, 2. September 2020
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Quo vadis, St.Gallen?

Endlich Selbstbewusstsein, S-Bahn und 100’000er-Stadt oder doch auf die Sparbremse wegen Corona und Zukunftsängsten? Saiten hat mit Maria Pappa, Markus Buschor und Mathias Gabathuler, die alle fürs St.Galler Stadtpräsidium kandidieren, zum Zmittag abgemacht. von Roman Hertler und Corinne Riedener

St.Gallen sucht ein neues Stadtoberhaupt. Am 27. September wird abgestimmt. (Bilder: Ueli Steingruber)

Dieser Text war anders geplant. Saiten hatte alle drei Kandidierenden für das Stadtpräsidium am 6. August zum fröhlichen Polit-Znacht ins Baratella eingeladen. Doch wenige Stunden vorher musste Mathias Gabathuler das Essen aufgrund eines Todesfalls im engsten Umfeld absagen. So wurden aus dem abendlichen «Showdown der Visionen und Positionen» drei Mittagessen.

Den Ort dürfen die Kandidierenden diesmal selber auswählen: Maria Pappa entscheidet sich für die kürzlich eröffnete Sauceria in der parkplatzfreien Engelgasse, Markus Buschor führt uns in die Kronen-Lounge im Paul-Grüninger-Stadion, dessen Umbau und Erweiterung er damals geplant hat, und Mathias Gabathuler wählt das Restaurant Schwanen am Gallusplatz, ganz in der Nähe seiner Wohnung.

SP-Stadträtin Maria Pappa kommt, vielbeschäftigt wie gewohnt, direkt nach einer Sitzung vom Amtshaus, ihr parteiunabhängiger Kollege Markus Buschor rollt mit seinem Velo ins Grütli und Mathias Gabathuler kommt vom parteiinternen Wahlauftakt im Hofkeller, ebenfalls mit dem Velo – samt Anhänger mit FDP-Logo und Konterfei. Bereits eine Woche zuvor sah man ihn mit diesem Wägelchen Flyer verteilen am Marktplatz. Aus gutem Grund: Anders als die zwei Bisherigen ist er noch wenig bekannt in der Bevölkerung.

So ein Wahlkampf – was kostet das? Buschor als Bisheriger hätte am liebsten gar keinen gemacht, wie er lachend erzählt, aber da er jetzt als Stadtrat wiedergewählt und zusätzlich noch Stadtpräsident werden wolle, sei er gefordert. Für den ersten Wahlgang rechnet er mit 25’000 bis 30’000 Franken, finanziert von ihm selber, seiner Familie und privaten Unterstützern, die nicht namentlich genannt werden wollen, je zu einem Drittel. Anders als im Wahlkampf 2012 wird er diesmal wie 2016 von der Familie Kriemler nicht finanziell unterstützt.

Pappas Wahlkampf kostet ähnlich viel, wird aber von der Partei finanziert: 50’000 Franken wurden für sie und Peter Jans, der ebenfalls wieder als Stadtrat kandidiert, budgetiert.

Gabathuler hält sich bedeckt, sagt nur, dass es so viel sei, «dass es wehtut». Einen wesentlichen Teil davon berappe er aus dem eigenen Sack, der Rest kommt von Spenderinnen und Spendern, die nicht namentlich genannt werden wollen. Die Partei beteilige sich finanziell nicht – unterstütze aber sehr stark durch Fronarbeit und Dienstleistungen der Geschäftsstelle.

Corona-Kommunikation: Wir haben uns zu wenig gezeigt

Im Gegensatz zu Pappa und Buschor musste Gabathuler während der Pandemie keine Stadt leiten. Wobei man vom Stadtrat nicht viel gespürt hat in dieser Zeit. «Tauchstation» war eher das Stichwort; abgesehen von einer Medienkonferenz und einem Brief an die Bevölkerung kam von der Regierung nicht viel.

