Die Diskussion um den Verkehr in der Stadt St.Gallen ist wie ein Auto, das in einen Kreisel gefahren ist und nicht mehr hinauskommt: Sie dreht sich im Kreis. Wegen des steigenden Verkehrs auf der Stadtautobahn prognostizieren Fachleute dort und auf dem städtischen Strassensystem den Kollaps. Um diesen zu verhindern, wollen Bund, Kanton und Stadt die Stadtautobahn um eine dritte Röhre durch den Rosenberg und zwei neue Anschlüsse im Güterbahnhofareal und in der Liebegg ausbauen. Obwohl dadurch der Verkehr zunehmen dürfte, wie er auch auf der Stadtautobahn seit der Eröffnung 1987 stetig zugenommen hat. Manche ignorieren einfach, dass eine Stadt nicht attraktiver wird, wenn mehr Autos in ihr fahren. Zudem werben die Befürworter:innen des Strassenausbaus gerne mit dem Argument, die Stadt bekomme den neuen Anschluss praktisch gratis, weil Bund und Kanton fast alle Kosten übernehmen. Als ob etwas Schlechtes nur dadurch besser wird, dass es nichts kostet.
Ausserdem wären die Kosten dennoch hoch. Zwar hat Architekt Andy Senn in der Testplanung für das Güterbahnhofareal eine Lösung gefunden, dieses vom Verkehr zu befreien und damit dessen Entwicklung zu sichern, indem er den Anschluss an den Knoten St.Leonhard verlegte. Doch auch dort wäre ein solches Riesenbauwerk ein massiver Eingriff – raumgestalterisch wie verkehrlich. Die Idee, an einem der neuralgischsten Verkehrspunkte der Innenstadt einen Autobahnanschluss zu bauen, ist jedenfalls ziemlich abenteuerlich. Dieses Heft widmet der Stadtautobahn einen Schwerpunkt und wirft auch einen Blick in den Rückspiegel auf ihre die Planung und ihren Bau. Und Andy Senn erzählt über die Entwicklung des Güterbahnhofareals und die baulichen Sünden der Vergangenheit.
Übrigens: Dass es auch andere Lösungen gegen die immer grösser werdende Blechlawine gibt, zeigt sich beispielhaft in Paris. Bürgermeisterin Anne Hidalgo treibt die Verkehrswende mit allen Mitteln voran und scheut sich nicht davor, den Autos einfach den Platz wegzunehmen. In den vergangenen Jahren wurden rigoros Autofahrspuren reduziert, in der Innenstadt ebenso wie auf dem berühmt-berüchtigten Boulevard Périphérique, der ringförmigen Stadtautobahn, eine der verkehrsreichsten Strassen Europas, wo täglich Dauerstau herrscht. Es gibt mehr Platz für Velos, Fussgänger:innen, Grünflächen und den öffentlichen Verkehr, der in Paris massiv ausgebaut wird. Und natürlich gibt es auch Widerstand gegen diese Pläne. Doch die Mehrheit der Menschen steht hinter der Politik von Hidalgo: Mit dem Versprechen eines «grünen Mekkas» wurde sie 2020 mit fast 50 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt.
Nicht ums Präsidentenamt, aber immerhin um die Nachfolge von Paul Rechsteiner im Ständerat geht es am 12. März im Kanton St.Gallen. Esther Friedli (SVP), Barbara Gysi (SP), Franziska Ryser (Grüne) und Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP) sind im Rennen um den freien Sitz. Saiten hat die vier Nationalrätinnen zum gemeinsamen Interview getroffen und sich mit ihnen ausführlich über Kultur, den Fachkräftemangel und die Klimakrise unterhalten.
Uneinigkeit gibt es nicht nur bei den Ständeratskandidatinnen, sondern auch in der Frage, ob Schepenese in die Stiftsbibliothek oder zurück nach Ägypten gehört. Ägyptologin Monica Hanna erklärt, warum die Mumie zurückkehren soll und wie sie die Diskussion über dieses Thema erlebt. Ausserdem schauen wir auf das Nordklang-Festival voraus, während der St.Galler Filmemacher und Kulturschaffende Roger Walch in der Flaschenpost auf 25 Jahre in seiner Wahlheimat Japan zurückblickt. (David Gadze)
Reaktionen/PositionenBildfangStimmrecht von SangmoWarum von Jan RutishauserBlick in die RegionNebenbei gay von Anna Rosenwasser
Perspektiven
Saiten hat die aktuelle Planerei und die historische Bauerei der Stadtautobahn unter die Lupe genommen und ist der Frage nachgegangen, wie sich der Ausbau auf die Blechsalatmenge auswirken könnte. Ausserdem: Das Gespräch über die Entwicklung des Güterbahnhofareals und städtische Bausünden.
Artwork: Gaffa
Mehr Beton bringt mehr Blechvon David Gadze
«Der Erhalt des Güterbahnhofgebäudes ist zentral»von David Gadze
Der lange Streit um ein kurzes Stück Autobahnvon Reto Voneschen
Vier Kandidatinnen kämpfen am 12. März um den freigewordenen St.Galler Ständeratssitz. Saiten hat Barbara Gysi (SP), Franziska Ryser (Grüne), Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP) und Esther Friedli (SVP) zum gemeinsamen Interview getroffen.
Von Corinne Riedener (Interview) und Ueli Steingruber (Bilder)
Flaschenpost aus Japan: Rückblicke und Zukunftssorgenvon Roger Walch
Kultur
Ägyptologin Monica Hanna erklärt im Interview, warum Schepenese nach Ägypten gehört.von Roman Hertler (Interview) und Mohamed Hassan Gilberto (Bild)
Anmerkungen zur Restitutionsdebatte von Richard Butz
Musik: Das Nordklang-Festival kehrt zurück.Von Philipp Bürkler
Literatur: 179 Seiten Stress gehen unter die Haut. Von Davide Gadze
Kunst: Das Museum im Lagerhaus gibt sich einen neuen Namen. Von Corinne Riedener
Kino: Der Dokfilm über illegale Saisonnierkinder in der Schweiz. Von Corinne Riedener
Gutes Bauen Ostschweiz: Das neue Hallenbad in Appenzell.Von Stefanie Haunschild
Parcours: Fai Baba in der Graben, die Pfeffermühle im Parfin
Analog: Plattentipps im Februarvon Magdiel Magagnini, Lidija Dragojevic und Philipp Buob
Abgesang
Kellers Geschichten
Pfahlbauer jr.
Comic von Kubik
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann