Kategorie
Autor:innen
Jahr

Arme Stadt!

Der St.Galler Stadtrat kann sich auf keine fortschrittliche Politik einigen und verfällt in Sparhysterie. Der Aufbruch wird abgesagt, die Stadt ist wieder arm und darf sich nichts mehr leisten. Es ist höchste Zeit für Wahlen.
Von  Andreas Kneubühler
Finanzakrobatik gegen das «Defizit»: Der St.Galler Stadtrat hat seine ganze eigene Kür. Von links Peter Jans, Maria Pappa, Thomas Scheitlin, Sonja Lüthi und Markus Buschor. (Bild: pd)

Lange Zeit schien eine berechenbare und verlässliche Finanzpolitik eine Kernkompetenz des St.Galler Stadtpräsidenten Thomas Scheitlin zu sein.

Dieses Bild hielt sich bis im Juni 2019. Aus heiterem Himmel nach positiven Rechnungsabschlüssen in Serie kündigte er eine sogenannte Leistungsüberprüfung namens Fokus25 an. Als Auslöser wurde ein strukturelles Defizit genannt, das durch eine Steuersenkung durch das Parlament, die Steuerreform des Bundes und wegen Mindereinnahmen beim Finanzausgleich entstehen solle.

Obwohl die Auswirkungen alle noch in der Zukunft liegen und unsicher sind, nannte Scheitlin eine konkrete Zahl für die Ausfälle: 30 Millionen Franken.

Nur so zur Einordnung:

Der gleiche Finanzchef hatte sich bei der Rechnung 2018 im Vergleich zum Budget um 20 Millionen verschätzt. 2017 lag er 16 Millionen daneben, im Jahr zuvor um 24 Millionen Franken. 2015? Veranschlagt war ein Defizit von 9,5 Millionen Franken, tatsächlich resultierte ein Gewinn von 22,7 Millionen.

Das «Tagblatt» hat noch weiter zurückgerechnet: Seit 2010 wurde mit zwei Ausnahmen aus einem budgetierten Defizit stets ein Gewinn, in den übrigen beiden Jahren resultierte ein kleinerer Aufwandüberschuss.

Das ist nicht komplett ungewöhnlich – Finanzprognosen sind schwierig. Es ist aber ein Unterschied, ob es darum geht, im Budget eine Sicherheitsmarge einzubauen – oder ob mit kaum nachvollziehbaren Zahlen Alarm ausgelöst und Sparpolitik betrieben wird.

Nun gut, Fokus25 wurde vor einem Jahr lanciert, die Berater von PricewaterhouseCoopers (PwC) erhielten wieder einmal einen Auftrag von der Stadt.

Damals konnte man noch einwenden, dass es für ein strukturelles Defizit wohl zuerst einmal ein Defizit braucht.

Zu kurz gedacht, denn das folgte sogleich: Die Rechnung 2019 schloss mit einem Minus von 27,8 Millionen Franken ab.

Aber nur auf den ersten Blick.

Ein zweiter zeigt, dass das Ergebnis nur wegen zwei ausserordentlichen Abschreibungen (Pensionskasse, Olmadeckel) so schlecht ausgefallen war. Beide Sondereffekte waren bei der Budgetierung noch gar kein Thema gewesen. Zusammengezählt machen sie 33 Millionen aus.

Lässt man die ausserplanmässigen Abschreibungen weg, sind die Rechnungszahlen schwarz, lässt man sie drin, wird alles rot.

Finanzpolitik ist manchmal wie Zauberei.

Am letzten Dienstag wurde dann die nächste Alarmstufe gezündet. Der Stadtrat präsentierte noch schlechtere Aussichten. Das künftige Minus soll nun gleich 80 Millionen betragen. Der Grund für den Zuschlag? Natürlich Corona.

Damit wird es Zeit für eine kleine Rundschau. Die wichtigsten Gründe für das angebliche strukturelle Defizit betreffen alle 77 St.Galler Gemeinden und den Kanton. Herrscht andernorts ebenfalls Alarmstimmung?

Nicht einmal der Kanton hat deswegen ein Sparpaket angekündigt. Dort wird in der Finanzplanung für die kommenden Jahre zwar mit hohen Defiziten gerechnet, doch man will sich die diversen Steuererleichterungen leisten. Schon jetzt ist klar, dass zur Milderung der negativen Ergebnisse das Eigenkapital stark belastet wird.

Natürlich kann Corona alles wieder ändern. Dies würde nicht verwundern: Im Gegensatz zur Stadt wurden beim Kanton diverse Hilfspakete geschnürt. Noch weiss aber niemand, wie die Auswirkungen sein werden.

