Rund vierzig Jahre sind vergangen seit dem Untergang des Mannes – dem Buch von Volker Elis Pilgrim, das die Männerbewegung in Gang brachte. Der Untergang des Mannes hat zwar nicht stattgefunden, auch wenn er von Antifeministen beschworen wird. Die Geschlechterdebatte aber hält an, mit allen Zwischentönen zwischen Aufwertung und Abwertung – wahlweise der Männer oder der Frauen. Was aber, wenn die Zeit des Be-Wertens vorbei wäre? Wenn es Jahrzehnte nach Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer, nach Pilgrim oder nach Klaus Theweleits Männerphantasien, nicht mehr um Abgrenzung und Positionierung ginge? Sondern um eine dialogische Kultur zwischen Mann und Frau?
Thomas Vogel zum Beispiel. Er leitet zusammen mit seiner Frau Jeannette das Seminarhaus «derORT» ob Unterwasser und führt dort seit Jahren mit Männer-, aber auch gemischten Gruppen Schwitzhütten durch: ein uriges Gemeinschaftserlebnis, Feuer und Wasser, glühende Steine. Nahe an der Natur lebt der Mann seine wilden oder auch feinen Seiten aus, kommt leichter an seine Gefühle heran.
Ich habe mit Thomas während der Arbeit an diesem Heft über Männerspiritualität geredet. Er erzählte von den Veränderungen, die er im Lauf der Jahre beobachtet hat. Zuerst ging es in den Schwitzhütten um Kraft, dann um Zärtlichkeit, auch um Selbstliebe. All das seien notwendige Bausteine für ein neues Männer- und Geschlechterverständnis. Und überhaupt – sich zu verbinden mit den Elementen, stampfen, schreien: «Das ist total wertvoll und gut. Aber die Frage bleibt: Was machen die Männer damit?» Oft bleibe der Prozess an dem Punkt stecken, einmal gespürt zu haben: Ich bin ich.
Thomas hofft auf mehr – dass Männer sich aus Rollenstereotypen lösen, klassische Männermuster nicht mehr «zelebrieren» müssen, weibliche wie männliche Aspekte gleichermassen in sich zulassen. «Männer müssen vielleicht eher die Gefühle entdecken und Frauen die Kraft – aber es kann auch umgekehrt sein, es spielt am Ende keine Rolle mehr, wenn ich beide Seiten in mir wahrnehme und bejahe.»
In diesem Saitenheft ist nicht vom Schwitzen in Hütten die Rede – aber vom Mann. Wir fragen nach dem Stand der Männerforschung, reden über Väter und Söhne, Bubenarbeit und Scheidungsmänner. Lia erzählt von ihrem Mann-Gewesensein, Dichter Stauffer haut ironisch auf die Männerbefreiungspauke, Heidi Eisenhut schreibt im Kulturteil über Tattookünstler Herbert Hoffmann. Und Georg Gatsas hat Ostschweizer Männer fotografiert.
Thomas Vogels unwiderstehliche Formel lautet: Wir Männer haben 1 Prozent mehr Mannsein in uns als die Frauen. 50,5 zu 49,5 Prozent – ein vernachlässigbar kleiner Unterschied! Und dies umso mehr, als nach Jahrzehnten der Geschlechter-Auseinandersetzung so viel Bewusstseins-Arbeit geleistet sei, «dass wir nicht mehr vom Wandel reden müssen, sondern ihn leben können.»
2007 hat Saiten ein Frauenheft gemacht. Höchste Zeit für ein Männerheft. Bevor es – zum Glück – bald überflüssig sein wird.
Peter Surber
PS: In der St.Galler Hauptpost-Bibliothek sind die Männerbücher unter dem Stichwort «Frauen» eingereiht. Es bleibt also doch noch einiges zu tun.
DER INHALT:
Reaktionen
PositionenBlickwinkel von Katalin DéerRedeplatz mit Andrea ScheckEinspruch vom Solidaritätsnetz OstschweizStadtpunkt von Dani FelsSüdsicht I + II
Männer
Sechs Portraits von Georg Gatsas
Männer sind Männer sind MännerSkizze einer fortschrittlichen Männerperspektive.von Matthias Luterbach
Neues Scheidungsrecht, alte Probleme?Fragen an die Experten.von Michael Walther
«Ich war nie ein Mann»Lia-Raymona Stettler: Eine Seele befreit sich aus einem Körper.von Urs-Peter Zwingli
Reflexion statt RitalinIn der Bubenarbeit wird Selbstbehauptung geübt.von Luca Ghiselli
Ein Mann unter KindernMit Kleinkinderzieher Eric Hüttenmoser in der Krippe.von Luca Ghiselli
Erfolge und StockungenDer Psychotherapeut Theodor Itten über Vorbild- und Schwindelfiguren sowie die jungen Männer von heute.von Peter Surber
Mann ohne eigene EigenschaftenEin Fragebogen.von Michael Stauffer
PerspektivenFlaschenpost aus Hongkong von KokDamon LamWinterthurRheintalSchaffhausenToggenburgAppenzell InnerrhodenStimmrecht von Yonas Gebrehiwet
Report
Königspinguine und Menstruations-CupsDer Bericht vom St.Gallen Symposium.von Corinne Riedener
«Wir müssen dieses Finanzsystem crashen lassen» Saskia Sassen im Interview.von Corinne Riedener
Kultur
Tätowiert muss er seinDer legendäre Tätowierer Herbert Hoffmann und sein Album.von Heidi Eisenhut
Die Welt essenJetzt veröffentlicht die St.Galler Band Loreley & Me ihr erstes Album.von Corinne Riedener
Düsteres im KurzformatAn der Kurzfilmnacht zeigen Ostschweizer Filmemacher ihre Werke.von Urs-Peter Zwingli
Aus der Bahn geworfenDer neue Roman Verlangen nach mehr der Thurgauer Schriftstellerin Andrea Gerster.von Eva Bachmann
Deutung der menschlichen ExistenzLiteraturforscher Mario Andreotti im Gespräch.von Florian Vetsch
Wie man einen Menschen hacktDie Künstlerin Barbara Brülisauer will sich selber hacken und so ihre Kreativität pushen.von Urs-Peter Zwingli
Mit Gelassenheit.Nachruf auf Florian Eicher.von Ueli Vogt
Mit wachem Blick.Nachruf auf Alois Bischof.von Marcel Elsener
Weiss auf Schwarz
AbgesangKellers GeschichtenBureau ElmigerBoulevard
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
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Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
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