Es gibt diese Momente, wo einem beim Schreiben der Griffel stockt oder die Tastatur flimmert. Ein solcher Moment war der 17. September, fünf Tage vor Druckbeginn dieser Ausgabe: In Sachen Klima befinde sich die Welt auf einem «katastrophalen Weg», gab an dem Tag Uno-Generalsekretär Guterres zu Protokoll. Statt dem 2015 in Paris festgelegten Ziel einer Erderwärmung um «nur» 1,5 Grad näher zu kommen, drohe eine Erwärmung um 2,7 Grad. Null Chancen für Netto Null also. Und dies werde sich «am massiven Verlust von Menschenleben und Existenzgrundlagen messen lassen.»
Düstere Aussichten. Dabei steckten wir gerade in den letzten Zügen dieses Hefts, mitten im Energiekonzept 2050 der Stadt St.Gallen – und waren von vielem positiv beeindruckt. Zum Beispiel von den innovativen Anergie-Lösungen der Industrie im Westen der Stadt; Roman Hertler berichtet darüber. Emil Keller bilanziert den Stand der Förderung von Photovoltaik-Anlagen, Till Forrer fotografiert die Stadt aus der Sonnenperspektive. René Hornung stellt eine löbliche Wärmeverbund-Lösung vor, Kathrin Reimann interviewt den St.Galler Chef-Entsorger, Peter Surber besucht klima-engagierte Stadtbewohner:innen, und Corinne Riedener lädt zum Streitgespräch: Stadtrat Peter Jans und Klimaaktivistin Miriam Rizvi debattieren mit harten Bandagen über reale und fundamentale Klimapolitik.
Und dann, eben, die Alarm-Nachrichten – Unwetter in den USA, miserable CO2-Bilanz nach den Waldbränden des Sommers, Klimaziele weltweit in weiter Ferne, die Erde ein «globaler Notfall», die für November geplante Klimakonferenz der Uno in Glasgow gefährdet. Die Nationen müssten «ihre Klimaanstrengungen dringend verdoppeln», um das 1,5 Grad-Ziel noch zu erreichen, mahnt die Uno. Worte, die im Nichts verpuffen?
Hoffentlich nicht, und hoffentlich trägt diese Saiten-Ausgabe das ihre dazu bei. Das Heft entstand in Kooperation mit den St.Galler Stadtwerken und der Dienststelle Umwelt und Energie, die Saiten mit Knowhow und einem Förderbeitrag unterstützt haben. Der Tenor ist klar: Die städtischen Energiefachleute sind vorsichtig optimistisch und guten Mutes, die Klimawende zumindest lokal zu schaffen – einerseits mit «grüner» Technologie, andrerseits mit freiwilligen Verhaltensänderungen der Bevölkerung, wie sie die Kampagne «Watt bin ich» propagiert.
Denn dass es die Technik allein richten wird, glauben selbst grösste Optimist:innen nicht mehr. Unsere Wohlstandsgesellschaft brauche ein «Entzugsprogramm», schreiben etwa die Autoren des Buchs All you need is less und fordern eine «Gegenkultur», Stichwort Selbstbegrenzung. Tönt nach Verzicht, aber man kann das auch fröhlich und solidarisch sehen, so wie Miriam Rizvi im Interview auf Seite 34: «Verzichten ist auch ein Geben. Wenn wir unser Konsumverhalten in der Schweiz bewusst zurücknehmen, geben wir anderen Gesellschaften auf diesem Planeten mehr Freiheiten.»
Ausserdem in diesem Heft: die beklemmende Flaschenpost aus dem syrischen Homs, die tragische Geschichte des Seluners, neue Töne von Femi Luna, Nice Nine und Catalyst, neue Kunst und neuer Glanz fürs Espenmoos.
Peter Surber
ReaktionenViel geklicktStadtgesprächNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserRedeplatz mit Kaspar SurberTheaterdebatte
Netto Null bis 2050 – das ist der Plan. Doch es braucht Menschen, die die städtische Roadmap umsetzen. Besuch bei Judith und Ben Stokvis, Christian Huber, Toni Braun und Fredy Zaugg. Von Peter Surber
Gebündelte Sonne: Mit gemeinschaftlich gebauten Photovoltaik-Anlagen können auch Personen ohne Hauseigentum zur Energiewende beitragen. Von Emil Keller
St.Gallen hat als erste Gemeinde den Gebührensack eingeführt: Marco Sonderegger, Leiter der Entsorgung St.Gallen, im Interview. Von Kathrin Reimann
Wärme aus der Fleischfabrik: Wie das gemeindeübergreifende Anergie-Netz im Westen der Stadt industrielle Abwärme nutzt. Von Roman Hertler
Nachbarschaftliche Wärme: Eine Reihenhaussiedlung am St.Galler Hinterberg heizt neu mit einem gemeinsamen Erdsonden-Wärmeverbund. Von René Hornung
Sie fordert Klimagerechtigkeit, er setzt auf technische Lösungen: Aktivistin Miriam Rizvi und Stadtrat Peter Jans im Streitgespräch unter fast Gleichgesinnten. Von Corinne Riedener
Das Knattern der Generatoren: Flaschenpost aus dem syrischen Homs, wo die Vögel erst langsam zurückkehren. Von Judika Peters
Tansania, Sri Lanka, Herisau: Die Buchhändlerin Franziska Tschumi und ihr Leben zwischen drei Kontinenten. Von Gabriele Barbey
In der Baggerschaufel: Vor 30 Jahren protestierten ARNA und GONA zusammen gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen. Von Kaija Eigenmann, Flurina Lüchinger und Lia und Jael Allenspach
Selig unseliger Seluner: Der Leichnam des «taubstummen Findlings» aus dem Obertoggenburg hat endlich seine letzte Ruhe gefunden. Von Roman Hertler
Drei Generationen, eine Obsession: Das Museum im Lagerhaus zeigt Werke von Robert, Miriam, Manuel und Gilda Müller. Von Wolfgang Steiger
Zwischen Ekel und Erotik: Manor-Preisträgerin Martina Morger zeigt «Lèche Vitrines» und putzt Skulpturen im St.Galler Kunstmuseum. Von Sandra Cubranovic
Szenen eines diversen, kämpferischen, liebenden und zerrissenen Istanbul: Der Film Hayaletler – Ghosts von Azra Deniz Okyay. Von Corinne Riedener
Der St.Galler Klosterplan und seine düsteren Geheimnisse: Pamela Dürr hat ein Hörspiel für Kinder geschrieben – Bockfuess und Rabeflügel. Von Roman Hertler
Mit viel B(a)uchgefühl: Hörtrip durch das Debütalbum Library der St.Galler Sängerin und Songwriterin Femi Luna. Von Viviane Sonderegger
Seine Bassdroge könnte süchtig machen: Nice Nine bringt nach Jahren auf den Tanzflächen und im Underground sein erstes Album heraus. Von Corinne Riedener
Das Wunder vom Espenmoos: Die Tribüne ist mustergültig renoviert worden, sogar die Sitze aus Holz sind dieselben wie das Original von 1969. Von Andreas Kneubühler
Neues Duo im Alpenhof, neue Container beim Lattich, neue Töne von Catalyst, neue Lyrik von Jochen Kelter: der Kulturparcours.
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauerComic
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.