Ein lauer Sommerabend, den man auf dem Balkon ausklingen lässt. Mit richtig guten Freund:innen. Vielleicht etwas Prosecco, dem ein oder anderen Bier und ganz viel Reden. Reden, das über das gewohnte Blabla hinausgeht. Ungefähr so fühlt sich das Debütalbum Yellow and Blue der Indie-Pop Musikerin Ginny Loon aus Winterthur an.
Loon ist kein unbeschriebenes Blatt, ihre Debüt-EP I Think I Think Too Much erschien 2023, und im selben Jahr zeichnete sie SRF 3 in der Kategorie «Best Talent» aus. Nach ihrer Schilddrüsenkrebserkrankung folgte 2024 die EP Getting There, und jetzt eben das Debütalbum.
Knapp eineinhalb Jahre hat die 30-Jährige, die mit bürgerlichem Namen Nadja Färber heisst, an Yellow and Bluegearbeitet. Erschienen ist das Album bereits diesen Februar, am vergangenen Sonntag war die vom Veranstalter Kultur Koller organisierte Plattentaufe im Eulachstrand in Winterthur. Dort trat die Musikerin mit Band auf: Martin Deplazes an der Gitarre und am Keyboard, Sebastian Zehnder am Bass und Dario Färber an den Drums. Das ausverkaufte Konzert sprühte vor Charme und am Ende regnete es goldenes Konfetti.
Gefühlsspektrum: Gelb bis Blau
Doch zuerst zum Album. Zu dessen Titel sagt die Winterthurerin, die kürzlich ihren Wohnsitz zu ihrem Partner nach London verlegt hat, im Telefongespräch mit Saiten: «Ich habe lange überlegt, wie ich das Album als Ganzes erfassen kann, und weil Farben schon immer eine besondere Bedeutung für mich hatten, bin ich dann auch dort gelandet». Gelb stehe für das Fröhliche, das Leichte, und «Das ist eh meine Lieblingsfarbe». Blau dagegen verweise eher auf das Traurige, das Melancholische, «feeling blue». Dieses Gefühlsspektrum von Gelb zu Blau fasse das Album treffend zusammen, meint Loon.
Ein Verweis auf diese zwei Farben findet sich dann auch in Parachute (feat. A. Charles), dem vierten Song auf dem Album. Darin singt Loon, mit einer Stimme, die so fruchtig klingt, wie Erdbeereis schmeckt: «If you were my parachute / You’d be yellow and blue». Der Song ist Loons erstes und bisher einziges Duett. Sie singt es gemeinsam mit ihrem Produzenten Alan Charles Smith, der bei diesem sowie drei weiteren Songs mitgeschrieben hat. Die überwiegende Mehrheit der insgesamt zwölf Tracks auf Yellow and Blue stammen allerdings aus Loons Feder.
Melancholie und «hard stuff»
Auf die eher blaue Seite des Gefühlsspektrums gehört dann sicher der Song Maybe. Über weichen Klavierklängen trägt Loon mit dunkler und ruhiger Stimme die Lyrics der Ballade. Es geht darum, dass man Gefühle, wie Angst, Wut oder Trauer, selten langfristig unterdrücken kann, ohne dass sie aus einem herausbrechen: «There's only so long you can go without an issue / If you don't acknowledge how you feel».
Und es geht auch darum, dass diese Gefühle auch dann noch valide sind, wenn alle Welt meint, es müsste schon wieder gut sein. «That after all this time I practiced to be fine / All the time / When I'm not / To the point where I forgot / How to be sad / To be angry and mad / Leave the hard stuff unsaid». Wie Loon sagt, knüpft dieser Song, an die EP Getting Therean und damit an die Verarbeitung ihrer Krankheitsgeschichte. Die Botschaft ist wohl aber auf ganz unterschiedliche Lebenssituationen übertragbar.
An der Albumtaufe erklärt sie dem Publikum: «Der Song ist der erste, der es beim Radio in die Tagesrotation geschafft hat – dabei ist es ein typischer Ginny Loon-Song», und genau das habe ihr gezeigt: «Man soll immer das machen, was sich richtig anfühlt». Richtig anfühlen tut sich an diesem Sonntagabend dann auch Maybe. Der Applaus ist gross, Loon bedankt sich lachend und scheint fast etwas verlegen.
Ein richtiger Lovesong
Von der ersten Minute an gelingt es Loon an der Plattentaufe, ihr Publikum abzuholen, indem sie mit viel Schwung Songs vom Debütalbum ebenso wie frühere Stücke spielt. Dabei greift sie den Vibe des neuen Albums auf und pendelt spielerisch durch das gesamte Gefühlsspektrum – zwischen dem «hard stuff» und der Sonnenseite des Lebens. Denn genauso ist Yellow and Blue aufgebaut: Nebst melancholischen Songs wie Maybe ist da das bereits erwähnte Parachute (feat. A. Charles), ein luftiges, fast schon folkiges Indie-Pop-Duett. Mit Say it First, einem weiteren, mit Smith geschriebenen Song, legt Loon auf dem Album noch eine Fröhlichkeitsschippe drauf: Feine Gitarre, leichter Bass. Viel mehr braucht es nicht für das eingängige Arrangement.
Dazu einprägsame und durchaus humorvolle Lyrics, mit denen ein Phänomen besungen wird, das wohl ebenso gefühlstrunken ist, wie der Song selbst; nämlich das gefühlt ewige Herumscharwenzeln von Frischverliebten, wenn das erste «Ich liebe dich» ansteht. «If you say it I say it / You say it / I'll say it first / Honestly I wish I Could say it / You say it I say it / You say it first / Oh my god this is the worst», heisst es im griffigen Refrain.
«Nach mittlerweile neunjähriger glücklicher Beziehung darf man ja auch mal einen richtigen Lovesong raushauen», resümiert Loon am Telefon mit Saiten. Man darf, und so viel ist sicher: Say it First bleibt im Ohr hängen.
Der Song, der ein Voice-Memo ist
In dem insgesamt sehr ausgeglichenen und absolut radiotauglichen Album sticht der Song May (voice memo) heraus. Und der ist genau das, was der Songtitel schon andeutet, nämlich ein Voice-Memo. Entstanden sei er in ihrer Einzimmerwohnung in Winterthur etwa um Mitternacht. Ein One-Take, ohne doppelten Boden. Die Gitarre ist roh und unverfälscht, genauso wie Loons Stimme, die hier eine leicht rauchige Note hat. Intimität pur, die besungene Einsamkeit trifft direkt ins Herz. «I am crying alone in my bed / Try to feel at home in my head» Dieser schwermütigen Ehrlichkeit trauert man fast etwas nach. Jedoch erleichtert einem der sanfte, Country-inspirierte Song Ray den Übergang zu den luftig zugänglichen Popsongs, die nachfolgen. Diesen Song spielt Loon auch am Sonntagabend und schafft es sogar, das Publikum zum (wenn auch schüchternen) Mitsingen zu animieren.
Den Abend, wie auch das Debütalbum Yellow and Blue prägt Ginny Loon mit einer enormen stimmlichen Vielfalt. Mal zuckersüss, mal mit fast rotzigem Anstrich, aber immer kraftvoll. Und wie der Albumtitel es verspricht, mäandert die Klangwelt durch das Gefühlsspektrum von Gelb bis Blau. Glück und Trauer, Freiheit und Einsamkeit, Liebe und Loslassen. Es sind Songs mit Tiefgang. Wobei einem das vielleicht beim ersten kurzen Reinhören ob der energetischen Leichtigkeit entgehen mag.
Ginny Loon – Yellow and Blue: erschien am 20. Februar auf allen gängigen Streamingplattformen. Auf Vinyl bestellbar unter GinnyLoon.com.