Zurück zur Stadt. Dort stellten die fünf Mitglieder des Stadtrats an einer Medienkonferenz verschiedene Sparmassnahmen vor, die teilweise bereits umgesetzt werden. Das ist nicht Fokus25, denn dort ist die Grundlage eine Kostenanalyse mit Vergleichen zu anderen Städten. Es wurde wild zusammengestrichen.

Beispielsweise: Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung kündigt, bleibt die Stelle ein halbes Jahr unbesetzt. (Wer macht dann die Arbeit – oder braucht es die Leute gar nicht?)

Künftig wird bei Todesanzeigen und Stellenausschreibungen auf Printinserate verzichtet. (Die Medien, die unter einem beispiellosen Einbruch der Anzeigen leiden, erfahren auch gleich wie viel ihnen entgeht: 97’000 Franken.)

Die Förderung des aktuellen Kulturschaffens wird um 68’000 Franken gekürzt. (Eine kleinliche Sparmassnahme auf dem Buckel der vom Lockdown gebeutelten Kulturszene.)

Dazu wird die Projektierung des Umbaus des Kunstmuseums verschoben und zwar gleich auf 2025. Die Tarife für die familienergänzenden Betreuungsangebote – einen der Trümpfe der Stadt – werden «überprüft».

All diese Beschlüsse wurden jeweils vom Stadtrat als Gremium beraten und entschieden. Die SP hätte wahrscheinlich gerne, dass einige dieser Abstimmungen mit 3:2 ausgefallen sind: FDP, GLP und einmal parteilos gegen zweimal SP. Doch vielleicht waren sie sich bei Fokus25, bei den neuen Ladenöffnungszeiten oder bei den Sparmassnahmen alle immer einig.

Niemand weiss es, alles Werweissen bringt nichts.

Bleiben wir bei der 3:2 Theorie. Die entscheidende Stimme für den neuen Alarmismus käme dann beispielsweise von Markus Buschor. Aus seiner Direktion stammt der Sparvorschlag mit der weitaus grössten Resonanz.

Er wird in die St.Galler Geschichte eingehen, als der Stadtrat, der im Juni 2020 das Kinderfest absagte, weil dafür kein Geld in der Stadtkasse ist – und weil sich die Schülerinnen und Schüler besser auf den Unterricht konzentrieren sollten.

Beispielslos ist das nicht, der Anlass konnte in seiner Geschichte schon mehrmals nicht durchgeführt werden: In den Krisenjahren mit dem Zusammenbruch der Stickerei-Industrie nach dem Ersten Weltkrieg und von 1939 bis 1946. Einen Zusammenhang zu heute gibt es nicht. Es ist bereits absehbar, dass der Irrtum korrigiert wird. Entweder vom Parlament oder vom neu zusammengesetzten Stadtrat nach den Wahlen am 27. September.

Markus Buschor ist inzwischen für eine ganze Reihe von Entscheiden verantwortlich, die heftig mit der Realität kollidieren, sobald sie den engen Kreis seiner Direktion verlassen.

Dazu gehören die bereits vielfach diskutierten fristlosen Kündigungen von Lehrpersonen, die mit zwei Niederlagen vor Gericht und Ausgleichszahlungen endeten, weil den Betroffenen das rechtliche Gehör nicht gewährt worden war.

Es folgte ein Streit um Schulgelder für auswärtige Talentschüler, bei dem die Stadt den Kanton bis vor Bundesgericht verklagte – als gebe es keine politischen Mittel wie etwa Vorstösse im Kantonsrat.

Nach der wenig überraschenden Niederlage vor dem obersten Gericht wurde erklärt, man werde keine Talentschüler anderer Gemeinden mehr aufnehmen. Als Folge davon suchte der Kanton Alternativen und eine Privatschule kam zum Handkuss.

Schulstadt St.Gallen? Nur wenn es rentiert…

Natürlich kann man die zunehmend seltsamere Politik des Stadtrats nicht an einem Mitglied aufhängen. Das Gremium scheint als Ganzes nicht fähig, eine fortschrittliche Politik zu entwickeln.

Man klammert sich an unsichere Finanzzahlen, statt Alternativen zu einer Sparpolitik zu suchen, die für den dringend notwendigen Aufbruch verheerend ist. Das Parlament wird nicht einbezogen, obwohl es um grundsätzliche Fragen geht.

Lösungen, die einen breiten Konsens erfordern würden, werden gar nicht in Betracht gezogen. Ein Beispiel dafür wären zeitlich befristete Steuererhöhungen zur Bewältigung der Krise.

Projekte werden einfach immer weiter verschoben, statt zur Diskussion gestellt. Eine klare Strategie, wie die umliegenden Gemeinden an den Lasten stärker beteiligt werden könnten, ist nicht vorhanden. Ein selbstbewusstes Auftreten gegenüber dem Kanton fehlt völlig.

Die Zeichen stehen auf Ende und Neuanfang. In diesem Stadtrat braucht es wohl mehr als einen Wechsel.

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2