Gabathuler teilt diesen Eindruck. «Ich hätte mir mehr Präsenz vom Stadtrat gewünscht», sagt er in der Gartenbeiz des Schwanen. In der Schule und im Militär habe er die Erfahrung gemacht, dass man in Krisenzeiten «als Führungsperson vorne stehen, klar orientieren und sich um die Leute kümmern muss.» Eine klare Kommunikation sei extrem wichtig. Andere Städte hätten das besser gelöst, hätten teilweise täglich kommuniziert oder sogar eine Art Infodesk errichtet, wo die besorgte Bevölkerung ihre Fragen direkt stellen konnte. Trotz dieser Kritik habe er aber «Hochachtung vor der Arbeit des Stadtrats» unter Corona.

Pappa relativiert beim Zmittag in der Sauceria. «Wir waren vielleicht gefühlt auf Tauchstation, real hatten wir aber mehr Sitzungen, unter anderem drei Telefonkonferenzen pro Woche, und waren immer in engem Austausch.» Es habe schon Überlegungen gegeben, ob man mehr kommunizieren müsse, «aber letztlich gab es klare Hierarchien: Zuerst kommuniziert der Bund, dann der Kanton und erst am Schluss die Stadt». Die Kritik kann sie aber nachvollziehen. «Im Nachhinein wäre es vielleicht gut gewesen, wenn die Stadt auf einer ‹emotionalen Ebene› mehr kommuniziert hätte.»

Maria Pappa.

Buschor pflichtet seiner Amtskollegin bei. «Wir waren ja nur die Vollstrecker von übergeordneten Entscheiden. Unser Ziel war es, diese diszipliniert und sorgfältig umsetzen. Wir wollten auch nichts verschärfen oder lockern, wie es andere Gemeinden getan haben.» Auch er räumt ein: «Rückblickend haben wir uns zu wenig gezeigt.» Anfang September treffe sich der ganze Stadtrat darum zur Klausur und diskutiere die «Lessons learned» – auch für den Fall einer zweiten Welle.

Umweltpolitik: Es braucht Gebote

Was solls zum Zmittag geben? In der Sauceria studiert Maria Pappa kurz am Fisch-Burger rum, liest dann aber etwas von Koriander, den sie gar nicht mag. Ausserdem müsse man hier ja die Saucen probieren. Sie entscheidet sich für die Ravioli mit Härdöpfel-Parmigiano-Füllung an Trüffelschaum mit poschiertem Ei und «ganz, ganz, ganz viel geraspeltem Sommertrüffel», wie der Service ankündigt. Im Paul-Grüninger-Stadion fällt die Entscheidung rasch. «Gibts Pommes Frites? Ja? Dann nehme ich Bratwurst-Pommes-Frites statt Spaghetti», sagt Markus Buschor. Einen Hauch südländischer, mit Sardellen und Kapern, mag es Mathias Gabathuler im Schwanen: «Pizza Napoli, bitte.»

Die Umweltthematik ist in aller Munde. Auch international hiess es vielfach, dass die Klimapolitik wegen Corona nicht zurückgestellt werden dürfe. Anfang Juli hat der Stadtrat sein Umweltkonzept präsentiert. Seit vergangenem Jahr ist in der Gemeindeordnung die Klimaneutralität verankert: «Netto-Null» bis 2050 ist das Ziel. «Das ist zwar schwierig, aber wir haben sehr viele Massnahmen im Umweltkonzept drin. Die Frage der Umsetzung wird wohl vor allem eine finanzielle sein», sagt Pappa. «Die Motivation, die CO2-Ziele zu erreichen, ist aber sehr gross.»

Der neue Dienststellenleiter Adrian Stolz, den man aus Zürich geholt hat, habe von ihr den expliziten Auftrag erhalten, dass er nicht nur umsetzt, sondern auch strategisch mitdenkt und dass Themen wie Klimaerwärmung und Biodiversität Teil jedes Projekts werden. Mehr Begrünung sei ein wichtiges Thema. Findet auch Buschor: «Gerade auch wenn es um die finanzielle Priorisierung geht, muss das Thema weit nach vorne rücken. Städte müssen allgemein grüner werden. Das kann unglaubliche Qualitäten ins Stadtleben bringen.» Auch bei Strassenarbeiten müsse man das bedenken, das seien schliesslich Projekte auf Jahrzehnte hinaus. Wenn Werkleitungen im Weg seien, müsse man diese halt umlegen. «Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass wir vom Öl wegkommen», sagt er und denkt dabei vor allem an den Verkehrsbereich. «Ich glaube aber nicht, dass wir allein mit technischen Mitteln weiterkommen.»

Mathias Gabathuler, Mitglied der Umweltfreisinnigen, sieht es ähnlich. Ansonsten ausgesprochen liberal, ist er der Ansicht, dass man mit Anreizsystemen alleine im Umweltbereich nicht weiter kommt: «Es braucht Gebote.» Angesprochen auf die Heizungsthematik und die Blockadehaltung des Hauseigentümerverbands will er sich allerdings nicht auf die Äste hinauslassen. «Hier befinden wir uns in einer operativen Thematik, da braucht es viele Detailkenntnisse. Mit Wärmeisolierung könnte man teils wohl bis zu einem Viertel der Energie sparen. Aber das ist gerade in alten Gebäuden sehr schwierig und teuer.»

Buschor wundert sich allgemein über die Haltung gewisser Verbände in der Umwelt- und Verkehrsthematik. Die IG ÖV sei einfach nicht ehrlich, wenn sie sich einerseits stark für die S-Bahn einsetze, gleichzeitig aber auch den Motorisierten Individualverkehr (MIV) fördern wolle. Er spricht von einem «Deckmäntelchen». Wäre man ehrlich, würde man einsehen, dass die Autos allein wegen ihres Platzbedarfs heute massiv bevorzugt werden. Die Erzählung, es sei attraktiv, wenn man mit dem Auto direkt in die Innenstadt zum Einkaufen fahren könne, sei die falsche. «Mit dem Velo zu kommen, muss attraktiv werden.» Bei der Marktplatzgestaltung werde dieses Thema entsprechend berücksichtigt. Dafür brauche es ein Umdenken in der Bevölkerung, was aber politisch heikel sei. «Beim Umstieg auf Velo und ÖV läuten bei bürgerlichen Politikern zu schnell die Alarmglocken: Umerziehung!»

Markus Buschor.

Maria Pappa verweist aufs städtische Mobilitätskonzept, wonach die ökologischsten und platzsparendsten Fortbewegungsmittel ÖV, Velo und zu Fuss bevorzugt werden sollen. Was die S-Bahn betrifft, sind sich alle drei einig. «Die muss kommen!» Heute kann die Stadt nicht mehr selber Bestellungen bei der SBB deponieren, dafür ist der Kanton zuständig. 2035 ist der Termin, von dem derzeit gesprochen wird. Keine ermutigenden Aussichten für einen raschen Wandel. «Verkehrspolitik ist halt eine Dicke-Bretter-Bohren-Politik», konstatiert Buschor.

Ist es in St.Gallen auch eine Tunnel-Bohr-Politik? Bei der Frage zum geplanten Autobahnanschluss beim Güterbahnhof geben sich die beiden amtierende Stadtratsmitglieder kollegial. «Der Stadtrat hat entschieden, und als Stadtrat vertrete ich den Entscheid», sagt Buschor ohne weiteren Kommentar. Pappa, nicht minder diplomatisch, fügt noch an, dass man sich in der Planung jetzt vor allem darauf konzentriere, wie das ganze Quartier baulich profitieren könne. Man wolle eine integrale Lösung, damit der Anschluss nicht als Einschnitt empfunden wird. «Wir haben uns bei Bund und Kanton klar positioniert, dass hier nicht nur der Tiefbau, sondern auch die Stadtplanung ein gewichtiges Wort mitredet.»

