklar, in welcher Form. Bei der Wahl ihrer Materialien und Medien ist Brülisauer sehr vielseitig. So stellte sie im vergangenen Jahr im Kunstraum Nextex eine ausgeklügelte Installation aus, einen mehrstufigen Brunnen mit Rosenwasser. Dieser war inspiriert vom Satz «Revolutionen macht man nicht mit Rosenwasser», der kurz nach dem Ausbruch der französischen Revolution zum geflügelten Wort wurde.

Sektiererische Züge

Revolutionen und Biohacking haben eines gemeinsam: Sie werden von der Hoffnung auf einen besseren Menschen und letztlich eine bessere Gesellschaft angetrieben. Eine der extremsten Spielarten ist im Biohacking der Transhumanismus. Dieser strebt etwa die Aufhebung des Alterns, die Schaffung künstlicher Intelligenz, die Kontrolle der eigenen Psyche sowie allgemein die Überwindung menschlichen Leidens und die Ausbreitung des Menschen im All an. Visionen, die in ihrem unbedingten Glauben an die Zukunft etwas quasireligiöses, manchmal gar sektiererisches haben.

Tatsächlich zieht sich die Beschäftigung mit Utopien und Hoffnungen der Menschen auch wie ein roter Faden durch die Arbeit der Künstlerin. Die  Inspirationen dafür kommen immer von unterwegs, von der Strasse sozusagen: Brülisauer bereiste die Mongolei, China, Japan, Polen, Kasachstan, Venezuela, den Iran. 2012 verbrachte sie ein halbes Jahr in Kairo und dokumentierte die postrevolutionären Träume von ägyptischen Gemüsehändlern. In den USA – wo sich der Mythos des amerikanischen Traums hartnäckig hält – hält sie sich diesen Sommer zum ersten Mal auf.

barbarabruelisauer.com

Titelbild: Der Terminator, eine Schreckensgestalt an der Grenze zwischen Mensch und Maschine. (Bild: pd)

Dieser Beitrag erschien erstmals im Juni-Heft von Saiten.

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26