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Im Dezember: Verinnern und Ergessen

Delete, Demenz, Trauma und Gedächtnis: Ein Heft mit Szenen vom Erinnern und Vergessen. Ausserdem: INES und der Stolz auf den Migrationsvorsprung, neue Töne von Projekt ET aus Wil und letzte Töne von Flieder.
Von  Redaktion Saiten

Im fünften Akt von Faust II drückt Goethe definitiv die Delete-Taste: Faust, verärgert über Philemon und Baucis, deren Hütte auf seinem Grundstück steht, zwingt Mephisto, sie zu vertreiben. In dessen Name bringen die drei «gewaltigen Gesellen» das alte Paar um und gleich auch noch Zeus, der als Wanderer unerkannt dabei ist.

Schluss mit allem Alten: Fausts Tat nimmt prophetisch den Verlust einer Erinnerungskultur vorweg, der in der Barbarei der Nazis hundert Jahre später ihren katastrophalen Höhepunkt erreichen wird. «Es gilt das gebrochene Wort», schreibt Manfred Osten zu dieser fatalen Entwicklung einer «Gesellschaft ohne Gedächtnis» in seinem Buch Das geraubte Gedächtnis (2004 im Inselverlag). Dort zeichnet er die Tradition solcher Auslöschungsakte nach. Am rabiatesten packte die Französische Revolution das Projekt an. Sie warf den christlichen Kalender auf den Müllhaufen der Geschichte und begann die Zeitrechnung neu: 1792 wurde kurzerhand zum Jahr 1 erklärt. Weg mit den vermeintlichen «Fesseln» der Vergangenheit.

Seither schritt nach Ostens Meinung die Geschichtsvergessenheit unaufhaltsam voran – mit dem vorläufigen Ende der Digitalisierung als «grandioses System der Selbsttäuschung», was die angebliche Gedächt- nisentlastung betreffe. Computer können zwar speichern, aber nicht memorieren. Dass sie ihrerseits technisch veralten und das Gespeicherte damit verlorengehen kann, ist das andere Problem.

Was Goethe ebenfalls schon ahnte, ist der Treiber dieses Gedächt- nisverlusts: die Beschleunigung oder bei ihm: «Velofizierung». Von ihr befürchtete auch Nietzsche das Schlimmste. «Selig sind die Vergesslichen, denn sie werden auch mit ihren Dummheiten fertig», lästert er in Jenseits von Gut und Böse.

Gut? Oder böse? Dem janusköpfigen Vergessen ist dieses Heft gewidmet, samt Seitenblicken auf das Erinnern. Wir tauchen ins digitale «Meer des Vergessens»; Florian Wüstholz sortiert die ethischen und technischen Fragen, die sich dabei stellen, und umreisst die Chancen des Löschens. Wir reden mit Betroffenen und Fachleuten über Demenz, die Krankheit des Vergessens. Wir fragen, was Traumata im Kopf und im Körper anrichten. Historiker Stefan Keller schreibt über familiäre und kollektive Erinnerungspolitiken, Autorin und Musikerin Jessica Jurassica gräbt in psychische Abgründe. Die Saiten-Grafik hat ikonische Bilder der jüngeren Zeitgeschichte bearbeitet und lädt zum Gedächtnistest: Was fehlt? Zwischen die Beiträge sind Post-its gestreut: persönliche Notizen zum Vergessen und Behaltenwollen.

Ausserdem im Heft: Interviews zu INES, der Schweiz mit Migrationsvorsprung, und zur Frage, was Aufrüstung und Klimaerwärmung miteinander zu tun haben (viel!). Die Flaschenpost aus dem Flüchtlingslager auf Lesbos (nie vergessen!), Kunst gegen die Umweltzerstörung in Bregenz (nicht verpassen!), Musik-, Buch- und Kinoneuheiten sowie der Kulturkalender mit allen Veranstaltungen, die der Pandemie trotzen, wer weiss, wie lange noch (Daumen drücken!).

Für manche war das zweite Pandemiejahr ein Jahr zum Vergessen. Was hingegen in Saiten aus unserer Sicht an Erinnerungswürdigem stand, davon ist eine Auswahl auf Seite 13 zu lesen: Gute Sätze 2021.

