Die Juso fordert ein Verbot exzessiver Nahrungsmittelspekulation – am Sufo wird darüber informiert. Ist eine nationale Initiative effizient genug für solche globalen Probleme?
In der Schweiz laufen nun mal viele Fäden zusammen. Es dürfte allgemein bekannt sein, dass hier einige der grössten Banken und global tätigen Rohstoffmultis, etwa Glencore und Syngenta, beheimatet sind. Was viele nicht wissen: Auch unsere Pensionskassen und kleineren Geldinstitute mischen mit bei diesem Spekulationsspiel. Eine Regulierung wäre zumindest ein Anfang, denn wir müssen endlich ein Zeichen setzen. Nicht zuletzt, weil auch die EU derzeit vorwärts macht bei der Regulierung dieser Finanzmärkte.
Könnte es also passieren, dass die Schweiz zum Spekulations-Mekka wird, falls die EU ernst macht und eure Initiative bachab geht?
Selbst der Bundesrat bezeichnete den exzessiven Handel an den Rohstoffbörsen als Reputationsrisiko. Völlig zu Recht: Falls wir Europas einziger Fleck ohne entsprechende Schranken bleiben, könnte das tatsächlich ein paar sehr fragwürdige Leute anziehen.
Das erinnert ans Bankgeheimnis.
Deshalb verstehe ich auch nicht, wieso der Bundesrat die Initiative abgelehnt hat im März. Die Frage ist: Lassen wir es zu, dass Leute ihre Profitgier weiterhin auf Kosten anderer stillen?
Wieso handelt man an der Börse überhaupt mit lebenswichtigen Gütern?
Das ist nicht nur schlecht, denn die so genannten Futures dienen Händlern und Produzenten als Preisbasis. Diese Termingeschäfte garantieren ihnen an einem vorab festgelegten Zeitpunkt den genauen Preis für bestimmte Liefermengen – in unserem Fall Rohstoffe wie Mais oder Weizen.
Die Rohstoff-Futures wurden 1851 eingeführt. Heute sind sie verantwortlich für die explodierenden Nahrungsmittelpreise, früher sorgten sie für Planungssicherheit, indem sie gewisse Preise garantierten. Was ist da passiert?
Mit der fortschreitenden Liberalisierung der Finanzindustrie seit den 90ern wurde die Rohstoffbörse bei «branchenfremden» Spekulanten populär, seit dem Crash 2007/08 floriert sie regelrecht. Heute geht es deshalb nur noch um den Profit dieser Spekulanten, nicht mehr um die Sicherheit für Produzenten, sprich Bäuerinnen und Bauern.
Wie wirkt sich das auf die Nahrungsmittelpreise aus?
Die Spekulanten verzerren die Realwirtschaft mit ihren riesigen Investitionen. Heute läuft das via Hochfrequenzhandel, also innert Sekundenbruchteilen, mit automatisierten Tradings und sogenannten «Flash-Orders». Daher kann schon die kleinste Veränderung massive Folgen haben, nehmen wir eine Überschwemmung: Zuerst steigen die Weizenpreise aufgrund des kleineren Angebots, und plötzlich spekulieren alle auf diesen Preis. So wird eine künstliche Nachfrage erzeugt, die den Preis erneut hochtreibt. Dieses Verhalten stellt die ganze Branche auf den Kopf.
Als Schweizer Konsumentin spüre ich wenig davon. Was ist mit den Produzenten und Konsumentinnen im Ausland?
In der Produktion sorgen die volatilen Märkte für grosse Unsicherheit, da die Preise nicht mehr an Kriterien wie Nachfrage und Angebot gekoppelt sind, sondern durch die Spekulation verzerrt und hochgetrieben werden. Solche Blasen haben die Preise für Grundnahrungsmittel wie Soja, Mais oder Zucker in den letzten Jahren explodieren lassen, teils verdreifacht! In der Schweiz mag das weniger spürbar sein, da die Preisausschläge oft nur wenige Monate dauern. Doch in ärmeren Ländern, wo die Nahrungsmittelkosten 70 bis 80 Prozent des Einkommens ausmachen, sind sie für viele existenzbedrohend.