Klar für den Güterbahnhofanschluss spricht sich Gabathuler aus. «Es gab früher Pläne, die Autobahn um die Stadt herum zu leiten. Wirtschaftspolitisch wäre das ein Desaster gewesen.» Er sieht die Zukunft in den Elektroautos. «Wir brauchen den Autobahnanschluss, wir brauchen die dritte Röhre.» Den Verkehr stoppe man nicht einfach so. Er hofft zwar, dass sich der MIV wieder zurückentwickelt, der seit dem Ende des Lockdowns gegenüber dem Vorjahr um ein Drittel zugenommen habe. «Dennoch müssen wir leistungsfähige Strassen zur Verfügung stellen. Die wirtschaftliche Tätigkeit braucht Mobilität.» Zudem seien die vom ASTRA in Aussicht gestellten 800 Millionen Franken eine historisch einmalige Chance. Die Entwicklung des Parkplatzangebots mit dem Bau der UG25 findet der Umweltliberale hocherfreulich.

Belebung: Die Innenstadt braucht mehr Wohnraum

Als das Essen aufgetragen wird, sind wir bei der Belebung der Innenstadt angelangt. Blickt man sich am Gallusplatz um, wo wir mit Gabathuler sitzen, oder in der Engelgasse mit Pappa, wo die Sauceria und die umliegenden Beizen seit Corona etwas weiter in die neugepflästerte Gasse stuhlen dürfen, scheint die Innenstadt alles andere als tötelig. Am Gallusplatz wird gejodelt, vis-à-vis in der Weinbar wird ein Tropfen kredenzt und der Bücherladen neben dem Schwanen scheint ebenfalls gut besucht zu sein. In der Engelgasse ist sowieso immer was los, besonders bei schönem Wetter.

Mathias Gabathuler.

Ganz so rosig ist es natürlich nicht. Die Stadt steht planerisch vor grossen Herausforderungen, alles muss integral ge- plant und den verschiedenen Anspruchsgruppen gerecht werden, derzeit sind einige Grundlagenpapiere in Arbeit. Zu diesem Zweck wurde im Sommer 2016 auch das partizipative «Forum Zukunft St.Galler Innenstadt» ins Leben gerufen, das die Gassen beleben will. Oder gut St.Gallerisch: das Gewerbe stärken. Das Nachtleben und die Kultur insgesamt spielen da eine eher untergeordnete Rolle.

Gehen wir noch einen Schritt zurück und fragen, was das überhaupt sein soll, eine «lebendige Stadt». Buschor, der gleich beim Burggraben wohnt, überlegt nicht lange. «Wenn nicht nur, wie ich es erlebt habe, meine drei Kinder hier velölen, sondern auch andere Kinder.» Es brauche also zuerst einmal Wohnraum – und dieser fehle in der Innenstadt. Die hohen Immobilienpreise seien ein Problem, sagt der ehemalige Architekt und beisst in seine Bratwurst, allerdings sehe er im Moment keine Lösung, wie man als Stadt dagegen vorgehen kann. «Wir können nunmal kein Zollibolli-Gebäude für einen zweistelligen Millionenbetrag kaufen und günstigen Wohnraum draus machen.»

Die jetzigen Zustände seien dem Planungsoptimismus der Nachkriegszeit geschuldet, nicht einer verschlafenen Liegenschaftspolitik seitens der Stadt, erklärt er. Der «Ausverkauf» der Stadt, sprich die Verlagerung von Wohn- und Gewerberäumen hin zu Büroflächen, sei damals ein genereller Trend gewesen. «Dass es so endet, konnte man kaum voraussehen – heute kann man nur daraus lernen. Weitsicht hätte damals bedeutet, die unteren zwei Stockwerke dem Gewerbe zu geben und alles darüber zu Wohnraum zu machen.»

Bauchefin Pappa verweist bei dieser Diskussion auf die Wohnraum-, Freiraum- und Innenentwicklungsstrategien, die derzeit erarbeitet werden. Letztere ist Teil der Revision der kommunalen Bau- und Zonenordnung. Das Ziel bzw. die «Vision 2030»: St.Gallen soll künftig Wohnraum für 100’000 Leute bieten, ohne den Grünen Ring und andere Eigenheiten oder Quartiere zu zerstören. Eine Grössenordnung, die auch Gabathuler anstrebt. «Wenn die Bevölkerung mich wählt, muss sie wissen, dass ich ‹Stadt sein› will. Hinter dem stehe ich», sagt Gabathuler selbstbewusst. «Ich will eine 100’000er-Stadt, aber dafür müssen neue Arbeitsplätze und Wohnräume geschaffen werden. Es muss brummen!»

Alle drei betonen, dass es abgesehen von mehr Wohnraum auch eine Vielfalt an Einkaufsmöglichkeiten und Geschäften geben muss – idealerweise nicht nur im Zentrum, sondern auch in den Quartieren. Eine der kürzlich getroffenen Massnahmen zur Belebung der Innenstadt seien die verlängerten Öffnungszeiten inklusive Sonntag, sagen Buschor und Pappa. Die Gewerbler von Pro City freuts, von linker Seite hat der Stadtrat für diesen Entschluss harsche Kritik kassiert. Der Kampf wird an der Urne ausgefochten, wies aussieht.

Eine Tourismusstadt wie St.Gallen könne es sich nicht leisten, am Sonntag zu schliessen, erklärt Buschor den Entscheid. «Der Stadtrat hat das demokratisch beschlossen, das Parlament hat uns die Legitimation dazu gegeben.» Wichtig sei, dass die Möglichkeit bestehe, länger offen zu haben, es sei aber niemand dazu verpflichtet. «Die Innenstadt sollte sich jetzt in einem gewissen Sinn auch als Versuchslabor verstehen. Wir müssen schauen, was entsteht und den Wandel Schritt für Schritt anregen. Es geht ums Probieren und nicht darum, das ‹Ei des Kolumbus› zu finden.»

Damit ist er ganz bei Gabathuler. Dieser steht nämlich nicht auf starre «Rezepte» – die möge er auch beim Kochen nicht, denn daran könne er sich schlecht halten, wie er lachend erklärt. Er sei ebenfalls ein grosser «Fan des Ausprobierens», denn es brauche keine Rezepte von oben, sondern die Mitarbeit aller – «und die Gewissheit, dass man den Raum hat, seine Ideen zu realisieren».

Lärmklagen: Eine Stadt kann nicht still sein

Auf den Detailhandel und die Gewerbler mag das zutreffen. Was aber, wenn man andere Innenstadtplayer einfach mal fröhlich «ausprobieren» lässt, namentlich die Bars, Clubs und Beizerinnen? Kann das gutgehen? An einem Wochenende im Juli musste die Stapo ganze 70 Mal ausrücken aufgrund von Lärmklagen. St.Gallen also doch eine Schlafstadt, wie so oft behauptet?

«Auf keinen Fall!», entgegnet Gabathuler und legt ein Pizzarändli zurück auf den Teller, wo schon andere liegen. «Wir haben grosses Potenzial und es läuft unglaublich viel in St.Gallen. Eine Stadt darf und soll auch etwas verrucht sein, nicht so geordnet und aufgepützelt wie auf dem Land. Subkultur und Kreativität müssen auch ihren Platz haben.» Die Volksseele müsse schliesslich bedient werden, erklärt der gebürtige Rheintaler, darum brauche es Festivitäten, Freiräume und gute Ideen seitens der Gastro und des Gewerbes. «Es braucht ein klares Bekenntnis seitens der Stadtregierung: Wollen wir Stadt sein oder verdorfen?»

Dieses Bekenntnis gibt es bereits, fragt man Pappa und Buschor. «Ich erlebe St.Gallen überhaupt nicht als Schlafstadt und ich will sie auch nicht so haben», sagt die Bauchefin und verwirft die Hände. Es brauche eine Koexistenz, auch die Nachtkultur soll ihren Platz haben. «Eine Stadt kann nicht still sein, sonst muss man in die Natur oder in den Wald, und auch dort ist es nicht still. Wer mit jedem kleinen Geräusch ein Problem hat, hat andere Probleme und muss andere Lösungen finden.» Im Dörfchen in Italien, wo ihre Eltern herkommen, sei es auch nicht still. Da gebe es auch Hundegebell, Kirchenglocken, Kinder, Autos usw.

