Im fünften Akt von Faust II drückt Goethe definitiv die Delete-Taste: Faust, verärgert über Philemon und Baucis, deren Hütte auf seinem Grundstück steht, zwingt Mephisto, sie zu vertreiben. In dessen Name bringen die drei «gewaltigen Gesellen» das alte Paar um und gleich auch noch Zeus, der als Wanderer unerkannt dabei ist.
Schluss mit allem Alten: Fausts Tat nimmt prophetisch den Verlust einer Erinnerungskultur vorweg, der in der Barbarei der Nazis hundert Jahre später ihren katastrophalen Höhepunkt erreichen wird. «Es gilt das gebrochene Wort», schreibt Manfred Osten zu dieser fatalen Entwicklung einer «Gesellschaft ohne Gedächtnis» in seinem Buch Das geraubte Gedächtnis (2004 im Inselverlag). Dort zeichnet er die Tradition solcher Auslöschungsakte nach. Am rabiatesten packte die Französische Revolution das Projekt an. Sie warf den christlichen Kalender auf den Müllhaufen der Geschichte und begann die Zeitrechnung neu: 1792 wurde kurzerhand zum Jahr 1 erklärt. Weg mit den vermeintlichen «Fesseln» der Vergangenheit.
Seither schritt nach Ostens Meinung die Geschichtsvergessenheit unaufhaltsam voran – mit dem vorläufigen Ende der Digitalisierung als «grandioses System der Selbsttäuschung», was die angebliche Gedächt- nisentlastung betreffe. Computer können zwar speichern, aber nicht memorieren. Dass sie ihrerseits technisch veralten und das Gespeicherte damit verlorengehen kann, ist das andere Problem.
Was Goethe ebenfalls schon ahnte, ist der Treiber dieses Gedächt- nisverlusts: die Beschleunigung oder bei ihm: «Velofizierung». Von ihr befürchtete auch Nietzsche das Schlimmste. «Selig sind die Vergesslichen, denn sie werden auch mit ihren Dummheiten fertig», lästert er in Jenseits von Gut und Böse.
Gut? Oder böse? Dem janusköpfigen Vergessen ist dieses Heft gewidmet, samt Seitenblicken auf das Erinnern. Wir tauchen ins digitale «Meer des Vergessens»; Florian Wüstholz sortiert die ethischen und technischen Fragen, die sich dabei stellen, und umreisst die Chancen des Löschens. Wir reden mit Betroffenen und Fachleuten über Demenz, die Krankheit des Vergessens. Wir fragen, was Traumata im Kopf und im Körper anrichten. Historiker Stefan Keller schreibt über familiäre und kollektive Erinnerungspolitiken, Autorin und Musikerin Jessica Jurassica gräbt in psychische Abgründe. Die Saiten-Grafik hat ikonische Bilder der jüngeren Zeitgeschichte bearbeitet und lädt zum Gedächtnistest: Was fehlt? Zwischen die Beiträge sind Post-its gestreut: persönliche Notizen zum Vergessen und Behaltenwollen.
Ausserdem im Heft: Interviews zu INES, der Schweiz mit Migrationsvorsprung, und zur Frage, was Aufrüstung und Klimaerwärmung miteinander zu tun haben (viel!). Die Flaschenpost aus dem Flüchtlingslager auf Lesbos (nie vergessen!), Kunst gegen die Umweltzerstörung in Bregenz (nicht verpassen!), Musik-, Buch- und Kinoneuheiten sowie der Kulturkalender mit allen Veranstaltungen, die der Pandemie trotzen, wer weiss, wie lange noch (Daumen drücken!).
Für manche war das zweite Pandemiejahr ein Jahr zum Vergessen. Was hingegen in Saiten aus unserer Sicht an Erinnerungswürdigem stand, davon ist eine Auswahl auf Seite 13 zu lesen: Gute Sätze 2021.
Peter Surber
ReaktionenViel geklicktNebenbei gay von Anna RosenwasserWarum? von Jan RutishauserRedeplatz mit Simone BrunnerIn eigener SacheGute Sätze 2021 – Best of Saiten
Remember to forget: Das Internet, das nie vergisst, und wie es um das Gedächtnis in der digitalen Gegenwart und Zukunft steht. Von Florian Wüstholz
Geflüchtete haben oft traumatisierende Erfahrungen durchgemacht. Beim Zentrum für Psychotraumatologie kennt man sich aus damit. Von Emil Keller
Vergessen steht am Anfang einer Demenz. Esther Diem hat es erlebt – bei ihrem Mann. Ein Gespräch über Frühdemenz im St.Galler mosai!k. Von Peter Surber
Neurologe Ansgar Felbecker im Interview über die Ursachen von Demenz – und wie eine demenzfreundliche Gesellschaft aussehen müsste. Von Peter Surber
Bildikonen der Zeitgeschichte – aber fehlt da nicht etwas?
Das Basler Museum der Kulturen dokumentiert in seiner Dauerausstellung Gedächtnispraktiken rund um den Globus. Von Peter Surber
Familiäre Erinnerungsfetzen – und kollektive Gedächtnispolitik als Versuch, die Geschichte der Opfer dem Vergessen zu entreissen. Von Stefan Keller
Vergessen, erinnern, verzweifeln, Krone richten, weitergehen … Wohin mit den ganzen Prägungen und Traumata? Von Jessica Jurassica
Post-its. Von Sam Assir, Laura Cutolo, Diana Dengler, Hans Fässler, Christine Fischer, Sascha Rijkeboer, Mark Riklin, Miriam Rizvi, Florian Wüstholz und Luisa Zürcher.
Gebrochene Flügel: Flaschenpost aus Lesbos, ein Jahr nach dem Brand in Moria, wo die Menschen auch im neuen Camp unter unwürdigen Umständen leben. Von Arno Tanner
Für eine Schweiz, die stolz ist auf ihren Migrationsvorsprung: Das Handbuch Neue Schweiz und das Interview mit INES-Co-Präsidentin Tatiana Cardoso. Von Corinne Riedener
Wie die Rüstungs- und Militärindustrie die Klimakrise anheizt und was Frontex damit zu tun hat: Die Aktivist:innen Nadia Kuhn und Jonas Kampus im Interview. Von Corinne Riedener
Kultur
Mit Planet Erdbeertörtli legen Projekt ET aus Wil ein leichtfüssiges Album vor – das ein paar Provinzdinge geraderückt. Von Matthias Fässler
Noch einmal Flieder: Einein- halb Jahre nach dem Tod von Drummer Thomas Troxler gibt es ein letztes Album. Von Roman Hertler
Im Kunsthaus Bregenz zeigt die nigerianische Künstlerin Otobong Nkanga, was die Antwort der Kunst auf die Umweltzerstörung sein kann. Von Kristin Schmidt
RAF und Jurakonflikt: Im Roman Staatsräson lässt Daniel de Roulet einen illustren Ermittler recherchieren – Niklaus Meienberg. Von Peter Surber
David Signer versammelt im Buch Afrikanische Aufbrüche 18 Porträts von Menschen, die das Unmögliche versuchen. Von Florian Vetsch
Morseküsse: Der wunderbare Film Gagarine ist eine Hommage an die Pariser Banlieue und an die Macht der Vorstellungskraft. Von Corinne Riedener
Henry Dunants Jahre als Kolonialist in Algerien werden in der neuen Ausstellung im Dunant Museum Heiden aufgearbeitet. Von Roman Hertler
Unheilige Nacht, gespenstige Weihnacht, entschleunigte Hummeln und schweisstreibende Aliens im Kulturparcours.
Abgesang
Kellers GeschichtenPfahlbauerComic
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht