Saiten: Wir führen dieses Gespräch am Tag der Premiere eures Panorama Dance Theaters – und dann ist auch noch Frauenstreik. Auftreten statt streiken: Ist das sinnbildlich für die Lage der Freien in der Tanz- und Theaterszene?
Ann Katrin Cooper: Der Premierentermin in Winterthur ist festgelegt worden, bevor vom Frauenstreik die Rede war – sonst hätten wir die Kollision natürlich vermieden. Andrerseits ist es schon typisch für die Freien, dass immer alles miteinander kommt, statt schön sortiert.
Du hast vor ein paar Jahren von einer Festanstellung am Theater St.Gallen in die freie Szene gewechselt, weg von der institutionalisierten Sicherheit. Was war der Grund?
Es hatten sich bei mir ganz viele Ideen angestaut, und die wollte ich realisieren. Mich hat es rausgedrängt, und ich habe den Entscheid keinen Tag bereut, auch wenn es herausfordernd ist. Ohne ein regelmässiges Monatseinkommen zu leben, daran muss man sich gewöhnen. Bis man merkt, dass es geht.
Und nicht drei Kinder zu versorgen hat…
Ja genau. In unserer aktuellen Produktion haben alle mitwirkenden Frauen keine Kinder. Die freie Szene ist für Familien eine grosse Herausforderung.
Was könnte dem abhelfen? Mehr Geld?
Mehr Geld, ja, um die Arbeit angemessener zu entschädigen. Je weniger Geld da ist, umso weniger flexibel ist man, weil man das Gefühl hat, Tag und Nacht arbeiten zu müssen, um eine Produktion auf gutem Niveau herauszubringen.
Das heisst, die Förderbudgets müssten erhöht werden? Wir reden hier ja über das neue Kulturkonzept der Stadt St.Gallen. Es schlägt eine Mehrjahresförderung für Ensembles vor, und ein Haus für die Freien.
Das wäre grossartig. Die Förderung heute ist zwar gut und klug, aber zu wenig nachhaltig. Sagen wir mal: 15 freie Gruppen sind hier tätig, sie müssen Proberäume, Licht- und Tonanlage mieten, dafür geben sie einen rechten Teil des Budgets aus. Wenn es Räume gäbe, die bereits ausgestattet sind, könnte man das Geld in Löhne umlagern oder in grössere Teams. Das würde das Niveau anheben und flexiblere Arbeitszeiten für junge Familien ermöglichen. Heute dagegen ist mit dem Geld für die Infrastruktur nichts Dauerhaftes aufgebaut – aber ausgegeben ist es trotzdem.
Die oft gehörte Forderung, Kulturförderung solle mehr in Menschen als in Häuser investieren, wäre also ein Trugschluss?
Beides stimmt. Man braucht zuerst einen Ort zum Proben und zum Aufführen, man braucht Licht, man braucht Ton,… Wenn gar nichts da ist, fängt der Kreislauf immer wieder von vorn an. Wenn das Haus da ist, können die Menschen darin arbeiten. Und dann kann man ein Publikum aufbauen und begeistern.
Du hast von 15 Gruppen gesprochen – sind es wirklich so viele? Eher kann man sie an anderthalb Händen abzählen.
Dass die Szene zu klein sei, darin steckt ein Denkfehler. Damit die Szene lebt, muss es attraktiv sein, hier zu sein und zu bleiben. Und daran hapert es heute. Wer in St.Gallen arbeitet, wird überregional kaum wahrgenommen. Man ist nicht Teil der nationalen Szene und Förderung. Denn um national gefördert zu werden, braucht man Koproduktionen und eine hohe Basisförderung vor Ort. Und für eine Koproduktion wiederum braucht man ein Haus, das einen engagiert und eine Gage zahlt.
Das heisst, die Stadt ist mit den zwei Zielen (professionell geführtes Haus und mehrjährige Förderung) auf dem richtigen Weg?
Ich finde: total. Bei der Vorstellung des Konzepts fanden einige, das sei utopisch und nicht zu finanzieren. Aber wenn man einen partizipativen Prozess durchführt und diese Forderung immer wieder genannt wird: Dann soll das auch im Konzept so stehen. Wie ein Haus für die Freien zu finanzieren ist, dafür ist die Politik gefragt, aber ich bin überzeugt, dass es über zehn Jahre hinweg nachhaltiger wäre, diesen Weg zu beschreiten.
Was wäre das Vorbild für St.Gallen?
Zum Beispiel die Kaserne Basel.
Die ist viel grösser…
Die ist gross, ja – aber wir kennen das St.Galler Haus ja noch gar nicht. Da gehts schon wieder los mit dem Sich-Kleinmachen. Es gibt auch Provinznester, die tolle Häuser haben, die rappelvoll sind.
Heute proben freie Gruppen zum Beispiel im Chössi-Theater Lichtensteig, in Steckborn oder im Tak in Schaan. Könnte das Haus der Freien auch ausserhalb der Stadt stehen?
Proberäume könnten ausserhalb liegen. Aber das Haus muss nach meiner Überzeugung mitten in der Stadt sein. Es geht ja darum, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Ein Haus irgendwo auf der grünen Wiese wäre eine vergebene Chance und ein falsches Zeichen.
Hast Du ein Haus im Kopf?
Das Zeughaus auf der Kreuzbleiche wäre ein denkbarer Ort. Die Reithalle wäre ein super Haus gewesen, aber das ist vorbei. Und ja: Man könnte bauen… Wenn keine Räume da sind, dann muss man sie bauen.
Noch ein Wort zur Lokremise…
Die Lokremise ist eine tolle Lokalität für Aufführungen, sie bietet aber keine Möglichkeit zum Proben, und die Zeitfenster sind zu kurz.
Das ist die Lage der Freien?
Zumindest hier ist es so. Und man muss noch hinzufügen: Es geht nicht nur darum, wer hier arbeitet, sondern auch um Gastspiele. Nach St.Gallen kommt kaum jemand, weil es keine Stelle gibt, die Ensembles einlädt, und kein Haus dafür da ist. Kultur braucht Inspiration, Austausch und auch den Druck, rauszukommen aus der Komfortzone.
Wann steht das Haus für die freie Tanz- und Theaterszene? 2025?
Das hiesse noch lange warten… Das Haus fehlt hier echt, es fehlt schon seit 20 Jahren. Drum ist es gut, dass die Forderung jetzt so klar da steht. St.Gallen würde definitiv zur Kulturstadt. 2025 also, abgemacht!
Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.