«Urbanität gibt es nicht ohne Geräusche. Wer in der Innenstadt wohnt, muss sich bewusst sein, dass hier auch das Nachtleben stattfindet», sagt auch Buschor, der ganz in der Nähe der Brühlgasse wohnt, einer der lautesten Gassen der Stadt. «Hier trifft man sich und tauscht sich aus. Diesbezüglich könnte man in der Stadt schon noch ein bisschen toleranter werden.» Selbstverständlich sei Rücksichtnahme auch wichtig, aber man könne nicht erwarten, dass es in der Innenstadt ruhig ist. Diesen Konflikt könne man nur lösen, wenn man alle Anspruchsgruppen an einen Tisch bringe – was derzeit gerade passiere.

Und die übrige Kultur, zum Beispiel das Haus für die Freien? Kommt es bald, wie im neuen Kulturkonzept angedeutet? «Ich werde es wahrscheinlich nicht mehr eröffnen», sagt Buschor, bevor er beinah in die Wespe auf seinem Wursträdli beisst. Man habe bereits die Sanierung des Kunstmuseums verschieben müssen, die Bibliothek am Blumenmarkt sei auch noch in Planung – «die Freien müssen sich also aus heutiger Sicht gedulden». Vor 2030 sehe es schlecht aus, ausser es täten sich neue Finanzierungsmöglichkeiten auf. «Vielleicht entdeckt man in St.Gallen auch das Mäzenentum wie in anderen Städten. Darauf können wir leider noch zu wenig zählen.»

Auch Pappa muss die Freien wohl oder übel vertrösten und verweist auf die Finanzen. «Das Investitionsvolumen in den nächsten Jahren ist zu hoch und die Stadt hat momentan zu wenig Eigenkapital, auch wegen Corona, und ist darum nicht genügend kreditwürdig.» So ähnlich hat es auch Noch-Stadtpräsident Scheitlin in seinem Finance-Crashkurs am Podium zur aufgeschobenen Museumssanierung im Juli im Stadtpark erklärt.

Gabathuler würde sich freuen, wenn dereinst auch die Freien einen festen Platz hätten in St.Gallen. «Ein solches Haus müsste schon stemmbar sein für eine Zentrumsstadt», sagt er. «Städte sind die Inkubatoren, das ist historisch belegt und das hat auch einen Einfluss auf die Intelligenz, den Fortschritt und den Wohlstand einer Gesellschaft. Darum ist Kulturpolitik auch Wirtschaftspolitik.» Er erinnert sich gerne an früher zurück, wie er im Chancental aufgewachsen ist, dort Punkrock machte und doch immer nach St.Gallen kam, weil hier so viel lief – «und von da aus gings dann weiter».

Bildung: Wir dürfen nicht zwischen Berg- und Talschulen unterscheiden

Heute sind die Punkrock-Zeiten vorbei, Gabathuler leitet die Kanti am Brühl. Die Qualität der städtischen Schulen bewertet er als hoch, wie auch Buschor und Pappa. Zumindest nicht tiefer als in anderen Gemeinden im Kanton. Pappa spricht das grossmehrheitlich sehr motivierte städtische Lehrpersonal an, das sie aus ihrer früheren Tätigkeit als Sozialpädagogin in der Tagesbetreuung gut kenne. Auch Gabathuler lobt das Engagement, das gerade die Lehrerschaft beispielsweise im St.Leonhard und im Tschudiwies, wo seine drei Kinder eingeschult wurden, gezeigt hätten. «Viele Familien aus unserem Umfeld sind umgezogen, als ihre Kinder eingeschult wurde», sagt er. «Wir haben uns bewusst entschieden, im Tal zu bleiben. Das war schulisch kein Nachteil für die Kinder. Und uns Eltern hat es wunderbare Kontakte ermöglicht.»

Für Markus Buschor ist die begriffliche Unterscheidung von Berg- und Talschulen falsch. «Noch vor 15 Jahren wurde absurderweise mehr Geld in die höhergelegenen Schulen gepumpt als in die tiefergelegenen», sagt er. «Mit dem städtischen Förderkonzept nach kantonaler Vorgabe hat das zum Glück aufgehört.» Die Durchmischung sei auch eine Frage des Wohnungsbaus. Da sei man dran, sagt Pappa mit Bezug auf die Wohnraumstrategie, die demnächst präsentiert werde.

Die Digitalisierung sei eine grosse Herausforderung für die Schulen, sagt Gabathuler. Aber sie dürfe nicht zum Selbstzweck werden. Sie sei ein Instrument, nicht mehr, nicht weniger. «Bildungsqualität hat viel damit zu tun, wie miteinander umgegangen wird. Es ist ein sozialer Akt.» Ihm gefällt, wie HSG-Rektor Thomas Bieger es formuliert: Die Studenten müssten nach wie vor mit den Professoren zusammenkommen. «Der eigentlich Lernakt entsteht im Austausch.»

Gabathuler freut sich ausserdem über den Uni Campus am Platztor. Bildungsinstitutionen auf Tertiärstufe gehören seiner Meinung nach in die Kantonshauptstadt. Er befürwortet sogar einen Zusammenzug der Pädagogischen Hochschulen Gossau und Rorschach in St.Gallen. Pappa spricht sich dagegen aus. «Ich sehe nicht ein, warum man das zentralisieren sollte. Ich mag es den anderen Städten gönnen, dass sie auch etwas von den Hochschulen haben.»

Finanzen: St.Gallen muss wachsen – aber gesund

Grösstes Sorgenkind der drei Stadtpräsidiumskandidaten sind die städtischen Finanzen. Alle reden von einer «grossen Herausforderung», wenn sie auf die kommende Legislatur schauen. Das jährliche strukturelle Defizit von 30 Millionen Franken lässt die ohnehin nicht allzu grosse Eigenkapitaldecke langsam schmelzen. Weil man entschied, dass in den Schulen und in der Tagesbetreuung mehr gemacht werden müsse, ist das geplante Investitionsvolumen für einige Jahre von den geplanten 60 Millionen auf 110 Millionen gestiegen. «Wenn das zulasten der laufenden Rechnung geht, verlieren wir möglicherweise bald an Kreditwürdigkeit, was fatal für künftige Investitionen wäre», erklärt Pappa. Darum habe man den Investitionspeak bei 70 Millionen angesetzt und müsse dafür gewisse Projekte hintanstellen. Dass die Steuereinnahmen sinken und die Folgen von Corona unabsehbar sind, mache die Situation nur noch schwieriger. Man müsse also auch beim Aufwand schauen, wo man noch einsparen könne. Konkreter wird die Bauchefin nicht.

«Wir müssen wachsen», sagt Buschor. «Um das zu finanzieren, was unsere Stadt momentan bietet, müssten wir 100’000 Einwohner haben. Aber wir brauchen ein qualitätsvolles Wachstum.» Die Stadt wolle sich entwickeln und müsse attraktiver werden. Die Frage sei, ob St.Gallen in den Köpfen eine ländliche Stadt bleibe oder ob urbane Wohnformen wie in Zürich auch hier «zum Fliegen» kommen. Um eine Investitions-Priorisierung werde man so oder so nicht herumkommen. Für Buschor gehören da Bildung und Umwelt ganz vorne auf die Liste.

Gabathuler beurteilt die Finanzsituation als «schlecht, sehr schlecht – auch ohne Corona». Er fordert massive Sparprogramme, etwa bei der Verwaltung. Die Digitalisierung erlaube einen Ausbau der E-Verwaltung. Die Stadt sei in den letzten Jahren nicht mehr gewachsen, die Verwaltung hingegen schon. Man könne auch vermehrt nach Kooperationen mit den Nachbargemeinden suchen, beispielsweise bei den Hallenbädern. So stellt er sich den Zentrumslastenausgleich vor. Mittelfristig müssten zudem die Steuern runter. Er argumentiert wie Parteikollege Thomas Scheitlin, den er gerne im Amt beerben möchte: mit dem Standortwettbewerb.

Auch Buschor ist der Ansicht, dass die Steuern herunterkommen müssten. Allerdings nur, wenn damit nichts zerstört würde. «Die Zentrumslasten werden uns mit 16 Millionen Franken abgegolten, aber das ist natürlich bei Weitem nicht das, was wir stemmen», sagt der Bildungschef. «Es muss uns auf politischem Weg gelingen, die Soziallasten zu kantonalisieren. Den Städten im Kanton wird in diesem Bereich zu viel aufgebürdet.»

Zentrumspolitik: Die Stadt ist die grosse Schwester

Mittlerweile sind wir beim Kaffee angelangt – wobei die zwei Bisherigen unsere Spesenkasse diesbezüglich schonen. Pappa trinkt nie Kaffee, «ganz untypisch für eine Italienerin», wie sie lachend sagt. Auch Buschor trinkt nie Kaffee. Gabathuler hingegen kann es kaum erwarten und bestellt seinen Espresso noch bevor die Teller abgeräumt sind.

Ob er auch so forsch ist, wenn es um das Verhältnis der Stadt zum Kanton und dem Rest der Schweiz geht? Scheint so. Man müsse sich nicht an den «Grossen» orientieren, sagt er, sondern folgendes Selbstverständnis entwickeln: «St.Gallen ist das Zentrum der Ostschweiz – und nimmt diese Verantwortung auch wahr.» Eines seiner Ziele als Stadtpräsident wäre, die Akkreditierung des Bundes als Metropolitanregion zu erlangen. Das würde weitere Unterstützungsgelder generieren – «und hoffentlich die Kooperationsbereitschaft der umliegenden Gemeinden fördern. Ansonsten wird es schwer, diese davon zu überzeugen, sich an den Zentrumslasten zu beteiligen.»

Buschor sieht das ähnlich. «Wir müssen uns als Hauptstadt besser verkaufen, selbstbewusster auftreten.» Das Dreiländereck sei hier beispielsweise kaum zu spüren, anders als in der Region Basel. Und Arbeitsplätze hätte es in der Region auch genug – «mehr als Einwohner». Eine starke Stadt helfe der ganzen Region. Er sieht keinen Nachteil darin, dass er nicht wie Pappa im Kantonsparlament sitzt – er setzt auf die Exekutive. «Ein Stadtpräsident muss nicht Kantonsrat sein, sondern die Regierungsräte davon überzeugen, dass sie für die Hauptstadt einstehen. Die Kantonsregierung muss wissen, was sie an der Stadt hat.»

Pappa beschreibt das Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Kanton mit einer Metapher, die sie öfters nutzt: Die Stadt sei die grosse Schwester, der Rest des Kantons die kleinen Geschwister. «Und sie sagen: Die Grosse bekommt immer so viel, sie ist arrogant! Aber dass man eine Familie ist, dass die kleinen Geschwister von der Grossen profitieren und umgekehrt, dass die Grosse für die Kleinen da ist und man aufeinander schaut – das vergessen sie oft.» Man müsse die Situation akzeptieren, wie sie ist, sagt Pappa – und das Beste daraus machen. «Ich könnte mich auch ständig ärgern, dass ich so klein bin, aber was bringt mir das?» Appenzell sei auch klein, habe sich aber gut positioniert. Oder der FC St.Gallen. Der habe auch aus wenig viel gemacht, einen gemeinsamen Groove entwickelt.

Die drei sind sich einig: St.Gallen muss sich zu einer starken Hauptstadt mausern – die in Bern auch als solche wahrgenommen wird. Dann profitierten auch die Agglomerationsge- meinden und letztlich der ganze Kanton. Mit diesem Vorsatz ziehen sie von dannen; Pappa direkt zur nächsten Sitzung, Buschor mit dem Velo Richtung Amtshaus und Gabathuler mit seinem Anhänger auf in den Wahlkampf.

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

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