Peter Surber

 

Der Inhalt:

Reaktionen
Viel geklickt
Nebenbei gay von Anna Rosenwasser
Warum? von Jan Rutishauser
Redeplatz mit Simone Brunner
In eigener Sache
Gute Sätze 2021 – Best of Saiten

Verinnern und Ergessen

Remember to forget: Das Internet, das nie vergisst, und wie es um das Gedächtnis in der digitalen Gegenwart und Zukunft steht. Von Florian Wüstholz

Geflüchtete haben oft traumatisierende Erfahrungen durchgemacht. Beim Zentrum für Psychotraumatologie kennt man sich aus damit. Von Emil Keller

Vergessen steht am Anfang einer Demenz. Esther Diem hat es erlebt – bei ihrem Mann. Ein Gespräch über Frühdemenz im St.Galler mosai!k. Von Peter Surber

Neurologe Ansgar Felbecker im Interview über die Ursachen von Demenz – und wie eine demenzfreundliche Gesellschaft aussehen müsste. Von Peter Surber

Bildikonen der Zeitgeschichte – aber fehlt da nicht etwas?

Das Basler Museum der Kulturen dokumentiert in seiner Dauerausstellung Gedächtnispraktiken rund um den Globus. Von Peter Surber

Familiäre Erinnerungsfetzen – und kollektive Gedächtnispolitik als Versuch, die Geschichte der Opfer dem Vergessen zu entreissen. Von Stefan Keller

Vergessen, erinnern, verzweifeln, Krone richten, weitergehen … Wohin mit den ganzen Prägungen und Traumata? Von Jessica Jurassica

Post-its. Von Sam Assir, Laura Cutolo, Diana Dengler, Hans Fässler, Christine Fischer, Sascha Rijkeboer, Mark Riklin, Miriam Rizvi, Florian Wüstholz und Luisa Zürcher.

Perspektiven

Gebrochene Flügel: Flaschenpost aus Lesbos, ein Jahr nach dem Brand in Moria, wo die Menschen auch im neuen Camp unter unwürdigen Umständen leben. Von Arno Tanner

Für eine Schweiz, die stolz ist auf ihren Migrationsvorsprung: Das Handbuch Neue Schweiz und das Interview mit INES-Co-Präsidentin Tatiana Cardoso. Von Corinne Riedener

Wie die Rüstungs- und Militärindustrie die Klimakrise anheizt und was Frontex damit zu tun hat: Die Aktivist:innen Nadia Kuhn und Jonas Kampus im Interview. Von Corinne Riedener

Kultur

Mit Planet Erdbeertörtli legen Projekt ET aus Wil ein leichtfüssiges Album vor – das ein paar Provinzdinge geraderückt. Von Matthias Fässler

Noch einmal Flieder: Einein- halb Jahre nach dem Tod von Drummer Thomas Troxler gibt es ein letztes Album. Von Roman Hertler

Im Kunsthaus Bregenz zeigt die nigerianische Künstlerin Otobong Nkanga, was die Antwort der Kunst auf die Umweltzerstörung sein kann. Von Kristin Schmidt

RAF und Jurakonflikt: Im Roman Staatsräson lässt Daniel de Roulet einen illustren Ermittler recherchieren – Niklaus Meienberg. Von Peter Surber

David Signer versammelt im Buch Afrikanische Aufbrüche 18 Porträts von Menschen, die das Unmögliche versuchen. Von Florian Vetsch

Morseküsse: Der wunderbare Film Gagarine ist eine Hommage an die Pariser Banlieue und an die Macht der Vorstellungskraft. Von Corinne Riedener

Henry Dunants Jahre als Kolonialist in Algerien werden in der neuen Ausstellung im Dunant Museum Heiden aufgearbeitet. Von Roman Hertler

Unheilige Nacht, gespenstige Weihnacht, entschleunigte Hummeln und schweisstreibende Aliens im Kulturparcours.

Abgesang

Kellers Geschichten
Pfahlbauer
Comic

 

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
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Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv