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Raus aus der Erklärungsnot

Das Museum im Lagerhaus gibt sich einen neuen Namen und erhofft sich damit ein klareres Profil: open art museum. Die kommenden Ausstellungen zeigen «Outsider Art unter dem Halbmond» und Naive Kunst aus der Ukraine.
Von  Corinne Riedener

Was müssen Tourist:innen, Neuzugezogene oder Familiengäste unbedingt gesehen haben in St.Gallen? Hört man sich um, kommen immer etwa dieselben Tipps in Sachen Kultur: Textilmuseum, Stiftsbezirk, Kunstmuseum, Lokremise. Vielleicht noch die Kunst Halle an der Davidstrasse, wenn es etwas progressiver sein soll. Dass mit dem Museum im Lagerhaus gleich daneben eine Institution zuhause ist, die nicht weniger internationale Ausstrahlung hat und in ihrer Ausrichtung weitherum einzigartig ist, geht gern vergessen.

Das liegt zum Teil auch am Fokus des Museums: Naive Kunst, Art Brut und Outsider Art. Hier werden Werke von Künstler:innen gezeigt, die kaum (oder erst lange nach ihrem Tod) Eingang in den Kunstkanon finden, die etablierte Kunstkategorien unterlaufen. Es sind Werke von sogenannten Aussenseiter:innen, von Autodidakt:innen, von Menschen mit psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen. Hier hängen keine Karrierebiografien im Infoblock – wer hat wo studiert, bei welcher Koryphäe gelernt? –, hier stehen Lebensbiografien im Zentrum, und ja, manchmal auch Krankheitsbiografien. Das mag (noch) nicht unbedingt welterbe-tauglich sein, ist dafür aber umso reizvoller, weil es Seh- und Denkgewohnheiten herausfordert.

Kunst ohne Grenzen

Gegründet wurde das Museum im Lagerhaus 1988. Trägerschaft ist die Stiftung für Schweizerische Naive Kunst und Art Brut. In diesen 35 Jahren hat sich einiges getan. Zwanzig Jahre lang wurde das Museum ehrenamtlich geleitet und aufgebaut, seit 2008 ist mit Monika Jagfeld eine professionell tätige Museumsleiterin und Kuratorin am Ruder. Die Räume wurden saniert, eine Museumsdatenbank wurden auf- und die Lagerräume ausgebaut, das internationale Netzwerk wurde erweitert, die Digitalisierung in Angriff genommen und so weiter. Aber das Profil – zumindest in der Aussenwahrnehmung – blieb etwas schwammig.

«Museum im Lagerhaus: Das sagt nichts aus, löst nichts aus», sagt Museumsleiterin und Kuratorin Monika Jagfeld am Montag an der Medienorientierung zum neuen Namen und dem neuen Erscheinungsbild, das in Zusammenarbeit mit der Agentur Alltag und Antje Gracia entwickelt wurde. Der neue Name «open art museum» mit der Subline «zentrum für outsider kunst» soll das Bild gegen aussen nun schärfen, das Museum und seine Sammlung markanter positionieren. So komme man «raus aus der Erklärungsnot».

«Warmrot» ist die neue Hausfarbe.

Mit dem neuen Museumsnamen wolle man nicht die Kunst darin definieren, sondern die Plattform bzw. deren Haltung: «Das open art museum ist ein offener Ort für eine Kunst ohne Grenzen, für eine expressivere Welt», so die Vision. Der Begriff «outsider» beziehe sich zudem nicht auf die Person des Aussenseiters, erklärt Jagfeld, sondern stehe vielmehr für ein Kunstverständnis abseits, also «outside» der etablierten Kategorien.

Hinter der neuen Corporate Identity steht ein 2020 angestossener «Strategieprozess zur Identitätsfindung und Markenorientierung», erläutert Stiftungspräsident Thomas Scheitlin. Anlass dazu gab nicht zuletzt auch die Coronakrise, die zu einer Kulturkrise geworden sei. Der Prozess sei «ein zwingend nötiger Entwicklungsschritt» gewesen. Die Bedeutung des Museums für die Region sei in den 35 Jahren seines Bestehens stetig gewachsen, auch über die Landesgrenzen hinaus, zudem müsse man sich den Anforderungen der Zukunft anpassen. Diesen Entwicklungen wolle man Rechnung tragen, auch mit weiteren Schritten: 2023 startet das Museum unter anderem ein digitales Transformationsprojekt, ausserdem unterzieht es sich einem professionell begleiteten Diversitätsprozess auf allen Ebenen.

Kunst von Frauen aus dem Iran und der Ukraine

Und was zeigt es? Nach der Ausstellung zu Lene Marie Fossen (noch bis 26. Februar, mehr dazu hier) folgt mit «Outsider Art unter dem Halbmond» der letzte Teil der Trilogie «das andere in der Kunst». 25 Künstler:innen mehrheitlich aus dem Iran und aus Marokko sowie aus Syrien und der Türkei werden gezeigt. Jagfeld erhofft sich davon eine «Reflexion über unser eurozentristisch geprägtes Kunstverständnis». Ein Schwerpunkt ist der iranischen Künstlerin Samaneh Atef (*1989) gewidmet. Sie musste 2020 wegen ihrer Kunst und ihren Darstellungen von Frauen aus dem Iran fliehen und lebt heute in Lyon.

Samaneh Atef: Ohne Titel, Mai 2020. (Bilder: open art museum)

Ergänzt wird die Schau mit einer Dialogausstellung zu Peter Wirz (1915–2000). Er erschuf mit unzähligen Skizzen und Aufzeichnungen seinen eigenen Kontinent namens Wirziana, durchdrungen von Heiligenbildern, abendländischer Heraldik und Militärverweisen.

Weitere Informationen:
openartmuseum.ch

Nach den Sommerferien geht es ebenso aktuell weiter: «Die Bestie des Krieges» zeigt Naive Kunst aus der Ukraine – ein Zeichen der Solidarität, aber auch eine Einladung an geflüchtete Ukrainer:innen. Der Titel der Ausstellung ist gleichzeitig der Name eines Werks von Maria Prymachenko (1909–1997), einer Ikone der Naiven Kunst in der Ukraine. Das Museum in Iwankiw, das viele ihrer Arbeiten beherbergt hat, wurde im März 2022 von russischen Truppen zerstört. Ein Teil davon konnte gerettet werden. Dank der Hilfe einer Privatperson gelangen für die Ausstellung im open art museum weitere Werke nach St.Gallen – sofern alles klappt.

Im September ist eine Ausstellung zu kollektiv und divers arbeitenden Kunstateliers geplant: «lumbung brut». Der Begriff, angelehnt an die documenta 15, kommt aus dem indonesischen und meint eine Reisscheune, in der Reisreste für die Allgemeinheit gesammelt und geteilt werden. Offene Kunstateliers fungieren oft als ähnliche «Sammelbecken», da die etablierten Betriebe gerade für Kunstschaffende mit verschiedenen Beeinträchtigungen keine Kapazitäten bereitstellen wollen. Also organisieren sie sich selber, um ihre Potenziale zu nutzen. Was daraus entstehen kann, zeigt das open art museum in Zusammenarbeit mit diversen Schweizer Künstler:innen.

Maria Prymachenko: Die Bestie des Krieges, 1970er-Jahre

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
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Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
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Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

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«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

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Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

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Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

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Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

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FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

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Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

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Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

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Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

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FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

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Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
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Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2