Sollte man angesichts des globalen Preiskampfs nicht bei den Subventionen ansetzen?
Auch das ist ein wichtiger Aspekt. Direktzahlungen, Steuererleichterungen und andere Unterstützungsmassnahmen entlasten zwar die jeweiligen Empfänger, doch sie verzerren den Branchen-Wettbewerb und schwächen die Akteure in Ländern ohne staatliche Zuschüsse. Billigimporte schüren diesen Preiskampf noch zusätzlich. Schweizer Bauern zum Beispiel können trotz Direktzahlungen kaum mehr mit den Preisen ausländischer Produkte mithalten.
Hier setzt die Ernährungssouveränitäts-Initiative von Uniterre an. Sie will regionale, faire und nachhaltige Produktion fördern. Nochmal: Sind solche lokalen Ansätze heute nicht eher gefragt?
Auch! Deshalb unterstützen wir diese Initiative. Die Juso stellt aber grundsätzlichere Fragen: Wer profitiert von der Spekulation? Und wer bezahlt die immensen Gewinne der Spekulanten? Im Fall der Nahrungsmittel ist es offensichtlich: Die Multis und Banken streichen auf Kosten der ärmsten fette Profite ein. Wir sagen: Es gibt eine Grenze der Profitmacherei. Und die ist jetzt erreicht.
Selbst Banker haben Mühe, gewisse Vorgänge zu erklären. Wie gehen die Schweizer Stimmberechtigten mit dieser Komplexität um?
Vielleicht verstehen sie nicht alles im Detail, doch vielen ist bewusst, dass die Spekulanten verantwortlich sind für die weltweit explodierenden Nahrungsmittelpreise, dass sie direkt vom Hunger profitieren und willentlich Millionen von Menschen um ihre Existenz bringen.
Was ist mit den volkswirtschaftlichen, technischen, systemischen Fragen?
Dafür brauchen wir Fachleute. Und ja, diese Zusammenhänge aufzuzeigen ist eine Herausforderung. Ganz so abstrakt wie vor der Krise ist der Finanz- und Bankensektor aber zum Glück nicht mehr.
Was wohl auch an der Vorarbeit im Rahmen der Abzockerinitiative liegen dürfte…
Absolut. Davon profitieren wir auch, glaube ich, schliesslich basieren exzessive Spekulation und überrissene Boni auf dem gleichen unsolidarischen Prinzip.
Kann es sein, dass eure Mutterpartei noch etwas zögerlich hinter der Initiative steht?
Man wartet gerne ab bei der SP, das sind wir gewohnt. Gerade im Gespräch mit der Basis zeigt sich jedoch, dass viele von unserem Anliegen überzeugt sind. Abgestimmt wird ohnehin frühestens 2016. Die SP hat also noch ein bisschen Zeit, um alle Ressourcen zu mobilisieren.
Und die bürgerlichen Parolen?
Wie so oft wird wohl der freie Markt eines der Hauptargumente sein – gepaart mit der Befürchtung, dass grosse Konzerne abwandern könnten. Was nicht schlüssig ist, allein schon wegen der Pensionskassen, die nicht ins Ausland verlegt werden können. Im Grunde gibt es ohnehin nur ein ehrliches Argument gegen eine Regulierung: Dass man es geil findet, wenn Millionen Menschen hungern, nur damit ein paar wenige Profit machen können.
Sufo-Workshops zum Thema: Samstag, 30. Mai, GBS-Schulhaus an der Kirchgasse St.Gallen.
Infos und Anmeldung: sufo.ch
Bild: Tine Edel
Dieser Text erschien in einer gekürzten Fassung im Juni-Heft von Saiten.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.